{"id":2589,"date":"2023-05-01T10:43:36","date_gmt":"2023-05-01T10:43:36","guid":{"rendered":"http:\/\/thekaddl.com\/?p=2589"},"modified":"2023-05-01T11:46:07","modified_gmt":"2023-05-01T11:46:07","slug":"the-only-thing-i-want-is-peace-ein-pre-election-bericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thekaddl.com\/?p=2589","title":{"rendered":"The only thing I want is peace! &#8211; Ein pre-election Bericht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vorletzte Woche war mal wieder ein Lehrst\u00fcck in Frustrationsmanagement in der Arbeit. Aber ich habe die Situation sehr gut gemeistert und mich einfach mal eingehend mit meiner Kollegin \u00fcber ihre Wahrnehmung der aktuellen Situation bez\u00fcglich der Wahlen im Juni unterhalten. Ihr bekommt heute mal ganz viel Lesestoff zur pre-election-situation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz kurz nur: warum Frustrationsmanagement? Im letzten Beitrag habe ich ja geschrieben, dass einige Projekte vorw\u00e4rts gehen. Naja, was soll ich sagen. Sie sind immer noch dabei, vorw\u00e4rtszugehen, aber es gibt immer noch keine Ergebnisse. Da muss ich mich immer wieder selbst erinnern, dass ich mir selbst bis Anfang Juni Zeit gegeben habe. Also, alles noch im gr\u00fcnen-gelben Bereich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Aber wie steht es eigentlich mit den Wahlen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahlen und der Wahlkampf sind immerw\u00e4hrendes Thema seit einigen Wochen. Ich erinnere mich, dass ich schon im Februar mit einem Kollegen von Brot f\u00fcr die Welt gesprochen habe, dessen B\u00fcro eher in der Innenstadt ist und er mir von einem Vorfall erz\u00e4hlt hat. Wir hatten im Februar\/M\u00e4rz Kundgebungen von den beiden gro\u00dfen Parteien SLPP (aktuell an der Regierung) und APC (aktuell Opposition). Als die Kundgebung der SLPP stattfand (deren Farbe ist gr\u00fcn) kam es auf der Stra\u00dfe direkt vor dem B\u00fcro meines Kollegen zu einer Auseinandersetzung. Ein Mann in einem roten T-Shirt (ganz klar die Farbe der APC) sagte irgendetwas zu SLPP-Anh\u00e4ngern. Daraufhin gab es ein kurzes Wortgefecht auf der Stra\u00dfe, das damit endete, dass der Anh\u00e4nger der aktuellen Regierung dem roten T-Shirt hinterherrief: \u201eLetztes Mal haben wir euch ohne Waffen besiegt und dieses Mal haben wir auch Waffen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Wortgefecht auf der Stra\u00dfe w\u00e4hrend eines Wahlkampfes ist nat\u00fcrlich nichts Un\u00fcbliches und sollte ja in einer Demokratie durchaus zur Normalit\u00e4t geh\u00f6ren, aber Androhung von Waffengewalt, um den Sieg zu erringen? Kann ich mir gerade in Deutschland nicht wirklich vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Wochen gab es immer wieder \u00e4hnliche Vorf\u00e4lle. Im Radio ist die Wahl das Thema und auch auf der Stra\u00dfe. Es gibt viele Radio-jingle die von peaceful elections singen, viele Medienleute versuchen Peace-messages zu senden, um den Frieden zu wahren und auf die Einheit der Nation zu verweisen. Es gibt keine Radiodiskussion ohne Bezug zu den Wahlen. