{"id":728,"date":"2021-08-16T13:05:59","date_gmt":"2021-08-16T13:05:59","guid":{"rendered":"http:\/\/thekaddl.com\/?p=728"},"modified":"2021-08-17T20:21:31","modified_gmt":"2021-08-17T20:21:31","slug":"100-tage-salone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thekaddl.com\/?p=728","title":{"rendered":"100 Tage Salone"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute vor 100 Tagen bin ich in Salone gelandet. Es f\u00fchlt sich einerseits schon viel l\u00e4nger an, da ich schon so viel gelernt und erlebt habe, und zugleich sind es erst drei Monate.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine wichtigste Erkenntnis der letzten Tage: ich stresse mich selbst zu sehr und sollte einfach mal einen Gang runterschalten. Und wie sooft hilft mir das Schicksal, eine h\u00f6here Macht oder der Zufall dabei.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Back to Kenema &#8211; Roadshow durch die communities<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schreibe euch wieder aus Kenema. Am Freitagvormittag hat meine Kollegin gefragt, ob es okay sei, wenn sie n\u00e4chste Woche nicht im B\u00fcro w\u00e4re, weil die Kolleginnen und Kollegen aus Kenema angefragt haben, ob sie die ganze Woche mit ihnen auf Roadshow in die communities in Kenema in den Kambui Hills kommen kann. Erst war ich nicht so begeistert. Mariama war die letzten vier Wochen nicht im B\u00fcro, weil sie krank war. Sie ist mein Counterpart, das hei\u00dft, eigentlich soll ich eng mit ihr zusammenarbeiten. Ich hatte das Gef\u00fchl, ich komme \u00fcberhaupt nicht mit meinen Projekten und selbstgesetzten Zielen voran, da ich alleine gearbeitet habe und eigentlich ihre Unterst\u00fctzung gebraucht h\u00e4tte bzw. sie Teil meiner Aufgaben ist. Und dann habe ich gemerkt, dass ich einen vollkommen falschen Ansatz verfolge. Ich bin erst drei Monate hier. Eigentlich sollte ich noch in der Phase des Beobachtens sein, des Lernens, und des Ankommens. Es geht am Anfang noch nicht wirklich um Output. Ich soll meine Kolleginnen und Kollegen unterst\u00fctzen, nicht selbst alles umsetzen. Also habe ich mich spontan entschieden mitzukommen. Ein paar Tage in den gr\u00fcnen H\u00fcgeln w\u00fcrden mir bestimmt gut tun. Und so ist es auch. Gestern sind wir angekommen. Jetzt sind die anderen gerade am Markt, um noch ein paar Sachen einzukaufen und dann geht es sp\u00e4ter los zur ersten community. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was es mit der Roadshow auf sich hat, werde ich auch erst erfahren, wenn wir dort sind. Wir werden in den n\u00e4chsten sechs Tagen sechs communities besuchen und sie \u00fcber Landnutzung und nachhaltiges Forestmanagement aufkl\u00e4ren. Teilweise werden wir dort \u00fcbernachten, teilweise abends zur\u00fcck nach Kenema kommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Perfekt f\u00fcr mich gerade &#8211; einfach mal die Z\u00fcgeln aus der Hand geben und frei nach dem Motto \u201cfollow the flow\u201d einfach mitmachen, ohne selbst zu planen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum ich trotz Strandn\u00e4he urlaubsreif bin<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was habe ich nun schon alles gelernt in meinen ersten 100 Tagen hier? Die meisten Leute zuhause, denen ich neidisch auf ihre Urlaubsfotos anworte, dass ich auch dringend Urlaub brauche, antworten meist mit: du bist doch direkt am Strand\u2026 Ja, das schon, aber es ist jeden Tag so anstrengend hier, weil alles anders ist und vieles umst\u00e4ndlicher als in Deutschland.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jede Kleinigkeit hier ist zugleich eine Neuigkeit f\u00fcr mich, die ich aufnehmen und abspeichern muss. Das sind nicht unbedingt schwierig Sachen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Autokennzeichen, Stromrechnung und K\u00fcchenzeug<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Beispiel die Kennzeichen: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>wei\u00dfer Hintergrund mit schwarzer Schrift = privates Fahrzeug<\/li><li>wei\u00dfer Hintergrund mit roter Schrift = commercial (Taxis, Busse, LKWs\u2026) <\/li><li>wei\u00dfer Hintergrund mit blauer Schrift = nationale NGO<\/li><li>blauer Hintergrund mit wei\u00dfer Schrift = internationale NGO<\/li><li>wei\u00dfer Hintergrund, gr\u00fcne Schrift = Regierungsfahrzeug<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Strom wird hier nicht pauschal monatlich bezahlt und dann einmal im Jahr abgerechnet. Es gibt ein Prepaid-System. Ich habe einen \u201cMeter\u201d vor meiner Wohnung, der abwechselnd vier Zahlen anzeigt. Ich wusste erst gar nicht, welche davon mein aktueller Stand ist. Wenn man Stromguthaben aufladen m\u00f6chte, muss man ins B\u00fcro der Stromgesellschaft, bezahlt den Betrag der eigenen Wahl und bekommt dann einen Beleg mit einem Code, den man dann zuhause eingeben muss. Meist muss man bei der Stromgesellschaft eine zeitlang anstehen. Frisst also wieder etwas Zeit.