Autor: TheKaddl (Seite 1 von 9)

Eine Küche ohne Kakerlaken

Am Wochenende haben wir Hannah und Max in Frankfurt besucht. Die beiden waren zur gleichen Zeit in Sierra Leone wie ich. Vielleicht erinnert ihr euch an sie. Wir waren gemeinsam auf dem Sankan Biriwa, dem zweithöchsten Berg des Landes.

Die beiden sind auch seit ungefähr zwei Jahren wieder in Deutschland. Wir sehen uns viel zu selten seitdem wir zurück sind, aber wenn wir uns sehen, ist es wie damals auf meinem Balkon in Freetown. Wir können über alles reden und uns über Rätsel und Absonderlichkeiten des Alltags unterhalten. In Freetown ging es natürlich oft um Dinge in Sierra Leone und jetzt eben um Deutschland.

„Findest du es nicht auch super, dass in der Küche einfach keine Kakerlaken sind?“, meinte Hannah irgendwann aus dem Nichts heraus. Und ich wusste sofort, was sie meinte. Auch mir geht es noch so oft so, dass ich den inneren Drang verspüre, alles Essen umgehend abzudecken, luftdicht zu verschließen und in die Sicherheit des Kühlschranks zu stellen. Bis ich mir dann immer sagen muss „Kathrin, relax. Das Essen kann auch kurz mal rumstehen. Es kommen nicht gleich Ameisen und Kakerlaken und kleine Küchenschaben.“ Wenn ich nachts auf Klo gehe, zucke ich manchmal zusammen, wenn mein eigener Schatten über den Boden oder die Wand huscht. Ich muss dem Impuls widerstehen, Licht anzumachen und zu schauen, ob irgendein Getier mit mir im Zimmer ist.

Und dann ist mir auch wieder eingefallen, wie Joseph am Anfang, als Nelio ganz klein war, ihn nie alleine in einem Zimmer liegen lassen wollte. Nicht einmal für ein paar Minuten. Er wollte auch immer das Licht in dem Zimmer anmachen, in dem er schlief. Ich habe es erst nicht verstanden und dann doch. Kakerlaken und andere Tiere kommen nicht bei Licht. Sie kommen nur in der Dunkelheit. Der Gedanke, dass Kakerlaken mein Baby „anknabbern“ ist wirklich eklig. Natürlich würde ich da das Licht anlassen und das Kind nie alleine im Zimmer lassen. Kakerlaken, Ratten, Schlangen und andere Tiere sind eine konstante Gefahr. Und wir hatten das Glück und das Privileg, unser Baby ganz entspannt in der Dunkelheit im Nebenzimmer schlafen zu lassen, in dem Wissen, dass er sicher ist.

Wir haben uns natürlich nicht nur über kakerlakenfreie Küchen unterhalten an diesem Wochenende, aber irgendwie blieb mir das im Hinterkopf hängen. Vor allem, weil ich gestern Abend in der Kneipe zufällig einen Bekannten getroffen habe – eher der Freund von Freunden, mit denen ich zweimal im Urlaub war vor ein paar Jahren, und besagter Bekannter war auch dabei. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und er fragte ein bisschen über meine Zeit in Salone. Wie lange ich dort war, wie es war, auch im Rückblick. Für mich ist das immer schwer zu beantworten. Es gab ja sehr viel Schönes und Bereicherndes, aber auch sehr viel Anstrengendes und Schweres. Auf jeden Fall meinte er dann, „War also anstrengend, hart und prägend? So wie man das immer hört?“ und da habe ich erst geantwortet, prägend vielleicht nicht unbedingt. Und dann sind mir die Kakerlaken wieder einfallen. Also doch irgendwie prägend.

Wenn ich darüber nachdenke, kommen immer mehr so kleine Prägungen, oder wie auch immer man das nennen möchte. Wenn es zum Beispiel abends oder nachts, wenn ich schon im Bett liege, stark regnet, denke ich als erstes „Hoffentlich ist alles dicht und es überschwemmt meine Wohnung nicht.“ Nach über zwei Jahren zurück in Deutschland denke ich das noch!!!

Oder – das war auch ein Thema mit Hannah – bevor wir die Wohnung verlassen, und wenn es nur ein Wochenende ist, und dann auch wieder, wenn wir zurückkommen, freue ich mich ungemein, dass ich mir erstens vor der Abreise keine Gedanken machen muss, was im Kühlschrank ist und was vielleicht vergammelt, wenn der Strom weg ist in den nächsten Tagen und zweitens, freue mich beim Zurückkommen, dass die Wohnung einfach noch genauso sauber und ordentlich ist, kein Wind, kein Starkregen, kein tagelanger Stromausfall haben irgendwelche Spuren hinterlassen. Oder Schlangen! Bei Hannah waren ja auch mal Schlangen in der Wohnung.

Es tut gut, mit Hannah und Max diese kleinen Momente des Alltags zu teilen, weil sie eine der wenigen meiner Freund*innen in Deutschland sind, die das nachfühlen können, weil sie es selbst erlebt haben und diese Momente auch immer noch haben. Es tut gut, dass ihre Wohnung voller importierter Pflanzen aus Sierra Leone ist und ich auch noch Ableger mitnehmen konnte. Vielleicht denken Leute, die in meine Wohnung kommen, was hat sie denn da für Kraut und insta-untaugliche Pflanzen in ihren Töpfen. Aber wenn ich sie anschaue, dann kann ich für einen kleinen Moment nach Sierra Leone reisen, mich auf meinen Balkon denken oder in Erinnerungen an Menschen schwelgen, die ich nicht mehr sehe. Es ist meine Verbindung zu meinem anderen Leben.

Ich frage mich dann auch öfter, wie geht es wohl Menschen, die in anderen Umgebungen aufgewachsen sind und dann nach Deutschland kommen. Wie oft hat Joseph diese Momente, die ihn in Hab-Acht versetzen, weil es über Jahrzehnte wichtig für Gesundheit und damit auch fürs Überleben war, die hier vollkommen lächerlich erscheinen? Wir haben schon diese Momente, dass er auch nach 1,5 Jahren immer noch abends im Bett liegt und die Ruhe kommentiert, dass er immer noch ab und an kommentiert, wenn Schiebetüren automatisch aufgehen (automatische Türen gibt es in Sierra Leone natürlich nicht – macht ja auch keinen Sinn, wenn es so selten Strom gibt…), dass er immer noch begeistert ist, wie gut hier alles funktioniert. Egal ob Öffentlicher Nah- oder Fernverkehr, Arztbesuche, Apothekenbesuche, im Supermarkt gibt es alles und man muss sich keine Gedanken machen, ob das Essen gut ist oder nicht. Der Kühlschrank läuft 24/7 und das Essen wird nicht einfach schlecht. Joseph kommentiert regelmäßig was für einen riesen Unterschied konstanter Strom macht. Wie anderes das Leben in Sierra Leone wäre, würde es immer Strom geben.

Es gibt die Möglichkeiten zu planen, weil es eine verlässliche und planbare Zukunft gibt. Das Planen fängt ja schon damit an, dass ich (glückliche Besitzerin einer großen Kühltruhe) Essen einfrieren kann, für Tage, an denen ich vielleicht nicht kochen möchte oder an denen ich Gäste habe. Ich kann auf Vorrat kaufen und weiß, das Essen wird nicht schlecht. Weder in der Kühltruhe noch in der Speise. Ich meine, in Sierra Leone ist mir Mehl geschimmelt… Da habe ich kaum auf Vorrat gekauft. Und wenn man dann noch in einem Zuhause lebt, dass schwierig vor kleinen Krabbeltierchen zu sichern ist, kauft man auch nicht auf Vorrat.

So viele Kleinigkeiten, die einen so unglaublich großen Unterschied für das Leben der Menschen machen, ihren Stresslevel, die Dinge, über die sie sich Sorgen machen müssen und die Zeit, die sie dafür verwenden müssen. Ich merke, die Zeit in Sierra Leone hat mich doch geprägt. Anders vielleicht, als ich selbst erwartet habe oder auch anders als die meisten Leute meinen, die mich fragen, aber ganz klar, hat sich da einiges in mich eingeschrieben, das noch nicht wieder überschrieben wurde. Und das ist auch sehr schön so. So bleibt diese Zeit noch länger lebendig in mir.

Mich rufen nun die Pflichten und Privilegien des deutschen Alltags. Genießt eure kakerlakenfreien Küchen und Wohnungen und schaltet nachts getrost das Licht aus!

Gara, Gara! – Endlich mal gute News und schöne Bilder aus Sierra Leone

Mit einem großen Dank an Frau L. bekommt ihr heute mal wieder positive vibes und hoffnungsvolle News aus Sierra Leone. Nachdem in den letzten Wochen wiederholt negative Schlagzeilen aus Sierra Leone in den deutschen Medien waren, heute mal etwas Positives. Vor ein paar Wochen gab es in der Süddeutschen Zeitung einen langen Artikel über die Droge Kush und wie schlimm ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft in Sierra Leone sind. Vor ein oder zwei Wochen dann ein langer Artikel über das Verheiraten von Minderjährigen. Natürlich freue mich einerseits, wenn das kleine unbedeutende Sierra Leone es in die deutschen Hauptmedien schafft, aber es macht mich auch jedes Mal traurig und etwas wütend, wenn immer so ein negatives Bild gemalt wird. Ja, es gibt immer auch hoffnungsvolles in diesen Artikeln, aber hängen bleibt Droge, Perspektivlosigkeit, Misshandlung von Mädchen, Missachtung von Kinderrechten…

Und ja, die Lebensrealitäten sind ja hart, es werden immer noch viel zu viele Mädchen jung verheiratet, Kush ist ein ernsthaftes Problem für die Gesellschaft, aber ab und an ist es doch schön, auch mal etwas Positives zu hören aus Westafrika.

Vielen Dank also an meine liebe Frau L., die mir den Link zu der Doku unten auf Arte.tv geschickt hat. Bevor ihr euch die Doku nun anschaut, noch ein paar persönliche Worte dazu.

Erstens muss ich zugeben, die Doku hat ganz große Sehnsucht in mir hervorgerufen. Vielleicht liegt es auch am trüben Wetter in den letzten Tagen hier in Nürnberg, aber meine Sehnsucht nach Sonne auf der Haut, Wärme, Meer und Sierra Leone war schon lange nicht mehr so groß. Zu gerne hätte auch ich etwas von den Casava Leaf gegessen.

Zweitens hat mich die Doku sehr erfreut. Weil: ganz viele Drehorte sind eng mit meiner Zeit in Sierra Leone verbunden. Die eine Frau, deren Geschichte vorgestellt wird, wohnt im Stadtteil CongoTong. In diesem Stadtteil war mein Büro, das heißt, ich war da quasi täglich unterwegs.

Natürlich habe ich auch den Straßenmarkt im Stadtzentrum erkannt, auf dem die Kamera sich auch bewegt.

Ein weiteres Stadtviertel, das genannt wird, ist Barbadori, dort habe ich in den ersten Wochen im AirBnB gewohnt. Also auch eine wichtige Location für meine Sierra Leone Erinnerung.

Es wird immer besser! Ich sag es euch. Der Strand, an dem das eine Shooting stattfindet, Tokeh Beach, gehört natürlich zu den schönsten Stränden des Landes und ist auch mir mehr als bekannt. Weißer Sand, Liegen unter Palmen, wunderbar blaues Meer und sanfte Wellen. I miss it. Aber: Ich war nicht so oft in Tokeh, da der schönste Strandabschnitt in Libanesischer Hand ist und aus meiner Sicht nicht so nett geführt wurde.

Und jetzt kommt´s. Das Event am Ende der Doku findet im Toma statt. Ein Club, der auch des Öfteren auf meinem Heimweg lag und dafür sorgte, dass ich die ein oder andere Nacht später als geplant im Bett landete. Das Toma befindet sich nämlich nicht einmal 100m Luftlinie von meinem Haus. Und: mein Haus ist in der Doku kurz sichtbar, der blauer Pfeil unten zeigt auf meinen Balkon. Wer aufpasst, sieht es am Ende, wenn die Drohne hochfliegt.

Eine Sache noch, bevor ihr auf Play drückt: Der Film ist schon ein paar Jahre alt, da der Cotton Tree noch steht, der im Mai 2023 bei einem Unwetter zerstört wurde.

Ach und noch eine letzte Sache, natürlich kenne ich auch die eine Dame, die bei dem Event in der ersten Reihe sitzt, persönlich. War ja klar… Freetown, das Dorf.

Jetzt wünsche ich euch, unterhaltsame und farbenfrohe 42 Minuten. Es geht um bunte Mode made in Sierra Leone.

Das Video ist bis 15.5.2026 abrufbar. Ich kann das Video leider nicht einbinden, ihr müsst auf diesen Link klicken:

https://www.arte.tv/de/videos/109394-000-A/traeume-aus-stoff-modemacherinnen-in-sierra-leone

Alle, die sich das Video angeschaut haben: ich hoffe, es hat euch Spaß gemacht und ihr konntet Farben, positive vibes, Sonne und Salone Feeling aufsaugen. Wie schön, einfach mal wieder sattes Grün an Bäumen zusehen…

Und damit ihr auch noch was zum Schmunzeln habt, bekenne ich mich hiermit als stolze Besitzerin mehrerer Gara-Produkte. Ja, auch ich habe ein „Sako“ mit Rock und drei Gara-Blusen in meinem Schrank hängen. Meine gegenüber Nachbarin hatte auch einen Workshop besucht und mir dann eine meiner weißen Blusen eingefärbt in schönem leuchtendem Orange. Ich selbst hätte vor fünf Jahren nicht gedacht, dass ich bald Batik Klamotten tragen würde. Das hört sich einfach viel zu sehr nach Zeltlager in den 1990ern an. Aber ich muss zugeben, die Wickeltechniken der Gara-Damen in Sierra Leone sind etwas ausgefeilter als unsere damals im Zeltlager. Und was mich am meisten freut, ich habe selbstverständlich auch mehrere Sets Gara-Bettwäsche. Was gibt es Schöneres als auf bunten Matratzen zu träumen. Beim nächsten Bettwäschewechsel kommen auf jeden Fall mal wieder meine Garas zum Einsatz. Ich freue mich schon!

In diesem Sinne wünsche ich euch eine farbenfrohe Zeit, Sonne im Herzen und positive Gedanken.

Wo sind all die Vögel hin? Wo sind sie geblieben?

Der Nabu hat die Zahlen der „Stunde der Wintervögel 2026“ veröffentlicht. Und die Ergebnisse spiegeln den Trend der letzten Jahre leider wider. Sowohl die Anzahl der Vögel als auch die Anzahl der Vogelarten geht zurück.

Endlich wieder mal Vögel!!!

Bestimmt haben schon viele von euch auf einen Vogelpost gewartet. Und hier ist er endlich. Wie passend, da es gerade gleich mehrere „Vogelanlässe“ gibt. Natürlich hatte ich am Schirm, dass die „Stunde der Wintervögel“ im Januar ist und auch die anderen Themen des heutigen Blogeintrages schwirren schon eine Weile in meinem Kopf, aber mal wieder mangelte es an der Umsetzung. Ein großes Dankeschön deshalb heute – wie passend – an Hummel! Ohne Hummel gäbe es heute keinen Blogeintrag, hätte sie mir nicht wegen der Ergebnisse der „Stunde der Wintervögel“ geschrieben. Und wie passend, denn später geht es noch um vogelfreundliche Gärten und Gärten sind nur vogelfreundlich, wenn sich auch Insekten wie unsere Hummel wohlfühlen 😉

Aber dazu später. Jetzt schweifen wir erst einmal gemeinsam auf altbekanntes Terrain nach Sierra Leone 🙂

Bird Count in Sierra Leone

Zur Zeit findet in Sierra Leone, bzw. an der ganzen Westafrikanischen Küste, wieder der bird count entlang des  East Atlantic Flyways statt. Ihr erinnert euch vielleicht noch wage an meinen Bericht vom Februar 2023. Der Waterbird Count war eines der schönsten, beeindruckendsten, eindrücklichsten und leerreichsten Erlebnisse in Sierra Leone. Vielleicht mit am prägendsten in Hinblick auf Vögel. Einer der Niederländer, der damals 2023 dabei war, ist gerade wieder in Sierra Leone und versorgt mich mit Fotos, wie das Team durchs Wasser watet, in den Dörfern ankommt, entlang der Mangroven schippert und die heißen Temperaturen im Boot übersteht. Das alles, während wir hier im Winter Wonderland leben.

Hier ein paar Fotoeindrücke von 2023, damit wir uns gemeinsam in die Sonne träumen können.

