{"id":1952,"date":"2022-08-10T16:26:43","date_gmt":"2022-08-10T16:26:43","guid":{"rendered":"http:\/\/thekaddl.com\/?p=1952"},"modified":"2022-08-10T16:44:09","modified_gmt":"2022-08-10T16:44:09","slug":"privilegien-ueber-privilegien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thekaddl.com\/?p=1952","title":{"rendered":"Privilegien \u00fcber Privilegien"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lange war es still hier auf meinem Blog, dabei wollte ich schon vor Wochen wieder einmal schreiben. Ich sitze gerade am Flughafen Istanbul, am allerletzten Gate, wie mir scheint, denn ich bin fast alleine in der kleinen Halle. Perfekt also, um meine Gedanken zwischen hier und dort zu sortieren. Nach viereinhalb Wochen in Deutschland geht es f\u00fcr mich heute wieder zur\u00fcck nach Sierra Leone. Ich fliege von Zuhause nach Zuhause. Das war schon beim Hinflug nach Deutschland komisch und ist es jetzt auch wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ganze Zeit \u00fcber in Deutschland war Sierra Leone immer mit dabei. Einerseits, weil viele nat\u00fcrlich wissen wollten, wie es dort so ist und was ich da mache. Wobei ich die erste Frage gar nicht wirklich beantworten kann. Deshalb meine Strategie: Selbst viele Fragen stellen und zuh\u00f6ren. Vieles kann ich mit Worten nicht erkl\u00e4ren und beschreiben. Es war auf jeden Fall wunderbar, all diejenigen zu sehen, die ich gesehen habe und sehr schade, diejenigen nicht zusehen, die ich verpasst habe. Mein Learning bei diesem Besuch: Auch vier Wochen sind nicht ausreichend, um alle Menschen zu treffen, die ich gerne treffen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor ich nach Deutschland geflogen bin, wollte ich eigentlich schon einen Beitrag zu meinen Privilegien schreiben, aber nach den letzten Wochen merke ich, dass ich noch viel privilegierter bin als gedacht. Es ist ein unglaubliches Privileg f\u00fcr mich, dass ich mich von so vielen Menschen begleitet und vermisst f\u00fchle beziehungsweise, dass so viele Menschen mich gerne sehen m\u00f6chten. Vielen Dank euch allen! Aber warum waren mir die Privilegien vor meiner Abreise schon wieder so pr\u00e4sent im Vordergrund?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diejenigen, die den letzten Artikel gelesen haben, wissen ja, dass ich krank war. Am Ende war es jedoch nicht Typhus, sondern Malaria. Leider war die erste Diagnose falsch. Ich war also die drei Wochen vor meinem Urlaub mehr oder weniger krank. Mir ging es nicht direkt schlecht, also keine \u00dcbelkeit, kein Durchfall, keine Schmerzen \u2013 ich war einfach nur sehr ersch\u00f6pft, m\u00fcde und hatte nicht wirklich Appetit. Alles auch Symptome von Typhus. Deshalb habe ich mir nichts dabei gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und hier fangen meine Privilegien schon an: ich konnte einfach von der Arbeit zuhause bleiben, als ich mich nicht gesund gef\u00fchlt habe, ohne Angst haben zu m\u00fcssen, um meinen Job, mein Gehalt, mein n\u00e4chstes Essen. Das geht nicht allen Menschen in Salone und auch in vielen anderen L\u00e4ndern der Welt so. Wir wissen, dass wir in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt haben. Aber was das bedeutet, machen wir uns nicht wirklich oft klar. Es bedeutet zum Beispiel, dass ich bei Krankheit zuhause bleiben kann bei voller Lohnfortzahlung (zumindest in den ersten Wochen). Und noch wichtiger: wir werden behandelt, ohne erst einmal den Geldbeutel z\u00fccken zu m\u00fcssen. Das war n\u00e4mlich mit ein Grund, weshalb ich es so hinausgez\u00f6gert habe, ins Krankenhaus zu gehen. Ich wusste, ich hab nicht genug Bargeld Zuhause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber, ich habe eine Wohnung, in der ich mich erholen kann. Das ist auch eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit f\u00fcr uns, aber nicht f\u00fcr alle. Ich habe ein Zimmer und ein Bett, in das ich mich zur\u00fcckziehen kann, ich habe sogar noch den Luxus, eine gro\u00dfe Wohnung zu haben und vom Bett aufs Sofa oder auf den Balkon ausweichen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann habe ich auch noch Menschen, die sich um mich k\u00fcmmern, wenn es mir nicht gut geht. Die f\u00fcr mich einkaufen gehen, mir Essen kochen und vorbeibringen und sich immer wieder nach mir und meinem Wohlbefinden erkundigen. Der n\u00e4chsten Krankheit kann ich also sehr entspannt entgegenblicken, da ich wei\u00df, ich bin nicht