{"id":1910,"date":"2022-06-25T23:15:05","date_gmt":"2022-06-25T23:15:05","guid":{"rendered":"http:\/\/thekaddl.com\/?p=1910"},"modified":"2022-06-25T23:15:07","modified_gmt":"2022-06-25T23:15:07","slug":"typhus-statt-tiwai-und-die-frage-ist-armut-ein-gesundheitsrisiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thekaddl.com\/?p=1910","title":{"rendered":"Typhus statt Tiwai und die Frage: ist Armut ein Gesundheitsrisiko?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hatte gehofft, mein n\u00e4chster Beitrag nimmt euch nochmals mit auf eine Reise nach Tiwai und in die D\u00f6rfer um Tiwai herum. Aber leider wurde die Reise nach Tiwai verschoben. Vielleicht war das ganz gut, denn auf einmal hat der Typhus nochmals ziemlich zugeschlagen und mich f\u00fcr ein paar Tage ausgeknockt. Deshalb machen wir heute keinen Ausflug in den Regenwald, sondern ins Sierra Leonische Gesundheitssystem bzw. m\u00f6chte ich euch ein bisschen erz\u00e4hlen, was es hier bedeutet, krank zu sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kurze Recherche mit zu vielen Erkenntnissen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich selbst hatte ja nun meine erste eigene Erfahrung mit dem Gesundheitssystem gemacht, wei\u00df aber nat\u00fcrlich schon ein bisschen, wie die Realit\u00e4t hier ist. Trotzdem wollte ich nicht nur aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudern, sondern euch auch ein paar Fakten nennen, die beispielhaft f\u00fcr die Situation hier sind. Au\u00dferdem war ich im teuersten privaten Krankenhaus. Das spiegelt nicht ganz den Standard wider. Jessica, die schon seit einigen Jahren in Sierra Leone lebt und im Gesundheitsbereich arbeitet, hat mir ein paar gute Quellen genannt. Die meisten Infos, die ich hier anbringe und die Grafiken stammen aus dem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/dhsprogram.com\/publications\/publication-FR365-DHS-Final-Reports.cfm\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/dhsprogram.com\/publications\/publication-FR365-DHS-Final-Reports.cfm\" target=\"_blank\">DHS Report 2019<\/a>, der mit Unterst\u00fctzung von USAID erstellt wurde. DHS steht f\u00fcr Demographic and Health Surveys. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gestern wollte ich eigentlich nur ein bisschen recherchieren und habe dann \u00fcber neun Seiten Notizen gemacht und dabei habe ich die ganzen Themenbereiche HIV\/AIDS, M\u00fcttersterblichkeit, Teenage Schwangerschaften und Weibliche Genitalverst\u00fcmmelung komplett ausgelassen. Ich dachte, das sind Themen, zumindest die letzteren, die eine eingehendere Betrachtung und Behandlung erfordern. Das h\u00e4tte heute den Rahmen zu sehr gesprengt. Ihr k\u00f6nnt euch also schon darauf einstellen, dass da nochmal irgendwann etwas kommt, zu diesen Themen und weshalb sie gesellschaftsrelevant sind. Nicht nur in Bezug auf die Gesundheit, sondern auch allgemein f\u00fcr die Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">39\u00b0 und ich werd noch hei\u00dfer\u2026.