Da kommt natürlich ein bisschen Sehnsucht auf, nach wärmeren Temperaturen, nackter Haut in der Sonne, dem Grün der Mangroven, dem Meer!!!! dem Essen und den Menschen in den Dörfern und natürlich nach den Vögeln.

Aber, good news: auch in Deutschland kann man Vögel zählen!

Stunde der Wintervögel

Jedes Jahr lädt der NABU alle dazu ein, Vögel im eigenen Garten zu zählen. Dafür gibt es im Januar die „Stunde der Wintervögel“ und im Mai die „Stunde der Gartenvögel“. Diese Zählungen sind sehr wichtig, da auf Grundlage dieser Daten Entwicklungen im Bestand der Vögel beobachtet werden können. Und wie wir ja gelernt haben in den letzten Jahren, sind Vögel wichtige Indikatoren für den Zustand der Biodiversität und der Gesundheit der Natur. Der Trend der Zahlen ist einerseits ermutigend, da mehr Menschen mitgemacht haben, was auf mehr Interesse an Umwelt- und Klimaschutz hindeuten kann und vor allem auch ein Anzeichen dafür sein kann, dass mehr Menschen verstehen, wie wichtig ihr Beitrag für den Erhalt und den Schutz der Umwelt ist. Zugleich sind die Zahlen über die Vögel ernüchternd.

Hier ein Zitat von der Website des NABU:

„Trotz des großen Interesses zeigt die Zählung einen deutlichen Negativtrend: Mit durchschnittlich 32 gesichteten Vögeln pro Garten wurde ein Tiefstand erreicht. Im Vergleich: Bei der ersten Zählung im Jahr 2011 lag der Schnitt noch bei 45,8 Vögeln. Dieser Abwärtstrend lässt sich seit vielen Jahren beobachten. Damit reihen sich auch häufige Arten, wie Amseln, Meisen, Finken und Spatzen in den zunehmenden Schwund der Vogelbestände ein. Besonders deutlich ist der Rückgang der beiden Spatzenarten. Bundesweit wurden 15 Prozent weniger Haussperlinge und zehn Prozent weniger Feldsperlinge gesichtet als im Vorjahr.“

Wer hätte das gedacht? Gefühlt sehe ich immer und ständig Spatzen. Aber auch sehr viele Kohlmeisen und Blaumeisen. Und das liegt wohl auch im Trend. Die wurden tatsächlich öfter gesichtet. Aber generell heißt das: es steht nicht gut um unsere Vögel. Ein Grund, dass weniger Vögel gezählt wurden, kann auch am kalten Winter liegen. Einige Zugvögel sind vielleicht weiter nach Süden, da es bei uns so lange so kalt war. Die Ergebnisse und ihre Ursachen müssen nun noch genauer untersucht werden. 

Aber natürlich bleibt die Frage, was tun? Und da kommt schon mein dritter Anlass für diesen Artikel:

Vogelfreundlicher Garten – Sei dabei!

Wie ihr euch denken könnt, war ich nicht untätig zuhause gesessen, seitdem ich aus Sierra Leone zurück bin. Selbstverständlich habe ich mich umgehend informiert, wie ich mich hier in Deutschland für Vögel und Natur einbringen kann. Der Besuch des Treffens der Ortsgruppe des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern (LVB) hatte nur mäßigen Erfolg, aber nichts destotrotz habe ich mich als Mitglied für die Gartenjury für den vogelfreundlichen Garten gemeldet.

Alle Gartenbesitzende können aktiv etwas für unsere Vögel machen. Ihr könnt euren Garten (und auch euren Balkon) vogelfreundlich gestalten, bepflanzen, beleuchten und nutzen. Der LVB zeichnet seit mehreren Jahren vogelfreundliche Gärten aus. Menschen können sich mit ihren Gärten bewerben, nach einem kurzen Check, ob keine K.O. – Kriterien greifen, besuchen zwei Personen des Teams der Gartenjury die Gärten, begutachten sie mithilfe einer Checkliste und bei Erreichen von ausreichend Punkten bzw. Federn, erhält der Garten die Plakette „Vogelfreundlicher Garten“.

Ich hatte mich letztes Jahr für die Jury gemeldet, teilweise auch aus Neugierde und Interesse, wie Leute ihre Gärten so gestalten. Leider darf ich keine Fotos hier posten – Datenschutz und so… Aber ich kann euch verraten, dass einige Überraschungen dabei waren. Ich hätte nicht gedacht, wie schön natürlich-wild kleine Reihenhausgärten gestaltet werden können, wie viel Wissen die Leute über Vögel und andere Tiere und Pflanzen haben – natürlich viel mehr als ich. Unwissenheit ist kein Kriterium, nicht bei der Jury mitzumachen!

Warum schreibe ich das alles hier? Es werden dringend noch Jurymitglieder gesucht. Wer also Lust hat, in den Sommermonaten, ein paar fremde Gärten zu durchstöbern, interessante Menschen zu treffen und vielleicht auch Ideen für den eigenen Garten zu erhalten, kann sich online für die Gartenjury melden. Wie gesagt, ich habe/hatte auch keine Ahnung, aber man ist ja nicht alleine unterwegs und kommt da ziemlich schnell rein.

Auf dieser Seite findet ihr alle Infos zum Vogelfreundlichen Garten:
https://www.lbv.de/mitmachen/fuer-einsteiger/projekt-vogelfreundlicher-garten/

Hier ist der direkte Link, wenn ihr Teil der Jury werden wollt:
https://www.lbv.de/mitmachen/fuer-einsteiger/projekt-vogelfreundlicher-garten/lbv-gartenjury-beitreten/

Und hier der Link, wenn ihr euren Garten bewerten lassen wollt:
https://www.lbv.de/mitmachen/fuer-einsteiger/projekt-vogelfreundlicher-garten/garten-bewerten-lassen/

Wer seinen Garten bewerten lassen möchte, denjenigen rate ich, sich auch für die Jury anzumelden. Je mehr Jurymitglieder, umso eher wird auch euer Garten besucht und bewertet 😉

Und wer einfach mal von einer Nicht-Expertin laienhafte Infos zum eigenen Garten, und wie ihr ihn vogelfreundlicher gestalten könnt, haben möchte, kann mich gerne mal zum Kaffee einladen. Am besten aber, wenn der Schnee weg ist, damit ich mehr vom Garten sehen kann 😊

Vorab schon ein paar Hinweise, was ihr in euren Gärten machen könnt, damit sich unsere Vögel und andere Tiere wohlfühlen:

  • heimische Pflanzen nicht-heimischen vorziehen
  • Büsche und Hecken als Nistplätze
  • Bäume, vor allem Obstbäume (einen Teil der Früchte für die Tiere am Baum lassen)
  • Beerensträucher (einen Teil der Früchte für die Tiere am Baum lassen)
  • Insektenunterkünfte (Insektenhotels, Totholz, natürliche Steinmauern…)
  • Tränken für Vögel und Insekten (für Insekten mit Einstieg, z.B. ein kleiner Ast)
  • Vogelfutterstellen (Futterzylinder, Futterhaus, Meisenknödel…)
  • Sandstelle zum Sandbaden
  • Wilde Ecken, in denen die Natur schalten und walten kann
  • offener Kompost
  • alte Bäumstämme mit Höhlen
  • Totholz
  • natürliche Steinmauern/Steinhaufen
  • Brennesseln, Disteln
  • Stauden und andere Pflanzen im Herbst stehen lassen
  • sparsame Beleuchtung, die nur an ist, wenn sie wirklich gebraucht wird

Besonders wichtig:

keine Mähroboter! kein Torf! keine komplett Versiegelung von Flächen! möglichst kein Rindenmulch und Co

Und by the way – Save the date: 8.-10. Mai 2026 Stunde der Gartenvögel

Falls ihr die „Stunde der Wintervögel“ verpasst habt, könnt ihr bei der „Stunde der Gartenvögel“ im Mai mitmachen. Einfach eine Stunde lang, alle Vögel zählen, die euch vors Auge kommen. Wie und wann genau steht hier: Stunde der Gartenvögel

In diesem Sinne: happy bird count und ich freue mich auf eure Einladungen zum Kaffee 😉

Bye bye CSSL – endlich offiziell Abschied nehmen

Nach vier Jahren und acht Monaten endet mit dem Jahr 2025 mein Vertrag mit der Conservation Society of Sierra Leone und meine Entsendung durch Brot für die Welt. Nach über vier Jahren heißt es nun offiziell emotional und mental Abschied zu nehmen. Da ich schon seit eineinhalb Jahren in Deutschland bin und nicht mehr in Sierra Leone war, könnte man meinen, der Abschied liegt schon hinter mir, aber weit gefehlt. Ein Teil von mir war immer auch ein bisschen in Salone. Ein Teil von mir hatte noch nicht ganz damit abgeschlossen, nicht doch noch für ein paar Monate zurückzugehen und meinen Vertrag vor Ort zu beenden. Eigentlich ging mein Vertrag bis Ende Mai 2026.

Nun sitze ich im Zug auf der Heimfahrt meines Debriefing / meiner Abschlusssupervision. Die letzten Tage habe ich ganz bewusst für mich genutzt und reflektiert, was war, was bleibt, was will ich zurücklassen und was will ich mitnehmen in die Zukunft? Wer war ich und wer bin ich? Die letzten Wochen haben viele Bilder und Gefühle hervorgebracht, die ich eigentlich schon hinter mir gelassen dachte. Seit ich Mitte November erfahren hatte, dass mein Vertrag vorzeitig mit dem Jahr endet, setzten sich offensichtlich unterbewusste Prozesse in Bewegung. Auf einmal wachte ich wieder häufig auf mit dem Wunsch, in meinem Bett in Freetown aufzuwachen, unter meinem Moskitonetz, auf meiner bunten Gara-Bettwäsche, leicht verschwitzt von der Hitze der Nacht mit den Geräuschen des aufwachenden Morgens in meiner Nachbarschaft. Ich habe mich wieder öfter auf einen meiner Balkone gewünscht, morgens auf den Küchenbalkon mit meinem Kaffee in der Hand, die Western Grey Plantain Eater (Vögel) zu beobachten, wie sie von Palme und zu Palme und weiter zum nächsten Baum flogen – immer gemeinsam. Abends stellte ich mir vor, heimzukommen, auf meinen Urwaldbalkon, ein Gläschen Wein zu trinken beim Schein der Lichterkette mit Blick in die Hügel und auf das Meeresdelta, Lastschiffe zu beobachten und den Blick schweifen zu lassen. Ich hatte auf einmal wieder Sehnsucht nach meinem Alltag in Sierra Leone, mit Wochenenden am Strand, Italian Dinners bei FreundInnen, Abenden in Mango Peak oder einer Strandbar. Ich vermisste mein Auto und die Fahrten durch den Verkehr Freetowns, die Fahrten über Land, meine internationale Normalität. Ich war auf einmal wieder traurig über alles, was ich zurückgelassen habe. Ich vermisste die Projektbesuche mit meinen KollegInnen, die Ausflüge ins Land, das gute Seafood, das Welcome, beim Ankommen in bestimmten locations, soviele Menschen, von denen ich mich nicht verabschieden konnte. Und gleichzeitig weiß ich auch, es ist kein Abschied für immer. Natürlich werden wir Sierra Leone in der Zukunft besuchen. Aber dann werde ich Touristin sein. Dann werde ich in einer ganz neuen Rolle dort sein. 

Abschied: zwischen Erleichterung und Trauer

Wer hätte gedacht, dass nach eineinhalb Jahren, der Abschied noch so stark sein wird. Längst bin ich wieder angekommen in meiner “alten” Welt in Deutschland. Gefühlt war ich nie weg. Zu normal ist es, dass ich wieder da bin. Der Sturm, der in mir wütete, letztes Jahr, als klar war, ich kann nicht mehr zurück, hat sich schon vor Monaten gelegt. Es blieb nur ein Ziehen. Und jetzt kann auch das Ziehen enden und Platz machen für etwas Neues. 

Meine Abschlusspräsentation für Brot trug den Titel “5 Jahre CPS bei CSSL – Plan vs. Realität und was bleibt”. Vieles lief ja vor Ort immer anders als geplant. Und natürlich lief insbesondere meine zweite Vertragszeit mit der Schwangerschaft und meiner Nicht-mehr-Ausreise alles andere als geplant. Plan vs. Realität bleibt vielleicht auch weiterhin der Titel meines Lebens. Wobei ich versuche vom Planen Abstand zu nehmen 😉 das haben mich die letzten zwei Jahre gelehrt.

Bei meiner Abschlusssupervision durfte ich meine Zeit von Vorbereitung/Ausreise bis heute malen. Es kam ein wunderschönes Kunstwerk dabei heraus. Am Anfang steht eine von mir künstlerisch interpretierte Version meines ersten Fotos aus Sierra Leone. Das Selfie, das ich nach meiner Ankunft auf meinem Hotelzimmerbalkon gemacht habe, Palmen im Hintergrund, mein Gesichtsausdruck: glückliche Vorfreude. Ich habe mich sehr gerne an dieses Foto erinnert. Ich bin froh, dass ich es habe. Es spricht für mich genau diese Gefühle der ersten Tage und Wochen. Diese spannende erste Zeit, mit all den ersten Malen, dem Entdecken und – fast vergessen – in den ersten Tagen habe ich ja schon meinen ersten John kennengelernt, meinen lieben Freund John Daniel, der Inder. Vielleicht erinnert ihr euch an ihn. Ich habe ihn tatsächlich letztes Jahr in Stuttgart getroffen. Wir sind immer noch in Kontakt. Hier beginnt schon, was bleibt. Freundschaften zu vielen unglaublich tollen Menschen. Und große Dankbarkeit. Auch rückblickend war die Zeit bei CSSL geprägt von vielen Aufs und Abs. Das ist euch nicht verborgen geblieben. Bis zuletzt (ein bisschen habe ich remote gearbeitet) hat sich dieses Wechselbad der Gefühle nicht aufgelöst. Oft war ich in den letzten Monaten froh, nicht vor Ort im Büro zu sitzen. Nach wie vor, hat mir die Arbeit selbst aber Spaß gemacht. Inhaltlich und auch von der Gestaltung des Arbeitsalltags. Die Vielfältigkeit meiner Tätigkeiten, die vielen learnings, die vielen Kontakte zu Menschen in den Dörfern, bei Workshops, Networkmeetings und Working groups. Ich vermisse diese Arbeit. 

VIeles vermisse ich jedoch auch nicht. Ich bin so froh, dass ich wieder ich bin. In Sierra Leone hatte ich oft das Gefühl “so kenne ich mich nicht”. Mit so einer kurzen Zündschnurr. Aber die konstante Überbelastung durch Klima, Lärm, Ungewissheiten im Alltag hat mein Stresslevel konstant auf einem so hohen Niveau gehalten, dass ich merke, wie entspannt das Leben in Deutschland doch ist – auch wenn mein Leben in den letzten 1,5 Jahren eigentlich nicht so super entspannt war. Aber ich merke, wie schnell ich es schaffe, mich nach Stressausschlägen nach oben wieder zu regulieren und wieder runterzukommen. Den Lärm, den Dreck, die Luftverschmutzung, den Müll überall, die zerstörte Natur, all das vermisse ich nicht. Ich bin dankbar, dass ich nicht mehr im extremen Spannungsfeld zwischen Reichtum und Armut lebe. Ich weiß, extreme Armut gibt es, globale Ungerechtigkeiten haben ein unglaubliches Ausmaß, ich bin unendlich priviligiert durch meine Geburt, meine Kindheit und Jugend in Deutschland, in Frieden und relativem Reichtum. In Sorgenfreiheit, Freiheit und Sicherheit. Ich habe (zum Glück) all die Jahre in Sierra Leone nie die Augen verschließen, nie genug innere Distanz aufbauen können, von den Ungerechtigkeiten, die ich täglich sehen und fühlen musste, von der Armut, der Perspektivlosigkeit, der Ungleichheit und des Machtmissbrauches. Ich weiß, all das ist noch da, aber ich bin nicht mehr 24/7 damit konfrontiert. Die Herausforderungen des Alltags in Deutschland haben eine ganz andere Qualität. Trotz all der Schwierigkeiten und Herausforderungen, die in den letzten 1,5 Jahren auf meinem Weg waren und immer noch sind, ich kann mit ihnen umgehen und ich weiß, die meisten sind zeitlich begrenzt. Das ist ein großer Unterschied. Da ist eine Perspektive für die Zukunft, dass sie anderes wird. Und Hoffnung, dass diese andere Zukunft “besser” und leichter werden kann. 

Ich bin auch sehr froh, wieder Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein. Es ist sehr anstrengend, immer anders zu sein, nie dazuzugehören, immer als anders gesehen, gelesen und behandelt zu werden. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann nicht fühlen was ich meine. Wie entspannt es ist, in Deutschland Bus zu fahren, durch die Stadt zu schlendern, in ein Restaurant zu gehen, ohne wahrgenommen zu werden.