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich Radio Democracy h\u00f6re, da wird wahrscheinlich nicht so zu Streit aufgewiegelt. Auf der Stra\u00dfe ist der Wahlkampf allgegenw\u00e4rtig, da \u00fcberall Wahlplakate stehen. Das macht die Teilnahme am Stra\u00dfenverkehr nicht unbedingt gefahrloser. Riesige Plakate versperren die Sicht, nicht nur auf gerader Strecke, sondern auch an Kreuzungen, die nun kaum mehr einsehbar sind. Die Plakate reichen teilweise auch bis auf die Fahrbahn, so dass diese verengt wird. Nach jedem Sturm liegen einige Plakataufsteller herum und behindern den Verkehr auch dadurch. Aber das sind eigentlich die geringsten Einschr\u00e4nkungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Urlaubsgeld und Vorr\u00e4te<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie kam es nun zu meinem ausf\u00fchrlichen Gespr\u00e4ch mit meiner Kollegin? Angefangen hat es damit, dass unsere HR und Admin in unserem B\u00fcro war um irgendetwas wegen der Urlaubstage zu kl\u00e4ren. Das betrifft mich nicht, da mein Vertrag ein bisschen anders ist. Meine Kolleginnen und Kollegen bekommen zum Beispiel Urlaubsgeld. Das bekomme ich nicht. Es begann also die Diskussion, ob Mariama ihren Urlaub im August nehmen kann, aber ihr Urlaubsgeld schon Anfang Juni bekommt. Als dann Margaret, unsere HR wieder weg war und auch Abdul zu einem Termin aufgebrochen ist, habe ich nochmal nachgefragt. Und ja, ich hatte es richtig verstanden. Mariama m\u00f6chte das Urlaubsgeld schon vorab haben, weil sie Essen und Trinkwasser besorgen will, so dass sie w\u00e4hrend der Wahlen das Haus nicht verlassen muss, falls die Situation gef\u00e4hrlich wird. Sie meinte, sie macht das meistens so w\u00e4hrend der Wahlen. Sie will eigentlich umziehen, aber das macht sie auch erst nach den Wahlen. Da wo sie jetzt wohnt, ist es ziemlich ruhig und sicher. Die Mehrheit der Leute w\u00e4hlt die aktuelle Regierungspartei, deshalb ist davon auszugehen, dass es dort ruhig bleiben wird w\u00e4hrend und vor den Wahlen. Das Stadtviertel, in das sie ziehen will, ist anders zusammengestellt, dort kann es zu Auseinandersetzungen kommen. Das macht hier alles immer sehr viel Sinn, wenn ich das im lokalen Kontext h\u00f6re. Wenn ich es aber auf Deutschland \u00fcbertrage, ist es ziemlich cras. Was muss wohl passieren, dass die Menschen vor der Bundestagswahl ihre Vorr\u00e4te auff\u00fcllen, so dass sie im Notfall einige Tage das Haus nicht verlassen m\u00fcssen? Wenn ich die Wahl eher immer mit einem Sonntagnachmittagsspaziergang assoziiere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich habe auch ich, die eigentlich keine lokalen Zeitungen liest, \u00fcber soziale Medien schon mitbekommen, dass der Wahlkampf hier um einiges intensiver ist als in Deutschland. So wurde zum Beispiel vor zwei oder drei Wochen auf den Konvoi des Pr\u00e4sidentschaftskandidaten der Opposition geschossen, als er in Freetown eingefahren ist. Von Polizei- oder anderen offiziellen Sicherheitskr\u00e4ften. Ich erfahre davon dann meist \u00fcber eine meiner Whatsapp-Gruppen oder \u00fcber insta, wo ich lokalen Nachrichtenagenturen folge. Es gibt meist aber nur eine Darstellung, was passiert ist, und auch das nicht ausf\u00fchrlich. Es gibt aber selten Hintergrundinformationen dazu. Kurz nach den Sch\u00fcssen gab es Erkl\u00e4rungen, die f\u00fcr mich nicht wirklich Sinn gemacht haben. Ich meine, was rechtfertig Sch\u00fcsse auf einen Autokonvoi, wenn die nicht das Feuer er\u00f6ffnet haben oder vorhaben, einen terroristischen Anschlag durchzuf\u00fchren? Der Pr\u00e4sidentschaftskandidat war einfach nur auf dem Weg von Makeni, wo die Opposition ihre Zentrale hat, nach Freetown.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere sehr gro\u00dfe Aufregung gab es vor zwei Wochen, weil ein Polizist in Makeni get\u00f6tet wurde. Es war nicht einfach nur ein Polizist. Der Mann war ein Mende. Nun muss ich einen ganz kurzen Exkurs in die gesellschaftlichen Identit\u00e4ten machen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">There is no tribalism!