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im letzten Beitrag habe ich ja noch geschrieben \u201eZum Gl\u00fcck \u201enur\u201c milder Typhus\u201c, als w\u00e4re das ein Klacks. Wieso jetzt also dieses Bed\u00fcrfnis, der Welt meine Krankheitsgeschichte mitzuteilen? Naja, bis Sonntagabend ging es mir ganz gut. Vielleicht etwas zu gut. Immerhin habe ich sogar ein bisschen Yoga und \u00dcbungen gemacht. Aber mein K\u00f6rper war wohl noch nicht so weit. Deshalb kam dann abends das Fieber und der Sch\u00fcttelfrost. Ich hatte nicht so viele dicke Daunendecken zur Hand, so dass ich mich gar nicht wirklich einmummeln konnte, mit meinem Sch\u00fcttelfrost. Aber ich wusste ja, Sch\u00fcttelfrost h\u00e4lt normalerweise nicht ewig an, da muss ich nur irgendwie durch. Wichtiger ist es, die Temperatur im Blick zu halten. Ab 39\u00b0 ist man nicht mehr wirklich in der Lage sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das ist das gef\u00e4hrliche am Fieber. Wann also ruft man Hilfe und vor allem wen? Ich wusste, wenn ich ins Krankenhaus fahre, dann nehmen die mich erstmal station\u00e4r auf und legen mir einen Zugang. Und das will ich ja immer sehr vermeiden. Ich bin zum Gl\u00fcck nochmal ohne Krankenhaus ausgekommen, das Fieber ist irgendwann gesunken und blieb dann in den folgenden Tagen auch stabil unten. Ich hatte nur schreckliche Kopfschmerzen, so dass ich das Bett quasi nicht verlassen habe.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Krankenwagen, Notarzt? Fehlanzeige<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem ist es keine gute Situation. Da f\u00e4ngt mein kleiner Exkurs schon an. In Deutschland hat man jederzeit die M\u00f6glichkeit, einen Krankenwagen zu rufen, wenn es einem nicht gut geht. Hier gibt es keine Krankenwagen, die kommen und einen abholen. Man muss irgendwie selbst zum Arzt oder in die Klinik kommen. Das ist f\u00fcr mich nat\u00fcrlich eine sehr viel geringere Herausforderung als f\u00fcr viele andere Menschen. Ich habe immerhin Geld zuhause und kenne Leute, die sich bestimmt k\u00fcmmern w\u00fcrden, dass ich gut ins Krankenhaus komme. Au\u00dferdem ist das Krankenhaus, in das ich gehe, keine 10 Autominuten entfernt. F\u00fcr Leute im l\u00e4ndlichen Raum oder in anderen Stadtteilen, sieht das alles schon wieder ganz anders aus. Aber auch ich fande die Situation mehr als nervig und anstrengend. Wenn ich krank bin, will ich ja niemanden stressen und nachts anrufen und wegen mir durch die Stadt schicken. Das kennt ihr vielleicht. Bei vielen pl\u00f6tzlichen Gesundheitsproblemen, wie Herzinfarkt, Hirnschlag oder noch einleuchtender: bei einem Unfall, ist es super wichtig, schnell ins Krankenhaus zu kommen. Aber wie, wenn es keine Krankenwagen gibt und viele Menschen auch kein eigenes Auto haben? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist f\u00fcr viele Menschen nicht gegeben. Ganz davon zu schweigen, ob sie sie sich leisten k\u00f6nnten. 97% der Personen zwischen 15 und 49 Jahren haben keine Krankenversicherung. Das hei\u00dft, sie m\u00fcssen jeden Arztbesuch selbst bezahlen. Ich wei\u00df, im g\u00fcnstigeren Krankenhaus h\u00e4tte mein Typhus-Malaria Test mit Arztgespr\u00e4ch so 100,000LE bis 150,000LE gekostet (10\u20ac). Ich war dann aber ja im teuren Krankenhaus, da hat das Ganze dann 100\u20ac gekostet. Viele Leute gehen gar nicht zum Arzt f\u00fcr eine Diagnose. Sie gehen direkt in die Apotheke und holen sich ihre Antibiotika, weshalb es leider immer wieder zu Resistenzen bei den Erregern kommt. Aber das ist ja nochmal ein Thema f\u00fcr sich. Deshalb auch immer die Devise: lieber gar nicht erst krank werden!<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wer arm ist, stirbt fr\u00fcher?