Was bleibt, was nehme ich mit, was lasse ich da?

Ich nehme viele wunderbare Erlebnisse mit, viele Erinnerungen in denen ich große Dankbarkeit und Glück in meinem Herzen fühle. Es gibt ein paar Erinnerungen an Momente vollkommener Freiheit. Ich habe mich in Deutschland nie so frei und selbstbestimmt gefühlt wie manchmal in Sierra Leone. Dieses Gefühl nehme ich mit und bin gespannt, in welchen Situationen ich es in Zukunft fühlen werde. Ich habe neue FreundInnen fürs Leben gefunden. Ein paar habe ich dieses Jahr in Italien besucht. Das Wiedersehen war, als hätten wir uns erst eine Woche zuvor gesehen. Natürlich habe ich auch gute sierra leonische FreundInnen zurückgelassen, bei denen ich mich sehr auf ein Wiedersehen freue, wenn ich das nächste Mal dort hin. Mariama meine Kollegin hat mich immer unterstützt, Abdul und Betty haben mir so viel beigebracht und mich Teil ihres Lebens werden lassen. Das ist nicht selbstverständlich.

Ich nehme viel Klarheit mit, darüber, was ich in der Zukunft möchte und was nicht. Ich nehme natürlich meine Vögel mit. Auch wenn ich noch immer kaum deutsche Vögel bestimmen kann, eines Tages werde ich sie alle kennen. Ich nehme die wunderschöne Gewissheit mit aus dieser Zeit, dass meine Freundschaften in Deutschland mir für immer bleiben werden. Die große Distanz, die unterschiedlichen Lebensrealitäten, die unterschiedlichen Lebenswege hatten keinen negativen Einfluss auf diese engen Bindungen. Darüber bin ich sehr glücklich. Ich fühlte mich sofort wieder zuhause mit ihnen. 

Ich nehme so viele Erfahrungen mit aus dieser Zeit, ich kann es nicht in Worte fassen. Mir kommen die ganze Zeit einzelne szenenhafte Momente und Bilder in den Kopf. Es ist die Summe all dieser Erfahrungen und Erlebnisse, die diese Zeit so wertvoll macht. Ich bin so dankbar, dass einige wichtige Menschen mich besucht haben und auch, dass ich Freundschaften in Deutschland aus Sierra Leone habe, mit denen ich meine Erinnungen teilen kann. Die verstehen, was ich meine, wenn ich von meiner Wohnung, vom Strand, vom Verkehr, von den Geräuschen, den Gerüchen, den Sinneseindrücken rede. Danke, dass ihr diese Reise auf euch genommen habt. 

Ich nehme auch die Freundschaft zu einem besonderen Menschen mit in mein weiteres Leben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier überhaupt über seinen Tod berichtet hatte. Ich hatte damals kaum Worte für das, was passiert ist. Mein lieber und bester Freund John (nicht John Daniel, über den ich weiter oben geschrieben habe, ein anderer John), my dear John ist im April 2024 gestorben. Die Umstände seines Todes waren das Traumatisierenste, was ich jemals erlebt habe. Es war eine schlimme Zeit. Da ich seine engste Bezugsperson war, habe ich mich gemeinsam mit guten Freunden, um alles gekümmert. Ich war in Kontakt mit seiner Mutter in UK, wir haben seine Wohnung aufgelöst, seine Sachen aussortiert, uns um die nötigen Dokumente bei den Behörden gekümmert – ich fühlte mich wie bei Asterix und Obelix. Ich erinnere mich noch gut, dass ich beim Chef der “Birth and Death Registration” im Büro saß und John registrieren musste (er hatte sich nie in Sierra Leone offiziell angemeldet), wofür ich von seiner Mutter eine Vollmacht anfragen musste, nur um ihn dann für tot erklären lassen zu können, damit wir das Death Certificate erhalten würden, welches wir natürlich für die Repatriation benötigten. Und während ich da in diesem Büro saß, erhielt ich die Fotos der Beerdiungsfeier meiner Oma aufs Handy und ließ die Tränen laufen. Eine absolut absurde Situation. Nun sitze ich Monate später im ICE und die Tränen fließen wieder. Ich versuche auch diese verrückte Zeit abschließen. Am Ende mussten wir John einäschern lassen, da ein Rücktransport der Leiche zu teuer gewesen wäre. Die einzige Einäscherungsmöglichkeit in Sierra Leone ist mit der indischen Gemeinde. So hatten wir ein hinduistisches Verbrennungsritual, was ihm bestimmt gefallen hätte. Ich schreibe das nun als Teil meiner Verarbeitung. Weil ich gerne das Belastende aus der Zeit in Sierra Leone und danach gerne zurücklassen möchte. Ich möchte aber die schönen Erinnerungen mitnehmen. Es ist schade und manchmal immer noch traurig, wenn ich bei Insta etwas Witziges sehe und es nicht mit John teilen kann oder dass wir weder über Trumps zweite Amtszeit, noch über den Gazakrieg oder den Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha sprechen können. Ich finde es auch schade, dass er Nelio nicht kennenlernen konnte, aber er wäre ein toller Onkel für ihn gewesen. John war in Sierra Leone mein bester Freund, fast von Anfang an. Ich habe ihn schon im August 2021 kennengelernt. Wir waren so eng, dass wenn nur einer von uns zu einer Feier eingeladen war, der andere immer mitgemeint war. Ich bin dankbar für diese Freundschaft und dass ich am Ende bei ihm war und wir die Dinge hoffentlich in seinem Sinne geregelt haben. Und jetzt lasse ich alles Schwierige hier und nehme die Neugierde auf die Welt mit.

Nun wurde es doch emotionaler als erwartet. Aber anscheinend musste es raus. Auf meinem “Gemälde” über meine Zeit in Salone und danach, ist natürlich auch der Tod von John abgebildet, aber auch dass ich mich in dieser Zeit ganz wunderbar getragen und gestützt gefühlt habe von guten Freunden. Ich nehme dieses Gefühl sehr gerne mit, das Gefühl und das Wissen, dass ich in schwierigen Zeiten nicht alleine bin und aber auch, dass ich schwierige Zeiten gut überstehen kann und mir selbst gut helfen kann. Selbstwirksamkeitsüberzeugung nennt man das in der Psychologie wie ich jetzt gelernt habe. Das Wort habe ich mir extra notiert. 

So gehe ich ganz klar gestärkt und mit mehr Selbstwirsamkeitsüberzeugung aus dieser aufregenden, spannenden, oft sehr frustrierenden und emotionalen Zeit heraus, die zugleich auch so viele zauberhafte Momente hatte.

Mit Mut und Zuversicht in die Zukunft

Das letzte Bild auf meinem Reflexionsgemälde ist wieder ein “Selfie”, eines, das es aber nicht als Foto gibt. Diesmal sind meine Augen nicht ganz so weit aufgerissen vor Vorfreude und Neugierde, sie sind eher entspannt, sie blicken in die Zukunft, mit Nelio in meinem einen Arm und meinem Laptop im anderen. Ich bin bereit für das neue Jahr und was es bringt, einen neuen Job, viele neue zukünftige Erinnerungen. Ich hoffe auf Gelassenheit und weiß jemanden an meiner Seite, der mir Ruhepol ist. 

Meinen Leitspruch für meine Zeit in Sierra Leone “May your choices reflect your hopes and not your fears” soll mich auch weiter begleiten, so dass ich voller Zuversicht und Mut ins neue Jahr starten kann. Und das Gleiche wünsche ich auch euch. Nun wünsche ich uns allen aber zuerst einmal eine ruhige “Zwischenzeit”, in der wir das Alte abschließen können, Unbeendetes ruhen lassen und offen werden für Neues. 

In diesem Sinne: schöne Weihnachtstage und einen guten Übergang ins neue Jahr euch allen!

Alles anders als gedacht…

So lange war es noch nie still auf meinem Blog. Eigentlich habe ich fast zeitgleich mit dem letzten Post diesen hier geplant, aber irgendwie kamen die Worte nicht aus mir heraus und ich wusste nicht, was und wie ich schreiben soll. Für die meisten von euch wird es keine neue Nachricht sein, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass ich es auch hier schreiben muss.

Vor ungefähr fünf Monaten bin ich von Sierra Leone nach Deutschland geflogen in Vorfreude auf ein Wiedersehen mit vielen lieben Menschen, in Vorfreude auf ein paar Wochen Entspannung und Recreation, in Vorfreude darauf, meine Batterien aufzufüllen, um dann Anfang August wieder voller Energie zurück nach Salone zu fliegen. Ich hatte mich nicht einmal von allen Leuten verabschiedet, weil ich vor Abflug nochmal krank war und mit der Arbeit noch viel unterwegs. Es wäre ja nur für ein paar Wochen…

Aber wie das Leben manchmal so spielt, kam dann alles anders und auf einmal stand alles Kopf. Dass ein Kind große Veränderungen mit sich bringt, ist bekannt, aber normalerweise hat man ein paar Monate Zeit, sich darauf einzustellen und meist kommen die großen Veränderungen erst mit der Geburt. Nicht so bei uns. Nachdem ich gemerkt hatte, dass ich schwanger bin, ging alles viel zu schnell und viel zu viel änderte sich auf einen Schlag und noch dazu vollkommen außerhalb meiner Kontrolle. (Für die, die es noch nicht wussten: Yes, ich bin schwanger. Mittlerweile im sechsten Monat.)  Auf einmal hieß es, kein Rückflug nach Sweet Salone, kein Abschied von lieben Menschen in Freetown und anderen Orten, keine Zeit, um mich emotional auf all das vorzubereiten. Von jetzt auf gleich haben andere beschlossen, dass mein Leben nun nicht mehr in Westafrika, sondern wieder in Deutschland ist.

Die ersten Wochen waren emotional (und organisatorisch) unglaublich anstrengend und herausfordernd. So viel Ungewisses – teilweise bis heute – so viele Abschiede, die ich nicht richtig leben konnte, so viele Fragen in mir, ob ich das will und wie und überhaupt. Einige Stürme in mir haben sich mittlerweile beruhigt, andere brechen ab und an wieder hervor.  Ich bin unendlich dankbar, für alle, die mich und die unerwartete Nachricht mit Freude und offenen Armen aufgenommen haben.

Wie nimmt man Abschied von einem Leben, wenn man weit weg ist? Von Freundinnen und Freunden, die eigentlich Teil meines Alltags waren und die ich auf einmal vielleicht nie wieder sehen werde? Von einem Land, das über drei Jahre meine Heimat war?

Beim Kaffee am Morgen blicke ich jetzt nicht mehr aufs Meer oder in meine neighbour hood, sondern über die Dächer der Nachbarhäuser und auf die mittlerweile herbstlich gefärbten Bäume des nahen Waldes. Ich lausche nicht mehr dem Huppen der Okadas, den Werbeslogans von der Straße und den Generatoren, sondern es herrscht Stille und das Rauschen der nahen Autobahn. Die bunte Welt um mich herum ist eingetauscht gegen das Grau-in-Grau des deutschen Novembers. Ich beobachte keine Bee-eater, Western Grey Plantin Eater und Village weaver mehr. Es sind Meisen, Eichelhäher und Amseln, denen ich nun bei ihren Flügen zuschaue.

Ich vermisse meine Freundinnen und Freunde in Freetown, ich vermisse unsere gemeinsamen Abende, die Wochenenden am Strand, die internationale Umgebung, die spannenden Lebenswege und das immer wieder Unerwartete. Ich vermisse meine Arbeit, die Kollegin, die Besuche in den Dörfern und all das, was ich Erleben durfte. Ich kann es nicht in Worte fassen. Es ist das Gefühl, in Sierra Leone zu sein, das ich vermisse. Dieses Gefühl, wenn ich ankomme und vom Flughafen auf die Fähre laufe, das Gefühl abends ein Mützig am Strand zu trinken oder bei den italians zur pasta night zu sein. Ich vermisse es, abends durch Freetown zu fahren oder über Land, durch Dörfer und durch die grüne Landschaft nach der Regenzeit. Ich vermisse den Wind im Haar, wenn ich Okada fahre und das Lächeln der Begrüßung, wenn ich alte Bekannte treffe. Ich vermisse die Menschen. Das Gefühl, dass ich in Besprechungen, Workshops und in der Arbeit mit den communities spüre. Sogar das Essen vermisse ich. So gerne hätte ich mal wieder groundnut soup, casava leaves, fried rice und rice balls. Die Geräusche, die Gerüche, die tropische Luft… All das vermisse ich. Mein Leben in Sierra Leone eben.

Vieles vermisse ich allerdings auch nicht. In welch einem Luxus und Wohlstand ich nun schon seit fünf Monaten lebe: Immer Strom! Immer Licht und fließend Wasser – kalt und warm!!! Ich kann einfach meine Wäsche in der Maschine waschen, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, ob die Wäsche wirklich in zwei Stunden fertig ist, sauber, und ich alles entspannt aufhängen kann. Mein Geschirr kann ich einfach in die Spülmaschine packen und die wäscht für mich. Wie unglaublich toll ist das denn? Wenn es warm ist, mache ich das Fenster auf und wenn es kalt wird, mache ich die Heizung an. Kein Schwitzen, kein „zu heiß“ in der Nacht. Im Supermarkt gibt es einfach alles zu kaufen, was das Herz begehrt und auch noch zu Preisen, die absolut okay sind. Und diese unglaubliche Vielfalt an Salat, Tomaten, Äpfeln, Gemüse und Obst, Essig, Öl, Käse, Wurst, Brot alles. Wow! Noch immer merke ich, dass ich beim Betreten von Supermärkten denke, Wow. Nur Salone Food finde ich nicht.

Und auch easy: gibt es etwas nicht im Laden, dann gibt es es im Internet. Und wird einfach direkt nach Hause geliefert. Es funktioniert einfach alles, wie geschmiert. Ja, die Deutsche Bahn nicht immer, aber immerhin gibt es eine Bahn und ich kann mit dem Zug durch Deutschland fahren und Leute besuchen.

Ich genieße, dass alles funktioniert. Ich genieße Spaziergänge im Herbstwald, Stadtbummel mit Kaffeepause und natürlich vor allem die Zeit, die ich mit Familie, Freundinnen und Freunden verbringen kann. Alles, was drei Jahre lang zu kurz kam, kann ich nun nachholen. Welch ein Geschenk. Es macht mich unglaublich glücklich, dass ich drei Jahre weg war und dennoch immer das Gefühl habe, es war nur eine kurze Zeit, wenn ich mich mit lieben Menschen treffe.

Und ich muss zugeben, ich genieße es auch, eine von vielen zu sein. Ich genieße es, nicht konstant mit meinen Privilegien als Weiße, als Europäerin, als Reiche konfrontiert zu sein. Und zugleich bin ich eben auch nicht ständig mit dem unglaublich schweren Schicksal so vieler anderer Menschen konfrontiert. Ich muss nicht mehr direkt entscheiden, wem ich Geld gebe für ein Abendessen oder einen Arztbesuch. Ich muss die viel zu jungen Mädchen abends auf der Straße nicht mehr sehen und mir ausmalen, wie sie wohl die Nacht verbringen werden, muss mir nicht mehr ständig Gedanken machen, wie wohl die meisten Menschen, die ich jeden Tag sehe, ihr Leben meistern, Schulgebühren für die Kinder zahlen, mehr als eine Mahlzeit am Tag bereiten und sich in ihrem Schicksal ergeben und dennoch kämpfen. Die Armut und das Elend sind wieder weiter weg – ich kann die Augen davor verschließen, wenn ich möchte. Aber dennoch sind diese Bilder in mir. Und ich bin mir meiner Privilegien bewusst. Auch deshalb muss ich mich manchmal bei Gesprächen zusammenreißen und den Mund halten. Manchmal muss ich mir sagen: „Ja, das hier sind auch echte Probleme. Sie kennen es ja nicht anders… Hätten sie gesehen, was ich gesehen habe, wären sie vielleicht dankbar und nicht frustiert und gestresst.“ Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Ich bin sehr dankbar, für all die Begegnungen und Menschen, die ich in den drei Jahren in Salone getroffen habe, für alle, die ich wahrscheinlich nicht mehr sehen werde und für alle, die Teil meines Lebens geworden sind und dies auch bleiben werden.

