{"id":3688,"date":"2026-10-14T10:46:00","date_gmt":"2026-10-14T08:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/thekaddl.com\/?p=3688"},"modified":"2026-10-14T10:46:00","modified_gmt":"2026-10-14T08:46:00","slug":"eine-kueche-ohne-kakerlaken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thekaddl.com\/?p=3688","title":{"rendered":"Eine K\u00fcche ohne Kakerlaken"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Wochenende haben wir Hannah und Max in Frankfurt besucht. Die beiden waren zur gleichen Zeit in Sierra Leone wie ich. Vielleicht erinnert ihr euch an sie. Wir waren gemeinsam auf dem Sankan Biriwa, dem zweith\u00f6chsten Berg des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden sind auch seit ungef\u00e4hr zwei Jahren wieder in Deutschland. Wir sehen uns viel zu selten seitdem wir zur\u00fcck sind, aber wenn wir uns sehen, ist es wie damals auf meinem Balkon in Freetown. Wir k\u00f6nnen \u00fcber alles reden und uns \u00fcber R\u00e4tsel und Absonderlichkeiten des Alltags unterhalten. In Freetown ging es nat\u00fcrlich oft um Dinge in Sierra Leone und jetzt eben um Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFindest du es nicht auch super, dass in der K\u00fcche einfach keine Kakerlaken sind?\u201c, meinte Hannah irgendwann aus dem Nichts heraus. Und ich wusste sofort, was sie meinte. Auch mir geht es noch so oft so, dass ich den inneren Drang versp\u00fcre, alles Essen umgehend abzudecken, luftdicht zu verschlie\u00dfen und in die Sicherheit des K\u00fchlschranks zu stellen. Bis ich mir dann immer sagen muss \u201eKathrin, relax. Das Essen kann auch kurz mal rumstehen. Es kommen nicht gleich Ameisen und Kakerlaken und kleine K\u00fcchenschaben.\u201c Wenn ich nachts auf Klo gehe, zucke ich manchmal zusammen, wenn mein eigener Schatten \u00fcber den Boden oder die Wand huscht. Ich muss dem Impuls widerstehen, Licht anzumachen und zu schauen, ob irgendein Getier mit mir im Zimmer ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann ist mir auch wieder eingefallen, wie Joseph am Anfang, als Nelio ganz klein war, ihn nie alleine in einem Zimmer liegen lassen wollte. Nicht einmal f\u00fcr ein paar Minuten. Er wollte auch immer das Licht in dem Zimmer anmachen, in dem er schlief. Ich habe es erst nicht verstanden und dann doch. Kakerlaken und andere Tiere kommen nicht bei Licht. Sie kommen nur in der Dunkelheit. Der Gedanke, dass Kakerlaken mein Baby \u201eanknabbern\u201c ist wirklich eklig. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde ich da das Licht anlassen und das Kind nie alleine im Zimmer lassen. Kakerlaken, Ratten, Schlangen und andere Tiere sind eine konstante Gefahr. Und wir hatten das Gl\u00fcck und das Privileg, unser Baby ganz entspannt in der Dunkelheit im Nebenzimmer schlafen zu lassen, in dem Wissen, dass er sicher ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben uns nat\u00fcrlich nicht nur \u00fcber kakerlakenfreie K\u00fcchen unterhalten an diesem Wochenende, aber irgendwie blieb mir das im Hinterkopf h\u00e4ngen. Vor allem, weil ich gestern Abend in der Kneipe zuf\u00e4llig einen Bekannten getroffen habe \u2013 eher der Freund von Freunden, mit denen ich zweimal im Urlaub war vor ein paar Jahren, und besagter Bekannter war auch dabei. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und er fragte ein bisschen \u00fcber meine Zeit in Salone. Wie lange ich dort war, wie es war, auch im R\u00fcckblick. F\u00fcr mich ist das immer schwer zu beantworten. Es gab ja sehr viel Sch\u00f6nes und Bereicherndes, aber auch sehr viel Anstrengendes und Schweres. Auf jeden Fall meinte er dann, \u201eWar also anstrengend, hart und pr\u00e4gend? So wie man das immer h\u00f6rt?\u201c und da habe ich erst geantwortet, pr\u00e4gend vielleicht nicht unbedingt. Und dann sind mir die Kakerlaken wieder einfallen. Also doch irgendwie pr\u00e4gend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, kommen immer mehr so kleine Pr\u00e4gungen, oder wie auch immer man das nennen m\u00f6chte. Wenn es zum Beispiel abends oder nachts, wenn ich schon im Bett liege, stark regnet, denke ich als erstes \u201eHoffentlich ist alles dicht und es \u00fcberschwemmt meine Wohnung nicht.\u201c Nach \u00fcber zwei Jahren zur\u00fcck in Deutschland denke ich das noch!!!