{"id":2226,"date":"2022-11-25T09:24:26","date_gmt":"2022-11-25T09:24:26","guid":{"rendered":"http:\/\/thekaddl.com\/?p=2226"},"modified":"2022-11-25T09:40:52","modified_gmt":"2022-11-25T09:40:52","slug":"rassismusgespraech-am-pool","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thekaddl.com\/?p=2226","title":{"rendered":"Rassismusgespr\u00e4ch am Pool"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute geht es nicht um meine Lebensrealit\u00e4t in Sierra Leone, sondern um die Lebensrealit\u00e4t in Deutschland. Letzten Sonntag bin ich, nachdem ich den Blogartikel gepostet habe, noch zu Freunden von Maria an den Pool. Ganz unverhofft bin ich dann in ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Rassismus in Deutschland geraten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Es gibt keine menschlichen Rassen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor ich weiter in meinen Sonntagabend einsteige, m\u00f6chte ich noch einen kleinen Exkurs in den Sprachgebrauch des Begriffs \u201eRasse\u201c machen. Der Begriff ist wissenschaftlich nicht auf die menschliche Gattung anwendbar. Urspr\u00fcnglich wurden Menschen entsprechend ihres Ph\u00e4notypus (ihres \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbildes) in verschiedene \u201eRassen\u201c eingeteilt. Es gibt aber keine klaren Trennlinien. Au\u00dferdem gibt es keine genetischen Belege f\u00fcr unterschiedliche menschliche Rassen. Die durchschnittlichen genetischen Unterschiede zwischen den Menschen verschiedener Ph\u00e4notypischer Gruppen sind geringer als die zwischen den Individuen innerhalb der einzelnen Ph\u00e4notypischen Gruppen. Und dann wissen wir alle, dass es keine klar abgrenzbaren ph\u00e4notypischen Gruppen gibt. Ich m\u00f6chte deshalb sehr klar betonen, dass ich hier nicht von \u201eRassen\u201c spreche, sondern von Rassismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im englischen Sprachgebrauch wird der Begriff \u201erace\u201c dennoch verwendet. Hier hat er aber auch inhaltliche Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rassismus verletzt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rassismus ist eine Ideologie oder eine Denkweise, die Menschen aufgrund \u00e4u\u00dferlicher Merkmale und negativer Fremdzuschreibungen, z.B. auf Grund von Herkunft, Aussehen und weiteren Attributen, diskriminiert. Rassismus erleben meist Menschen, die anders aussehen, als die Mehrheitsgesellschaft oder als die Gesellschaftsgruppe, die die meiste Macht hat. Menschen werden einer Gruppe zugeordnet, der negative Eigenschaften zugeschrieben werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rassismus verletzt. Er verletzt nicht nur durch k\u00f6rperliche Gewalt, sondern auch durch Worte, Blicke und die Andersbehandlung von Menschen. Und damit kommen wir zur\u00fcck zu meinem Gespr\u00e4ch letzte Woche.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Ich bin froh, dass ich nicht in Deutschland aufgewachsen bin.&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem ich letzte Woche meinen Blogbeitrag fertig hatte, bin ich mit dem Keke zu Omar, einem Freund von Maria. Wir waren dort mit Judy, seiner Schw\u00e4gerin und noch einer Nachbarin im Pool. Ganz entspannter Sonntagabend also. Sp\u00e4ter kamen noch zwei weitere G\u00e4ste. Mir wurde schon ein deutscher Gast angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie kam dann auch, aber war anscheinend etwas genervt, dass Judy st\u00e4ndig meinte, wir sollen doch Deutsch reden, wir sollen doch Deutsch reden\u2026 Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater aus Sierra Leone. Sp\u00e4ter am Abend haben wir uns dann noch etwas eingehender unterhalten, wobei ich irgendwann eigentlich das Gef\u00fchl hatte, sie wollte einfach einmal loswerden, wie rassistisch sie in Deutschland behandelt wird und wie unwohl sie sich immer f\u00fchlt, wenn sie ihre Mutter besucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amina (ich habe den Namen ge\u00e4ndert, weil ich finde ihre Erlebnisse sind sehr pers\u00f6nlich) ist 46 Jahre. Sie ist nicht in Deutschland aufgewachsen, hat dort aber ihre Ausbildung gemacht und fliegt jedes Jahr zweimal nach Deutschland zu ihrer Mutter. Amina erz\u00e4hlte von ihrer Gro\u00dfmutter, die allen Enkelkindern immer etwas Geld gegeben hat, ihr und ihren Geschwistern aber nicht. \u201eDas sind doch afrikanische Kinder\u201c, hat sie wohl gesagt. Wenn das mal nicht sehr tief innen drin verletzt. Nat\u00fcrlich reflektiert man das nicht als Kind, aber ich frage mich:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weshalb sind die Kinder \u201eafrikanisch\u201c, nur weil ein Elternteil aus Afrika stammt. Weshalb sind sie nicht \u201eeurop\u00e4isch\u201c, weil ja auch ein Elternteil aus Europa kommt? Und weshalb ist das sofort negativ konnotiert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amina geh\u00f6rt hier ganz klar zur reichen Bev\u00f6lkerungsschicht. Sie hat in Hamburg im Kempinski geheiratet. Ich kenne nicht so viele Leute, die sich das leisten k\u00f6nnen. Trotzdem sagt