Es hat so lange gedauert, bis ich hier geschrieben habe, da noch immer so vieles im Unklaren ist. Ich weiß noch nicht, wie es nach der Geburt weitergeht, wo mich das Leben hintreibt. Manchmal denke ich, vielleicht war es einfach Zeit, zurück nach Deutschland zu kommen und hier zu bleiben, oft habe ich aber auch das Gefühl, ich muss wieder weg und ich bin noch nicht bereit für ein Leben in Deutschland. Aber spätestens seit Juni weiß ich auch, das Vieles nicht planbar ist. Vor sechs Monaten hätte ich es noch nicht für wahrscheinlich gehalten, dass ich jetzt hier schwanger in Deutschland sitze. Deshalb bleibt wohl auch mit Blick in die Zukunft mit offenem und hoffnungsvollem Herzen auf das zu Warten, was da kommt.

Wie es mit diesem Blog weitergeht, weiß ich auch noch nicht. Bevor ich nach Sierra Leone bin, habe ich mich extra dafür entschieden, den Namen nicht an das Land zu koppeln, sondern eher an mich. Eigentlich dachte ich eher, ich kann den Blog „mitnehmen“, falls ich nach Salone in ein anderes Land weiterziehe oder danach endlich meinen Traum verwirkliche, und eine Almhütte bewirtschafte. Dass es nun so kommt, konnte ich nicht ahnen; dass es eine mummy-Blog wird, hoffe ich vermeiden zu können; mal schauen, was hier in Zukunft passiert. Es bleibt spannend.

Ich möchte allen danken, die in den letzten Jahren mit mir auf die Reise gegangen sind und sich auf meine Berichte und Sichtweisen eingelassen haben. Vielen Dank für all die Rückmeldungen, für das Dabeisein und das Begleiten. Es hat mir immer geholfen, zu wissen, dass in der Ferne ein paar Menschen sind, die an mich denken, die mit mir Miterleben und neugierig sind, auf das, was ich erlebe. Danke dafür. Und wer weiß, vielleicht ist es jetzt dann noch ein bisschen still hier, aber das Leben wird vielleicht wieder Spannendes für mich bereithalten. (Nicht das ein Kind nichts Spannendes wäre – aber ich meine abgesehen davon 😉) Wenn es soweit ist, werdet ihr es erfahren. Der Blog bleibt auf jeden online und ich bin schon gespannt, was ich im nächsten Beitrag so schreiben werde.

Bis dahin: alles Gute, verliert den Mut, die Neugierde und die Hoffnung nicht, egal was um euch herum und in der Welt geschieht.

Verregnete Regenzeit

Regen, Regen, nichts als Regen und es scheint kein Ende nehmen zu wollen. In Sierra Leone ist Regenzeit. Wie jedes Jahr beginnt sie im Mai/Juni und endet im September. Dieses Jahr kam der Regen spät. Schon seit ein paar Jahren ist der Regen nicht mehr vorhersehbar wie früher. Das bereitet allen, die von der Landwirtschaft leben, große Probleme. Die Zeit der Aussaat ist ungewiss, der erste Regen, der den Boden nach der langen Trockenzeit vorbereitet, kommt immer später und bleibt teilweise ganz aus. Die Klimakrise ist zu spüren und auch wenn nicht alle wirklich verstehen, was climate change bedeutet und wie die globalen Zusammenhänge sind, so spüren doch viele seine Folgen.

Ich habe mich ja schön aus dem Staub oder aus dem Regen gemacht Mitte Juni, um dem Regen zu entfliehen und den deutschen Sommer zu genießen. Und ja, auch der deutsche Sommer war etwas verregnet und kalt – zumindest teilweise, aber die Nachrichten, die aus Sierra Leone kamen, haben mich den deutschen Regen lieben gelehrt.

Normalerweise ist die Regenzeit im Juli und August am stärksten, das bedeutet, dass im August fast so viel Regen vom Himmel fallen kann wie in Deutschland im ganzen Jahr. Dass es also im Juli und August viel regnet, ist keine Überraschung in Sierra Leone. Aber so viel wie dieses Jahr hat es wohl schon lange nicht mehr geregnet. Es gibt den berühmte „7-Tage-Regen“. Während des 7-Tage-Regens regnete es – surprise – sieben Tage lang ohne Unterbrechung. Das kann wirklich nervig und zermürbend sein, wenn man ein trockenes Zuhause und ein Auto hat, es ist unglaublich schlimm, wenn man kein trockenes zuhause hat und auf Keke und Okada angewiesen ist, um sich fortzubewegen. Das Leben steht ein bisschen still, da man nichts machen kann.

7-Tage-Regen? Das war einmal

Als also der 7-Tage-Regen begann, irgendwann im Juli, war niemand überrascht. Ich saß im trockenen Deutschland und habe nur die Nachrichten in den Chat-Gruppen verfolgt. Ah, alle, die die erste Regenzeit erleben, verstehen nun, was Regenzeit heißt. Alle, die das schon kennen, stellen sich auf ein paar Tage Regen ein. Doch dann hörte der Regen nicht auf. Nicht nach sieben Tagen, nicht nach 10 Tagen, nicht nach zwei Woche. Über 20 Tage regnete es in Freetown. Das hatte noch niemand erlebt. Über 20 Tage Regen. Es mehrten sich die Fotos und Videos von der zerstörerischen Kraft der Wassermassen.

20 Tage Regen – und alles ist durchnässt

Was bedeuten 20 Tage Regen für eine Mehrheit in Freetown? Es bedeutet alles und ist eine riesige Katastrophe für viele Menschen. Wir reden hier nicht von ein bisschen Nieselregen. Wir reden hier von echtem Regen, von Regen, der die Sicht auf ein paar Meter begrenzt und wie aus Eimern aus den Wolken fällt. Regen, der dich innerhalb von Sekunden bis auf die Haut durchnässt und teilweise gemeinsam mit Sturm und Windböen über das Land fegt. Auch nach drei Jahren Sierra Leone und auch in meiner dritten Regenzeit, bin ich jedes Mal wieder überwältigt von diesen Naturgewalten.

Alle, deren Dächer nicht ganz dicht sind, weil sie aus zusammengebasteltem Wellblech bestehen, sitzen auch in ihrem Zuhause nicht im Trocknen. Selbst „richtige“ Dächer und Häuser halten diesem Regen nicht immer Stand. Der Regen sucht sich seinen Weg durch jede Ritze, durch undichte Fenster (so zum Beispiel bei mir im Wohnzimmer), unter jedem Türspalt (ja, auch meine Wohnung wird gerne geflutet bei starkem Regen mit Wind) und auch durch die Wände.

Wenn es so viel regnet, hat der Erdboden keine Chance, die Wassermassen aufzunehmen. Straßen werden geflutet – leider auch, weil oft die Abflusssysteme nicht frei von Müll sind und somit alles auf die Straßen geschwemmt wird. Straßen am Hang verwandeln sich in reißende Flüsse und bringen Schlamm, Müll und Dreck den Hang hinunter zu den Häusern, die weiter unten stehen. Freetown ist auf Hügeln gebaut, es gibt also sehr viele Hänge. Ein Problem ist natürlich, dass viele Flächen versiegelt sind und somit das Wasser weniger Möglichkeiten hat, in den Erdboden zu versickern, gleichzeitig kommt das Wasser mit immer mehr Gewalt die Hügel herunter, da durch die Abholzung der Wald fehlt, der Regen und das Wasser früher abgebremst hatte. Mauern und Häuser werden mit Zement und Ziegeln gebaut, die von geringer Qualität sind. Meist wird Sand aus dem Meer zum Bauen verwendet. Das Salz, das sich durch das Meerwasser im Sand befindet, saugt sich bei Regen und bei hoher Luftfeuchtigkeit voll (Salz zieht ja Wasser an), das erhöht einerseits den Schimmel in den Wänden, macht die Wände aber auch instabiler. So kommt es immer wieder zu tragischen Todesfällen. Im Juli ist eine Mauer eingestürzt, die auf das Wellblechhaus einer Familie fiel. Die Mutter und zwei Kinder sind dabei gestorben.

20 Tage Regen bedeuten auch, dass quasi nichts mehr trocken ist. Ich kenne das aus den letzten Jahren. Die Klamotten haben keine Chance zu trocknen nach dem Waschen und riechen schon wieder mouldy, bevor man sie von der Leine nehmen kann. Die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass alles, wirklich alles dauerfeucht ist. Matratzen, Kissen, einfach alles. Man hat ja in Deutschland keine Vorstellung davon, was alles schimmeln kann. Alles, was aus Leder ist, wird mit einer schönen feinen Schimmel-Patina überzogen. Auch Essen, mir sind selbst trockenen Nudeln geschimmelt und noch einiges mehr, was mich wirklich in Staunen versetzte. was alles schimmeln kann, man glaubt es kaum. Aber in den letzten Jahren gab es nie zwanzig Tage Regen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es für den Großteil der Bevölkerung war und immer noch ist.

20 Tage Regen – 20 Tage ohne Einkommen

20 Tage Regen bedeuten für viele Menschen auch, 20 Tage keine Arbeit, kein Einkommen, kein Essen. Die Fotos und Videos, die ich sah, zeigten Marktplätze hüfthoch geflutet, Straßen überschwemmt, so dass Keke und Okada kaum noch durchkommen, leere Strände, Menschen, die durch Wassermassen schreiten. Für mich, die in meinem (größtenteils) trockenen Heim sitzt, mit dem eigenen Auto in die Arbeit fahren kann oder im Notfall auch mal von zuhause arbeiten kann, ist es wie gesagt, nicht die schönste Zeit im Jahr, aber gut. Ist eben Regenzeit. Für alle Menschen, die davon leben, dass sie täglich ein paar Dinge auf den Straßen verkaufen, die Frauen, die die kleinen cookeries am Straßenrand betreiben, die Leute, die den ganzen Tag durch die Straßen der Stadt ziehen und von Besen über Rattengift und Hundehalsbänder alles Mögliche anbieten, für die Keke- und Okadafahrer, für die Frauen auf den Märkten, für die bedeuten tagelange Regenfälle, tagelange Arbeitsausfälle und somit auch kein Einkommen für die Familie.

Viele Menschen leben davon, dass sie tagsüber oder abends etwas Geld verdienen und dieses dann direkt in Essen für sich und vielleicht auch die Familie investieren. Für diese Menschen sind die langen Regen eine existentielle Katastrophe. Viele haben nicht die Möglichkeit zu sparen und dann für die Regenzeit vorbereitet zu sein, weil es immer gerade so zum Leben reicht. Da ist nichts übrig für schwere Zeiten. Schon immer wundere ich mich, wie Menschen das schaffen. Nicht nur in Sierra Leone, auch in vielen anderen Ländern. Das Leben von der Hand in den Mund ist in der Regenzeit mehr als eine Herausforderung. Es ist ein Teufelskreis. Kaum jemand geht auf die Straße, da es regnet, dadurch gibt es weniger Angebot zu kaufen und weniger Nachfrage an Keke und Okadas, somit haben Menschen weniger Essen und können weniger Nachfrage generieren und so weiter und so fort. Auch alle, die in Bars, Restaurants, an den Stränden arbeiten, haben kein Einkommen. Wer geht schon an den Strand und sitzt in der Strandbar, wenn es schüttet wie aus Eimern? Wenn es „kalt“ und ungemütlich ist.

Mit dem Regen kommen die Krankheiten

Regenzeit ist auch Malariazeit. Ich bin das beste Beispiel. Schön jedes Jahr zu Beginn der Regenzeit im Juni besucht sich die Malaria. Wenn sich überall Pfützen bilden, finden die Mücken beste Voraussetzung für die Fortpflanzung. Außer Malaria kommen mit der Regenzeit aber auch andere Krankheiten. Viele Häuser haben keine indoor-Toilette. Oftmals teilen sich mehrere Häuschen so eine Art Klo- und Duschhaus. Es gibt ein Loch im Boden und das war´s. Was passiert, wenn die Wassermassen kommen und alles überschwemmen und ausschwemmen, muss ich hoffentlich nicht im Detail beschreiben, aber da schwimmt so einiges im Wasser, vieles für das menschliche Auge nicht sichtbar, aber mit Auswirkungen auf den menschlichen Magen-Darm-Trakt. Während der Regenzeit kann es mal zu kleineren Choleraausbrüchen kommen, zu vermehrten Durchfallerkrankungen und auch allgemein zu mehr erkältungsmäßigen Erkrankungen, wegen der konstanten Feuchtigkeit und Kälte. Und dann ist kein Geld da, für ausgewogene Ernährung, für den Besuch beim Arzt oder die Medikamente.

Dass bei Regen oft kein Strom da ist, brauche ich wahrscheinlich gar nicht mehr zu sagen. Das wissen wahrscheinlich mittlerweile die meisten von euch. Und wie stark eine Solaranlage bei 20 Tagen Dauerregen und ohne Sonne funktioniert, naja, da kommt mehr energy bei Sonnenschein, sage ich mal.

Da möchte man am liebsten einen landesweiten Chor anstimmen und das alte Kinderlied „Lieber Regen geh weg, liebe Sonne komm wieder“ anstimmen. Welch eine Wohltat, wenn die Sonne sich dann nach Tagen durch die Wolken kämpft und mit ihren warmen Strahlen die Haut berührt. Wenn es Flecken blauen Himmels gibt und wieder Hoffnung aufkeimt auf ein Ende des Regens.

Der Regen ist wichtig, schließlich wird es erst einmal einige Monate nicht mehr Regnen, wenn er weg ist. Aber solange er da ist, wird er ausgehalten in stoischer Apathie und die Sonne herbeigesehnt. Nun ist es bald Ende August und „it´s raining like hell again“(so schrieb mir heute jemand). Andere Fragen schon in meiner einen Whatsapp-Gruppe „What’s going on? Are we back in July?”

Während sich manche in Deutschland also über den Regen und die Wolken ärgern und sich fragen, wo der Sommer ist, sage ich: genießt den Nieselregen, zieht eure Gummistiefel an und geht raus. Das, was ihr Regen nennt, ist kein Regen. Und solange ihr ein dichtes Dach über dem Kopf habt, dichte Fenster, trockene Klamotten und Decken, einen Kühlschrank, der nicht nur kühlt, sondern auch noch voller Essen ist, freut euch des Lebens und seid dankbar dafür, dass das Schicksal, der Himmel oder wer auch immer euch ein trockenes zuhause beschert hat.

In diesem Sinne summe ich hoffnungsvoll „Here comes the sun“ und verabschiede mich für heute in den Regen.

Women empowerment durch Umweltschutz

Langsam kennt ihr alle meine Lieblingsplätze um Blog-Beiträge zu schreiben 😉 Heute mal wieder die Terrasse des Paloma in Kenema. Wir sind heute aus der community zurückgekommen und nach zwei Tagen Reis, Reis und nochmals Reis, hatte ich Lust auf einen richtigen Kaffee und etwas anderes als Reis. Und was liegt da näher als parallel direkt mit euch meine letzten Erlebnisse zu teilen. Zuvor noch Fotos von meinem Frühstück heute morgen:

Heute gibt es bei den meisten Fotos Bildunterschriften. Teilweise kommen die erst, wenn ihr mit der Maus über das Foto geht.

Der globale Rahmen wird sichtbar im kleinen Dorf in Sierra Leone

Auch wenn ich es manchmal aus den Augen verliere, arbeiten wir eigentlich konstant an der Erreichung der UN-Sustainable Development Goals (SDGs). Die SDGs wurden auf globalem Level festgelegt und haben die Millenium Development Goals abgelöst. Die 17 SDGs behandeln quasi alle Ebenen einer Gesellschaft, es geht um zero hunger, end poverty, gender equality, Müttersterblichkeit, Zugang zu sauberem Trinkwasser, clean energy, und so weiter. Alle Länder, Projekte und Organisationen, die im (inter)nationalen Entwicklungskontext zugange sind, richten ihre Arbeit an diesen SDGs aus. Die beiden Themen women empowerment und Umweltschutz sind dabei von vielen Regierungen groß auf die Fahne geschrieben (auch von der EU und Deutschland), so dass die meisten Projekte, die im globalen Süden entwickelt werden und sich auf Gelder bewerben, meist einen Genderaspekt und einen Umweltaspekt beinhalten. Zunächst hört es sich so an, als wären das zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, aber mein Besuch in den Dörfern im Gola Landscape die letzten Tage hat doch wieder gezeigt, wie eng alles miteinander verbunden ist.