<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Sierra Leone gibt es mehrere Sprachgruppen, die auch zugleich Ethnien sind, im englischen wird hier von \u201etribes\u201c gesprochen. Es wird zwar immer betont, dass es keinen \u201eTribalism\u201c gibt, also dass die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten \u201eTribe\u201c keine Bedeutung im Alltagsleben, in Politik und Beruf hat. Es wird immer betont, dass es viele \u201emixed marriages\u201c gibt, zwischen Angeh\u00f6rigen verschiedener tribes. Ich habe mehrfach versucht, meinen Kolleginnen und Kollegen zu sagen, dass es wenn es immer betont werden muss, anscheinend doch ein gro\u00dfes Thema ist. Und selbstverst\u00e4ndlich ist die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten Gruppe sehr wohl entscheidend. Es gibt viele Zuschreibungen anhand von tribes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden gro\u00dfen Gruppen sind die Mende im S\u00fcden des Landes und die Timne im Norden des Landes. Ihre Gebiete teilen Sierra Leone ziemlich genau in der Mitte und die beiden Gruppen sind ungef\u00e4hr gleichgro\u00df. Menschen aus dem Norden, Timne also, unterst\u00fctzen normalerweise die APC (All Peoples Congress) und die Menschen aus dem S\u00fcden, die Mende, die SLPP (Sierra Leone People\u00b4s Party). Die beiden gro\u00dfen Parteien unterscheiden sich nicht wirklich in ihren Wahlprogrammen. Deshalb ist die Hauptentscheidung bei der Wahl wirklich die eigene Herkunft. Es ist klar, wenn APC an der Macht ist, wird mehr im Norden investiert und Timne bekommen wichtige \u00c4mter. Ist die SLPP an der Macht, wird mehr im S\u00fcden investiert und Mende bekommen wichtige \u00c4mter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie entscheidend die Zugeh\u00f6rigkeit zu bestimmten \u201etribes\u201c ist, zeigt sich normalerweise im Alltag nicht. Aber vor den Wahlen wird es offensichtlich sehr entscheidend.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zur\u00fcck zum Tod des Polizisten in Makeni<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie oben schon geschrieben, ist Makeni die Zentrale der Opposition. Hier war es auch letztes Jahr im August, als die Ausschreitungen stattfanden l\u00e4nger tense und hier gab es auch l\u00e4nger eine Ausgangssperre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor zwei Wochen wurde ein Polizist in Makeni get\u00f6tet. Es gibt verschiedene Versionen der Story, was genau passiert ist. Die eine besagt, dass der Polizist einen Motorradfahrer verfolgte, der irgendeinen Versto\u00df gegen die Stra\u00dfenverkehrsordnung begangen hat, andere sagen, er war einfach nur einkaufen f\u00fcr seine Familie, die \u00fcber die Ostertage zu Besuch war. Die einen sagen, er wurde aus einem stehenden Auto heraus erschossen, andere sagen, das Auto kam angefahren und hat ihn im Fahren erschossen. So oder so, ist der Mensch tot. Weshalb das Thema so hochkochte, ist nicht nur, dass ein Polizist auf offener Stra\u00dfe erschossen wurde, sondern, dass dieser Polizist ein Mende war (also aus dem S\u00fcden kam und wahrscheinlich eher die Regierungspartei unterst\u00fctzt) und im stronghold der Opposition erschossen wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auf einmal ist es entscheidend, wo man arbeitet und wie man hei\u00dft<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Familie