Am Wochenende haben wir Hannah und Max in Frankfurt besucht. Die beiden waren zur gleichen Zeit in Sierra Leone wie ich. Vielleicht erinnert ihr euch an sie. Wir waren gemeinsam auf dem Sankan Biriwa, dem zweithöchsten Berg des Landes.
Die beiden sind auch seit ungefähr zwei Jahren wieder in Deutschland. Wir sehen uns viel zu selten seitdem wir zurück sind, aber wenn wir uns sehen, ist es wie damals auf meinem Balkon in Freetown. Wir können über alles reden und uns über Rätsel und Absonderlichkeiten des Alltags unterhalten. In Freetown ging es natürlich oft um Dinge in Sierra Leone und jetzt eben um Deutschland.
„Findest du es nicht auch super, dass in der Küche einfach keine Kakerlaken sind?“, meinte Hannah irgendwann aus dem Nichts heraus. Und ich wusste sofort, was sie meinte. Auch mir geht es noch so oft so, dass ich den inneren Drang verspüre, alles Essen umgehend abzudecken, luftdicht zu verschließen und in die Sicherheit des Kühlschranks zu stellen. Bis ich mir dann immer sagen muss „Kathrin, relax. Das Essen kann auch kurz mal rumstehen. Es kommen nicht gleich Ameisen und Kakerlaken und kleine Küchenschaben.“ Wenn ich nachts auf Klo gehe, zucke ich manchmal zusammen, wenn mein eigener Schatten über den Boden oder die Wand huscht. Ich muss dem Impuls widerstehen, Licht anzumachen und zu schauen, ob irgendein Getier mit mir im Zimmer ist.
Und dann ist mir auch wieder eingefallen, wie Joseph am Anfang, als Nelio ganz klein war, ihn nie alleine in einem Zimmer liegen lassen wollte. Nicht einmal für ein paar Minuten. Er wollte auch immer das Licht in dem Zimmer anmachen, in dem er schlief. Ich habe es erst nicht verstanden und dann doch. Kakerlaken und andere Tiere kommen nicht bei Licht. Sie kommen nur in der Dunkelheit. Der Gedanke, dass Kakerlaken mein Baby „anknabbern“ ist wirklich eklig. Natürlich würde ich da das Licht anlassen und das Kind nie alleine im Zimmer lassen. Kakerlaken, Ratten, Schlangen und andere Tiere sind eine konstante Gefahr. Und wir hatten das Glück und das Privileg, unser Baby ganz entspannt in der Dunkelheit im Nebenzimmer schlafen zu lassen, in dem Wissen, dass er sicher ist.
Wir haben uns natürlich nicht nur über kakerlakenfreie Küchen unterhalten an diesem Wochenende, aber irgendwie blieb mir das im Hinterkopf hängen. Vor allem, weil ich gestern Abend in der Kneipe zufällig einen Bekannten getroffen habe – eher der Freund von Freunden, mit denen ich zweimal im Urlaub war vor ein paar Jahren, und besagter Bekannter war auch dabei. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und er fragte ein bisschen über meine Zeit in Salone. Wie lange ich dort war, wie es war, auch im Rückblick. Für mich ist das immer schwer zu beantworten. Es gab ja sehr viel Schönes und Bereicherndes, aber auch sehr viel Anstrengendes und Schweres. Auf jeden Fall meinte er dann, „War also anstrengend, hart und prägend? So wie man das immer hört?“ und da habe ich erst geantwortet, prägend vielleicht nicht unbedingt. Und dann sind mir die Kakerlaken wieder einfallen. Also doch irgendwie prägend.
Wenn ich darüber nachdenke, kommen immer mehr so kleine Prägungen, oder wie auch immer man das nennen möchte. Wenn es zum Beispiel abends oder nachts, wenn ich schon im Bett liege, stark regnet, denke ich als erstes „Hoffentlich ist alles dicht und es überschwemmt meine Wohnung nicht.“ Nach über zwei Jahren zurück in Deutschland denke ich das noch!!!