Auf nach Kenema in die grünen Hügel

Ähnlich wie vor ein paar Wochen nach Kabala, haben wir uns am Samstag auf den Weg nach Kenema gemacht, um dort die Projekte zu besuchen und stories zu sammeln für unsere Kommunikationsarbeit. Ich war schon ewig nicht mehr in Kenema und wie jedes Mal wenn ich hier bin, denke ich, Kenema ist doch die schönste Stadt im Land. Umgeben von grünen Hügeln, entspannt und ruhig. Ich mag Kenema. Am Samstag war auch einer meiner italienischen Freunde in Kenema, der eigentlich in Bo wohnt. So habe ich mich ihm und der MSF (Medicine Sans Frontier / Ärzte ohne Grenze) Truppe angeschlossen beim Volleyball und anschließender Holzofenpizza aus dem selbstgebauten Pizzaofen (natürlich von einem Deutschen gebaut). Am Sonntag ging es denn auf zum Kontrastprogramm in die Dörfer, ihr könnt es euch schon denken, mit Reis vor der Abfahrt 😉

Forest Conservation through land use planning – WABiLED

Unser aktuelles Projekt im Gola Landscape, WABiLED, ist ein Pilotprojekt in fünf communities, dessen Ziel es ist, mit den communities sogenannte By-Laws für den Waldschutz zu entwickeln, den bestehenden Wald und die degradierten Flächen zu kartografieren und dann aufzuforsten. Da die meisten Dorfleute farming betreiben oder logging geht es auch darum, climate smart farming Methoden einzuführen, so dass der Wald nicht immer weiter schwindet, sondern community Wald definiert wird, in dem dann nachhaltige Landwirtschaft und agroforestry betrieben werden kann. Wir haben zwei communities besucht, um zu sehen, wie climate smart farming das Leben der Menschen verändert.

 Climate smart farming in Lowuma

Zwei Stunden Fahrt durch wunderschöne Landschaft und grüne Natur oder 50km südlich von Kenema, befindet sich Lowuma, ein kleines Städchen am Rande des Regenwaldes. Wir haben uns, wie das so üblich ist hier, im Dorfzentrum mit den Mitgliedern der Community Forest Management Gruppe getroffen. Im Dorfzentrum gibt es meist eine überdachte Versammlungsplattform. Wir haben unser Anliegen vorgetragen und im Anschluss fünf der Mitglieder interviewt.

Die meisten Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner haben früher upland-rice farming betrieben. Dafür müssen jede Saison neue Felder angelegt werden und immer wieder neu Wald vernichtet werden. Die Arbeit ist sehr mühsam und anstrengend und die Erträge nicht undbedingt hoch.

„Als CSSL kam, haben sie uns gesagt, wir sollen den Wald schützen und ihn nicht weiter zerstören. Sie haben uns alternative Landwirtschaftsmethoden beigebracht und gesagt, es ist besser, wenn wir den Wald bewahren und im Schatten der großen Bäume pflanzen“, erklärt zum Beispiel Masa Komoh. Früher hat sie auch upland-rice angebaut, aber sie sagt, es ist körperlich so schwer gewesen und auch allgemein sehr viel mehr Arbeit. Seitdem sie nun Ananas, Bananen, Kochbananen und Kakao anpflanzt, hat sie reichere Ernte, mehr Einkommen und vor allem hat sie mehrere Ernten pro Jahr mit weniger Körpereinsatz. Nach dem Gespräch sind wir mit ihr durchs Dorf gelaufen, um zu ihrer Farm zu gelangen. Ich habe auch ein paar Fotos von ihr vor ihrem Haus gemacht. Ich dachte, es ist mal wieder an der Zeit, dass ihr Dorfimpressionen bekommt. Ich habe mal wieder gemerkt, dass das genau der Teil meiner Arbeit hier ist, der mir am meisten Spaß macht. Im direkten Gespräch mit den Menschen durchs Dorf und durch den Wald laufen. Denn natürlich führt der Weg zu den Feldern erst durchs Dorf, vorbei an ein paar Häusern, dann vorbei an der Dorfschule, hinaus aus dem Dorf, über einen Trampelpfad durch den Wald, bis man dann endlich auf dem Feld ankommt.

Für Masa ist die größte positive Veränderung in ihrem Leben, dass sie nun immer genug Geld hat, um die Schulgebühren zu zahlen und ihre Kinder unterstützen kann, außerdem gibt es jetzt immer frisches, gesundes Obst zu essen. Ich habe auch direkt ein paar Ananas von ihr mitgenommen 😊

Auch die anderen Interviewten haben Ähnliches berichtet. Die meisten haben zuvor upland-rice farming betrieben und sind heute davon weg. Alle erzählen, dass sich ihr Leben und das Leben ihrer Familien dadurch verbessert hat. Sei es die weniger harte körperliche Arbeit, die gesündere Diät oder der bessere Zusammenhalt in der Gruppe. Francis Lahai ist der frühere head teacher an der Dorfschule. Er kümmert sich um seine Enkelkinder, da seine Kinder in der Stadt sind. (Ihr seht ihn auf einem der Fotos mit seinen Enkelkindern. Wir haben ihn getroffen, auf dem Weg zu Masas Feldern.) Francis erzählt auch, dass sich durch das Projekt die Situation im Dorf allgemein verbessert hat. Sie haben Wasserkanäle ausgehoben gegen den Sturzregen, Bäume im Dorf gepflanzt für künftigen Schatten und als Windfang und weitere kleine Projekte. Alles, um die community climate change resilienter zu machen. (Auf einem der Fotos seht ihr Lahai Koroma s.u. vor einem der neu gepflanzten Bäume stehen. Sie werden geschützt, damit die Ziegen sie nicht auffressen, so lange sie noch jung und zart sind.)

Wie so oft sind es nicht die Verursacher, die am meisten leiden. Die Menschen in den Gola-communities, haben weder Autos noch Strom, noch konsumieren sie ständig neue Kleidung oder Produkte. Aber sie sind es, die dem Klimawandel am wenigsten entgegenzusetzen haben. Die Dorfgemeinschaft ist sich der Bedeutung des Waldes jetzt bewusst, wer Bäume fällt, muss 500 Leones Strafe zahlen. Das ist ungemein viel. Der Mindestlohn im Land liegt bei 700/800 Leones, aber in den Dörfern gibt es nicht so viel Geldwirtschaft. 500Leones ist deshalb eine unglaublich hohe Summe.

Lahai Jawad ist schon Mitte 60, Spitzname „destruction of the forest”, hat früher als logger gearbeitet, mit der Motorsäge, daher der Spitzname. Auch er ist mittlerweile zum climate smart farming übergegangen. Der Ast eines Baumes, den er gefällt hat, ist ihm auf die Schulter gefallen, die ihm seitdem weh tut. Natur fights back… Er sagt, es ist viel besser. Jetzt liegt er in der Hängematte und die Leute kommen zu ihm, wenn sie etwas kaufen wollen. Er baut unter anderem Casava an. Casava leave ist das Nationalgericht Sierra Leones aber in den Dörfern gibt es nicht immer Casava. Was eine Goldgrube also, wenn man eine Casava Farm hat. Ich sehe ihn richtig vor mir in seiner Hängematte liegen, wenn er davon berichtet. Bis zu seinem Feld sind wir nicht gekommen, es war zu weit weg. Aber er hat unter wilden Gesten versucht, uns zu überreden, doch hinzugehen (seht ihr auch auf den Fotos, wie er versucht auf meinen Kollegen einzuwirken, der ihn fotografiert).

Und dann ist da noch Lahai Koroma, ein junger, hoch engagierter Mann, der als freiwilliger Forest guard den Wald beaufsichtigt und aufpasst, dass niemand in geschützte Gebiete eindringt. Gemeinsam mit Zainab Swari gehen wir auf ihre Felder. Lahai bearbeitet die Pflanzen mit der Machete, während Zainab stolz über ihre Erdnussfelder blickt. Am Morgen erst hatte sie einen Schwung Avocados verkauft und konnte direkt die Schulgebühren der Kinder bezahlen.

Die Unterhaltungen und die kurzen Spaziergänge zu den Feldern mit den Leuten aus Lowuma waren so erfrischend und motivierend, dass wir kaum gemerkt hatten, dass der Tag schon so fortgeschritten war. Noch lag ein weiteres Dorf vor uns. Und ich hatte schon Sorge, dass wir jetzt wieder viele stories über „früher upland-rice-farming und jetzt groundnuts und pineapple“ hören würden, aber der Nachmittag nahm eine überraschende Wendung.

Women Empowerment durch Umweltschutzprogramme

Nach Lowuma ging es nochmals 30 Minuten über Holperpiste durch die grüne Landschaft nach Faawa. Haben wir in Lowuma die Frauen sehr motivieren müssen, zu erzählen, war es hier ganz anderes. Die Männer kamen kaum zu Wort. Und das liegt anscheinend an unserer Intervention in dem Ort. Als Einstieg hatten wir gefragt, wenn sie fünf Jahre zurückdenken und dann an heute, was ist die größte Veränderung. Umgehend ergriff Mummy Jane, Chiefdom Women´s Leader das Wort und war nicht zu stoppen. Sie berichtete, dass sich die Stellung der Frau im Ort durch das engagement von CSSL unglaublich verändert hat.

„Früher dachten wir, Frauen können nur farming machen (das ist dann immer upland-rice farming), nur Männer können die Plantations managen (Plantations sind immer Bananen, Kochbananen, Cashew, Pineapple, Kakao – alles was mehr Einkommen bringt). Heute ist das anders. CSSL hat bei allen trainings immer dafür gesorgt, dass wenn ein Mann da ist, muss mindestens eine oder auch zwei Frauen da sein. Zuerst haben sie geschaut, ob die Frauen Plantations haben und wenn nicht, wurde ihnen dafür Land gegeben. Jetzt bauen wir Bananen, Erdnüsse, Kakao, Kochbanbanen an und verkaufen sie. Wir bekommen mehr Geld dafür als zuvor für den Reis und es ist weniger anstrengend für uns.“ Da die meisten Menschen in der Gegend nicht so gut Krio sprechen, fanden die Gespräche wie auch schon in Lowuma auf Mende statt und meine Kollegin hat übersetzt. Sie musste zwischendrin immer lachen, so wie auch alle anderen Anwesenden, weil Mummy Jane so kraftvoll und klar zum Ausdruck brachte, was Sache ist. „Heute wissen wir, dass wir keine Männer brauchen, um Geld zu verdienen. Früher haben sie uns in nichts involviert, heute fragen sie nach unserem Ratschlag.“ Ich kann das gar nicht beschreiben, aber diese Frau hat eine unglaubliche Ausstrahlung. Ich dachte mir die ganze Zeit nur Wow. Was für eine Powerfrau.

Die drei Männer in der Runde waren die ganze Zeit still und haben nur ab und an gelächelt und wissend genickt, genauso wie alle anderen anwesenden. (Nur zur Erklärung, auch wenn wir ein Meeting mit fünf Personen haben, sitzt das halbe Dorf it dabei.) Sie haben sich anscheinend in ihrem neuen Schicksal ergeben, dass ohne die Frauen jetzt nichts mehr geht in der community. Abubakarr Mansarei, der Youth Leader, wirkte im Anschluss beinahe schüchtern. Er bestätigte, was Mummy Janet gesagt hatte. Früher hätten die Männer die Ernte einfach nach Kenema gebracht und die Frauen nicht weiter beachtet, heute besprechen sie gemeinsam, was für welchen Preis verkauft werden soll. „Wir wussten ja nichts“, wirft Mummy Janet wieder ein. „Wir hatten noch nie von Kilo gehört. Jetzt wissen wir, dass die Produkte Kilopreise haben und kennen uns besser aus, wie der Handel funktioniert. Das hat unsere Position enorm verstärkt.“

Am Ende kommt auch Jenneh Hassan zu Wort. Sie ist die Town Chief. Das ist schon etwas ungewöhnlich, in einigen Regionen können Frauen nicht Town Chief werden, hier offensichtlich schon. Auf die Frage, ob sie auch etwas beitragen möchte, sagte sie sehr klar „I have something to say.“ Sie ist sehr dankbar für das Projekt und unsere Arbeit, weil es der community sehr viel positive Veränderung gebracht hat und auch sie erwähnt direkt im zweiten Satz „especially for the women“. Sie ist halb in Rente und hat einen Großteil der Verantwortung an ihren Sohn abgegeben. Der sitzt die ganze Zeit auch neben ihr, kommt aber nicht zu Wort. Ganz klar bestimmen in diesem Meeting die Frauen das Gespräch und das Thema. Auf meine Nachfrage, ob es schwierig war, bis alle die Veränderung in den gesellschaftlichen Strukturen akzeptiert haben, gab es nur ein kurzes Nachdenken. Gemeinsam mit der Stärkung der Frauen, kamen benefits für alle. Durch die neuen landwirtschaftlichen Methoden geht es dem gesamten Dorf besser, nicht nur den Frauen. Und immerhin gab es ja schon zuvor den weiblichen Town Chief.

Ich persönlich bin sehr beeindruckt und beflügelt ins Auto gestiegen. Dass wir – oder besser meine Kollegen – mit ihrer Arbeit nicht nur den Wald schützen und die Natur bewahren, nein, den Menschen geht es gesundheitlich besser und die Frauenrechte sind gestärkt. Eine win-win-win Situation. Hoffentlich bleibt das so und führt sich in folgenden Generationen so fort. Es zeigt auch, mit welch „einfachen Mitteln“ Veränderung passieren kann. Durch mehr Teilhabe, mehr Bildung und Zugang zu Information hat sich das Leben der Frauen immens verändert. Sie sind unabhängiger und können für sich selbst sorgen – und für ihre Kinder. Das ist ein enorm wichtiger Schritt zu mehr Gleichstellung.

Es zeigt aber auch, wie sehr das Vorenthalten von Bildung und Wissen, Frauen und Mädchen kleinhalten kann und dies ja auch in einigen Ländern methodisch angewandt wird. Wo Mädchen und Frauen keine Schule besuchen dürfen, nicht studieren dürfen, haben die Männer offensichtlich zu viel Angst, dass sie ihre Macht erkennen und ihr Potential ausschöpfen. Leider hat das auch negative Folgen für die Männer selbst.

Auch spannend, aber ganz anderes Thema: Am Dorfversammlungsort klebte ein riesiger „Scheck“ an der Wand von der National Mineral Agency. Neugierig wie ich bin, habe ich natürlich nachgefragt. Die Dorfgemeinschaft verpachtet Land und erhält dafür jährlich einen Betrag von der Regierung. Die Regierung wiederum erteilt Lizenzen an ausländische Unternehmen zum Abbau von Rohstoffen. Was genau aber das Mining-Unternehmen aus dem Boden holt, wissen sie nicht. Wahrscheinlich Diamanten, aber wie viele und wie für welchen Wert, keine Ahnung…

Und dann noch eine Fotogalerie mit Eindrücken vom Tag und vom Morgen. Leider war ich am Abend so müde, dass ich die große Show verpasste. In Belebu, dem Dorf, in dem wir übernachtet haben, war eine Tanzshow angesagt. Die Künstler haben sogar im gleichen Guesthouse wie wir übernachtet (weshalb es für uns nicht genug Zimmer gab…). Heute Morgen habe ich mich mit einem von ihnen unterhalten. Er meinte, sie machen eine Tour durch die communities mit Musik und Tanz. Ihre Texte klären die Dorfbevölkerung auf und sie hoffen, über social media und Radio auch die Regierung zu erreichen. Sie setzen sich für den Ausbau und die Asphaltierung der Straße zwischen Kenema und Zimmi (nahe liberianische Grenze) ein. Das verstehe ich natürlich, nachdem mein Nacken schmerzt, obwohl ich dieses Mal vorne saß. Alles muss mit dem Motorrad aus Kenema transportiert werden und ist in den Dörfern teurer als in der Stadt, für diejenigen, die Produkte in der Stadt verkaufen möchten, ist es auch sehr schwer, da es nicht viel Transport und Verkehr gibt. Aber ich denke ja auch immer an den Wald. Mit besseren Straßen kommt auch immer Umweltzerstörung…

Nichts destotrotz, hier jetzt Dorfimpressionen mit Bildunterschriften😊

Das erste Bild spricht so viel. Ihr seht es vielleicht gar nicht. Da sind die Kinder, die immer unterwegs sind, teilweise Stöcke in der Hand oder sonst was. Da ist die Bank unter dem Baum, der Schatten spendet. Auf der Bank liegen Solar-Taschenlampen zum Aufladen. Unter der Überdachung verkauft eine Frau snacks. Zwei weitere Frauen laufen auf sie zu mit Schüsseln auf dem Kopf. Im Hintergrund hängt Wäsche auf der Leine. Es fehlen nur die immer anwesenden Hühner und Ziegen. Wo sind die denn hin?

Nach unserem Trip nach Kabala und nun diese Tage in Kenema weiß ich wieder etwas besser, weshalb ich hier bin. Da ist wieder Hoffnung, und da ist wieder Gewissheit, dass wir mit unserer Arbeit wirklich etwas erreichen können, für Mensch und Umwelt.