meiner Kollegin wohnt zwar in Kenema (Mende-Land), aber sie hat einen Timne Nachnamen. Am Nachnamen kann man oft die Zugeh\u00f6rigkeit zur tribe erkennen. Da aber hin-und-her geheiratet wird, ist das nicht immer aussagekr\u00e4ftig. Nichts destotrotz meinte meine Kollegin, nun sei die Zeit gekommen, wo sie mit ihrem Nachnamen vorsichtig sein m\u00fcsse. Meine Kollegin erz\u00e4hlte mir auch, dass sie ihre Voter\u00b4s ID-Card unl\u00e4ngst abholen wollte. Bisher gab es in Sierra Leone keine Personalausweise oder so etwas, sondern W\u00e4hler-ID-Karten. Mit der W\u00e4hler-Karte hat man auch Bankgesch\u00e4fte und co gemacht. Im Endeffekt war es soetwas wie ein Perso, offiziell aber eine Registrierung f\u00fcr die Wahlen. Als meine Kollegin ihre ID-Karte abholen wollte, war die nicht auffindbar. Ich habe gefragt, ob sie denkt, dass es Absicht ist? Dass die Regierung die Karten von Leuten einbeh\u00e4lt, deren Nachname erwarten l\u00e4sst, dass sie Opposition w\u00e4hlen und dann diese Karte f\u00fcr Wahlf\u00e4lschung nutzen? Darauf ist sie nicht eingegangen. Ich glaube, sie wollte einfach ihre ID-Karte. Sie sagt eh, sie wei\u00df nicht, wen sie w\u00e4hlen soll dieses Mal. Sie hat in den letzten Jahren unterschiedlich gew\u00e4hlt und w\u00e4hlt nicht nur entsprechend ihrer Herkunft. Aber die Voter ID-Card ist trotzdem nicht da\u2026 Ob es mit dem Nachnamen zusammenh\u00e4ngt, kann man nicht wissen. Aber allein, dass derartige Vermutungen angestellt werden, ist f\u00fcr einen deutschen Kontext vollkommen unvorstellbar. Ihre Tochter ist in Bo auf der Uni (auch SLPP \/ Mende Land). Da macht sie sich manchmal ein bisschen Sorgen. Wegen des Nachnamens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Tochter wohnt bei Verwandtschaft in Bo. Der Mann aus der Familie, bei der sie wohnt, arbeitet in Makeni. Er ist aber aus Bo. Er ist Mende. Er arbeitet einfach nur in Makeni bei irgendeiner internationalen NGO. Vorletzte Woche wollte der Mann seine Voter-ID-Card abholen, bevor er zur Arbeit nach Makeni f\u00e4hrt. Er ist also morgens um 9 Uhr ins B\u00fcro, wo man die Karten abholen kann. Leider war der Mitarbeiter, der das Tablett bedient (ja, hier ist jetzt alles ganz digital) nicht da. So dass alle Leute warten mussten. Nach einer Stunde wollte der Bekannte meiner Kollegin wissen, was los w\u00e4re und wie lange es noch dauert, schlie\u00dflich musste er noch weiter nach Makeni zur Arbeit. Er wurde erst an die Managerin verwiesen und dann direkt an den Typen, der f\u00fcr das B\u00fcro in Bo zust\u00e4ndig ist. Als der Bekannte dann am Telefon erw\u00e4hnte, dass er noch nach Makeni m\u00fcsse, \u00e4nderte sich die Stimmung vollst\u00e4ndig. Der Chef kam pers\u00f6nlich, beschimpfte ihn, dass nun schon Leute aus Makeni k\u00e4men und ihnen in Bo das Leben schwer zu machen, er wollte ihn fotografieren und auf den sozialen Medien ver\u00f6ffentlichen, er rief sogar die Polizei, so dass der Bekannte dann erst einmal mit auf die Wache genommen wurde. Nur weil seine Frau Kontakte in Freetown hat und diese mobilisierte, wurde er am sp\u00e4ten Nachmittag wieder freigelassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ist da passiert? Jemand will seine ID-Card abholen, fragt nach, wieso das so lange dauert und wo der Typ ist, der f\u00fcrs Tablett zust\u00e4ndig ist und landet in Polizeigewahrsam, nur weil er in einer bestimmten Stadt arbeitet. So viel zum Thema, es gibt keinen tribalism und wir sind alle ganz entspannt und peaceful.