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lebenserwartung in Sierra Leone liegt laut Weltbank aktuell bei 51 Jahren (in Deutschland bei 81 Jahren). Weshalb die Lebenserwartung um so vieles geringer ist, liegt auf jeden Fall auch an der mangelnden Gesundheitsversorgung, im mangelnden Wissen um Gesundheit und an der Armut. Auch innerhalb Deutschlands ist die Lebenserwartung bei verm\u00f6gensstarken Personen h\u00f6her als bei verm\u00f6gensarmen. Ich habe hier leider die Quelle nicht mehr parat, aber da gab es erst vor kurzem eine Studie dazu. Aufs Globale \u00fcbertragen, wird da leider immer noch ein Schuh draus. Menschen in reicheren L\u00e4ndern haben eine h\u00f6here Lebenserwartung als Menschen in \u00e4rmeren L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt viele Gr\u00fcnde, weshalb es hier sehr viel gef\u00e4hrlicher ist, krank zu werden. Einer davon ist die mehr als schlechte Gesundheitsversorgung. Schon bei den kleinsten Komplikationen m\u00fcsste man ins Ausland &#8211; und wahrscheinlich nicht ins benachbarte Ausland. Wenn man etwas Ernstes hat, ganz zu schweigen nat\u00fcrlich. Die Mutter meiner Kollegin zum Beispiel, sie machen jetzt eine Kernspintomographie von ihrem Kopf. Wenn sie aber irgendetwas finden, wissen sie schon, dass sie es hier nicht behandeln k\u00f6nnen. Wahrscheinlich in Ghana oder Nigeria? Keine Ahnung. Aber die Untersuchung selbst kostet schon 150 US-Dollar. Das k\u00f6nnen sie sich nur mit fremder Unterst\u00fctzung leisten. Und ich wei\u00df gar nicht, was sie machen, wenn die Untersuchung ergibt, dass sie eigentlich eine OP braucht. Und jetzt geh\u00f6rt meine Kollegin nicht zu den aller \u00c4rmsten hier.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Weniger \u00c4rzte als in der bayerischen Provinz und Ebola<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sierra Leone hat die geringste Dichte an \u00c4rzten und \u00c4rztinnen in ganz Westafrika. Auf 100,000 Personen kommen nur drei \u00c4rzte\/\u00c4rztinnen. In Deutschland sind es 450 pro 100,000 Menschen. Wir haben hier ein Kinderkrankenhaus, in Freetown gibt es ein Emergency Hospital, das sich um Br\u00fcche und Co k\u00fcmmern kann. Au\u00dferhalb der Hauptstadt gibt es ein paar \u201egute\u201c Krankenh\u00e4user, die von internationalen Organisationen betrieben werden, aber sonst ist da nicht so viel. Im ganzen Land gab es nur einen Rechtsmediziner. Ich glaube, der ist aber weg, ich wei\u00df gar nicht, ob der ersetzt wurde. Auch bei allen anderen Fachbereichen ist es nicht so sicher, ob gerade jemand im Land ist. Ich bin ja in einer dieser Whatapp-Gruppen, in der viele internationale sind. Da kommen immer auch Fragen wie: Gibt es gerade einen Hautarzt? Kennt jemand einen guten Zahnarzt? Ich hebe meinen Zahnarztbesuch f\u00fcr Deutschland auf&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ebola-Epidemie ist zwar schon ein paar Jahre her. Aber ihre Auswirkungen sind immer noch sp\u00fcrbar. Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass w\u00e4hrend Ebola die H\u00e4lfte des medizinischen Personals gestorben ist. Auch hier habe ich leider die Quelle nicht mehr zu Hand. Aber auch das hat noch Auswirkungen auf die heutige Gesundheitsversorgung. Also: lieber nicht krank werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Toiletten und sauberes Wasser<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland gab es fr\u00fcher auch viele gef\u00e4hrliche Krankheiten, die es heute eigentlich nicht mehr gibt, die einfach mit der Wohnsituation der Menschen zusammenh\u00e4ngen. Viele Krankheiten in Salone, die lebensgef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnen, wenn sie nicht behandelt werden, besonders f\u00fcr Kinder, h\u00e4ngen mit unhygienischen Lebensbedingungen zusammen. Und damit meine ich nicht, dass die Menschen hier