Ich höre ihn gerade, den Sound of Salone. Der Generator läuft auf Hochtouren, seitdem ich vor zwei Stunden im Büro angekommen bin. Da werden leider die anderen Geräusche in den Hintergrund gedrängt: Die Hähne, die 24/7 krähen, die Straßenverkäufer mit ihren Megafonen, die Hunde des nachts und die spielenden Kinder. Nur der Regen ist lauter als die Generatoren. Und wenn sie schweigen, dann kommt auch viel, viel Musik an meine Ohren.
Heute soll es eigentlich um Musik gehen, nicht um die Generatoren. Zurzeit haben wir auch fast immer Strom bei mir in der Ecke, deshalb sind die Generatoren zur Zeit gar nicht so raumeinnehmend. Nur im Büro eben.
Blogartikel während der Arbeitszeit???
Falls ihr euch jetzt fragt, weshalb ich einfach während der Arbeitszeit einen Blogartikel schreibe, dann kann ich das sehr schnell beantworten: Ich bin mal wieder in der Warteschleife. Meine Kollegin war letzte Woche krank. Ich sitze auf drei fertigen Konzepten. Nun muss ich meine Ideen aber noch mit meinem Kollegen und meiner Kollegin besprechen, damit wir die Planung finalisieren können und die Budgets erstellen können. Und dafür brauche ich sie eben. Mariama ist vorhin aber mit dem Finanzkollegen zu irgendeiner Schule gefahren, um seinen Neffen dort anzumelden. Und solange die nicht zurück sind, nutze ich die Zeit eben auf andere Weise sinnvoll. Außerdem habe ich schon eine große Verbesserung (zumindest für mich) ins Büro gebracht: ich habe endlich einen Kalender gemacht und ihn im Büro aufgehängt. Es gibt hier keine Kalender zu kaufen. Die einzig berechtigte Frage ist nun: Wieso habe ich über ein Jahr gebraucht, um endlich aus zwei Flipcharts einen Kalender zu machen? Das frage ich mich wirklich selbst. Wenn nun auch noch der Scheck diese Woche fertiggemacht wird, mit dem Geld für das Whiteboard, dann ist das Büro langsam so ausgestattet, dass die Planung und Übersicht unserer Aktionen auf ein vollkommen neues Level gehoben werden können.
Während ich hier sitze und tippe, kommt der Kollege vom CEPF Team ins Büro. Er ist ganz begeistert von unserem neuen Kalender und wird diese ungewöhnliche und hervorragende Idee kopieren. Damit ihr wisst, welch unglaubliche Innovation ich ins Büro bringe, hier ein Bild:
Aber nun: Musik
Auf Wunsch eines Einzelnen gibt es heute keine langen Ausführungen, sondern einfach mal ein paar Hörproben zur Musik, die hier in den Straßenkiosken und Clubs läuft. Im Keke und im Radio. Auf den Privatpartys und am Strand. Viele Lieder stammen aus Nigeria. Nigeria ist in Westafrika das Land, das am meisten medialen Einfluss hat. Die Filmindustrie und die Musikindustrie bestimmen den Markt in Westafrika. Aber wir haben auch ein paar Sierra Leonische Künstlerinnen und Künstler.
Damit ihr euch ein bisschen besser auf die Musik einstellen könnt, sind hier ein paar Fotos von meinem Strandnachmittag am Samstag. (Yeah! Wir hatten tatsächlich mal eine Regenpause und Sonnenschein!) Schließt die Augen, stellt euch vor, ihr sitzt am Strand und im Hintergrund läuft die Musik.
Genug des Geschwafels, hier kommt die Mukke:
Ich lerne ja immer gerne dazu. Ich habe meine erste Playlist auf youtube erstellt. Ich hoffe, das klappt so. 🙂
Wie unpassend, dass ausgerechnet jetzt die Sonne hinter den Wolken hervorkommt. Aber zugleich ist es auch ein Segen, dass es endlich einmal nicht regnet und die Sonne uns allen wenigstens kurz zeigt, dass sie noch da ist. Seitdem ich zurück bin, regnet es fast die ganze Zeit. Dieses Jahr macht die Regenzeit ihrem Namen alle Ehre und lässt uns die Naturgewalten spüren.
Bevor ich letztes Jahr nach Salone gekommen bin, hieß es immer, wenn du bis Ende Juli keine Freundschaften geschlossen hast, dann wirst du sehr einsame Wochen verbringen, weil in der Regenzeit alle zuhause bleiben und niemand ausgeht. Dann hat es letztes Jahr aber gar nicht so viel geregnet und ich dachte, das sind alles Übertreibungen. Jetzt weiß ich, es war nicht übertrieben!!!! Manche Dinge lerne ich wirklich erst in Jahr 2 😉
Am Sonntag zum Beispiel hat es von morgens um 3 oder 4 bis abends um sieben durchgeschüttet. Dass es überhaupt so viel Wasser da oben in den Wolken gibt, hat mich sehr erstaunt. Irgendwann müssen die doch mal leer geregnet sein. Aber nein. Als es abends aufgehört hat zu schütten wie aus Eimern, regnete es nur normal weiter. Bei mir in der Wohnung regnet es auch immer an vier Stellen, wenn es draußen stark regnet, weil mein Dach nicht ganz dicht ist. Aber das nehme ich gerne in Kauf, wenn ich sehe, wie es in anderen Stadtteilen aussieht und wenn ich in den sozialen Medien mitbekomme, wie es anderen Menschen bei dem Dauer-Stark-Regen ergeht.
Überflutete Straßen – oder war das schon immer ein Fluss hier?