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder \u2013 das war auch ein Thema mit Hannah \u2013 bevor wir die Wohnung verlassen, und wenn es nur ein Wochenende ist, und dann auch wieder, wenn wir zur\u00fcckkommen, freue ich mich ungemein, dass ich mir erstens vor der Abreise keine Gedanken machen muss, was im K\u00fchlschrank ist und was vielleicht vergammelt, wenn der Strom weg ist in den n\u00e4chsten Tagen und zweitens, freue mich beim Zur\u00fcckkommen, dass die Wohnung einfach noch genauso sauber und ordentlich ist, kein Wind, kein Starkregen, kein tagelanger Stromausfall haben irgendwelche Spuren hinterlassen. Oder Schlangen! Bei Hannah waren ja auch mal Schlangen in der Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es tut gut, mit Hannah und Max diese kleinen Momente des Alltags zu teilen, weil sie eine der wenigen meiner Freund*innen in Deutschland sind, die das nachf\u00fchlen k\u00f6nnen, weil sie es selbst erlebt haben und diese Momente auch immer noch haben. Es tut gut, dass ihre Wohnung voller importierter Pflanzen aus Sierra Leone ist und ich auch noch Ableger mitnehmen konnte. Vielleicht denken Leute, die in meine Wohnung kommen, was hat sie denn da f\u00fcr Kraut und insta-untaugliche Pflanzen in ihren T\u00f6pfen. Aber wenn ich sie anschaue, dann kann ich f\u00fcr einen kleinen Moment nach Sierra Leone reisen, mich auf meinen Balkon denken oder in Erinnerungen an Menschen schwelgen, die ich nicht mehr sehe. Es ist meine Verbindung zu meinem anderen Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich frage mich dann auch \u00f6fter, wie geht es wohl Menschen, die in anderen Umgebungen aufgewachsen sind und dann nach Deutschland kommen. Wie oft hat Joseph diese Momente, die ihn in Hab-Acht versetzen, weil es \u00fcber Jahrzehnte wichtig f\u00fcr Gesundheit und damit auch f\u00fcrs \u00dcberleben war, die hier vollkommen l\u00e4cherlich erscheinen? Wir haben schon diese Momente, dass er auch nach 1,5 Jahren immer noch abends im Bett liegt und die Ruhe kommentiert, dass er immer noch ab und an kommentiert, wenn Schiebet\u00fcren automatisch aufgehen (automatische T\u00fcren gibt es in Sierra Leone nat\u00fcrlich nicht \u2013 macht ja auch keinen Sinn, wenn es so selten Strom gibt\u2026), dass er immer noch begeistert ist, wie gut hier alles funktioniert. Egal ob \u00d6ffentlicher Nah- oder Fernverkehr, Arztbesuche, Apothekenbesuche, im Supermarkt gibt es alles und man muss sich keine Gedanken machen, ob das Essen gut ist oder nicht. Der K\u00fchlschrank l\u00e4uft 24\/7 und das Essen wird nicht einfach schlecht. Joseph kommentiert regelm\u00e4\u00dfig was f\u00fcr einen riesen Unterschied konstanter Strom macht. Wie anderes das Leben in Sierra Leone w\u00e4re, w\u00fcrde es immer Strom geben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt die M\u00f6glichkeiten zu planen, weil es eine verl\u00e4ssliche und planbare Zukunft gibt. Das Planen f\u00e4ngt ja schon damit an, dass ich (gl\u00fcckliche Besitzerin einer gro\u00dfen K\u00fchltruhe) Essen einfrieren kann, f\u00fcr Tage, an denen ich vielleicht nicht kochen m\u00f6chte oder an denen ich G\u00e4ste habe. Ich kann auf Vorrat kaufen und wei\u00df, das Essen wird nicht schlecht. Weder in der K\u00fchltruhe noch in der Speise. Ich meine, in Sierra Leone ist mir Mehl geschimmelt\u2026 Da habe ich kaum auf Vorrat gekauft. Und wenn man dann noch in einem Zuhause lebt, dass schwierig vor kleinen Krabbeltierchen zu sichern ist, kauft man auch nicht auf Vorrat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So viele Kleinigkeiten, die einen so unglaublich gro\u00dfen Unterschied f\u00fcr das Leben der Menschen machen, ihren Stresslevel, die Dinge, \u00fcber die sie sich Sorgen machen m\u00fcssen und die Zeit, die sie daf\u00fcr verwenden m\u00fcssen. Ich merke, die Zeit in Sierra Leone hat mich doch gepr\u00e4gt. Anders vielleicht, als ich selbst erwartet habe oder auch anders als die meisten Leute meinen, die mich fragen, aber ganz klar, hat sich da einiges in mich eingeschrieben, das noch nicht wieder \u00fcberschrieben wurde. Und das ist auch sehr sch\u00f6n so. So bleibt diese Zeit noch l\u00e4nger lebendig in mir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mich rufen nun die Pflichten und Privilegien des deutschen Alltags. Genie\u00dft eure kakerlakenfreien K\u00fcchen und Wohnungen und schaltet nachts getrost das Licht aus!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wochenende haben wir Hannah und Max in Frankfurt besucht. Die beiden waren zur gleichen Zeit in Sierra Leone wie ich. Vielleicht erinnert ihr euch an sie. Wir waren gemeinsam auf dem Sankan Biriwa, dem zweith\u00f6chsten Berg des Landes. Die beiden sind auch seit ungef\u00e4hr zwei Jahren wieder in Deutschland. 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