unhygienisch sind. Ganz im Gegenteil. Es sind die Lebensumst\u00e4nde, denen es an Hygiene und der M\u00f6glichkeit an Hygiene mangelt. So sind Durchfallerkrankungen begleitet von Fieber, Mangelern\u00e4hrung und kurze Ansteckungswege in engen Behausungen und bei nicht vorhandener Abwasserentsorgung und Wasserversorgung an der Tagesordnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wenigsten H\u00e4user sind direkt an irgendeine Abwasserentsorgung angeschlossen. Laut des DHS reports 2019 hatten 55% der Haushalte im Land eine \u201ebessereToilette\u201c. D.h. eine Toilette im eigenen Haus, auf dem Compound oder in der direkten Nachbarschaft, mit irgendeiner Form von Abwasserentsorgung. Das k\u00f6nnen Toiletten sein, wie ich sie habe, oder so kleine Kloh\u00fcttchen mit Antiseptic-Tank oder Abflussrohr ins n\u00e4chste Gew\u00e4sser. Das bedeutet aber auch, dass die \u00fcbrigen 45% entweder Gemeinschaftstoiletten nutzen (ohne richtigen Abfluss) oder aber in die freie Natur gehen, um ihr Gesch\u00e4ft zu verrichten. Insbesondere in der Regenzeit ist das ziemlich gef\u00e4hrlich, da der Regen die Ausscheidungen mit sich nimmt und sie so sch\u00f6n verteilt werden, weshalb jetzt zu Beginn der Regenzeit auch mal wieder Typhus-Zeit ist\u2026 <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zahlen sind sehr unterschiedlich, je nachdem, ob man Haushalte in st\u00e4dtischen oder in l\u00e4ndlichen Gegenden betrachtet. Nur 8% der Haushalte insgesamt (15% im st\u00e4dtischen Raum und 2% im l\u00e4ndlichen Raum) haben die Toilette innerhalb ihrer Wohnung oder ihres Hauses. Alle anderen m\u00fcssen vor die T\u00fcre, wenn sie mal m\u00fcssen. Ich bin sehr froh, dass ich zu diesen 8% geh\u00f6re. Meine Nachbarinnen und Nachbarn vom Grundst\u00fcck gegen\u00fcber, auf dem so vier bis f\u00fcnf H\u00e4uschen stehen, sehe ich immer mit ihren Eimern und ihrem &#8222;Dusch-Outfit&#8220; um die Ecke gehen. Die haben da einen Waschplatz oder so, nehme ich an. Das kann ich nicht einsehen. Aber auf jeden Fall haben die weder Toilette noch Dusche in ihren H\u00e4uschen. Die Weltbank kommt auf etwas andere Zahlen. Sie geht davon aus, dass 14% der Menschen in Sierra Leone \u201esafely managed sanitation services\u201c nutzen, im Vergleich zu 97% in Deutschland. Was genau damit gemeint ist, kann ich euch aber leider nicht verraten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben dem Abwasserproblem ist selbstverst\u00e4ndlich auch die Versorgung mit (Trink-)Wasser oder sauberem Wasser essenziell f\u00fcr die Gesundheit. In den Ergebnissen der Studie wird gar nicht extra erw\u00e4hnt, wie viele Personen Wasser aus der Leitung zu Hause haben. Die \u201ebeste\u201c Kategorie ist: Wasser aus einer besseren Quelle (Brunnen, Wassertank, \u2026 &#8211; eben kein See, Pf\u00fctze, Lache, sondern irgendwas, was gesch\u00fctzt ist) in weniger als 30 Minuten zu Fu\u00df erreichbar. Das ist die Kategorie: dir geht es ganz gut. Und hier haben sich auch 58% der Haushalte eingeordnet. Sie hatten an mindestens einem Tag in den zwei Wochen vor der Befragung Zugang zu \u201esauberem\u201c Wasser. Aber insgesamt 33% aller Haushalte im Land entnehmen ihr Wasser einer nicht gesch\u00fctzten Stelle, wo das Wasser verdreckt und\/oder verunreinigt sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und da war ich genervt, weil mal ein paar Wochen lang kein Wasser aus der Leitung kam. Manchmal muss ich mich echt immer wieder mal zurechtr\u00fccken im Kopf. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch crazy: nur 1% der Haushalte nutzt eine \u201esaubere\u201c Methode zum Kochen. Sauber hei\u00dft: kein Holz, keine Kohle und somit kein Rauch. Rauch ist ja auch sehr gesundheitssch\u00e4dlich. Ich koche mit Gas. Wieder einmal geh\u00f6re ich zu dem kleinen %-Teil der Bev\u00f6lkerung, dem es viel besser geht und der ges\u00fcnder lebt, weil er sich es leisten kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann war noch eine spannende Kategorie, an die ich selbst noch nie gedacht hatte: Wie viele Haushalte haben einen festen Ort zum H\u00e4ndewaschen. Das sind so Fragen, auf die w\u00fcrde ich nie kommen, wenn ich aus einem deutschen Kontext komme. Und siehe da: 7% aller Haushalte haben einen festen Platz zum H\u00e4ndewaschen und 53% haben Seife zur Verf\u00fcgung zum H\u00e4ndewaschen. Die anderen waschen nat\u00fcrlich trotzdem H\u00e4nde. Insbesondere die muslimischen Bev\u00f6lkerungsteile waschen sich ja nicht nur vor jedem Gebet die H\u00e4nde, sondern auch die Arme bis zum Ellenbogen, die F\u00fc\u00dfe und das Gesicht. Das geschieht aber meist \u201emobil\u201c mit kleinen Plastikk\u00e4nnchen. Trotzdem haben ja anscheinend h\u00f6chstens 7% der Haushalte ein Waschbecken oder eine Waschsch\u00fcssel fest installiert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bildung und Zugang zu Wissen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann kommt noch ein super wichtiger Aspekt dazu, der vielleicht auf dem ersten Blick nichts mit Gesundheit zu tun hat: Bildung und Zugang zu Wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was mache ich denn, wenn ich mit Fieber im Bett liege? Ich google erstmal, welche K\u00f6rpertemperatur so normal ist. Dann schaue ich mal nach, ab wann es vielleicht kritisch wird. Dann messe ich sch\u00f6n regelm\u00e4\u00dfig meine Temperatur. Und dann schau ich mal noch, welche Medikamente ich nehmen sollte und vielleicht auch noch wie oft. Wenn ich vom Arzt komme, schaue ich auch erstmal in der Packungsbeilage oder im Internet, ob die Medikamente \u00fcberhaupt sinnvoll sind f\u00fcr meine Krankheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit ich das alles machen kann, erf\u00fclle ich schon sehr viele Voraussetzungen, die ein hoher Prozentteil der Bev\u00f6lkerung hier nicht erf\u00fcllt:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"1\"><li>Ich wei\u00df, dass es eine durchschnittliche K\u00f6rpertemperatur gibt.<\/li><li>Ich habe ein Ger\u00e4t, um meine K\u00f6rpertemperatur zu messen.<\/li><li>Ich kann das Ger\u00e4t auch bedienen und wei\u00df etwas mit dem Ergebnis anzufangen.<\/li><li>Ich kann lesen und schreiben.<\/li><li>Ich habe ein Smartphone.<\/li><li>Ich habe Strom, so dass mein Akku aufgeladen ist.<\/li><li>Ich habe Internet, weil ich Guthaben aufgeladen habe.<\/li><li>Ich hatte Geld, um einen Arzt aufzusuchen und Medikamente zu kaufen.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe vielleicht schon einmal berichtet, wie schlecht die Schulbildung insbesondere in den l\u00e4ndlichen Gebieten ist. Als wir letztes Jahr in den D\u00f6rfern am Rande des Gola Rainforest waren, konnten die Kinder teilweise ihre Namen nicht buchstabieren bzw. haben die Aufgabe \u201eSpell your name\u201c nicht verstanden, obwohl das hier Standard ist, dass die Kinder immer alles buchstabieren m\u00fcssen. Also selbst diejenigen, die \u201esome primary\u201c haben, k\u00f6nnen nicht unbedingt lesen, schreiben und rechnen. Wenn ihr die Grafik anschaut, seht ihr, dass \u00fcber 55% der Frauen