Der Regen hatte mich schon direkt nach meiner Ankunft in Empfang genommen. Als wir während des Curfews zuhause saßen, haben wir noch gescherzt, dass eh niemand rausgehen würde, weil es so stark regnete. Am Montag nach meiner Ankunft sind wir aber trotzdem in unser asiatisches Karaoke-Restaurant, weil ein Freund von mir Geburtstag hatte. Wir waren die einzigen Gäste, kein Wunder bei dem Regen. Freddy, der noch unterwegs war, hat aus dem Keke Videos geschickt. Er steckte fest, weil eine der großen Straßen in Freetown vollständig überschwemmt war. Ich zeige euch hier ein paar Videos aus den sozialen Medien. Quelle und Ursprung unbekannt (bis auf Freddys Video), da mehrfach geteilt und weitergeleitet. Aber so bekommt ihr einen kleinen Eindruck davon, was es heißt, wenn es in den Whatsapp-Gruppen auf einmal heißt „Weiß jemand, ob man gerade die Wilkinson entlang kommt?“
An diesem Abend regnete es zwar sehr stark und Straßen wurden zu Sturzbächen, aber es wurde nicht von Opfern berichtet. Das ist in jeder Regenzeit die größte Sorge hier. Viele Menschen leben sehr nahe an den Wasserwegen oder unten am Meer in Wellblechhütten. Wenn Starkregen kommt, schießen die Wassermassen von den Hügeln ins Tal und reißen alles und jeden mit. Letztes Jahr gab es kaum Überflutungen und kein einziges Todesopfer. Es gab aber auch nicht viel Regen. Dieses Jahr sieht es leider anders aus.
Gedenken an die Opfer des Mudslides 2017
Bei lange andauerndem Starkregen kommen die Gespräche früher oder später immer auf den 14. August 2017. Vor fünf Jahren ereignete sich eine sehr schlimme Katastrophe. In den frühen Morgenstunden wachten die Menschen in Mortomeh, das ist ein Stadtteil von Freetown, von lautem Grollen auf. Einige dachten, es wäre ein Donner – obwohl es im August eigentlich nie donnert. Es war kein Donner. Ein riesiger Hangabschnitt hatte sich gelöst und rutschte in die Tiefe. Nach drei Tagen Dauerregen war der Untergrund nicht mehr fest, der abgeholzte Hügel hatte nichts mehr, was ihn hielt, so rutschte eine unglaubliche Schlammlawine ins Tal und begrub Häuser und Menschen unter sich. Über 1.000 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben oder gelten immer noch als vermisst. Jede Person in Freetown weiß bis heute ganz genau, was sie getan hat, als sie von dem Unglück erfuhr. Es gehört zum kollektiven Gedächtnis der Stadt. Umso verwunderlicher ist es für mich, dass weiterhin Hügel abgeholzt werden und Häuser darauf gebaut werden. Direkt in der Nähe der Unglückstelle werden auch weiterhin neue Häuser gebaut.
Wir wollten anlässlich des fünften Jahrestages des Unglücks mit community members, der head woman und Vertretern der NDMA (National Disaster Management Agency) einen kleinen Fernsehclip drehen, um einerseits an die Opfer von damals zu erinnern und zugleich die gefährlichen Konsequenzen der Entwaldung zu thematisieren. Ich bin schon öfter an der Stelle mit dem mudslide vorbeigefahren. Man sieht es wie ein Mahnmal der Natur vom Highway aus. Dieses Mal sind wir direkt an den Fuß des Hügels, der abgerutscht ist, direkt an den Rand der red zone. Am Tag bevor wir mit unserem Fernsehteam nach Mortomeh kamen, hat sich ein Riss am Boden aufgetan. Er läuft mehrere hundert Meter in der yellow zone durch Häuser, über Wege den Hügel entlang. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es, wenn es so weiterregnet, zu neuen Erdrutschen kommen wird.
Im Vordergrund das Gate. Dahinter liegt die red zone, in der es keine Bau- und Landwirtschaftsaktivitäten geben sollte.
Im Hintergrund der Mudslide, im Vordergrund neue Gebäude, die in der yellow zone gebaut werden.
Ein Vertreter der NDMA vor der Kamera.
Einer der village chiefs erklärt, dass nicht alle Familien Kompensationszahlungen bekommen und deshalb nicht wegziehen konnten. Der Crack verläuft über den Weg im Hintergrund, durch die Häuser die zu sehen sind. Diese neuen Gebäude in der yellow zone sollten nicht da sein, wo sie sind.
Der Riss führt mehrere hundert Meter am Hang zwischen den Häusern entlang.
Die head woman (im rosa Kleid) im Gespräch mit den community members.
Die Head Woman (Frau Metzger ;-)) macht klar, dass alle schnellstmöglich in sichere Häuser umziehen sollten.
Am Fuße des Mudslides.
Die Straße ist die Grenze der yellow zone. Links sollte es eigentlich keine Häuser geben.
Menschen tragen Matratzen und Eimer mit ihrer Habe in weniger gefährdete Häuser.
Wir folgen dem Crack.
Charles Showers, der Präsident von CSSL, vor dem Gedenkstein.
Als wir dort waren, haben auch schon die ersten Familien begonnen, ihr Hab und Gut in anderen Häuser zu tragen. Das Problem ist: dort wo sie leben, sollte niemand wohnen. Dort wo neue Häuser gebaut werden, ist eigentlich yellow zone und somit Gefahrenzone. Wieder einmal ist das Problem nicht, dass es keine Gesetze und Regeln gibt, sondern dass diese nicht eingehalten und umgesetzt werden. Gemeinsam mit der head woman, den local chiefs und ein paar community members haben wir uns den Riss angeschaut. Einige Leute sagen, sie würden sofort umziehen, wenn sie die finanziellen Möglichkeiten hätten. Der Executive Director der NPAA (National Protected Area Agency) sagt, alle haben nach 2017 Geld bekommen, um wo anders Grund zu kaufen und ein Haus zu bauen. Aussage gegen Aussage. Keine Ahnung, ob es irgendwo offizielle Dokumente gibt, wer wieviel Kompensation bekommen hat damals. Im kurzen Videoclip kommen alle nochmal zu Wort:
Im Anschluss an die Begutachtung der Lage vor Ort gab es ein Treffen mit Vertretern von UNOPS, Wissenschaftlern, Vertretern des Umweltministeriums und der beiden oben genannten Agency und eben CSSL, vertreten durch mich. Da fällt mir gerade ein, ich wollte ja noch fragen, ob ich die Präsi von den Treffen haben kann. Dort sind einige Drohnenaufnahmen, die zeigen, wie verrückt die Leute teilweise bauen, ohne irgendwelche Reglementierung. Einer hat zum Beispiel die Mauer um sein Grundstück so gezogen, dass er damit einen Wasserweg blockiert. Das Wasser wird nun umgeleitet und flutet eine Straße, die komplett unpassierbar ist, sobald es regnet. Das ist nur ein Beispiel. Bei dem Treffen wurde mir auf jeden Fall sehr klar, dass wir uns sehr glücklich schätzen können, dass nicht jedes Jahr viel mehr Unglücke geschehen während der Regenzeit.