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ger\u00fcchte \u00fcber Ger\u00fcchte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines der Hauptprobleme ist, dass es immer zu allem so viele Geschichten gibt und man sie nur schwer verifizieren kann. Diese Story zum Beispiel mit dem erschossenen Polizisten, dann die mit den Voter-ID-Cards. Was wirklich stimmt und was wirklich passiert ist, l\u00e4sst sich nur schwer herausfinden, vor allem, weil die meisten Menschen ihre Informationen aus den sozialen Medien ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich letzte Woche am Strand in Bureh war, hat mich die eine Freundin gefragt, ob es stimmt, dass es eine Ausgangssperre geben wird vom 27. April bis zum 1. Mai. Sie habe das aus den sozialen Medien geh\u00f6rt. Angeblich h\u00e4tte das der eine Influencer gesagt, der schon die Proteste letztes Jahr im August provoziert hat. Er sitzt in Kanada oder Holland, ich wei\u00df das immer nicht genau, und stiftet hier Verwirrung. Er sagt einfach, \u201eLeute, die Regierung will euch einsperren und erlaubt euch nicht Independence Day zu feiern. Das lassen wir uns nicht bieten. Wir gehen auf die Stra\u00dfe.\u201c Und dann gehen die Leute auf die Stra\u00dfe und protestieren gegen etwas, das nie auch nur zur Diskussion stand. So kann man echt Chaos generieren. Zum Gl\u00fcck hat sich das Ger\u00fccht nicht durchgesetzt. Aber es zeigt, wie verunsichert die Leute sind und dass sie nicht wissen, wem sie glauben sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zieht sich durch den Alltag. Es war lange nicht klar, ob es am 27. April, am Unabh\u00e4ngigkeitstag, \u00f6ffentliche Proteste und Ausschreitungen geben wird, oder einen \u201eSit-In-Protest\u201c. Am Ende wurde zu einem Sit-In aufgerufen und alles blieb ruhig. H\u00e4tte aber auch anders sein k\u00f6nnen. Aber auch f\u00fcr mich war das komisch. Ich wollte am 27. April nach Bureh fahren. Wir haben also erst einmal abgewartet, was passiert. Als bis mittags alles ruhig geblieben ist und ein paar Leute, die ich bei der Europ\u00e4ischen Union kenne, auch Richtung Strand aufgebrochen sind, sind wir auch los. Wenn die EU ihre Leute an den Strand l\u00e4sst, ist es normalerweise sicher.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Recht auf eine zweite Amtszeit?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dadurch, dass es fast gleichviele Mende wie Timne gibt, gibt es eine Art Gleichgewicht. Seit dem Ende des Krieges vor zwanzig Jahren wurde die Regierungspartei immer nach zwei Wahlperioden gewechselt. Ich habe schon so interessante Kommentare geh\u00f6rt wie: \u201eIch gehe nicht w\u00e4hlen. Ich will nicht, dass die SLPP weiter regiert, aber sie haben ja ein Recht auf eine weitere Amtszeit.\u201c Es gibt einige Leute, die genauso argumentieren. Teilweise, denken sie, dass die Regierungspartei sich die Macht im Notfall mit Gewalt holen und erhalten wird, da die Politiker davon ausgehen, sie h\u00e4tten ein Anrecht auf die zweite Legislaturperiode. Teilweise sagen Leute, die Situation dieses Jahr sei ganz anders als sonst und der Ausgang der Wahl echt offen. Es gibt Menschen wie meine Kollegin, die sich mit Lebensmitteln eindecken will, weil sie nicht wei\u00df, ob sie vor die T\u00fcre gehen wird und es gibt Menschen, die sagen, es wird alles ruhig bleiben und es gibt viel zu viel Aufregung. Niemand will zur\u00fcck ins Chaos, auch nicht die Leute, die an der Macht sind und die k\u00f6nnen es steuern.