sie, wird sie bei allen Deutschlandbesuchen immer skeptisch be\u00e4ugt. Menschen aus Afrika haben arm zu sein. Sie sind nicht reich! Und wenn sie doch reich erscheinen, dann stimmt da etwas nicht. Woher haben sie das Geld und wie k\u00f6nnen sie sich das leisten? Diese st\u00e4ndige Konfrontation mit negativen Zuschreibungen und Stereotypen, ist nicht nur super unangenehm, sondern auch wieder verletzend und anstrengend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend Ebola hat Amina ihre \u00e4ltere Tochter auf einer Schule in Deutschland eingeschrieben. Auch das war nicht einfach. Die Tochter war so froh, als das Schuljahr vorbei war und sie wieder zur\u00fcck nach Sierra Leone konnten. St\u00e4ndig die andere zu sein, die exotische, und dann noch bl\u00f6de Spr\u00fcche h\u00f6ren zu m\u00fcssen \u2013 egal ob sie als Scherz gemeint sind oder nicht. Ich habe es nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass es echt Menschen gibt, die Sachen sagen wie \u201eIss doch mal mehr wei\u00dfe Schokolade, dann wir deine Haut heller.\u201c Erstens ist das nat\u00fcrlich absoluter Quatsch und zweitens, wieso sollte die Haut denn heller werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde es ganz furchtbar, dass Menschen solchen Situationen ausgesetzt sind. In meinem Land. In dem Land, in dem ich mich immer sicher f\u00fchle. Und dann h\u00f6re ich immer wieder von Menschen, dass es Gegenden gibt, in die sie lieber nicht gehen. Dass sie sich super unwohl f\u00fchlen in Deutschland. Und oftmals ist es auch ihr Land, das Land in dem sie geboren und aufgewachsen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben uns dann auch noch dar\u00fcber unterhalten, dass die Situation f\u00fcr Amina und ihre Tochter noch eine ganz andere ist, als die f\u00fcr junge M\u00e4nner. Einer gutgekleideten, gutaussehenden Frau mit zwei T\u00f6chtern wird nochmal anders begegnet als einem Vater mit zwei S\u00f6hnen. Zu schnell werden manche Menschen auf Grund ihres Aussehens kriminalisiert und ungerecht behandelt. Ich kenne die Erlebnisse des Sohnes einer Freundin, der \u00f6fter mal in Polizeikontrollen ger\u00e4t. H\u00e4tten er und seine Freunde blonde Haare, w\u00e4ren ihre Abende wahrscheinlich entspannter. Eine andere Freundin, die in Deutschland geboren ist, wird manchmal f\u00fcr ihr gutes Deutsch gelobt. Mir ist das noch nie passiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wei\u00df, was es hei\u00dft, anderes auszusehen und anders behandelt zu werden. Mir passiert das hier auch jeden Tag. Aber ich werde meist nicht mit negativ-Zuschreibungen konfrontiert. Und trotzdem nervt es mich oft, dass ich nicht als Person wahrgenommen werde, sondern nur \u00fcber meine Hautfarbe und dass ich gleichgesetzt werde, mit allen anderen, die \u00e4hnlich aussehen wie ich. Aber wie gesagt, der gro\u00dfe Unterschied ist: mir wird nicht mit Abwehr, Misstrauen und Hass begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist wohl naiv und utopisch von einer Gesellschaft zu tr\u00e4umen, in der Menschen nicht nach ihrem \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild bewertet werden, aber vielleicht ist es m\u00f6glich, dass wir uns nicht gegenseitig abwerten. Es ist menschlich, unsere Gegen\u00fcber \u00fcber Aussehen und Auftreten einzuordnen. Aber vielleicht schaffen wir es, uns mehr auf das L\u00e4cheln im Gesicht des anderen zu konzentrieren und weniger auf die Hautfarbe und das ph\u00e4notypische Erscheinungsbild. Stereotype helfen uns im Alltag, Situation einzusch\u00e4tzen und uns schneller zu orientieren. Aber wir sollten uns ihrer bewusst sein und wir sollten uns bewusst sein, dass es nur Stereotypen sind und keine Wahrheiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich f\u00fcr mich wei\u00df in Situationen wie letzten Sonntag nie, wie ich am besten reagieren soll. Ich wei\u00df, dass es diesen Alltagsrassismus in Deutschland gibt. Ich kenne viele Geschichten dazu. Es tut mir total leid, dass Menschen t\u00e4glich Rassismus erleben. Aber was den Betroffenen wirklich helfen w\u00fcrde, kann ich alleine ihnen nicht geben. Daf\u00fcr braucht es uns alle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Sinne: lasst uns mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt wandern, verschenkt euer L\u00e4cheln an so viele Menschen wie ihr k\u00f6nnt und versucht die Stereotypen in euren K\u00f6pfen zu finden und konstant zu hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich muss hier jetzt abbrechen und in die Arbeit. Aber das wollte ich noch loswerden, bevor wieder so viel los ist, dass ich keine Zeit mehr daf\u00fcr finde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute geht es nicht um meine Lebensrealit\u00e4t in Sierra Leone, sondern um die Lebensrealit\u00e4t in Deutschland. Letzten Sonntag bin ich, nachdem ich den Blogartikel gepostet habe, noch zu Freunden von Maria an den Pool. Ganz unverhofft bin ich dann in ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Rassismus in Deutschland geraten. 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