Weil euch ja immer interessiert, was ich eigentlich so mache: Zu diesem Treffen waren eigentlich auch meine Kollegin und der Präsident von CSSL eingeladen. Meine Kollegin war krank und Charles und ich waren parallel noch auf einem anderen Workshop zu KBAs (Key Biodiversity Areas). Davon vielleicht ein anderes Mal mehr. Ich war der Meinung, es ist gut, dass wir ernst genommen werden und eingeladen werden zu diesem Meeting. Also bin ich eben alleine hin, um CSSL zu vertreten. NDMA hatte eingeladen, um Empfehlungen von verschiedenen Organisationen zu bekommen, wie weiter vorgegangen werden sollte. Es ging nicht nur um Mortomeh, sondern allgemein um Orte, die ebenfalls disaster prone sind. Ich denke zwar nicht, dass ich diejenige bin, die da mit dem meisten Sachverstand auftritt, aber meine Beiträge waren trotzdem sehr gut, finde ich zumindest. Eines meiner Anliegen ist, dass CSSL als wichtiger Player wahrgenommen wird. Ich habe auf jeden Fall meinen Senf dazugegeben. Mein wichtiger Beitrag war, dass es mit Sicherheit gut ist, wissenschaftlich fundiert zu argumentieren, weshalb bestimmte Gegenden als red zones markiert werden, wo nicht gebaut werden sollte und wo keine Abholzung und keine Landwirtschaft erlaubt sein sollte und wo am Ende bestehnde Häuser abgerissen werden. Aber die wichtige Frage ist, wie schafft es die Regierung, dass die Menschen nicht einfach wieder kommen und ihre Häuser in diesen gefährdeten Zonen wieder neu bauen. Die meisten Menschen, die zum Beispiel in der Kroo Bay oder Susan Bay leben (das sind zwei Slums unten am Meer), die Menschen wissen, es ist hochgefährlich dort und sie wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass alles weggespült wird, mit jeder Regenzeit kommt. Aber sie wollen in der Stadt wohnen. Was also ist nötig, damit die Menschen wirklich nicht an Orten bauen, die ganz klar überflutungsgefährdet sind? Und zwar nicht nur, wenn einmal ein Jahrhunderthochwasser kommt, sondern jedes Jahr aufs Neue.
Es regnet, es regnet, kein Ende in Sicht
Als wir in Mortomeh waren, hatten wir großes Glück. Genau die vier Stunden, in denen wir vor Ort waren, war es trocken. Als wir ins Auto stiegen, kamen die ersten Tropfen vom Himmel. Die ganze Woche über regnete es immer mal mehr mal weniger. Am Wochenende dann hörte der Regen allerdings gar nicht mehr auf. Ich wachte Sonntagmorgen so gegen vier auf, weil es so stark geregnet hat. Ich wohne ja direkt unter dem Dach und da ist der Regen sehr laut. Es ist so laut, dass ich nicht telefonieren kann und eigentlich sind auch Stummfilme an solchen Tagen geeigneter als Filme mit Ton. Es schüttete wirklich den ganzenTag. Und dann kamen auch langsam die Videos über die sozialen Medien. Straßen waren zu Sturzbächen geworden, Menschen, die hüfttief durch Wasser waten. Und dann kam das, was viele befürchtet hatten: ein Mudslide, der seine ersten Todesopfer forderte. Eine ganze Familie wurde vom Schlamm begraben. Ein Mädchen konnte noch gerettet werden. Ich zeige euch nicht alle Videos, weil wie schon in einem früheren Artikel geschrieben, nicht immer auf die Privatsphäre von Opfern rücksichtgenommen wird.
Ich glaube, die ganze Stadt hat aufgeatmet, als am Abend der Regen nachließ. Heute, zwei Tage später, scheint auf einmal sogar die Sonne. Ich hoffe wirklich, dass wir nun ein paar Tage mit weniger Regen haben. Zu viele Menschen haben alles verloren, weil ihre Häuser überschwemmt wurden. Eine Organisation alleine hat im Laufe des Sonntags schon über 250 Familien aufgenommen. Meine Security Familie hat früher in den Viertel gewohnt, in dem es den Mudslide gab am Sonntag und wo es die stärksten Überflutungen gab. Jetzt wohnen sie wo anders. Aber Aminata hat mir erzählt, dass eine befreundete Familie am Samstag vorübergehend zu ihnen gezogen ist. Seit Freitagnachmittag wurden über die sozialen Medien schon Warnungen der NDMA verschickt, dass die Wettervorhersage Starkregen verspricht und alle Menschen aus überflutungsgefährdeten Gegenden ihre Häuser verlassen sollen. Es ist gut, mitzubekommen, dass die Regierung versucht, die Leute zu warnen. Leider sind nicht alle diesem Aufruf gefolgt. Wenn es nochmal zu diesen Starkregen kommt, wird es mit Sicherheit auch weitere Todesopfer geben. Einerseits brauchen wir den Regen in der Regenzeit, weil es ja dann ab November wieder fünf Monate trocken ist, aber zu viel Regen auf einmal, bringt neue Gefahren.
800ml Niederschlag ???!
Ich, die sich ja bei bestimmten Zahlen nichts vorstellen kann, weiß nun, was es heißt, wenn im Reiseführer steht: Im August 800mm Niederschlag. Laut Wikipedia ist das die mittlere Niederschlagsmenge der letzten Jahre in Deutschland aufs ganze Jahr gerechnet! Bei uns gibt es also in einem Monat soviel Niederschlag, wie in Deutschland in einem ganzen Jahr. Dafür ist bei uns der Niederschlag in den Monaten der Trockenzeit bei Werten von 2-8 mm, also sehr ungleich verteilt. Das muss ich natürlich dazusagen. Im Jahresmittel sind wir in Sierra Leone bei knapp über 3.000mm pro Jahr. Der gesamte Niederschlag kommt in drei bis vier Monaten runter.
Und nun noch ein Lichtblick
Ich arbeite heute von zuhause, weil ich seit gestern Gäste habe. Hannah und Max sind gestern wieder in Salone gelandet und bleiben zwei Nächte bei mir, bevor sie sich auf den Weg nach Makeni und Bo machen. Deshalb sitze ich gerade zuhause und freue mich über größer werdende Lücken in der Wolkendecke und sogar blauen Himmel. Endlich wieder Sonne auf der Haut 😊 Das schreit nach einem Strandspaziergang später. Vielleicht gibt es heute sogar einen Sonnenuntergang im Meer. Das wäre traumhaft!