Auf der Rückfahrt habe ich nochmals den Weg durch die Kaffee- und Kakaoplantagen genossen, vorbei an der kleinen Aufzuchtstation, an Reisfeldern und Teichen, Wäsche waschenden Menschen und ganz viel grüne Hügel 🙂

Da die EU-Wahl ja nicht so positiv ausfiel – von meiner Warte aus – schicke ich euch ein bisschen Hoffnung nach Europa. Grün ist die Hoffnung.

Festung Europa – African Tourists not welcome

In Deutschland ist mal wieder Urlaubszeit. Wie jedes Jahr standen viele vor der Qual der Wahl, wohin es dieses Jahr gehen soll. Bleiben wir in Deutschland, in Europa oder mal was ganz „Exotisches“, mal ganz weit weg, Asien, Amerika, Afrika? Die Welt steht uns offen – solange wir einen europäischen Reisepass haben. Und während die einen lustig durch die Welt tingeln, können die anderen nur davon träumen, einmal in die Ferne zu reisen. Und das liegt nicht unbedingt am Geldbeutel, sondern schlicht und ergreifend an Visavorgaben und Visaantragsprozeduren.

Hier ein paar Beispiele, wie schwierig es für Menschen mit einem Pass eines afrikanischen Landes ist, ein Visum für den Schengenraum zu erhalten – ein Touristenvisum wohlgemerkt. Es geht hier nicht um einen Arbeitsaufenthalt, sondern einfach um einen 2–3-wöchigen Urlaub. Also etwas vollkommen Normales, sollte man denken.

Die Anfangsbuchstaben der Personen in den Beispielen sind frei gewählt. Die Geschichten sind alle wahre Geschichten.

Von Sierra Leone über Ghana nach Deutschland

J. aus Sierra Leone, zum Beispiel, möchte im Sommer gerne für ein paar Wochen in Deutschland Urlaub machen. Da es in Sierra Leone zwar eine deutsche Botschaft gibt, aber ohne konsularische Vertretung, kann er in Sierra Leone kein Visum beantragen. Er muss online einen Termin bei der deutschen Botschaft in Ghana buchen. Die Termine werden alle paar Wochen online gestellt und sind dann umgehend weg. Aus verschiedenen Quellen hört man, dass es die Termine auf dem Schwarzmarkt zu kaufen gibt, in einem kleinen Café in der Nähe der Botschaft in Accra. Leider etwas schwierig, von Sierra Leone aus. Viele Leute warten bis zu einem Jahr, bis sie einen Online-Termin ergattern. Manchmal funktioniert es auch einfach gar nicht, oder der Reisegrund ist längst verjährt. Nichts also mit einem spontanen Urlaub. Selbst ein halbes Jahr Reiseplanung ist mehr als knapp bemessen. Am besten lange im Voraus und absolut flexibel.

Wenn J. es dann doch schafft, einen Termin bei der Botschaft zu erhalten, ist das erst der erste Schritt. Er muss nach Ghana reisen – entweder mit dem Flugzeug (drei Flugstunden für ein paar hundert Euro) oder über Land (rund 2.000km in drei Tagen). Vor Ort muss er zum Interviewtermin erscheinen, mit sämtlichen Unterlagen, Nachweisen über seinen familiären Status, Kinder, Arbeit, finanzielle Nachweise, Versicherung, Flugticket, Einladungsschreiben, gebuchte Hotels, und, und, und. Dann muss er rund 14 Tage in Ghana warten (und während dieser Zeit irgendwo wohnen und irgendetwas essen), bis er seinen Reisepass wieder erhält, hoffentlich mit dem Visum, sonst war alles umsonst.

Für ein Visum für einen Urlaub in Deutschland muss eine Person mit sierra-leonischen Pass also gut tausend Euro (eigentlich noch etwas mehr) und gut drei Wochen Zeit einrechnen, und dann hat die Reise nach Europa noch nicht einmal begonnen. Beinahe hat man das Gefühl, irgendjemand versucht hier zu steuern, dass kaum Menschen aus Sierra Leone, legal mit einem Visum nach Deutschland einreisen. Noch viel schwerer kann man es kaum machen, um ein ganz normales Touristenvisum zu beantragen.

Von Sierra Leone über die Elfenbeinküste nach Italien

Hat jemand einen simbabwischen Pass, wie T., ist das Spiel ein sehr ähnliches. T. hat einen italienischen Partner (mit eingetragener Partnerschaft /Ehe in Italien). Beide leben zusammen hier in Freetown. Möchten sie gemeinsam die Familie in Italien besuchen, muss T. ein ähnliches Prozedere durchstehen wie J. Dieses Mal geht die Reise jedoch nicht nach Ghana, sondern zur italienischen Botschaft in die Elfenbeinküste. Das sind nur 1.500km und gut in 2,5 Tagen zu schaffen. Bei den Überlandreisen kann es natürlich immer passieren, dass es am Ende dann doch 5 Tage sind, weil man nie weiß, ob nicht ein Bus zwischendrin zusammenbricht oder eine Brücke nicht passierbar ist. Aber gehen wir mal vom best-case aus.

Auch mit simbabwischen Pass also, schallt einem kein herzliches Willkommen aus Europa entgegen. Da kann man verheiratet sein mit wem man will. Vorgaben sind Vorgaben, und wenn es in Sierra Leone nun Mal kein Visum gibt, dann muss man eben einen ganzen Urlaub (Zeit und Geld) darauf verwenden, das Visum zu beantragen, bevor der eigentlich Urlaub starten kann.

Nun die gute Nachricht: T. hat sein Visum bekommen und wird die Reisefreiheit im Schengenraum genießen können mit Besuchen in Italien, Deutschland und Frankreich.

Von Sierra Leone über Guinea nach Frankreich

Dann haben wir noch den Fall des frischverheirateten Paares – er deutsch, sie Sierra-Leonerin. Ihr Vater ist in Frankreich, weshalb sie dachten, es wäre vielleicht einfacher, das Visum über Frankreich zu beantragen. Frankreich bietet immerhin einen tollen Service: Sie können zwar auch in Sierra Leone kein Visum erteilen, aber einmal in der Woche kommen Mitarbeitende aus der Botschaft in Guinea, machen die Interviews hier, nehmen die Unterlagen mit nach Guinea und bringen sie dann zwei Wochen später wieder mit zurück. Somit bleibt der Person, die das Visum beantragt, zumindest die kost- und zeitspielige Reise erspart. Aber auch hier – die beiden versuchen es seit Februar. Und haben immer noch kein Visum. Es ist nicht so einfach, herauszufinden, welche Unterlagen nötig sind, welche dann auch noch im Original aus Frankreich hier vorliegen müssen. Da es hier keine Post gibt, muss alles per DHL geschickt werden. Ein Dokument von einer Seite, kostet dann schon mal 85€ im Versand.

Stellt euch also vor, ihr plant ab Januar zum runden Geburtstag eures Vaters im Juni nach Deutschland zu fliegen und möchtet dort gerne mit eurer Partnerin erscheinen. Na viel Glück sage ich mal. Das ist ja mehr als spontan.

Der Europaaufenthalt wurde mittlerweile verschoben, eigentlich war er für Juni geplant, da einige Familienfeiern anstehen. Leider werden sie bei den Familienfeiern nun nicht dabei sein. Wäre auch zu einfach gewesen. Vielleicht klappt es im Juli. Wir drücken die Daumen!

Und manchmal klappt es auch gar nicht

Eine Bekannte (Pass aus der Elfenbeinküste) hat einmal knapp zweitausend Euro ausgegeben für einen Visumsantrag für ein Touristen-Schengenvisum für Deutschland und dann hat sie das Visum nicht bekommen. Sie hätte genug Geld gehabt, um ein bisschen durch Europa zu reisen. Eine junge weltoffene, interessierte Frau. Wollte sich einfach mal ein bisschen bilden…

Reisefreiheit – aber nicht für alle

Ich verstehe, dass der Schengenraum ein unglaubliches Geschenk ist, nicht nur für alle, die dort leben, sondern auch für alle, die ihn besuchen. Welch wundervolle Idee, dass Grenzen einen nicht aufhalten, und man volle Reisefreiheit erfährt, wenn man einmal legal eingereist ist. Warum aber es so schwierig gestalten für Menschen? Reisen bildet und reisen verbindet. Wie unfair ist diese Welt, dass wir mit unseren europäischen Pässen, reisen können, wohin wir wollen (fast überall hin zumindest), wir uns gefühlt alle Länder dieser Welt anschauen können, einmal um die Welt reisen und eintauchen können in fremde Länder und Kulturen und dem Großteil der Menschen ist genau das verwehrt. Ihre Neugierde auf anderes und neues wird nicht gestillt werden.

Vieles was wir wissen, wissen wir, weil wir reisen. Reisen hat schon immer Fortschritt und Entwicklung gebracht. Leider kommt das Privileg des Reisens nicht allen Menschen gleichermaßen zu teil.

Ich möchte nicht behaupten, dass die Menschen kaum eine andere Wahl haben, als illegal nach Europa zu kommen. Mir ist schon klar, dass diejenigen, die über das Mittelmeer kommen zum Beispiel, nicht in die Boote steigen, weil sie schon immer davon träumen, einmal im Leben die Mona Lisa zu sehen. Aber je schwieriger es ist, ein Visum zu erhalten, umso größer die Versuchung für diejenigen, die eines erhalten, in die Illegalität abzutauchen und zu bleiben. Wer weiß schon, ob es jemals im Leben eine zweite Chance auf ein Schengenvisum geben wird?

Es fühlt sich auf jeden Fall sehr nach Diskriminierung an. Es ist ja klar ein politischer Wille dahinter, wie einfach oder wie schwierig es ist, ein Visum zu beantragen. Ich rede nur vom Antrag. Die Entscheidung, wer dann wirklich ein Visum bekommt, unterliegt selbstverständlich bestimmten Vorgaben. Das ist ganz klar, und muss auch so sein.

Geld, Zeit und Nerven

Es kostet sehr viel Geld und Zeit, so ein Touristenvisum zu beantragen. Außerdem die Fähigkeit, deutsche / europäische Behördentexte zu verstehen und die Vorgaben alle richtig zu interpretieren. Dann natürlich das monatelange Zittern, bekommt man endlich einen Termin? Klappt es dieses Mal. Ist ein Termin verfügbar, wenn sich die Online-Maske endlich aufgebaut hat? Hat man dann einen Termin, geht das Zittern weiter. Bekommt man das Visum. Finden sie einen Grund, weshalb man vielleicht nicht zurückkehrt und weshalb sie einem das Visum verweigern? Sind alle nötigen Dokumente da? Habe ich vielleicht irgendetwas vergessen? Es ist eine konstante Nervenbelastung.

Glücklich also diejenigen, die sich solche Gedanken nicht machen müssen. Die einfach ihren Urlaub planen, zwei Tage vorher entscheiden, wo es hingehen soll und dann ganz ohne Bürokratie, Angst und Zittern ihre Reise antreten. Und während so die einen Weltreisen begehen, bleibt den anderen der Traum von der großen weiten Welt.

Genießt also euren Urlaub, egal wohin es euch treibt. Ihr genießt ein Privileg, das ihr nur auf Grund eures Passes habt. Seid euch dessen bewusst, kostet es aus und begegnet denen, die dieses Privileg nicht haben mit Respekt und Mitmenschlichkeit.


Noch ein kleiner Hinweis:
Wir haben seit ein paar Monaten einen Praktikanten aus Deutschland bei CSSL, Luc Bessel. Er schreibt auch einen Blog über seine Zeit in Sierra Leone. Wer also gerne einmal eine andere Perspektive als immer nur meine haben möchte, kann gerne auf Lucs Blog vorbeischauen: https://lucbessel.webador.de/blog

Luc ist auch nicht zum ersten Mal in Sierra Leone. Sein Vater realisiert mit seiner Partnerin ein Aufforstungsprojekt im Norden, in Kamakwie. Dort war er schon einmal für ein paar Wochen als Praktikant. Mehr Infos zu dem Aufforstungsprojekt mit CO2-Ausgleich findet ihr hier: https://greenlimba.com

Erdnüsse sind das neue Gold

Heute gibt es mal gute Nachrichten vom Lake Sonfon. Ich sitze mal wieder auf meiner Lieblingsterrasse in Kabala mit Blick auf den Wara-Wara Mountain, die Grillen zirpen und ab und an kommt ein Hupen unten aus dem Tal herauf. Als ich das letzte Mal hier war, habe ich über das Gold-mining berichtet, das in der Nähe von Kabala, rund um den Lake Sonfon, die einmalige Natur und Lebensräume seltener Tiere zerstört und vor allem auch negative Folgen für die Dörfer hat.  Nun, gute sechs Monate später waren wir wieder hier.

Our Lake. Our Future

Ich hatte eh vor, im ersten Halbjahr alle Projekte zu besuchen, um stories zu sammeln und nochmal ein paar kleine trainings mit den Kollegen und Kolleginnen durchzuführen. Bei den Trainings geht es hauptsächlich um communication, story telling, photos, work planning. Ich hatte anfangs diese trainings immer für ausgewählte Leute aus den Teams angeboten, bin aber seit letztem Jahr dazu übergegangen, die trainings vor Ort immer für alle Teammitglieder anzubieten. Ich denke, das ist effektiver und so hat jede Person die Möglichkeit, zu lernen und sich zu entwickeln.

Wir sind diese Woche in Kabala, da am Montag eine sogenannte Roadshow veranstaltet wurde. Eigentlich war sie für den 5. März geplant, weshalb wir im Februar die ersten Planungsmeetings online hatten, aber die Veranstaltung wurde dann verschoben, so dass wir auch dabei sein konnten. Das Motto „Our Lake. Our Future. – stop mining at Lake Sonfon“ wurde durch verschiedene Aktivitäten und Inputs thematisiert. Am Montagvormittag ging es für das CSSL Team eine knappe Stunde über Holperstraße nach Kondebaia, das Dorf, in dem der Paramount Chief der Gegend wohnt. Auf dem Dorfplatz unter den zwei großen schattenspendenen Baumriesen fand die Roadshow statt. School Nature Club-Kinder sind zunächst mit Trommeln und Gesang durch das Dorf gelaufen, immer schön das Banner vor sich hertragend (Banner sind hier sehr wichtig! Ohne Banner keine Veranstaltung. Meine trainings werden bestimmt weniger ernst genommen, weil ich nie Banner drucken lasse. 😉)

„Education is better than mining“

Der Paramount Chief hielt das Eröffnungsstatement. Seine wichtigste Aussage war wohl „Bildung ist besser als Mining. Die meisten eurer Eltern besuchten keine Schule und haben die meiste Zeit ihres Lebens gemint. Aber sie sind immer noch arm…“ „Education is better than mining!“ wurde somit zum zweiten Slogan des Tages. Nach weiteren Statements folgte das von den School Nature Club Kindern eingeübte Theaterstück, das zunächst die Ankunft eines Investors im Dorf zeigte, die Korruption, die Machtlosigkeit der Dorfbevölkerung, die negativen Konsequenzen und die Versuche von CSSL an der Seite der Menschen für ihre Rechte und eine bessere Zukunft zu kämpfen.

In der anschließenden Diskussionsrunde kam es zu einer Debatte, wer für die negativen Folgen des mining und die schlechte Situation der Dorfbevölkerung verantwortlich wäre. Eine Schülerin hatte die Frage in den Raum geworfen. Die einen meinten, es wäre der Investor, andere meinten, es wäre die Regierung. Das Mädchen meldete sich dann nochmals zu Wort und hat sehr respektvoll, aber bestimmt widersprochen. Ihrer Meinung nach wären die Dorfältesten verantwortlich. Schließlich wäre es ihr Land und ihre Aufgabe, Einspruch zu erheben, gegen die Lizenzen, die fremde Investoren von der Regierung erhielten. Im sierra-leonischen Kontext ist das mehr als erwähnungswert. Ich war mega beeindruckt. Oftmals melden sich Frauen generell nicht zu Wort, außer sie werden explizit aufgefordert. Dann wird normalerweise niemand, der/die älter ist oder eine höhere gesellschaftliche Position hat, öffentlich oder auch im kleinen Rahmen kritisiert oder gar angeklagt. Dass dieses Mädchen sich da vor das ganze Dorf stellt und ihre Meinung so offen kundtut, ist wirklich eine Wohltat für mich zu sehen. Da wächst meine Hoffnung wieder. Die Frage wurde nicht abschließend geklärt, aber für mich war der Tag ein Erfolg, allein wegen des Statements des Mädchens.

