{"id":3523,"date":"2024-11-11T14:43:30","date_gmt":"2024-11-11T14:43:30","guid":{"rendered":"http:\/\/thekaddl.com\/?p=3523"},"modified":"2024-11-11T14:43:30","modified_gmt":"2024-11-11T14:43:30","slug":"alles-anders-als-gedacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thekaddl.com\/?p=3523","title":{"rendered":"Alles anders als gedacht&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So lange war es noch nie still auf meinem Blog. Eigentlich habe ich fast zeitgleich mit dem letzten Post diesen hier geplant, aber irgendwie kamen die Worte nicht aus mir heraus und ich wusste nicht, was und wie ich schreiben soll. F\u00fcr die meisten von euch wird es keine neue Nachricht sein, aber dennoch habe ich das Gef\u00fchl, dass ich es auch hier schreiben muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor ungef\u00e4hr f\u00fcnf Monaten bin ich von Sierra Leone nach Deutschland geflogen in Vorfreude auf ein Wiedersehen mit vielen lieben Menschen, in Vorfreude auf ein paar Wochen Entspannung und Recreation, in Vorfreude darauf, meine Batterien aufzuf\u00fcllen, um dann Anfang August wieder voller Energie zur\u00fcck nach Salone zu fliegen. Ich hatte mich nicht einmal von allen Leuten verabschiedet, weil ich vor Abflug nochmal krank war und mit der Arbeit noch viel unterwegs. Es w\u00e4re ja nur f\u00fcr ein paar Wochen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber wie das Leben manchmal so spielt, kam dann alles anders und auf einmal stand alles Kopf. Dass ein Kind gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen mit sich bringt, ist bekannt, aber normalerweise hat man ein paar Monate Zeit, sich darauf einzustellen und meist kommen die gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen erst mit der Geburt. Nicht so bei uns. Nachdem ich gemerkt hatte, dass ich schwanger bin, ging alles viel zu schnell und viel zu viel \u00e4nderte sich auf einen Schlag und noch dazu vollkommen au\u00dferhalb meiner Kontrolle. (F\u00fcr die, die es noch nicht wussten: Yes, ich bin schwanger. Mittlerweile im sechsten Monat.)&nbsp; Auf einmal hie\u00df es, kein R\u00fcckflug nach Sweet Salone, kein Abschied von lieben Menschen in Freetown und anderen Orten, keine Zeit, um mich emotional auf all das vorzubereiten. Von jetzt auf gleich haben andere beschlossen, dass mein Leben nun nicht mehr in Westafrika, sondern wieder in Deutschland ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ersten Wochen waren emotional (und organisatorisch) unglaublich anstrengend und herausfordernd. So viel Ungewisses \u2013 teilweise bis heute \u2013 so viele Abschiede, die ich nicht richtig leben konnte, so viele Fragen in mir, ob ich das will und wie und \u00fcberhaupt. Einige St\u00fcrme in mir haben sich mittlerweile beruhigt, andere brechen ab und an wieder hervor. \u00a0Ich bin unendlich dankbar, f\u00fcr alle, die mich und die unerwartete Nachricht mit Freude und offenen Armen aufgenommen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie nimmt man Abschied von einem Leben, wenn man weit weg ist? Von Freundinnen und Freunden, die eigentlich Teil meines Alltags waren und die ich auf einmal vielleicht nie wieder sehen werde? Von einem Land, das \u00fcber drei Jahre meine Heimat war?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Kaffee am Morgen blicke ich jetzt nicht mehr aufs Meer oder in meine neighbour hood, sondern \u00fcber die D\u00e4cher der Nachbarh\u00e4user und auf die mittlerweile herbstlich gef\u00e4rbten B\u00e4ume des nahen Waldes. Ich lausche nicht mehr dem Huppen der Okadas, den Werbeslogans von der Stra\u00dfe und den Generatoren, sondern es herrscht Stille und das Rauschen der nahen Autobahn. Die bunte Welt um mich herum ist eingetauscht gegen das Grau-in-Grau des deutschen Novembers. Ich beobachte keine Bee-eater, Western Grey Plantin Eater und Village weaver mehr. Es sind Meisen, Eichelh\u00e4her und Amseln, denen ich nun bei ihren Fl\u00fcgen zuschaue.