Und übrigens, inmitten all der tragischen Nachrichten, gibt es auch immer wieder Lichtblicke. So wurden in den letzten Tagen Elefanten in Sierra Leone gesichtet. Ich freue mich riesig! Ich hoffe, sie werden nicht verjagt, so dass wir bald auch hier Elefanten in unseren Wäldern haben und ich sie vielleicht sogar einmal sehe, auf einer meiner nächsten Reisen in den Regenwald!
Oh Salone 😔 gerade eben erreicht mich die Nachricht, dass der Elefant getötet wurde. Wegen des Elfenbeins. Es ist so traurig hier. Solange es nicht genug Geld gibt für diejenigen, die den Wald und die Tiere schützen sollen, ist es wohl aussichtslos hier…
Sonne auf der Haut, das freut auch meine Pflanzen.
Vor nicht ganz zwei Wochen bin ich wieder in Salone gelandet. Es sind noch keine 14 Tage. Aber zugleich ist in diesen Tagen – eigentlich in den ersten sieben Tagen seitdem ich wieder da bin – schon so viel passiert und ich habe emotional viel Neues erlebt. Zum Beispiel das Gefühl von Unsicherheit in diesem Land. Deshalb bin ich immer wieder verwundert, wenn Freundinnen aus Deutschland „immer noch“ Fotos aus dem Urlaub schicken. Wie lange sind die im Urlaub? Drei Monate? Gefühlt, ist es schon unglaublich lange her, dass ich in Deutschland war, auch wenn ich vor zwei Wochen noch den Sonntagnachmittag mit meiner Familie im Garten verbracht habe. Wie gesagt, es ist einiges passiert seit meiner Landung in Freetown.
Unerwarteter Empfang in Freetown
Direkt am Tag meiner Rückkehr gab es ziemlich schlimme Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstrantinnen und Demonstranten. Mich traf das sehr unvorbereitet. Ja, wir sprechen in den CPS-Meetings schon seit Monaten darüber, dass es vor den Wahlen zu Gewalt kommen kann bzw. wird. Seit Monaten wird diskutiert, wie insbesondere junge Menschen (junge Männer) positiv in die Gesellschaft eingebunden werden können, so dass sie sich nicht von politischen Parteien instrumentalisieren lassen. Aber trotzdem war es nicht wirklich greifbar für mich. Wahrscheinlich auch, weil ich mich noch gut an den Wahlkampf und die Wahlen damals in Mosambik 2004 erinnern kann. Damals waren auch alle sehr nervös und in Sorge, dass es Gewalt geben wird vor den Wahlen und während der Wahlen und dann blieb alles ruhig. Hier blieb es auf jeden Fall nicht ruhig vor zwei Wochen.
Ich bin in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch um kurz nach 1 Uhr in Lungi gelandet und war dann mit der Fähre so um drei/ halb vier auf der anderen Seite in Freetown. Ich hatte echt einen tollen Empfang. Freddy hat mich sogar mit dem Keke an der Fähre abgeholt, obwohl es mitten in der Nacht war und John kam auch noch vorbei, sodass wir dann noch zu viert bei Maria saßen bis vier, halb fünf und meine Wiederkehr feierten.
Internetsperre, Ausgangssperre und krasse Bilder
Als ich am Mittwochvormittag aufgewacht bin, war meine größte Sorge, dass ich keinen Strom hatte (weil ich mein Meter vor meiner Reise nicht ausreichend aufgeladen hatte) und meine Gasflasche leer war. Somit konnte ich mir nicht einmal Kaffee kochen! Und dann war auf einmal das Internet weg. Zuerst dachte ich, das liegt an meinem Handy, das sich erst wieder final ans Sierra Leonische Netz gewöhnen muss – was natürlich Quatsch war, weil ich davor schon Internetempfang hatte am Handy, aber egal. Weil ich dringend Kaffee brauchte, bin ich runter zu Maria. Und dort habe ich dann erst gecheckt, was eigentlich los ist in der Stadt.
Ich hatte schon über whatsapp ein kurzes Video gesehen, mit Leuten, die demonstrieren und dem Hinweis, heute mal lieber nicht in die Innenstadt zu fahren, aber Demos gibt es ja manchmal wegen höherer Benzinpreise. Das ist normalerweise nicht so tragisch. Dieses Mal aber war es sehr tragisch. Es wurde geschossen, Menschen wurden auf der Straße erschossen. Sicherheitskräfte und Zivilisten und Zivilistinnen sind gestorben. Es gab richtige Unruhen und gewalttätige Auseinandersetzungen in der Innenstadt in Freetown, in Waterloo und in zwei anderen Städten im Land. Brennende Reifen auf den Straßen, Menschen, die Sicherheitskräfte verprügeln und dann Militärs, die auf den Straßen patrouillieren. Das Internet und Telefonnetz waren für ein paar Stunden ausgeschalten und wurden dann wieder angemacht. Die Regierung hat eine Ausgangssperre ab 15h nachmittags verhängt, ohne Information, wie lange die Ausgangssperre gelten würde. Bei uns im Viertel war alles ruhig. Wir sind nochmal kurz raus und haben Essen besorgt, aber sonst war bei uns alles entspannt. Wir hatten eher so ein WG-Feeling hier mit gemeinsam Abendessen und Film schauen. Es war nur sehr komisch, zu wissen, dass hinter den Hügeln Ausnahmezustand herrscht. Die einzigen Infos, die wir hatten, kamen über soziale Medien und Telefonate mit Leuten, die jemanden kennen, der jemanden kennt…
Im Laufe des Tages habe ich mir dann leider noch ein paar der Videos angeschaut, die über die sozialen Medien geteilt worden waren. Keine schönen Bilder. Und vor allem keine Bilder, die ich sehen möchte, wenn es sich um die Stadt handelt, in der ich lebe. Die Medien filtern hier nicht nach irgendwelchen medien-ethischen Gesichtspunkten in Hinblick darauf, welche Arten von Gewalt und Folgen von Gewalt, Verletzte und Tote sie zeigen. Selbst Online-Zeitungen haben die whatsapp-Videos, die teilweise wirklich grausame Bilder beinhaltet haben, auf ihren Seiten veröffentlicht. Bilder, die so in Deutschland von den Medien niemals gezeigt werden würden.