alleine und ich habe Menschen um mich, die auf mich achtgeben. Das ist wahrscheinlich auch f\u00fcr ein paar Leute in Deutschland beruhigend zu wissen. Trotzdem plane ich nicht, bald oder \u00fcberhaupt wieder krank zu werden. Auch wenn ich nicht wirklich Schmerzen hatte, habe ich das Gef\u00fchl, dass mir drei Wochen meines Lebens fehlen, in denen ich eigentlich ein paar coole Sachen vorhatte und auch in der Arbeit ein paar Dinge umsetzen wollte, bevor ich nach Deutschland kam. Von Krankheiten berichte ich also k\u00fcnftig hoffentlich nicht mehr aus erster Hand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie gesagt, dachte ich die ganze Zeit, ich h\u00e4tte Typhus. Und da auch zwei andere Freunde von mir lange Typhus hatten (zumindest war das die Diagnose) und sich auch nach ein paar Wochen noch nicht wieder fit f\u00fchlten, dachte ich, es dauert eben. Einmal hatte ich einen Fieberschub, aber der war auch gleich wieder vorbei. Deshalb habe ich mir da nicht wirklich Gedanken gemacht. Passte alles zu Typhus. Nur als ich dann sechs Tage vor Abflug nach Deutschland immer schw\u00e4cher wurde und auf einmal t\u00e4glich einen Fieberschub hatte, war klar, es w\u00e4re doch einmal angebracht, nochmal in die Klinik zu fahren. Privilegiert wie ich bin, muss ich nicht krank und ersch\u00f6pft mit einem Keke fahren oder gar laufen. Ich habe einen Freund angerufen, ob er mich ins Krankenhaus fahren kann. Das hat er dann auch gemacht. Wahrer Luxus, denn ich war eigentlich zu schwach, um zu sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bluttest in der Klinik zeigte dieses Mal: Malaria. Also doch. In dem Moment als ich die Diagnose bekommen habe, war ich nur froh, dass es etwas ist, was gut und schnell behandelt werden kann, so dass ich ein paar Tage sp\u00e4ter nach Deutschland reisen k\u00f6nnen w\u00fcrde. Alles andere war mir egal. Und es konnte mir auch egal sein. Weil wieder einmal meine Privilegien voll zugeschlagen haben: ich hatte weder 500 US-Dollar in bar dabei, noch ging das Kreditkartenleseger\u00e4t. Eigentlich h\u00e4tte ich also gar nicht station\u00e4r aufgenommen werden k\u00f6nnen. Zu meinem Gl\u00fcck kannten sie mich im Krankenhaus schon und ich hatte schon eine Rechnung bezahlt. Au\u00dferdem gab es zwei Tage vorher eine W\u00e4hrungsreform, weshalb die Geldautomaten in der Stadt nicht funktionierten und ich somit gar nicht an Bargeld h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen. Sonst h\u00e4tte ich echt ein Problem gehabt. Wenn ich nicht h\u00e4tte zahlen k\u00f6nnen, h\u00e4tten sie mich wahrscheinlich auch mit 40 Fieber wieder heimgeschickt. Das ist schon Leuten passiert. Aber so meinten sie, das kl\u00e4ren wir am n\u00e4chsten Tag. Da war also auch etwas Gl\u00fcck mit im Spiel. Aber ich denke, sie h\u00e4tten trotzdem nicht jede Person aufgenommen, ohne vorher Geld zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Tag, nach einer Nacht mit Infusion und viel Fl\u00fcssigkeit, funktionierte auch mein Gehirn wieder besser und mir ist eingefallen, dass ich ja eine Versicherung habe. Was ein Privileg, dass ich einfach eine Whatsapp an jemanden schreiben kann, der sich dann sofort bei mir meldet und alles f\u00fcr mich l\u00f6st, so dass ich mich um nichts mehr k\u00fcmmern brauchte, au\u00dfer um meine Essensbestellung und meinen Schlaf sowie meine Besucherin, die mir auch noch Fried Rice vorbeibrachte. \ud83d\ude0a<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz zum Krankenhaus: Ich war in einer oder der teuersten Klinik im Land, beste Versorgung, tolles Pflegepersonal und als ich dann am Sonntag ins gro\u00dfe Zimmer umgezogen bin, sogar TV! Fast besser als im Hotel. Und das Essen war auch hervorragend. Das ist auch etwas special. Normalerweise bekommt man in Sierra Leone kein Essen im Krankenhaus. Das m\u00fcssen Familie und Freunde vorbeibringen. Ich hingegen bekam so viel Wasser wie ich trinken konnte und lecker Essen aus einem Restaurant geliefert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als es dann darum ging, wieder entlassen zu werden, sind mir meine Privilegien nochmal so klar geworden, dass es mir schon unangenehm war. Ich hatte nat\u00fcrlich die drei Tage im Krankenhaus nicht wirklich etwas mitbekommen, was drau\u00dfen so vor sich ging. Also habe ich meinen Fahrer (auch so ein Privileg) gebeten, mich vormittags aus dem Krankenhaus abzuholen. Erst am Morgen habe ich dann erfahren, dass es