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr meine Wohnung wollte ich noch ein paar Sachen f\u00fcr die K\u00fcche kaufen. Und jetzt rede ich noch gar nicht vom Herd. Es geht erst einmal um Besteck, Teller und T\u00f6pfe. Es gibt hier keine Ikea, in die man einmal hinf\u00e4hrt und dann alles einkauft. Also ging es von Stand zu Stand in Lumley auf der Suche nach Tellern und Besteck, die meinen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen. Es ist nicht so einfach Besteck zu finden, das nicht aus Alu ist und sich bei der ersten Benutzung verbiegt. Teller habe ich bis jetzt noch nicht in der Anzahl, wie ich sie gerne h\u00e4tte, weil ich einfach noch keine gefunden habe, die gut ausschauen (also nicht zerkratzt sind und auch vom Stil her okay) und nicht 6\u20ac das St\u00fcck kosten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich habe ich auch in der Arbeit schon unglaublich viel gelernt. \u00dcber die Inhalte, \u00fcber die Schwierigkeiten f\u00fcr Conservation und Biodiverist\u00e4tsarbeit hier, \u00fcber die Arbeitsweise in Sierra Leone. Das muss alles irgendwie und irgendwo verarbeitet werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Arbeit mit Hindernissen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in der Arbeit erscheinen die einfachsten Sachen, die schwierigsten zu sein. Seit gef\u00fchlt zwei Monaten versuche ich, dass alle Kolleginnen und Kollegen die offizielle CSSL &#8211; Emailadresse verwenden. Heute habe ich versucht, meine Zeit hier in Kenema zu nutzen, um mit jedem und jeder einzeln das erste Login durchzuf\u00fchren. Aber dann war das Internet wieder weg\u2026 Eigentlich wollte ich auch unsere neuen Templates f\u00fcr Briefe, Listen usw. zeigen, damit alle k\u00fcnftig die neuen Designs verwenden, aber ich glaube mittlerweile, dass wir daf\u00fcr heute keine Zeit mehr haben werden. Ich bin ganz offensichtlich noch viel zu ambitioniert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Dankbar und angekommen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das h\u00f6rt sich jetzt alles wenig erbaulich an. Aber das liegt wohl daran, dass ich in den letzten Tagen etwas gestresst war. Wenn ich es mit etwas Abstand betrachtet, sehe ich, dass ich daf\u00fcr, dass ich erst 100 Tage hier bin, erstens schon sehr viel erreicht habe und zweitens eigentlich noch gar nichts h\u00e4tte erreichen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber: ich finde ich cruise schon sehr selbstsicher durch die City, habe schon einen Schreiner, einen Schneider und eine K\u00fcchenzeug-Verk\u00e4uferin meines Vertrauens, mindestens einen Freund und eine Freundin und humorvolle Kollegen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe in den letzten 100 Tagen so viel Positives erlebt und bin sehr, sehr dankbar daf\u00fcr. Ich treffe jeden Tag so viele Menschen, die mir mit unglaublicher Freundlichkeit begegnen. Ich habe meine Wohnung, die wirklich meine Wohnung ist. Wenn ich dieses Mal nach Freetown zur\u00fcckkomme, komme ich nach hause zur\u00fcck. Das ist ein sehr gutes Gef\u00fchl. Und ich freue mich jetzt schon darauf, wenn ich von meiner ersten Reise nach Deutschland zur\u00fcckkomme und beim Warten auf die F\u00e4hre ein Star-Bier kaufen werde und froh bin, wieder hier zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich in Freetown unterwegs bin oder auch gestern auf der Fahrt nach Kenema &#8211; ich sehe die Welt um mich herum nicht mehr als \u201cspannend\u201d oder \u201canders\u201d an. Es ist wie es ist. Normale Normalit\u00e4t. Ich denke, mein Blick auf die Menschen hier und ihre Lebensumst\u00e4nde haben sich in den letzten Monaten schon stark ver\u00e4ndert. Ich wei\u00df, dass ich von ein paar Leuten vermisst werde, wenn ich eine Woche nicht in Freetown bin. All das ist schon einiges f\u00fcr nur wenige Wochen in einem neuen Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach 100 Tagen hei\u00dft es f\u00fcr mich also: Geduld lernen, treiben lassen und einfach da sein. Wie sich mein Blick auf die Welt um mich herum ge\u00e4ndert hat, das kommt dann in dem Artikel, den ich letztes Mal schon angek\u00fcndigt habe. Den Artikel mit den guten Nachrichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 100 Tagen bin ich in Salone gelandet. Es f\u00fchlt sich einerseits schon viel l\u00e4nger an, da ich schon so viel gelernt und erlebt habe, und zugleich sind es erst drei Monate.&nbsp; Meine wichtigste Erkenntnis der letzten Tage: ich stresse mich selbst zu sehr und sollte einfach mal einen Gang runterschalten. 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