Wir sind es vielleicht gewohnt, im Fernsehen Bilder von gewalttätigen Ausschreitungen zu sehen, von Menschen die Steine oder Molotow-Cocktails auf Polizei und Militär werfen, von brennenden Straßensperren und Mobs, aber wenn diese Bilder dann auf einmal aus der eigenen Stadt kommen und Menschen zeigen, die doch eigentlich immer freundlich und friedlich sind, dann geht das nicht spurlos an mir vorbei. Ich habe mich auch während der Ausschreitungen nie unsicher gefühlt in meinem Viertel und vor allem nicht, hier in meiner Wohnung. Aber es war ein sehr komisches Gefühl. Man hat gemerkt, dass in der ganzen Stadt auf einmal alle die Luft anhalten.
Die Ausgangssperre wurde am Donnerstagmorgen aufgehoben. Sie wurde durch eine nächtliche Ausgangssperre von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens ersetzt. Die meisten Läden blieben zu, Büros blieben geschlossen, auch wir waren im Homeoffice bzw. zuhause. Ich war trotzdem mal kurz einkaufen. Ich bin ja erst am Mittwoch zurückgekommen und hatte nichts zu essen zuhause. Es war ruhig auf den Straßen und irgendwie eine komische Stimmung. Ab Freitag normalisierte sich die Lage schon etwas und einige Läden haben wieder aufgemacht und die Leute sind auch langsam wieder zurück ins Büro. Das Verrückte an der Situation war, dass es, wenn ich mir nicht aktiv bewusst gemacht habe, was hier gerade passiert, eigentlich gar nicht so extrem war. Ausgangssperre kennen wir jetzt ja alle schon von Covid. Wir sind dann eben am Samstag schon nachmittags zum Bierchen an den Strand und nicht erst am Abend. Sobald ich mir aber bewusst gemacht habe, weshalb hier gerade Ausgangssperre ist – nämlich dass einfach mal Menschen auf der Straße erschossen worden waren und es Leute gab, die in den sozialen Medien zum Sturz der Regierung aufgerufen hatten – dann kam doch wieder eine komische Stimmung in mir auf.
Die nächtliche Ausgangssperre wurde zuerst im Süden des Landes aufgehoben und dann am Samstagabend auch bei uns in Freetown. Es gab im Osten Freetowns am Wochenende zwar nochmal ein paar Auseinandersetzungen, aber es war nicht ganz klar, ob das eher eskalierte, weil die Leute schon angespannt waren, oder wirklich nochmal Leute mit Absicht eskalierten. In Makeni gab es auch danach nochmal Gewalt. Aber mittlerweile ist es auch dort wieder ruhig – zumindest an der Oberfläche.
Geht das jetzt so weiter?
Nun gut, kann man sich nun denken. Dann gab es eben drei Tage Demonstrationen und am letzten Tag ist es eskaliert. Durch das schnelle Durchgreifen von Seiten der Regierung war die Situation ja ziemlich schnell unter Kontrolle und die Lage im Land wieder ruhig. Das, was den meisten Menschen inklusive mir, Sorgen bereitet, ist das Wissen, das dies nun die ersten Vorboten für den Wahlkampf waren. Wir haben nächstes Jahr im Juni Wahlen. Die meisten Leute hier gehen davon aus, dass die Wahlen nicht ohne Gewalt und Konflikten vonstattengehen werden und es nun immer wieder zu solchen Situationen kommen kann.
Es gibt verschiedene Theorien, wer für die Eskalation verantwortlich war. Die einen sagen, es war die Opposition, die junge Männer aus den Provinzen in die Hauptstadt geschickt hat, sie unter Drogen gesetzt hat und mit Waffen versorgt, so dass sie Unruhe stiften und Chaos kreieren. Damit soll angeblich gezeigt werden, dass die aktuelle Regierung, die Lage nicht im Griff hat und es nicht schafft, die Wahlversprechen einzuhalten. Die Preise sind in den letzten Monaten extrem gestiegen und die Kosten für Essen, Wohnen und Kochen sind für viele nicht mehr bezahlbar. Andere sagen, es war die Regierung selbst, damit sie Stärke zeigen kann und gegebenenfalls einen Grund hat, den Ausnahmezustand auszurufen und härter gegen Gegner des Präsidenten vorzugehen. Wieder andere sagen, es sind Exil-Sierra Leoner. Insbesondere eine Person hetzt die Menschen über soziale Medien gegen die aktuelle Regierung auf. Oder es waren doch einfach nur Menschen, die sich das Leben nicht mehr leisten können und deshalb auf die Straße sind? Die letzte Version ist am wenigsten wahrscheinlich, da es insbesondere in den strongholds der Opposition zu Ausschreitungen kam.
Anscheinend haben nicht bekannte Influencer online zu Streiks aufgerufen für den 8. bis zum 10. August und dazu, am 10. August „die Straßen einzunehmen“. Da offiziell niemand eine Demonstration angemeldet hat und die Gruppierung, die sich dazu bekannt hat, keine Partei oder keine greifbare Gruppe ist, kann nur vermutet werden, wer wirklich dahintersteckt. Da die Situation schon am Dienstag, dem 9.8., unruhig war, wurde das Militär zur Hilfe der Polizei hinzugezogen mit Hilfe der Military Aid to Civil Power Policy. Normalerweise hat das Militär keinen Auftrag im Landesinneren (ähnlich wie in Deutschland). Das Militär half, die Ausgangssperre zu kontrollieren und gegen die Gewalttätigen vorzugehen.
Es gibt unterschiedliche Zahlen zu den Opfern. Es gibt Quellen, die sprechen von vier, andere von sechs getöteten Polizisten und Polizistinnen und von 21 oder mehr zivilen Opfern. Alle politischen Parteien haben die Gewalt verurteilt und zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen. Der Präsident und andere Regierungsvertreter haben die Opposition direkt oder indirekt mit den gewalttätigen Ausschreitungen in Verbindung gebracht. Die Opposition dementiert das und hat auch offiziell klar Abstand zu den hetzenden Influencern genommen. Es bleibt das große Problem, dass es kaum verlässliche Nachrichtenquellen gibt. Die meisten Leute informieren sich über die sozialen Medien. Aber die Videos und Fotos sind nicht immer verifiziert und natürlich ist bei einigen auch nicht klar, ob sie wirklich aktuell sind, oder schon ältere Aufnahmen sind. Während der Ausgangssperre gab es z.B. Videos von schwarzen SUVs, die bei Leuten vor den Häusern anhalten und Leute aus den Häusern holen. Es gab Videos von Militärs, die die Straße entlanglaufen und dann sind nochmals Schüsse zu hören. Bei vielen Meldungen gab es mehrere Versionen und Erklärungen, je nachdem, mit wem man so gesprochen hat.