„Our Lake. Our Future.“ stand auf den T-Shirts und genau darum ging es uns. Zu oft wird die Verantwortung „nach oben“ abgegeben und damit der eigene Handlungsspielraum verkleinert. Wer keine Verantwortung bei sich selbst sieht, sieht auch keine Option bei sich selbst, die Situation zu ändern. Ohne „ownership“ wie es so schön in der Fachsprache heißt, ohne das Bewusstsein, dass ich Verantwortung trage, daran, dass die Situation ist wie sie ist, impliziert, dass es auch nicht in meinen Möglichkeiten liegt, Veränderung anzustoßen. Natürlich scheinen die Dorfleute keine Chance gegen die Regierung und fremde Investoren zu haben, aber wie das Mädchen (unten auf dem Foto mit dem Mikro in der Hand) es fordert, können sie ihren Unmut und ihre Sorgen kundtun und versuchen, ihre Rechte zu schützen. Und wenn sie laut genug trommeln und sich laut genug wehren, dann haben sie eben doch eine Chance.

Ein anderes Dorf hat tatsächlich eine große Mining company verjagt. Nachdem die internationale company den Dorfleuten das Gold schürfen verbieten wollte, haben sie die Straßen blockiert und auch ein Auto angezündet. Am Ende hatten sie gewonnen – zumindest bis jetzt.

„Business is better than mining“

Am Dienstag sind wir dann nochmals in die communities gefahren, um ein paar Stories zu sammeln. Eigentlich sitze ich immer schön mit viel Platz am Beifahrerinsitz, aber als der letzte Kollege zum Auto kam und ihm klar wurde, dass nur noch der Kofferraum als Sitzplatz übrig war, meinte er nur „A go vomite“ (ich werde mich übergeben). Da niemand Anstalten machte, den Platz zu räumen, bin ich nach hinten, was eine mittlere Diskussion auslöste, weil ich natürlich nicht hinten sitzen kann. Mit Unterstützung meines Freetown-Teams, wurde meine Entscheidung akzeptiert und wir konnten starten. Und los ging es über zwei Stunden über die Holperstraße. Ich wurde ordentlich durchgeschüttelt und versuchte mehrfach mich mit verschiedenen Positionen zwischen Rückenlehne und Türe zu klemmen, um weniger durch den Kofferraum zu fallen.

Angekommen an unserem ersten Stop: der Schule von Yarah und Benekoro. Die Schule ist für die Kinder beider Orte. Wir waren hier, um mit Finah Conteh zu sprechen. Sie ist die Chair woman der lokalen CMA (Community Management Association), mit der wir arbeiten. Eine sehr beeindruckende Frau. Finah ist 36 Jahre alt, hat vier Kinder und ist community Lehrerin. Das bedeutet, sie hat keine volle Ausbildung als Lehrkraft und bekommt auch kein richtiges Lehrkraftgehalt. In den meisten Dörfern gibt es „nur“ community teacher. Das sind meist hochmotivierte Menschen, die sich voll für die Bildung der Kinder einsetzen, obwohl sie quasi kein Gehalt erhalten. Finah zum Beispiel bekommt rund 150 Leones im Monat (das sind aktuell nicht mal 8€).

Früher ist sie nach dem Unterricht gegen eins mit ihren Kindern zum Goldschürfen gegangen. Goldschürfen heißt, stundenlang knietief im kalten Wasser stehen, mit gekrümmten Rücken, um das nasse, schwere Erdreich durch zu sieben. Oft hat sie erst gegen acht Uhr abends mit dem Kochen begonnen. Und wir reden hier nicht von Nudeln mit Pesto auf dem Elektroherd, sondern von Reis mit Casava auf Feuer oder auf der Kohle. Sie hat mit dem Goldschürfen circa 30Leones zusätzlich verdient. Davon konnte sie dann direkt das kaufen, was sie zum Abendessen benötigten.

„Das Goldschürfen hatte viele negative Effekte auf die Umwelt und auf meinen Körper. Ich habe nie genug geschlafen, hatte immer Rückenschmerzen, war oft erkältet von dem langen Stehen im kalten Wasser und mein Körper war einfach nicht in gutem Zustand. Wenn du mich damals gesehen hättest und heute, wie zwei verschiedene Menschen,“ erzählt Finah. „Wir haben das Ökosystem zerstört, unsere eigene Lebensgrundlage. Das Wasser wurde so dreckig, dass wir es nicht mehr trinken konnten, nicht einmal mehr zum Waschen der Kleidung oder duschen konnten wir es nutzen. Wir mussten weit gehen, um sauberes Wasser zu finden.“

CSSL ist schon seit 2017 hier in Yarah. Das Dorf ist mit eines der ersten, in denen wir unsere Arbeit starteten. Es ist schön, zu sehen, was in all den Jahren passiert ist und wie positiv sich das Leben der einzelnen verändert hat. CSSL kam nach Yarah mit klassischen environmental education Ansatz. Die Bevölkerung wurde aufgeklärt über die negativen Folgen des Mining auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen, die Leute wurden auch aufgefordert keine Wildtiere mehr zu jagen und essen. „Wir jagen die Tiere, um etwas zu essen zu haben und wir schürfen Gold, um zu überleben. Wenn ihr wollt, dass wir beides lassen, brauchen wir Alternativen,“ antwortete die Dorfgemeinschaft. So startete CSSL mit alternative livelihood programs. Nach einem community assessment wurden verschiedene Aktivitäten ausgerollt. Mittlerweile gibt es eine Imkergruppe, die Öko-Honig produziert (die Gegend hier ist im ganzen Land für den Honig bekannt), es gibt eine Gruppe, die Erdnüsse anpflanzt und verkauft und mittlerweile auch eine Ziegengruppe. Finah berichtet weiter, dass sie eine Microfinance-Gruppe im Dorf haben. 2018 hatten sie 500 Leones im Pot, heute sind es 17.000 Leones. Die Gruppenmitglieder können sich Geld leihen für Investitionen oder Notfälle, mit 10% Kredit zahlen sie es zurück.

Finah erinnert sich auch an eine Frau, die selbst nicht Teil der Finanzgruppe ist, aber Komplikationen in der Schwangerhaft hatte, aber kein Geld, um nach Kabala zu fahren. Die Gruppe hat ihr Geld geliehen, so dass sie ins Krankenhaus fahren konnte und ihr Baby sicher zur Welt bringen konnte.

Der Erfolg und die Verbesserung der Lebensqualität strahlt aus. Auch in den beiden Nachbardörfern gibt es mittlerweile Finanzgruppen und Finah´s Gruppe hat auch mit einem Startkapital an Erdnüssen unterstützt, für die erste Ernte.

Und was heißen die ganzen Zahlen im Leben der Menschen? Im Dorf haben alle aufgehört zu minen. Die Eltern sind gesund. Das Wasser ist wieder sauber. Die Mütter können sich um die Kinder kümmern, gesünder kochen und die Bildung der Kinder begleiten. Die Kinder sind früher auch minen gegangen. Die Klassen waren leer. Jetzt sind alle Klassenzimmer voll. Bis in die Klassen 4 und 5. Das ist etwas besonders. Die älteren Kinder gehen oft nicht in die Schule, hier besuchen nun alle Kinder die Schule mindestens bis zur 5.

Finah schickt die Botschaft in alle umliegenden Dörfer: „Hört auf mit dem minen, startet business!“ Und sie spricht aus Erfahrung. Sie schickt sogar regelmäßig Geld nach Freetown zu einem ihrer Kinder und bezahlt dessen jährliche Miete.

Dann war es Zeit sich von Finah zu verabschieden. Mit sorgenvollem Blick in den Himmel ging es weiter. Es sah nach Regen aus und wir hatten noch einen weiten Weg vor uns.

Dieses Mal sind wir in dem letzten Dorf vor dem Lake, an dem wir sonst links abbiegen, rechts abgebogen. Endlich mal wieder neues Terrain. Ich freue mich. Es ging durch schöne Natur, kleine Büschel, die jetzt in der Regenzeit grünen und immer wieder kreuzten Kühe unseren Weg. Und dann leider auch riesige Mining Sites. Die größten, die ich bisher gesehen habe. Die eine ist teilweise noch aktiv, von der chinesischen Firma Chen-Li. Hier haben die Arbeiter angefangen zu rufen, als ich ausstieg, um Fotos zu machen. Das Positive – das muss ja auch berichtet werden – das Unternehmen forstet die Gebiete, die leergeschürft sind, wieder auf. Seht ihr auf den Fotos unten.

Nach zwei abenteuerlichen Brücken erreichten wir die Hauptstadt des minings. Die Ankunft kündigt ein sehr großes mining Gebiet. Das Örtchen ist tatsächlich groß und am Rande der mining site haben sich Neuankömmlinge Wellblechhütten gebaut. Hier kommen Leute aus dem ganzen Land zusammen, um ihr Glück im Gold zu suchen. Falls so Glück aussieht… das Wasser muss hier gekauft werden, zu absolut überteuerten Preisen, Zimmermietpreise sind so hoch wie in Freetown.  

Eigentlich läuft hier die Verbindung zwischen Lake Sonfon und Pampana River. Aber durch die mining activities fließt der Fluss nicht mehr wirklich, er wird in den ganzen Pits aufgehalten, das Wasser ist dreckig und rot, ich weiß gar nicht, wie die Leute hier Wäsche waschen, aber sie waschen.

Nach weiteren 30 Minuten Fahrt kamen wir in Kunya an, unserem zweiten Ziel für den heutigen Tag. Dort machten die beiden Damen, die unter dem Mangobaum saßen und Samen sortierten, direkt Platz für uns. Geschwind wurden ein paar Plastikstühle und Holzbänke herbeigetragen – die Plastikstühle für die Gäste, die Holzbänke für die community Gruppe. Wir wurden vom chairman der Gruppe traditionell begrüßt mit ein paar Kolanüssen in einem Becher und einer Ananas. Fleißige Leserinnen und Leser kennen das Prozedere schon von unserem Wandertrip in Kono. Mein Kollege offensichtlich nicht, er wusste nicht, dass er eine Kolanuss wieder zurück in den Becher geben sollte. Hat der Kollege aus Kabala aber umgehend korrigiert.

Nach den Begrüßungsworten und einem kurzen Gebet, um die Präsenz Allahs zu sichern, trugen wir unser Anliegen vor, dass wir gerne mehr erfahren würden, darüber, welchen Impact die Arbeit von CSSL mit der community auf die einzelnen Personen habe. Nach einer kleinen Diskussion innerhalb der Gruppe wurde erklärt, die Gruppe hätte entschieden, dass der chairman unsere Fragen beantworten sollte. Das Gespräch fand die ganze Zeit auf Krio und Kuranko statt. Die Dorfleute sprachen Kuranko und einer der Dorflehrer übersetzte in Krio für uns.

Ein Foto zeigt ein paar Kinder im Hintergrund, die ins Handy schauen. Wie schön, dachte ich – doch manchmal einfach gleich, egal wo auf der Welt man ist 😉 und auf dem anderen seht ihr, wie gerade Reis am Boden getrocknet wird. Unter ständigem Verscheuchen des Federviehs, das immer wieder herbeieilt und pickt.

Saio Koroma, der chairman, mit 36 ist er Vater von fünf Kindern und Ehemann zweier Frauen, zugleich auch der Chief der community. (Auf den Fotos trägt er ein dunkles Oberteil und überreicht meinem Kollegen das Kola.) Mein Kollege, der das Gespräch von unserer Seite führte, wünschte ihm natürlich noch weitere Frauen, vor allem, da er ja chief ist. Da zucke ich ja immer zusammen und denke mir, kann man das nicht einfach weglassen? Aber dazu ein anderes Mal. Das öffnet sonst ein Fass ohne Boden.

CSSL ist erst seit der aktuellen Projektphase, seit 2022 in der community aktiv. Die Dorfbevölkerung hatten große Probleme mit dem verdreckten Wasser, das sie für alle household purposes nutzen (waschen, kochen, trinken…) Fast alle aus der Gruppe haben früher Gold geschürft, jetzt haben alle aufgehört. Durch die Unterstützung verschiedener livelihood Aktivitäten können sie jetzt genug Geld verdienen, ohne die Umwelt und die eigene Gesundheit zu zerstören. Einen Teil der Erdnussernte zum Beispiel geben sie an die Schule für die Lehrkräfte. Einen Teil nutzen sie für die nächste Pflanzsaison und den Rest wollen sie verkaufen. Neben den Erdnüssen haben sie nun auch mit der Honigproduktion begonnen. Nur mit der Ziegenzucht hat es noch nicht so geklappt, beide Weibchen sind verstorben.

Neben den finanziellen benefits erwähnt der chief, ist für ihn der neue und stärkere Zusammenhalt in der Gruppe (die insgesamt aus 50 Personen besteht) der wichtigste Nebeneffekt. Alle helfen sich gegenseitig, egal ob es sich um Aussaat, Ernte oder eine Notsituation handelt. Dieses neue Gefühl der „Unity“ strahlt auf die ganze community aus und das Zusammenleben hat sich merklich verbessert.

Kumba Conde, einer der älteren Frauen in der Runde, meldete sich zu Wort. Für sie ist der größte Impact, die Bildung ihrer Kinder. Sie hat 10 Kinder und nun kann sie für alle die Schulgebühren bezahlen und ihnen auch jeden Tag Lunch mitgeben. Früher, als sie Gold geschürft hat, war sie immer krank, ihr Körper war schwach. Jetzt geht es ihr viel besser.

Früher hätten sie alle die Kinder viel allein gelassen, ergänzt Sonkari Dabor, die gerade ihr jüngstes Kind an der Brust hat. Sie sind morgens schon früh los zum Gold schürfen und kamen abends nach Hause. Jetzt ist sie da, wenn die Kinder aufstehen, sie bereitet ihnen das Frühstück und bereitet sie mit für die Schule vor. Außerdem gibt es eine neue Lehrerin in der Schule – dank der Unterstützung der Schule von der Gruppe. Alle Kinder gehen jetzt in die Schule und treffen dort dann sogar eine Lehrkraft an, die ihnen etwas beibringt. Sonkari seht ihr oben auf den Gruppenfotos neben dem Chief mit dem Baby am Schoß. Das Foto, dass ich von ihr gemacht habe, ist leider ganz unvorteilhaft geworden…

Nach dem offiziellen Teil gab es natürlich noch eine ausgiebige Fotosession. Sämtliche Leute wollten Fotos mit mir machen, natürlich machten auch wir Fotos von den Interviewten und dann kam der Chief nochmal zu mir und meinte, die Schulkinder wollten ein Foto mit mir. Da kann ich nicht nein sagen – berührt von tausend kleinen Kinderhänden und Kinderherzen wurde ich verabschiedet aus Kunya.

Hoffnungsvoll und nachdenklich auf dem Heimweg

Nachdem ich wieder in den Kofferraum geklettert war, ging die Fahrt wieder zurück Richtung Kabala. Einen Zwischenstopp gab es noch in der Hauptstadt des mining. Hier ein paar Fotoeindrücke. Witzig ist immer, dass die Kinder mir in den mining areas immer „China, China“, „Chinese, Chinese“ oder „Ching Chang Chong“ zurufen. Das sind offensichtlich die einzigen hellhäutigen Menschen, die sie normalerweise sehen. Im Dorfladen wurden noch schnell ein paar Bananen und Avocados gekauft und dann ging es aber wirklich zurück über die Holperstraßen, die Brücken und vorbei an den mining sites und der traumhaften Natur.

Wenn ich nicht gerade eine bequeme Position suchte – langsam tat dann doch der Rücken, der Nacken und das Steißbein weh – dachte ich nochmal über all die Begegnungen des heutigen Tages nach. Alle Erwachsenen, egal ob Mann oder Frau, sagen, der größte positive impact ist, dass ihre Kinder in die Schule gehen. Dass das etwas Außergewöhnliches und nicht Normales ist, ist tragisch. Die Leute sorgen sich jeden Tag um das Essen für die Familie, um Trinkwasser, das sie nicht krank macht, und Lebensumstände, die ihnen nicht täglich neue Schmerzen bereiten. Einerseits habe ich das akzeptiert, dass es nicht allen Menschen gleich gut geht, dass viele Menschen einen sehr harten Alltag haben, aber andererseits kann und will ich das so nicht stehen lassen. Wer bin ich, die beurteilt, wessen Leben gut oder nicht so gut ist? Aber wenn ich mit den Menschen rede, wie in den Dörfern, dann ist doch sehr klar, dass ihr Leben eben nicht so gut und einfach ist. Die Menschen in den Dörfern sind ziemlich auf sich gestellt. Es gibt außer uns nicht wirklich Organisationen, die dort aktiv sind. Die Hilflosigkeit gegen internationale Unternehmen und die Regierung sind enorm. Ich bin froh, dass meine Kollegen mit ihrer Arbeit hier etwas entgegensetzen und auch dass wir das Thema über unsere Kommunikation in die Hauptstadt mitnehmen. Letzte Jahr besuchte der Umweltminister die Gegend nach unserem Bericht. Mal schauen, ob wir wieder Ähnliches erreichen können, wenn wir weiter laut trommeln und die Schicksale der Menschen ins Bewusstsein der Entscheidungsträger in der Hauptstadt bringen.