quasi nicht lesen und schreiben k\u00f6nnen. Die Daten wurden 2019 erhoben, und mittlerweile gibt es ein Programm \u201eFree Education\u201c, aber es ist nicht wirklich ganz kostenfrei, weil B\u00fccher, Uniformen, und Zuschuss f\u00fcr Lehrkr\u00e4fte bezahlt werden m\u00fcssen. Vor allem gibt es oft keine Lehrkr\u00e4fte. Also: Bildung ist eher ein rares Gut. Insbesondere wenn es um Gesundheit geht, gibt es viel unn\u00fctzes oder Halbwissen. Das Problem ist auch, dass viel traditionelles Wissen zur Behandlung von Krankheiten verloren geht.<\/p>\n\n\n<style>.wp-block-kadence-advancedgallery .kb-gallery-type-masonry.kb-gallery-id-_2139e8-a8{margin:-5px;}.kb-gallery-type-masonry.kb-gallery-id-_2139e8-a8 .kadence-blocks-gallery-item{padding:5px;}.kb-gallery-id-_2139e8-a8 .kadence-blocks-gallery-item .kb-gal-image-radius, .kb-gallery-id-_2139e8-a8 .kb-slide-item .kb-gal-image-radius img{border-radius:0px 0px 0px 0px;;}<\/style><div class=\"kb-gallery-wrap-id-_2139e8-a8 alignnone wp-block-kadence-advancedgallery\"><ul class=\"kb-gallery-ul kb-gallery-non-static kb-gallery-type-masonry kb-masonry-init kb-gallery-id-_2139e8-a8 kb-gallery-caption-style-bottom-hover kb-gallery-filter-none\" data-image-filter=\"none\" data-item-selector=\".kadence-blocks-gallery-item\" data-lightbox-caption=\"true\" data-columns-xxl=\"2\" data-columns-xl=\"2\" data-columns-md=\"2\" data-columns-sm=\"2\" data-columns-xs=\"1\" data-columns-ss=\"1\"><li class=\"kadence-blocks-gallery-item\" tabindex=\"0\"><div class=\"kadence-blocks-gallery-item-inner\"><figure class=\"kb-gallery-figure kadence-blocks-gallery-item-hide-caption\"><div class=\"kb-gal-image-radius\" style=\"max-width:491px;\"><div class=\"kb-gallery-image-contain kadence-blocks-gallery-intrinsic\" style=\"padding-bottom:92%;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture1.png\" width=\"491\" height=\"455\" alt=\"\" data-full-image=\"https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture1.png\" data-light-image=\"https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture1.png\" data-id=\"1915\" class=\"wp-image-1915\" srcset=\"https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture1.png 491w, https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture1-300x278.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 491px) 100vw, 491px\" \/><\/div><\/div><\/figure><\/div><\/li><li class=\"kadence-blocks-gallery-item\" tabindex=\"0\"><div class=\"kadence-blocks-gallery-item-inner\"><figure class=\"kb-gallery-figure kadence-blocks-gallery-item-hide-caption\"><div class=\"kb-gal-image-radius\" style=\"max-width:461px;\"><div class=\"kb-gallery-image-contain kadence-blocks-gallery-intrinsic\" style=\"padding-bottom:86%;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture2.png\" width=\"461\" height=\"398\" alt=\"\" data-full-image=\"https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture2.png\" data-light-image=\"https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture2.png\" data-id=\"1916\" class=\"wp-image-1916\" srcset=\"https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture2.png 461w, https:\/\/thekaddl.com\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Picture2-300x259.