Eigentlich weiß ich nur eines: Nichts Genaues weiß ich nicht. Es bleibt alles absolut undurchsichtig für mich.
Darüber schreiben oder nicht und wenn ja, wie überhaupt?
Zunächst wusste ich nicht, ob ich hier überhaupt über die Ausschreitungen berichten soll oder nicht. Ich wusste nur, ich schreibe erst, wenn die Lage sich wieder beruhigt hat, damit ihr euch keine akuten Sorgen machen müsst. Mittlerweile weiß ich aber gar nicht, ob ich nicht viel eher mich schützen wollte und nicht euch. Ich glaube, mir geht es viel eher darum, dass ich nicht glauben möchte, wie schnell die Menschen gewalttätig werden und der fragile Frieden in größter Gefahr ist. Ich wollte das schöne Bild von Sierra Leone nicht zerstören. Aber da ich euch ja ein möglichst breites Bild meiner Realität hier abbilden möchte, kann ich so etwas einschneidendes nicht einfach weglassen.
Wie gesagt: ich war zu keinem Zeitpunkt in Gefahr und ich habe mich auch zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt. Aber ich fühlte mich in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt, auch als die Ausgangssperre aufgehoben war.
Und dann gibt es noch einen weiteren Grund, weshalb ich nicht sicher war, ob ich hier darüberschreiben soll: die Lage ist sehr undurchsichtig. Ich verstehe die Zusammenhänge nicht wirklich und kenne auch gar nicht alle Akteure und Akteurinnen. Ich habe versucht, euch zu beschreiben, wie ich die Situation erlebt habe, aber einen echten Hintergrundbericht gibt es hier nicht. Ich fühle mich nicht informiert genug, um euch echte Informationen zu den politischen und gesellschaftlichen Hintergründen zu geben.
Und jetzt – business as usual?
Hier geht das Leben jetzt wieder „normal“ weiter. Während ich hier sitze und schreibe, ist draußen auf der Straße großes Geschrei, weil die Jungs Fußball spielen; gestern habe ich meinen Strandspaziergang gemacht, vorgestern war ich beim Kneipenquiz und morgen wartet ein Treffen mit zwei Regierungsbehörden auf mich, bei dem es um die Gefahren der Deforestation gehen wird. Einerseits ist es gefühlt etwas ruhiger als sonst auf den Straßen und in den Nächten, andererseits kann das auch an der Regenzeit liegen. Immerhin hatten wir fast fünf Tage Regen am Stück, Straßen waren überschwemmt und kaum jemand verlässt das Haus.
Die Ausgangssperre wurde vor einer Woche aufgehoben, aber auch das alles scheint schon wieder so weit weg, weil auch seitdem schon wieder so viel passiert ist. Ich weiß gar nicht, was gerade los ist. Aber die Tage sind gerade voller Ereignisse. Es wird also sehr bald ein weiterer Beitrag folgen und hoffentlich von meiner überaus erfolgreichen und motivierenden ersten Arbeitswoche nach meinem Urlaub berichten. Ich hoffe, dass in der Zwischenzeit nicht wieder irgendetwas außergewöhnliches passiert, so dass ich in aller Ruhe erst einmal erzählen kann, was in den letzten Tagen so los war. Nur so viel Spoiler: it´s getting wet over here…
Zunächst muss ich mich ganz kurz an Frank wenden. Ich habe deinen Artikelwunsch nicht vergessen! Er kommt. Aber zuerst muss ich noch darüber schreiben, wie berührt und schockiert ich war, von verbrannten Rasenflächen in Deutschland, Anfang Juli.
Bevor ich im Juli nach Deutschland geflogen bin, war ich echt mal wieder frustriert von der Arbeit. Ich schwankte zwischen, es geht alles viel zu langsam vorwärts und ich lass es einfach gleich alles sein und OMG, es ist so viel zu tun, wo soll ich nur anfangen? Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass es eh gar nichts bringt, was ich hier mache. Im Moment größten Ärgers dachte ich schon trotzig, dass ich einfach nicht mehr aus Deutschland zurückfliegen werde.
Aber dann begegnete mir der deutsche Sommer
Und der hatte es in sich. Als ich Anfang Juli in Deutschland ankam, hatte ich das Gefühl, es wäre schon Ende August. Alle Felder waren gelb und verbrannt, keine grünen Rasen, auch die Gemüsebeete kämpften so vor sich hin. Wo sonst im Juli der Garten zuwuchert und sich in seiner Pracht zeigt, ließen auf einmal die Bäume ihre Blätter hängen und läuteten einen viel zu frühen Herbst ein.
Wassernotstand hier, Wassernotstand dort. Und vier Wochen fast ohne Regen. Nur sind die Pflanzen in Deutschland ja gar nicht für eine Trockenzeit wie wir sie in Sierra Leone haben gewappnet. Und die Tiere auch nicht. Von den Menschen ganz zu schweigen. Meine Idee von einem Kurztrip nach Italien habe ich ziemlich schnell wieder verworfen. Lieber den Leuten nicht noch mehr von der raren Ressource Wasser nehmen. Nur die Wespen schienen die trockene Hitze zu mögen. Wenigstens eine Spezies also, die den Sommer so richtig genoss.
Schmelzende Gletscher und ausgetrocknete Gebirgsbäche
Mein erstes erschrockenes Aufmerken gab es ja schon ein paar Wochen zuvor, als der Gletscher in den Dolomiten abrutschte und Wanderer unter sich begrub. Das hätte auch ich sein können, oder jemand den ich kenne, dachte ich mir. Ich erinnerte mich an die Alpenüberquerung, die ich vor zwei Jahren gemacht habe und an die Schneefelder, über die wir im August noch stiefelten. Gibt es das bald nicht mehr? Bis wann verwandeln sich die Alpen wohl in eine Seenlandschaft, wie ich es vorgestern in der Zeitung gelesen habe?