keine \u00d6ffis gibt, weil es Streiks gibt und alle Okodas und Kekes, die trotzdem fahren w\u00fcrden, von der Stra\u00dfe geholt werden w\u00fcrden. Mein Fahrer ist also extra megafr\u00fch am Montag mit einem Okadafahrer, den er kennt, zu mir in die N\u00e4he gefahren, um dann dort zu warten, bis ich mich melde und mich abholen lasse. Das habe ich leider erst sp\u00e4ter erfahren. Als ich von den Streiks geh\u00f6rt habe, habe ich noch versucht, ihm zu sagen, ich kann mich von wem anderes abholen lassen, aber da war er schon in Aberdeen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich dann wieder zuhause war, in meiner riesigen Wohnung mit Meerblick, habe ich wieder gemerkt, wie gut es mir doch geht und wie privilegiert ich in diesem Land bin. Ich habe keine Sorgen wegen Geld, kann mir die bestm\u00f6gliche Gesundheitsversorgung leisten bzw. bekomme sie bezahlt, und kann einfach krank sein, wenn ich krank bin. Und wenn die bestm\u00f6gliche Gesundheitsversorgung nicht gut genug ist, dann kann ich in ein Land gebracht werden, wo ich die Hilfe bekomme, die ich brauche. Es kann sein, dass es nicht schnell und easy geht, aber theoretisch ist es m\u00f6glich f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und zu guter Letzt, ihr ahnt es schon: waren meine Sorgen und \u00c4ngste bald aus dem Weg ger\u00e4umt. Ich war fit genug, um nach Deutschland zu fliegen und hatte auch ausreichend Energie, um sehr viele Menschen zu treffen und viele wundersch\u00f6ne Momente zu erleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich in N\u00fcrnberg am Flughafen von meinen Eltern abgeholt wurde und dann auch noch meine Br\u00fcder kamen und die ganzen Wochen \u00fcber mein Handy nie ganz still stand, merkte ich wie verdammt privilegiert ich auch in Deutschland bin. Nicht nur, dass ich ein sicheres Dach \u00fcber dem Kopf habe und willkommen bin, ich bin sehr willkommen und immer gern gesehen \ud83d\ude0a Das gr\u00f6\u00dfte Privileg \u00fcberhaupt, das immer bei mir ist und mich zwar beim Abschied immer schwach erscheinen l\u00e4sst hinter meinen Tr\u00e4nen, in echt aber meine gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rkung ist \u2013 seid einfach mal ihr. Vielen Dank euch allen daf\u00fcr!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittlerweile habe ich den Flughafen in Istanbul verlassen und bin wieder in Freetown. Ich wurde tats\u00e4chlich von einem Freund an der F\u00e4hre abgeholt, obwohl ich erst um 3 Uhr nachts ankam und ein weiterer Freund kam auch noch zu so sp\u00e4ter bzw. fr\u00fcher Stunde vorbei, um mich willkommen zu hei\u00dfen. So sa\u00dfen wir dann noch zu viert bis morgens und haben die wichtigsten News ausgetauscht und auf meine Wiederkehr angesto\u00dfen. Ganz dankbar und ersch\u00f6pft bin ich so heute Morgen dann ins Bett gefallen, als der Muezzin schon zum Morgengebet rief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nicht nur meine Leutchen haben mich willkommen gehei\u00dfen in Salone, auch die t\u00e4glichen Herausforderungen sind direkt wieder da: Ich hatte nicht genug Strom prepaid gekauft, weshalb ich keinen Strom hatte und mein Gas f\u00fcr den Herd war auch leer. So ein Mist! So konnte ich morgens nicht mal Kaffee trinken. Aber was w\u00e4re ich ohne meine Privilegien? Nat\u00fcrlich habe ich meinen Fahrer angerufen, der kam und hat mir eine neue Gasflasche besorgt. Stromguthaben konnte er leider heute nicht besorgen, aber bestimmt morgen. Und solange lebe ich mit meinen Solar-Batterien und nutze den Strom unten in der Wohnung bei meiner Nachbarin, wo wir den verregneten Nachmittag verbringen. Ja, ihr h\u00f6rt richtig. Hier regnet es, seitdem ich angekommen bin. Echte Regenzeit!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soviel f\u00fcr heute als Einblick in meine Privilegien im Krankheitsfall und im Alltag. Euch w\u00fcnsche ich noch sch\u00f6ne Sommertage mit erfrischenden Sommerregen und dass ihr die Privilegien, die ihr habt, in vollen Z\u00fcgen genie\u00dfen k\u00f6nnt und sie weise nutzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange war es still hier auf meinem Blog, dabei wollte ich schon vor Wochen wieder einmal schreiben. Ich sitze gerade am Flughafen Istanbul, am allerletzten Gate, wie mir scheint, denn ich bin fast alleine in der kleinen Halle. Perfekt also, um meine Gedanken zwischen hier und dort zu sortieren. 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