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Risk Assessment im CPS Meeting<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie zentral das Thema ist, wurde mir auch wieder klar, als wir letzte Woche ein extra CPS-Meeting mit Risk Assessment hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Zur Erinnerung: CPS steht f\u00fcr Civil Peace Service \u2013 Ziviler Friedensdienst. \u00dcber dieses Proramm bin ich hier. Es gibt hier ein Netzwerk von 11 lokalen Organisationen im CPS Netzwerk von Brot f\u00fcr die Welt, in dem wir uns viertelj\u00e4hrlich treffen.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben uns einen Vormittag Zeit genommen, um zu analysieren, welche Risiken und Gefahren wir als Organisationen in den n\u00e4chsten Wochen auf uns zukommen sehen, wie wahrscheinlich deren Eintreten ist und wie gro\u00df die Auswirkungen auf unsere Arbeit und unser Wohlbefinden w\u00e4ren. Es war sehr spannend f\u00fcr mich, da noch einmal einige Punkte genannt wurden, die mir schon bewusst waren, aber eben auch Punkte, die immer wieder diskutiert werden, ohne, dass wir wirklich etwas anderes tun k\u00f6nnen, au\u00dfer ruhig bleiben, neutral bleiben, Nachrichten \u00fcberpr\u00fcfen und keine Fake news weiterleiten. Spannend war f\u00fcr mich, dass zwar die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich Wahlbetrug geben wird, als mittel eingestuft wird, aber gleichzeitig davon ausgegangen wird, dass ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung denkt, es gibt Wahlbetrug. Diese Annahme ist damit ausschlaggebender als der Wahlbetrug selbst. Wenn \u201ealle\u201c davon ausgehen, die Wahlergebnisse sind gef\u00e4lscht, dann werden sie diese nicht anerkennen. Egal ob sie gef\u00e4lscht sind oder nicht. Das Hauptproblem ist in diesem Fall das Misstrauen in die Institutionen. Niemand traut niemanden. Der Direktor der einen Partnerorganisation ist auch \u00f6fter in Deutschland. Er war bei mir in der einen Diskussionsrunde. Als er erkl\u00e4rte, in Deutschland gehen alle w\u00e4hlen, dann schaut man sich die Hochrechnungen an und das Ergebnis wird anerkannt. Die Mehrheit der Menschen wei\u00df, dass es keinen Wahlbetrug gibt. Das ist ein riesengro\u00dfer Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teilweise verst\u00e4rken auch die Medien die Situation. So gab es vor ein paar Wochen eine Schlagzeile &#8222;Survey reveals that SLPP will win the elections&#8220;. Das hei\u00dft so viel wie, eine Studie hat herausgefunden, dass die SLPP wieder gewinnen wird. Ganz anderes Wording als bei uns. Wo es hei\u00dfen w\u00fcrde, laut aktueller Hochrechnungen&#8230;, wenn n\u00e4chsten Sonntag Bundestagwahl w\u00e4re&#8230;. Was also, wenn SLPP nun verliert? Beide Lager streuen schon Ger\u00fcchte, dass die jeweils andere Seite versucht die Wahl zu f\u00e4lschen. Das h\u00f6rt sich manchmal schon nach guter Vorbereitung an. Dann kann man sagen, Ha! Haben wir ja schon seit Wochen gesagt und nun ist es eingetroffen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auf alles vorbereitet sein und hoffen, dass nichts passiert, scheint mir die Divise.