Die Sorge um Dürre und Trockenheit war auf jeden Fall in mehreren Gesprächen während meines Aufenthaltes Thema. Auch auf 1600m, wo ich ein paar Tage auf unserer Bärenbadalm verbrachte und der Bauer kam, um zu prüfen, ob die Kühe noch genug Wasser hätten. Sonst müsste er welches hinaufbringen. Verrückt, dachte ich mir da noch. Wahnsinn, dachte ich erschrocken, als wir bei unserer Wanderung am nächsten Tag an ausgetrockneten Bachläufen vorbeikamen, die ich aus den letzten Jahren als kleine aber glucksende Gebirgsbäche kennengelernt hatte, die die Füße angenehm kühlen und für Erfrischung sorgen nach einem anstrengenden Abstieg. Es gab im Winter nicht genug Schnee, deshalb gibt es jetzt im Sommer nicht genug Schmelzwasser.
Das hört sich ja sehr nach Freetown an: wenn es in der Regenzeit nicht genug regnet, dann haben wir in der Trockenzeit nicht genug Wasser und keinen Strom. Zumindest Regen scheint es in Freetown dieses Jahr viel zu geben. Soweit ich es zumindest aus der Ferne beurteilen kann. Letztes Jahr gab es nicht genug. Deshalb hatten wir im Frühjahr ja so große Wasser- und stromprobleme.
Den Regenwald retten für den Sommer in Europa
Für mich schließt sich der Kreis. Der verdorrte Rasen in Deutschland gibt mir neue Motivation und einen klaren Auftrag für meine Arbeit in Sierra Leone. Die Regenwälder müssen auf jeden Fall beschützt werden. Es gibt unterschiedliche Arten von Wald. Regenwald, europäischen Mischwald und Nadelwald wie in der Tundra/Taiga. Alle Wälder geben Wärme an die Atmosphäre ab und kühlen aber auch. Beim Regenwald ist der Kühlungseffekt am größten, der europäische Mischwald kühlt das Klima etwas mehr als dass er es erwärmt, der nordische Wald erwärmt das Klima mehr als das er es kühlt. Deshalb ist es so wichtig, dass besonders die Regenwälder beschützt und erhalten werden. Sie sind am wichtigsten, um das Klima zu kühlen und den Klimawandel abzufedern. Wenn ich mich so umschaue, frage ich mich zwar, ob das überhaupt noch Sinn macht, irgendetwas gegen den Klimawandel zu tun. Ist der Point of no return nicht schon längst überschritten und wir rollen mit Vollspeed in die Erderwärmung? Ich meine, die Erde wird es überstehen, um die mache ich mir keine Sorgen. Es ist nur ziemlich gemein, dass wir so viele Arten mit uns ins Verderben reißen, die nichts dafür können und sich nicht wirklich wehren können. Für sie strenge ich mich also an. Damit sie ihre Heimat und ihren Lebensraum nicht so rasend schnell verlieren.
Wenn ich an Sierra Leone gedacht habe, in den letzten Wochen, überkam mich oft auch eine Überforderung. Es gibt so viel zu tun. Ich sehe so viele Baustellen vor mir. Alleine das Plastik das den ganzen Strand bedeckt. Oder das Plastik, dass deinen Körper umschmeichelt, wenn du an bestimmten Stränden ins Wasser gehst. Das Plastik, dass die Leute einfach in den Wald werfen oder fallen lassen, wo sie gerade stehen und gehen. Wir brauchen eine Müllentsorgung, Aufklärungskampagnen und und und. Aber ich will zuerst den Wald retten. Um das Plastik müssen sich erst einmal andere kümmern.
In Deutschland reden wir spätestens seit den 1980er Jahren über Mülltrennung, Plastikvermeidung und Umweltschutz. Wir sind in den letzten 40 Jahren auch ganz gut vorangekommen. Allerdings nur oberflächlich. Bei der Müllentsorgung und der Müllverwertung sind wir keine Weltspitze. Da ist noch sehr viel Luft noch oben. Und wenn wir es in Deutschland in über 40 Jahren nicht geschafft haben, unseres Mülles Herrin und Herr zu werden, wie soll es dann in Sierra Leone in viel kürzer Zeit klappen?
Dazukommt natürlich, dass in Deutschland gerade das Thema Müll und Umwelt nicht die bestimmenden Themen sind.* Es geht um die Folgen des Krieges Russlands in der Ukraine, um explodierende Heizkosten und Inflation. In Sierra Leone haben wir ähnliche Sorgen. Verteuerung der Lebensmittel, Transportkosten schießen in die Höhe und die Wahlen stehen nächstes Jahr an. Wir können nur hoffen, dass die Politikerinnen und Politiker und einflussreichen Leute in der Wirtschaft, endlich sehen, was sie seit Jahrzehnten nicht sehen wollten oder nicht ernstgenommen haben und nicht länger so tun, als hätten wir noch Zeit, bis die Klimakatastrophe in ferner Zukunft künftige Generationen vor Herausforderungen stellt. Ich denke, wir sind schon mittendrin.
Und endlich weiß ich, was ich hier eigentlich mache 🙂
Sämtliche Dystopien scheinen viel schneller Realität zu werden, als erwartet. Ich bin gespannt, wie es weitergeht mit uns. Jetzt heißt es aber erst einmal, wieder richtig ankommen in Freetown und Pläne schmieden für die Rettung des Waldes hier. Denn nun habe ich endlich eine Antwort auf die ewige Frage „Was machst du da eigentlich?“ Ich versuche mitzuhelfen, den Klimawandel abzubremsen. Danach schauen wir weiter 😊
*Kleiner Nachtrag: den Artikel habe ich auch schon am Flughafen in Istanbul geschrieben, also schon vor einer Woche. Mittlerweile sieht es in Deutschland ja um einiges schlimmer aus. Der Rhein hat kein Wasser mehr und in der Oder sterben die Fische. Deshalb stimmt natürlich nicht mehr ganz, dass Umwelt und Klima gerade keine bestimmenden Themen sind. Bei uns ist gerade das Gegenteil von Dürre der Fall. Aber davon das nächste Mal mehr.