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 461px) 100vw, 461px\" \/><\/div><\/div><\/figure><\/div><\/li><\/ul><\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben Zugang zu Bildung ist auch der Zugang zu Wissen sehr beschr\u00e4nkt. Ich fand es supercras, als ich gesehen habe, dass 70% der Frauen und 56% der M\u00e4nner keinen Zugang zu Massenmedien wie Radio, TV oder Zeitungen haben. Das ist f\u00fcr uns \u00fcberhaupt nicht vorstellbar. Ja, die werden alle den ganzen Tag an ihren Smartphones zocken, denkt jetzt vielleicht die eine oder der andere. Aber weit gefehlt. Laut Weltbank nutzen in Sierra Leone nur 18% der Bev\u00f6lkerung das Internet. In Deutschland sind es 90%. Und wie in meiner Auflistung schon erw\u00e4hnt, wer zwar ein Handy hat, aber keinen Strom, um es zu laden oder in Hinblick auf Gesundheit, keinen Strom, um Essen zu k\u00fchlen, keinen Strom, um Licht zu haben zum Lernen am Abend usw., auch dem ist das Leben um einiges erschwert. Die Weltbank geht davon aus, dass in Deutschland 100% der Bev\u00f6lkerung Zugang zu Elektrizit\u00e4t haben, in Sierra Leone aber nur 26,2%.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr seht also, es gibt superviele Gr\u00fcnde, weshalb Menschen hier sehr anf\u00e4llig sind, f\u00fcr Krankenheiten, die es in &#8222;reichen&#8220; L\u00e4ndern gar nicht gibt. Dazu kommt noch, dass es hier zus\u00e4tzlich klimatisch bedingt Krankheiten gibt, die es in Europa nicht gibt, wie Malaria zum Beispiel. Und wer erkrankt, f\u00fcr den oder die ist es viel schwieriger, medizinische Versorgung zu bekommen. Es ist wirklich tragisch, dass Kinder und auch Erwachsene hier an Malaria oder Typhus sterben, obwohl beides behandelbar ist. Aber wenn das Fieber zu schnell steigt oder der Durchfall nicht gestoppt werden kann, dann ist das lebensbedrohlich. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie es so sch\u00f6n im Ausreiseseminar hie\u00df: &#8222;An alle, die nach Sierra Leone gehen: bitte einfach nicht krank werden. Wir m\u00fcssen euch sonst vielleicht direkt evakuieren&#8230;.&#8220; Und jedes Mal wenn ich mich mit den Fakten besch\u00e4ftigte, merke ich, wie wahr diese Aussage ist. Aber keine Sorge: ich passe weiterhin auf mich auf. Und vor allem in n\u00e4chster Zeit lasse ich es eh mal ruhig angehen \ud83d\ude09 <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zum Ende noch ein paar Lichtblicke<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gute an den ganzen Zahlen da oben: die Tendenz ist positiv. Wer die Daten der letzten Erhebungen vergleicht (der Report wird alle f\u00fcnf Jahre erstellt), sieht bei fast allen untersuchten Aspekten eine kleine oder gr\u00f6\u00dfere Tendenz zum Besseren. Ich finde, das ist sehr sch\u00f6n. Au\u00dferdem gibt es gute Entwicklungen im Sierra Leonischen Gesundheitssystem. Es gibt kostenfreie Gesundheitsversorgung f\u00fcr Kinder bis zu ihrem 5. Lebensjahr, f\u00fcr Schwangere und f\u00fcr stillende M\u00fctter. Das ist ein Versuch, um die hohe Kinder- und Muttersterblichkeitsrate zu verringern. Und es scheint Schritt f\u00fcr Schritt zu funktionieren. Zu diesem Service geh\u00f6ren auch Basisimpfungen f\u00fcr Kleinkinder und Babys. Nur 2% der Kleinkinder haben laut der Studie gar keine dieser Impfungen erhalten. Die Kleinen werden gegen Diphterie, Tetanus, Tuberkulose, Polio, Keuchhusten und Masern geimpft. \u00dcber 50% der Kinder bis 35 Monate hatten alle Impfungen erhalten. Als ich das letzte Mal auf dem R\u00fcckweg von Tiwai war, haben wir ein paar M\u00fctter mit ihren Kleinkindern im Auto mitgenommen und sie zur n\u00e4chsten Gesundheitsstation gefahren. Sie waren unterwegs zur Untersuchung und zum Impftermin. Sie h\u00e4tten bestimmt noch ein bis zwei Stunden Fu\u00dfweg vor sich gehabt, wenn wir sie nicht mitgenommen h\u00e4tten. Damit will ich nur sagen: Ich glaube, die M\u00fctter versuchen alles, um ihre Kinder gesund zu halten und nehmen auch diese Strapazen auf sich, wenn sie k\u00f6nnen. Also: es geht voran, wenn auch viel zu langsam. Aber immerhin.