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich vermisse meine Freundinnen und Freunde in Freetown, ich vermisse unsere gemeinsamen Abende, die Wochenenden am Strand, die internationale Umgebung, die spannenden Lebenswege und das immer wieder Unerwartete. Ich vermisse meine Arbeit, die Kollegin, die Besuche in den D\u00f6rfern und all das, was ich Erleben durfte. Ich kann es nicht in Worte fassen. Es ist das Gef\u00fchl, in Sierra Leone zu sein, das ich vermisse. Dieses Gef\u00fchl, wenn ich ankomme und vom Flughafen auf die F\u00e4hre laufe, das Gef\u00fchl abends ein M\u00fctzig am Strand zu trinken oder bei den italians zur pasta night zu sein. Ich vermisse es, abends durch Freetown zu fahren oder \u00fcber Land, durch D\u00f6rfer und durch die gr\u00fcne Landschaft nach der Regenzeit. Ich vermisse den Wind im Haar, wenn ich Okada fahre und das L\u00e4cheln der Begr\u00fc\u00dfung, wenn ich alte Bekannte treffe. Ich vermisse die Menschen. Das Gef\u00fchl, dass ich in Besprechungen, Workshops und in der Arbeit mit den communities sp\u00fcre. Sogar das Essen vermisse ich. So gerne h\u00e4tte ich mal wieder groundnut soup, casava leaves, fried rice und rice balls. Die Ger\u00e4usche, die Ger\u00fcche, die tropische Luft\u2026 All das vermisse ich. Mein Leben in Sierra Leone eben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vieles vermisse ich allerdings auch nicht. In welch einem Luxus und Wohlstand ich nun schon seit f\u00fcnf Monaten lebe: Immer Strom! Immer Licht und flie\u00dfend Wasser \u2013 kalt und warm!!! Ich kann einfach meine W\u00e4sche in der Maschine waschen, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, ob die W\u00e4sche wirklich in zwei Stunden fertig ist, sauber, und ich alles entspannt aufh\u00e4ngen kann. Mein Geschirr kann ich einfach in die Sp\u00fclmaschine packen und die w\u00e4scht f\u00fcr mich. Wie unglaublich toll ist das denn? Wenn es warm ist, mache ich das Fenster auf und wenn es kalt wird, mache ich die Heizung an. Kein Schwitzen, kein \u201ezu hei\u00df\u201c in der Nacht. Im Supermarkt gibt es einfach alles zu kaufen, was das Herz begehrt und auch noch zu Preisen, die absolut okay sind. Und diese unglaubliche Vielfalt an Salat, Tomaten, \u00c4pfeln, Gem\u00fcse und Obst, Essig, \u00d6l, K\u00e4se, Wurst, Brot alles. Wow! Noch immer merke ich, dass ich beim Betreten von Superm\u00e4rkten denke, Wow. Nur Salone Food finde ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und auch easy: gibt es etwas nicht im Laden, dann gibt es es im Internet. Und wird einfach direkt nach Hause geliefert. Es funktioniert einfach alles, wie geschmiert. Ja, die Deutsche Bahn nicht immer, aber immerhin gibt es eine Bahn und ich kann mit dem Zug durch Deutschland fahren und Leute besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich genie\u00dfe, dass alles funktioniert. Ich genie\u00dfe Spazierg\u00e4nge im Herbstwald, Stadtbummel mit Kaffeepause und nat\u00fcrlich vor allem die Zeit, die ich mit Familie, Freundinnen und Freunden verbringen kann. Alles, was drei Jahre lang zu kurz kam, kann ich nun nachholen. Welch ein Geschenk. Es macht mich unglaublich gl\u00fccklich, dass ich drei Jahre weg war und dennoch immer das Gef\u00fchl habe, es war nur eine kurze Zeit, wenn ich mich mit lieben Menschen treffe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ich muss zugeben, ich genie\u00dfe es auch, eine von vielen zu sein. Ich genie\u00dfe es, nicht konstant mit meinen Privilegien als Wei\u00dfe, als Europ\u00e4erin, als Reiche konfrontiert zu sein. Und zugleich bin ich eben auch nicht st\u00e4ndig mit dem unglaublich schweren Schicksal so vieler anderer Menschen konfrontiert. Ich muss nicht mehr direkt entscheiden, wem ich Geld gebe f\u00fcr ein Abendessen oder einen Arztbesuch. Ich muss die viel zu jungen M\u00e4dchen abends auf der Stra\u00dfe nicht mehr sehen und mir ausmalen, wie sie wohl die Nacht verbringen werden, muss mir nicht mehr st\u00e4ndig Gedanken machen, wie wohl die meisten Menschen, die ich jeden Tag sehe, ihr Leben meistern, Schulgeb\u00fchren f\u00fcr die Kinder zahlen, mehr als eine Mahlzeit am Tag bereiten und sich in ihrem Schicksal ergeben und dennoch k\u00e4mpfen. Die Armut und das Elend sind wieder weiter weg &#8211; ich kann die Augen davor verschlie\u00dfen, wenn ich m\u00f6chte. Aber dennoch sind diese Bilder in mir. Und ich bin mir meiner Privilegien bewusst. Auch deshalb muss ich mich manchmal bei Gespr\u00e4chen zusammenrei\u00dfen und den Mund halten. Manchmal muss ich mir sagen: &#8222;Ja, das hier sind auch echte Probleme. Sie kennen es ja nicht anders&#8230; H\u00e4tten sie gesehen, was ich gesehen habe, w\u00e4ren sie vielleicht dankbar und nicht frustiert und gestresst.