Oder – das war auch ein Thema mit Hannah – bevor wir die Wohnung verlassen, und wenn es nur ein Wochenende ist, und dann auch wieder, wenn wir zurückkommen, freue ich mich ungemein, dass ich mir erstens vor der Abreise keine Gedanken machen muss, was im Kühlschrank ist und was vielleicht vergammelt, wenn der Strom weg ist in den nächsten Tagen und zweitens, freue mich beim Zurückkommen, dass die Wohnung einfach noch genauso sauber und ordentlich ist, kein Wind, kein Starkregen, kein tagelanger Stromausfall haben irgendwelche Spuren hinterlassen. Oder Schlangen! Bei Hannah waren ja auch mal Schlangen in der Wohnung.
Es tut gut, mit Hannah und Max diese kleinen Momente des Alltags zu teilen, weil sie eine der wenigen meiner Freund*innen in Deutschland sind, die das nachfühlen können, weil sie es selbst erlebt haben und diese Momente auch immer noch haben. Es tut gut, dass ihre Wohnung voller importierter Pflanzen aus Sierra Leone ist und ich auch noch Ableger mitnehmen konnte. Vielleicht denken Leute, die in meine Wohnung kommen, was hat sie denn da für Kraut und insta-untaugliche Pflanzen in ihren Töpfen. Aber wenn ich sie anschaue, dann kann ich für einen kleinen Moment nach Sierra Leone reisen, mich auf meinen Balkon denken oder in Erinnerungen an Menschen schwelgen, die ich nicht mehr sehe. Es ist meine Verbindung zu meinem anderen Leben.
Ich frage mich dann auch öfter, wie geht es wohl Menschen, die in anderen Umgebungen aufgewachsen sind und dann nach Deutschland kommen. Wie oft hat Joseph diese Momente, die ihn in Hab-Acht versetzen, weil es über Jahrzehnte wichtig für Gesundheit und damit auch fürs Überleben war, die hier vollkommen lächerlich erscheinen? Wir haben schon diese Momente, dass er auch nach 1,5 Jahren immer noch abends im Bett liegt und die Ruhe kommentiert, dass er immer noch ab und an kommentiert, wenn Schiebetüren automatisch aufgehen (automatische Türen gibt es in Sierra Leone natürlich nicht – macht ja auch keinen Sinn, wenn es so selten Strom gibt…), dass er immer noch begeistert ist, wie gut hier alles funktioniert. Egal ob Öffentlicher Nah- oder Fernverkehr, Arztbesuche, Apothekenbesuche, im Supermarkt gibt es alles und man muss sich keine Gedanken machen, ob das Essen gut ist oder nicht. Der Kühlschrank läuft 24/7 und das Essen wird nicht einfach schlecht. Joseph kommentiert regelmäßig was für einen riesen Unterschied konstanter Strom macht. Wie anderes das Leben in Sierra Leone wäre, würde es immer Strom geben.
Es gibt die Möglichkeiten zu planen, weil es eine verlässliche und planbare Zukunft gibt. Das Planen fängt ja schon damit an, dass ich (glückliche Besitzerin einer großen Kühltruhe) Essen einfrieren kann, für Tage, an denen ich vielleicht nicht kochen möchte oder an denen ich Gäste habe. Ich kann auf Vorrat kaufen und weiß, das Essen wird nicht schlecht. Weder in der Kühltruhe noch in der Speise. Ich meine, in Sierra Leone ist mir Mehl geschimmelt… Da habe ich kaum auf Vorrat gekauft. Und wenn man dann noch in einem Zuhause lebt, dass schwierig vor kleinen Krabbeltierchen zu sichern ist, kauft man auch nicht auf Vorrat.
So viele Kleinigkeiten, die einen so unglaublich großen Unterschied für das Leben der Menschen machen, ihren Stresslevel, die Dinge, über die sie sich Sorgen machen müssen und die Zeit, die sie dafür verwenden müssen. Ich merke, die Zeit in Sierra Leone hat mich doch geprägt. Anders vielleicht, als ich selbst erwartet habe oder auch anders als die meisten Leute meinen, die mich fragen, aber ganz klar, hat sich da einiges in mich eingeschrieben, das noch nicht wieder überschrieben wurde. Und das ist auch sehr schön so. So bleibt diese Zeit noch länger lebendig in mir.
Mich rufen nun die Pflichten und Privilegien des deutschen Alltags. Genießt eure kakerlakenfreien Küchen und Wohnungen und schaltet nachts getrost das Licht aus!
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