<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf jeden Fall ist alles politisch gerade. Egal ob es die Snack-Frau am Bureh Strand ist, die eine politische Diskussion startet, die Kollegen und Kolleginnen in der Arbeit, der Megafon-Mann auf der Stra\u00dfe oder das Mitgliedertreffen meiner Organisation. Immer und \u00fcberall wird auf einmal politisch Stellung bezogen, Neutralit\u00e4t gibt es kaum und die Gem\u00fcter sind erhitzt. Das ist auch einer der Gr\u00fcnde, weshalb \u201eRallies\u201c verboten wurden. Normalerweise starten ein paar Wochen vor den Wahlen die sogenannten rallies. Das ist eine Mischung aus Kundgebung und Marsch. Viele Menschen gehen daf\u00fcr auf die Stra\u00dfe, um ihre Partei zu unterst\u00fctzen, der Verkehr wird komplett lahmgelegt und es kann zu Ausschreitungen kommen. Teilweise werden auch Menschen extra angeheuert, um bei den rallies mitzulaufen und Stimmung f\u00fcr den jeweiligen Kandidaten machen. Die Meinungen gehen auch hier auseinander, ob es gut ist, dass die rallies verboten sind oder nicht. Ich pers\u00f6nlich begr\u00fc\u00dfe die Entscheidung. Es kann n\u00e4mlich etwas anstrengend und nervig sein, wenn man in so einer Rally landet und f\u00fcr lange Zeit feststeckt. Das ist mir jetzt schon zweimal passiert. Andererseits ist es f\u00fcr viele Leute erstens eine sch\u00f6ne Abwechslung, singend und tanzend durch die Stra\u00dfen zu ziehen, dann bekommen sie vielleicht auch noch ein neues T-Shirt, etwas zu essen und vielleicht sogar ein bisschen Geld. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich finde es ein bisschen schade, dass ich w\u00e4hrend der Wahlen nicht hier bleiben kann, um mitzuerleben, wie die Stimmung dann wirklich ist. Aber ich hoffe, ich bekomme auch aus der Ferne dann genug mit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt habt ihr einen Ausflug in die Stimmung hier bekommen. F\u00fcr mich als Au\u00dfenstehende ist es dennoch schwer, alles nachzuvollziehen und darzustellen. Sehr viele Informationen laufen \u00fcber Kan\u00e4le, die ich nicht nutze. Und wie gesagt, die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung ist, dass Informationen nicht verl\u00e4sslich sind und vieles auf h\u00f6ren-sagen basiert. F\u00fcr mich scheint es wirklich spannend, zu sehen, wie die Wahlen am Ende ausgehen. Let\u00b4s hope and pray for peaceful elections!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nachtrag: ECOMOG back in the country<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade habe ich den Beitrag ver\u00f6ffentlicht, schon erreicht mich die Nachricht, dass wieder ECOMOG (Economic Community Monitoring Group) Truppen ins Land kommen, um die Wahlen zu beobachten und den Frieden zu wahren. Die ECOMOG Truppen haben auch den B\u00fcrgerkrieg beendet. Sie wurden von ECOWAS-Staaten zusammengestellt. Zus\u00e4tzlich zu internationalen Wahlbeobachtern bekommen wir also anscheinend milit\u00e4rische Beobachter ins Land. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">ECOWAS ist die westafrikanischen Wirtschaftgemeinschaft, quasi so etwas wie die EU Westafrikas, ebenfalls entstanden aus einer Zollunion. Es gibt unter anderem einen Nichtangriffspakt und oben erw\u00e4hnte ECOMOG, die eigentlich zur gemeinsamen Verteidigung dient. Ziel ist eine weitere politische Zusammenarbeit und seit dem ersten milit\u00e4rischen Einsatz der ECOMOG in Liberia und anschlie\u00dfend in Sierra Leone wurden die Zust\u00e4ndigkeiten noch erweitert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzte Woche war mal wieder ein Lehrst\u00fcck in Frustrationsmanagement in der Arbeit. Aber ich habe die Situation sehr gut gemeistert und mich einfach mal eingehend mit meiner Kollegin \u00fcber ihre Wahrnehmung der aktuellen Situation bez\u00fcglich der Wahlen im Juni unterhalten. Ihr bekommt heute mal ganz viel Lesestoff zur pre-election-situation. Ganz kurz nur: warum Frustrationsmanagement? 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