&#8220; Aber das ist ein ganz anderes Thema.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin sehr dankbar, f\u00fcr all die Begegnungen und Menschen, die ich in den drei Jahren in Salone getroffen habe, f\u00fcr alle, die ich wahrscheinlich nicht mehr sehen werde und f\u00fcr alle, die Teil meines Lebens geworden sind und dies auch bleiben werden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es hat so lange gedauert, bis ich hier geschrieben habe, da noch immer so vieles im Unklaren ist. Ich wei\u00df noch nicht, wie es nach der Geburt weitergeht, wo mich das Leben hintreibt. Manchmal denke ich, vielleicht war es einfach Zeit, zur\u00fcck nach Deutschland zu kommen und hier zu bleiben, oft habe ich aber auch das Gef\u00fchl, ich muss wieder weg und ich bin noch nicht bereit f\u00fcr ein Leben in Deutschland. Aber sp\u00e4testens seit Juni wei\u00df ich auch, das Vieles nicht planbar ist. Vor sechs Monaten h\u00e4tte ich es noch nicht f\u00fcr wahrscheinlich gehalten, dass ich jetzt hier schwanger in Deutschland sitze. Deshalb bleibt wohl auch mit Blick in die Zukunft mit offenem und hoffnungsvollem Herzen auf das zu Warten, was da kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie es mit diesem Blog weitergeht, wei\u00df ich auch noch nicht. Bevor ich nach Sierra Leone bin, habe ich mich extra daf\u00fcr entschieden, den Namen nicht an das Land zu koppeln, sondern eher an mich. Eigentlich dachte ich eher, ich kann den Blog \u201emitnehmen\u201c, falls ich nach Salone in ein anderes Land weiterziehe oder danach endlich meinen Traum verwirkliche, und eine Almh\u00fctte bewirtschafte. Dass es nun so kommt, konnte ich nicht ahnen; dass es eine mummy-Blog wird, hoffe ich vermeiden zu k\u00f6nnen; mal schauen, was hier in Zukunft passiert. Es bleibt spannend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich m\u00f6chte allen danken, die in den letzten Jahren mit mir auf die Reise gegangen sind und sich auf meine Berichte und Sichtweisen eingelassen haben. Vielen Dank f\u00fcr all die R\u00fcckmeldungen, f\u00fcr das Dabeisein und das Begleiten. Es hat mir immer geholfen, zu wissen, dass in der Ferne ein paar Menschen sind, die an mich denken, die mit mir Miterleben und neugierig sind, auf das, was ich erlebe. Danke daf\u00fcr. Und wer wei\u00df, vielleicht ist es jetzt dann noch ein bisschen still hier, aber das Leben wird vielleicht wieder Spannendes f\u00fcr mich bereithalten. (Nicht das ein Kind nichts Spannendes w\u00e4re \u2013 aber ich meine abgesehen davon \ud83d\ude09) Wenn es soweit ist, werdet ihr es erfahren. Der Blog bleibt auf jeden online und ich bin schon gespannt, was ich im n\u00e4chsten Beitrag so schreiben werde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis dahin: alles Gute, verliert den Mut, die Neugierde und die Hoffnung nicht, egal was um euch herum und in der Welt geschieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So lange war es noch nie still auf meinem Blog. Eigentlich habe ich fast zeitgleich mit dem letzten Post diesen hier geplant, aber irgendwie kamen die Worte nicht aus mir heraus und ich wusste nicht, was und wie ich schreiben soll. F\u00fcr die meisten von euch wird es keine neue Nachricht sein, aber dennoch habe [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3523","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","post-preview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3523"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3532,"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3523\/revisions\/3532"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/thekaddl.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}