Zum Abschluss mal wieder ein Foto aus dem Feierabend 😉 Bingo ist meine treue Freundin im Hill View Guesthouse in Kabala und springt immer sofort auf meinen Schoß, wenn ich komme. Letztes Jahr war sie selbst noch ein Baby (ihre Mutter ist gestorben, ich weiß nicht mehr wieso oder woran), ist sie jetzt auf einmal selbst bald Mama. Ich konnte es gar nicht glauben. Aber so schnell geht das hier. Selbst quasi noch ein Kind und schon die Babys im Bauch.

Und wie geht’s mir sonst so? Nun wieder zurück in Freetown merke ich, dass ich gerade echt genug habe vom konstanten Lärm, der mich umgibt, in der Arbeit, Zuhause von der Straße, einfach immer. Es ist gerade super anstrengend. Ich freue mich deshalb unglaublich auf Deutschland 😀

Und auch noch wichtig:
Europawahl am 9. Juni 2024

Geht bitte wählen! Wenn ihr noch nicht wisst, wen ihr wählen wollt, informiert euch in verlässlichen Quellen, lest die Wahlprogramme der Parteien, setzt euer Kreuzchen, die extremen gehen wählen, setzt ihnen etwas entgegen!

Und als kleiner Spoiler: zum Thema „Festung Europa“ habe ich den nächsten Blogartikel schon halb geschrieben in meinem Kopf 😉

Drei Jahre Sierra Leone

Heute vor drei Jahren bin ich das erste Mal in Sierra Leone gelandet. Eben habe ich mir meinen Beitrag von vor drei Jahren angeschaut. Damals bin ich voller Neugierde und etwas Angst im Gepäck gelandet. Nun drei Jahre später ist vieles Alltag geworden, was damals noch unbekannt war und Ängste sind Zuversicht gewichen.

Wenn ich nun in Lungi am Flughafen lande, komme ich nach Hause. Ich freue mich, auf die ersten Krio-Worte mit dem Grenzpersonal, bin entweder genervt oder erfreut über das leichte Chaos – abhängig von meiner Laune – genieße die Überfahrt nach Freetown und blicke voller Vorfreude auf die näherkommenden Lichter der Stadt. Wenn ich in meine Wohnung komme, schaue ich immer zuerst nach meinen Pflanzen. Wenn Strom da ist, bin ich dankbar und wenn kein Strom da ist, denke ich nur „welcome back“. Komme ich am Nachmittag an, führt mich der erste Gang zum Sundowner Bier an den Strand.

Nach drei Jahren Sierra Leone nehme ich vieles gelassener, auch wenn ich vieles immer noch nicht nachvollziehen kann. Akzeptieren, was ich nicht ändern kann, wird immer mehr zum umgesetzten Lebensmotto. Schwierig ist es nach wie vor, die Balance zu finden, zwischen meinen Erwartungen an mich und mein Arbeitsumfeld und einem „mir ist alles egal“-Gefühl. Aber auch darin werde ich besser. Ruhig bleiben ist zwar in manchen Situationen nach wie vor eine mentale Herausforderung, aber ich werde immer besser darin. Meditation und Yoga helfen mir durch den Alltag, genauso wie das Meer. Wer hätte gedacht, dass ich einmal am Meer wohnen werde, wo ich mich doch eigentlich als Berg-Mensch identifiziere. Aber das Meer werde ich sehr vermissen, wenn ich es eines Tages verlassen werde. Und es hat mir besonders in den letzten Wochen, die sehr herausfordernd und schwierig waren, unglaublich geholfen, bei mir zu sein und mich zu beruhigen.

Nach drei Jahren Sierra Leone bin ich glücklich, dass ich das Gefühl habe, meine Herzensmenschen in Deutschland sind immer noch alle da. Und ich bin dankbar, dass hier sogar neue hinzugekommen sind. Wenn ich nach Deutschland komme, habe ich das Gefühl, ich wäre nie weg gewesen. Alle nehmen mich auf, als hätten wir uns erst in der Vorwoche gesehen. Gut, die Kinder wachsen unglaublich schnell und die Erwachsenen bekommen immer mehr graue Haare, aber sonst, alles beim Alten 😉

In den letzten drei Jahren wurde ich mit so viel Ungerechtigkeit, Planungsunsicherheit, Armut, Verzweiflung und Willkür konfrontiert, wie noch in meinem Leben. Und auch nach drei Jahren weiß ich noch immer nicht, wie ich auf diese Lebensrealitäten reagieren soll. Meine Privilegien als weiße Frau, geboren in Mitteleuropa, sind mir bewusster denn je. Die Lebenssituation der Menschen in Sierra Leone hat sich verschärft in den letzten drei Jahren. Wenn man mit dem monatlichen Mindestlohn nicht mal mehr einen großen Sack Reis bezahlen kann, wo soll das hinführen? Und dann die Kush-Krise im Land. Gerade junge Männer sind anfällig für die Droge. Ich kann es sehen. Und ich weiß nicht, wie Menschen ihr Essen bezahlen. „Unser täglich Brot“ hat hier eine vollkommen andere Bedeutung. Ich kann sehen, wie Mangroven verschwinden, wie die bewaldeten Hügel nur noch Hügel sind und karg in den Himmel ragen. Wie die Strände weggewaschen werden durch zu viel sand-mining und die regelmäßigen beach-clean-ups den Kern des immensen Müllproblems und der Plastikverschmutzung nicht einmal tangieren.

Die letzten Wochen hier waren sehr anstrengend. Und es gab den ein oder anderen Morgen, an dem ich in meinem Bett lag und mich fragte, wieso habe ich diesen Vertrag verlängert??? Wieso fliege ich nicht einfach am 7. Mai nach Hause und bin im schönen, ruhigen, gut organisierten, sauberen und kühlem Deutschland? Wie sehr ich es gerade vermisse.

Im April hatten wir drei Wochen lang gar keinen Strom, da die Regierung das türkische Stromschiff mal wieder nicht bezahlt hatte, seit zwei Wochen gibt es ab und an Strom. Aber absolut unvorhersehbar, unplanbar und eher 1-2 Stunden am Tag. Kein Strom heißt ja immer auch Generatorenlärm. Und genau dieser Generatorenlärm ist es, der mich mürbe macht und mich zweifeln lässt, ob ich wirklich länger hier sein möchte/kann. Dann diese Luftfeuchtigkeit und der ewige Schweiß. Die Unorganisiertheit in der Arbeit, die mich immer wieder zweifeln lässt, was habe ich eigentlich die letzten drei Jahre gemacht? Leben mit dem Frust ist Teil meines Alltags. Diesen Frust zu minimieren war eine Hauptaufgabe in den letzten Jahren. Ich schaffe es immer besser, den Frust nicht aufzukommen zu lassen.

In den letzten drei Jahren habe ich endlich begriffen, was ich in der Theorie schon wusste. Ich kann niemandem etwas beibringen, der oder die kein Interesse oder keine Kapazitäten hat. Die für mich einfachsten und logischsten Gedankengänge finden bei den Menschen in meiner Umgebung nicht statt. Mir ist bewusster denn je, dass wir durch spielerisches Lernen, Wissen, die Sendung mit der Maus und ganz viel Input, vielen Menschen auf diesem Globus so viel voraushaben, dass diese nicht aufholen können. Nicht solange der globale Norden vorgibt, welche Skills wichtig sind, welche Ausbildungsformen Jobs nach sich ziehen, welches Wissen Gewicht hat.

Ich merke immer wieder, ich lebe hier in einer traumatisierten Gesellschaft, in der Gewalterfahrungen und erlebte Ungerechtigkeit aus der Vergangenheit nie aufgearbeitet und thematisiert wurden und leider meist auch nicht nur der Vergangenheit angehören, sondern für die meisten Menschen zu ihrem Alltag gehören. Das fängt an, mit der Unsicherheit, ob es Strom gibt oder nicht – für die Haushalte, die ans Stromnetz angeschlossen sind. Und hört nicht auf mit der Unsicherheit, ob mein Haus, für das ich offizielle Dokumente habe, nicht doch eines Tages ohne Kompensation eingerissen wird. Körperliche Gewalt – egal ob in der Schule, zu Hause oder in Form von Selbstjustiz in der community gehören zum Alltag. Laute Auseinandersetzungen sind Teil der Straßengeräusche.

Die Hoffnung stirbt zuletzt heißt es, aber selbst ich habe manchmal das Gefühl, ich habe die Hoffnung aufgegeben. Und wenn ich keine Hoffnung mehr habe, ist es eigentlich Zeit zu gehen. Wenn ich mich umschaue, ist es manchmal schwierig, die Hoffnung am Leben zu halten. Ich sehe junge und motivierte Menschen, die studieren wollen und ein gutes Leben leben wollen, doch zugleich wissen sie, dass die Ausbildung, die sie im Land bekommen, nicht gut ist und sie ohne Vitamin B keine Arbeit finden werden. Ich sehe unglaublich beeindruckende Natur und zugleich überall Abholzung, Plastikflut und Umweltzerstörung. Ich sehe communities, die versuchen ihre Rechte zu verstehen und Regierung und internationale Konzerne, die mit Geld alles zunichtemachen und sich nehmen, was sie wollen. Ich höre meine Kolleginnen und Kollegen, die unter extremer finanzieller Belastung leiden und gesellschaftlichem Druck. Die irgendwie weitermachen, weil man ja irgendwie weitermachen muss, aber die gar keine Kapazitäten haben für planen, vorausschauen und vor allem nicht full-time für die Arbeit. Andere Herausforderungen sind einfach dringlicher.

Wieso also bleibe ich – trotz der Aussichtslosigkeit, trotz der Hitze, des Drecks und der Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Hierseins? Irgendwie hatte ich vor ein paar Wochen das Gefühl, ich bin hier noch nicht fertig. Und es gibt auch immer wieder Hoffnungsschimmer am Horizont. Ich bin nicht hierhergekommen, um den Wald zu retten (steht nicht in meinem Vertrag 😉). Ich bin hier, um meine Organisation in ihrer Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit und ihrer Advocacyarbeit zu unterstützten. Ja, es ist immer noch sehr viel Luft nach oben und ja, ich bin seit fast drei Jahren in der Dauerschleife, aber ich kann doch auf einige Erfolge zurückblicken, die mich stolz und glücklich machen. Ich sehe Veränderung und Verbesserung, auch wenn sie unendlich viel länger dauert als erwartet. Wenn ich mir klar mache, dass ich in einem der ärmsten Länder der Welt bin, rückt mich das immer wieder etwas zurecht. Wie kann ich Vergleiche anstellen zwischen Deutschland und Sierra Leone mit diesem vollständig unterschiedlichen historischen Erbe? Seitdem ich hier bin, erlebe ich immer wieder, welche extremen negativen Folgen Sklavenhandel, Kolonialzeit, neokoloniales Denken in der Entwicklungspolitik und protektionistische Wirtschaftsabkommen bis heute auf Länder wie Sierra Leone haben.
Und dann bin ich hier, als Teil dieser globalen Strukturen und muss mich konstant selbst hinterfragen, verstärke ich Abhängigkeiten und Ungleichgewichte und belüge ich mich selbst, wenn ich mir sage, ich mache das gut und bewirke nachhaltig Sinnvolles für Mensch und Natur?

Immer sieht man hier beide Seiten der Medaille zugleich, die Hoffnungslosigkeit und die Energie der Jugend, die Traumstrände und die Plastikflut, das Lächeln der Menschen und ihre extreme Verletzlichkeit, meine Tätigkeit in den globalen Ungleichgewichtsstrukturen und all das Positive, das ich bewirke. Sierra Leone strengt mich oft an. Aber es lehrt mich auch unendlich viel und öffnet meinen Blick weit über meinen Tellerrand hinaus.

Und dann gibt es diese unzähligen Begegnungen mit tollen Menschen. Menschen, die Ideen und Visionen haben. Menschen, die sich all den Schwierigkeiten zum Trotz behaupten und ihren Traum leben wollen. Es gibt junge Filmschaffende, die kreativ und authentisch die Lebensrealität der Jugend abbilden und gesellschaftliche Schieflagen anprangeren, es gibt Schulkinder, die in ihren Nachbarschaften über Müll und Umweltschutz aufklären, Lehrkräfte, die obwohl sie nicht bezahlt werden, ihrer Berufung nachgehen, weil sie wissen, dass Bildung das wertvollste ist, was sie den nächsten Generationen mitgeben können. Es gibt Mütter, die selbst nie Lesen und Schreiben gelernt haben, aber alles dafür tun, dass ihre Kinder in die Schule gehen können, egal wie viel Kraft, Energie, Opfer es bedeutet. Es gibt wunderschöne entspannte Sonntagnachmittage im Freundeskreis am weißen Sandstrand oder inmitten der Mangroven. Es gibt Auszeiten mit nichts als dem Rauschen der Wellen oder Geräusche der Vögel im Ohr. Es gibt ausgelassene, durchtanzte Nächte, witzige Runden beim Abendessen und bereichernde Gespräche. Ich genieße die Poetry-Slams und open-mic-Abende, bei denen junge Menschen ihre Gefühle, Zweifel, Hoffnungen kraftvoll und manchmal zart in Worten ausdrücken. Ich freue mich jetzt schon auf meine nächsten zwei Reisen up-country in die Dörfer, die Begegnungen mit den Menschen dort, die Energie meines Teams bei der Arbeit und die wunderbare Natur.

Hier ist so viel Energie und so viel Wille zum Leben und zugleich so viele Hindernisse auf dem Weg der einzelnen und der Gesellschaft.

Einerseits ist es leicht, die Hoffnung hier zu verlieren, denn Hoffnung zu haben, kann sehr kraftaufwendig sein. Zugleich ist Hoffnung, das einzige was vielen bleibt. Die Hoffnung, dass morgen besser ist als heute.

Wenn ich mich hier mit Künstlerinnen unterhalte und mir die Kinder in meinem Umfeld hier anschaue, dann habe ich immensen Respekt, vor dem was sie schaffen. Kinder hier haben keine Buntstifte, kein weißes Papier auf dem sie kritzeln, keine lustigen Malbücher, keinen Kunstunterricht in der Schule. Wer in dieser Umgebung schaffende Künstlerin wird, hat wahre Leidenschaft, einen starken Willen und Durchhaltevermögen. Die Menschen hier, sind wie die Pflanzen in der Wohnung meines einen Freundes: sie wollen leben und sie geben nicht auf. Der kleinste Tropfen Wasser genügt ihnen, um den Lebenswillen zu erhalten und genug Energie aufzubringen, zum Weitermachen. Aber es reicht nie aus, um zur vollen Blüte und zur vollen Größe heranzuwachsen, die möglich wäre, wären die Umstände andere.

Eigentlich dachte ich, ich gebe heute einen kleinen Rückblick über die letzten drei Jahre. Doch nun hat es sich ganz anders entwickelt und auch für mich überraschend ernst im Ton. Die letzten Jahre waren geprägt von vielen Aufs und Abs, von Erfolgen und Rückschlägen, von unglaublich vielen Glücksmomenten und viel Frust. Ganz offensichtlich das ganz normale Leben eben.

In drei Jahren hat sich viel verändert. In Sierra Leone, in Deutschland, in mir. Wie sehr ich mich verändert habe, könnt ihr wahrscheinlich besser sagen. Ich merke, ich bin gereift, ich kenne mich selbst besser, ich bin stärker geworden und kann mehr Schwäche zulassen, ich kenne meine Grenzen besser und kümmere mich besser um mich, ich bin mir meiner selbst und meiner Umwelt bewusster. Ob das alles mit dem Alter kommt oder mit dem Ausland – wer weiß das schon…

Wie sich alles weiterentwickeln wird, in der Zukunft, das bleibt das Spannende. Ich gehe voller Neugierde, aber um einiges Wissen reicher in meine zweite Vertragslaufzeit. Einige Fehler, die ich am Anfang hier begangen habe, wiederhole ich nicht mehr. Viel des Frustes und des Ärgers lasse ich zurück und starte mit positivem Blick und mehr innerer Gelassenheit in die Zukunft.

Ich freue mich sehr, über alle, die mich in den ersten drei Jahren bei meinen Entdeckungen, in meinem Alltag, mit meinen Herausforderungen, Freuden und unglaublichen Erlebnissen begleitet haben und freue mich auf das, was kommen mag. Denn nach wie vor steht mein Motto, mit dem ich ausgereist bin:

Mögen deine Entscheidungen deine Hoffnungen reflektieren, nicht deine Ängste 😊

In diesem Sinne – voller Hoffnung auf in die Zukunft!

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