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und nun?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer es bis hierher geschafft hat: Hut ab. Mir schwierte gestern der Kopf vor lauter Zahlen und Informationen und heute auch direkt nochmal. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Intention ist es auch heute nicht, euch zu zeigen, wie f\u00fcrchterlich alles in Sierra Leone ist. Ich habe nur selbst wieder einmal festgestellt, als ich gestern mit meiner Recherche anfing, dass da so vieles ist, was ich nicht wei\u00df und nicht bedenke, wenn ich mir meine Bilder im Kopf forme und meine Vorurteile und Sichtweisen auf Menschen und die Welt entwickle. Ich wei\u00df, in Deutschland wurde nun die Alarmstufe f\u00fcr Gas ausgerufen, Alter, und die n\u00e4chste Covid-Welle ist schon fast wieder da, aber vielleicht hilft es manchmal trotzdem, nicht aus den Augen zu verlieren, weshalb Menschen versuchen in die spanische Enklave Melilla einzudringen, auch wenn sie ihr Leben dabei aufs Spiel setzen, wenn sie nicht das Gef\u00fchl h\u00e4tten, es w\u00e4re die einzige Chance f\u00fcr sie und ihre Familie \u201esicherer\u201c zu leben und zu \u00fcberleben. Ich finde, es ist gerade sehr klar, wie vernetzt diese Welt ist und dass wir allen Herausforderungen gemeinsam gegen\u00fcberstehen. Egal ob es Klimakatastrophe, Kriege, Lebensmittel- und Rohstoffknappheit oder Pandemien sind. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir uns nicht gegenseitig aus dem Blick verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe einen passenden Spruch gelesen vor ein paar Tagen: Niemand w\u00fcrde sein Kind in einem Boot \u00fcbers Meer schicken, wenn es an Land sicher w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Darf man bei all der Misere noch Lachen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lange habe ich \u00fcberlegt, ob ich euch lieber mit ein bisschen \u201edenkt mal \u00fcber die Welt nach\u201c verabschiede, oder euch dieses sehr passende (aber leider h\u00e4\u00dfliche) Video zeige. Passend in dem Sinne, dass ihr wisst, was ich mir hier immer anh\u00f6ren muss in Expat-Kreisen und passend, weil Lachen ja bekanntlich die beste Medizin ist \ud83d\ude09 Und vielleicht schwirren euch sp\u00e4ter ja nicht nur die vielen Fremdw\u00f6rter im Kopf herum, sondern auch noch ein paar andere Inhalte aus meinem heutigen Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" hcb-fetch-image-from=\"https:\/\/youtu.be\/PSP8Ve_Mxs4\" title=\"HOSPITAL AND AMBULANCE IN GERMANY AND OTHER COUNTRIES\" width=\"676\" height=\"507\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/PSP8Ve_Mxs4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;PS: Falls ihr euch fragt, wie es mir eigentlich geht: Viel, viel besser. Ich hoffe, ich bin bald wieder auf meinem normalen Energielevel und kann wieder essen und trinken, was ich m\u00f6chte!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte gehofft, mein n\u00e4chster Beitrag nimmt euch nochmals mit auf eine Reise nach Tiwai und in die D\u00f6rfer um Tiwai herum. Aber leider wurde die Reise nach Tiwai verschoben. Vielleicht war das ganz gut, denn auf einmal hat der Typhus nochmals ziemlich zugeschlagen und mich f\u00fcr ein paar Tage ausgeknockt. 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