Lange war es still hier auf meinem Blog, dabei wollte ich schon vor Wochen wieder einmal schreiben. Ich sitze gerade am Flughafen Istanbul, am allerletzten Gate, wie mir scheint, denn ich bin fast alleine in der kleinen Halle. Perfekt also, um meine Gedanken zwischen hier und dort zu sortieren. Nach viereinhalb Wochen in Deutschland geht es für mich heute wieder zurück nach Sierra Leone. Ich fliege von Zuhause nach Zuhause. Das war schon beim Hinflug nach Deutschland komisch und ist es jetzt auch wieder.
Die ganze Zeit über in Deutschland war Sierra Leone immer mit dabei. Einerseits, weil viele natürlich wissen wollten, wie es dort so ist und was ich da mache. Wobei ich die erste Frage gar nicht wirklich beantworten kann. Deshalb meine Strategie: Selbst viele Fragen stellen und zuhören. Vieles kann ich mit Worten nicht erklären und beschreiben. Es war auf jeden Fall wunderbar, all diejenigen zu sehen, die ich gesehen habe und sehr schade, diejenigen nicht zusehen, die ich verpasst habe. Mein Learning bei diesem Besuch: Auch vier Wochen sind nicht ausreichend, um alle Menschen zu treffen, die ich gerne treffen würde.
Bevor ich nach Deutschland geflogen bin, wollte ich eigentlich schon einen Beitrag zu meinen Privilegien schreiben, aber nach den letzten Wochen merke ich, dass ich noch viel privilegierter bin als gedacht. Es ist ein unglaubliches Privileg für mich, dass ich mich von so vielen Menschen begleitet und vermisst fühle beziehungsweise, dass so viele Menschen mich gerne sehen möchten. Vielen Dank euch allen! Aber warum waren mir die Privilegien vor meiner Abreise schon wieder so präsent im Vordergrund?
Diejenigen, die den letzten Artikel gelesen haben, wissen ja, dass ich krank war. Am Ende war es jedoch nicht Typhus, sondern Malaria. Leider war die erste Diagnose falsch. Ich war also die drei Wochen vor meinem Urlaub mehr oder weniger krank. Mir ging es nicht direkt schlecht, also keine Übelkeit, kein Durchfall, keine Schmerzen – ich war einfach nur sehr erschöpft, müde und hatte nicht wirklich Appetit. Alles auch Symptome von Typhus. Deshalb habe ich mir nichts dabei gedacht.
Und hier fangen meine Privilegien schon an: ich konnte einfach von der Arbeit zuhause bleiben, als ich mich nicht gesund gefühlt habe, ohne Angst haben zu müssen, um meinen Job, mein Gehalt, mein nächstes Essen. Das geht nicht allen Menschen in Salone und auch in vielen anderen Ländern der Welt so. Wir wissen, dass wir in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt haben. Aber was das bedeutet, machen wir uns nicht wirklich oft klar. Es bedeutet zum Beispiel, dass ich bei Krankheit zuhause bleiben kann bei voller Lohnfortzahlung (zumindest in den ersten Wochen). Und noch wichtiger: wir werden behandelt, ohne erst einmal den Geldbeutel zücken zu müssen. Das war nämlich mit ein Grund, weshalb ich es so hinausgezögert habe, ins Krankenhaus zu gehen. Ich wusste, ich hab nicht genug Bargeld Zuhause.
Aber, ich habe eine Wohnung, in der ich mich erholen kann. Das ist auch eine Selbstverständlichkeit für uns, aber nicht für alle. Ich habe ein Zimmer und ein Bett, in das ich mich zurückziehen kann, ich habe sogar noch den Luxus, eine große Wohnung zu haben und vom Bett aufs Sofa oder auf den Balkon ausweichen zu können.
Und dann habe ich auch noch Menschen, die sich um mich kümmern, wenn es mir nicht gut geht. Die für mich einkaufen gehen, mir Essen kochen und vorbeibringen und sich immer wieder nach mir und meinem Wohlbefinden erkundigen. Der nächsten Krankheit kann ich also sehr entspannt entgegenblicken, da ich weiß, ich bin nicht alleine und ich habe Menschen um mich, die auf mich achtgeben. Das ist wahrscheinlich auch für ein paar Leute in Deutschland beruhigend zu wissen. Trotzdem plane ich nicht, bald oder überhaupt wieder krank zu werden. Auch wenn ich nicht wirklich Schmerzen hatte, habe ich das Gefühl, dass mir drei Wochen meines Lebens fehlen, in denen ich eigentlich ein paar coole Sachen vorhatte und auch in der Arbeit ein paar Dinge umsetzen wollte, bevor ich nach Deutschland kam. Von Krankheiten berichte ich also künftig hoffentlich nicht mehr aus erster Hand.
Wie gesagt, dachte ich die ganze Zeit, ich hätte Typhus. Und da auch zwei andere Freunde von mir lange Typhus hatten (zumindest war das die Diagnose) und sich auch nach ein paar Wochen noch nicht wieder fit fühlten, dachte ich, es dauert eben. Einmal hatte ich einen Fieberschub, aber der war auch gleich wieder vorbei. Deshalb habe ich mir da nicht wirklich Gedanken gemacht. Passte alles zu Typhus. Nur als ich dann sechs Tage vor Abflug nach Deutschland immer schwächer wurde und auf einmal täglich einen Fieberschub hatte, war klar, es wäre doch einmal angebracht, nochmal in die Klinik zu fahren. Privilegiert wie ich bin, muss ich nicht krank und erschöpft mit einem Keke fahren oder gar laufen. Ich habe einen Freund angerufen, ob er mich ins Krankenhaus fahren kann. Das hat er dann auch gemacht. Wahrer Luxus, denn ich war eigentlich zu schwach, um zu sitzen.
Der Bluttest in der Klinik zeigte dieses Mal: Malaria. Also doch. In dem Moment als ich die Diagnose bekommen habe, war ich nur froh, dass es etwas ist, was gut und schnell behandelt werden kann, so dass ich ein paar Tage später nach Deutschland reisen können würde. Alles andere war mir egal. Und es konnte mir auch egal sein. Weil wieder einmal meine Privilegien voll zugeschlagen haben: ich hatte weder 500 US-Dollar in bar dabei, noch ging das Kreditkartenlesegerät. Eigentlich hätte ich also gar nicht stationär aufgenommen werden können. Zu meinem Glück kannten sie mich im Krankenhaus schon und ich hatte schon eine Rechnung bezahlt. Außerdem gab es zwei Tage vorher eine Währungsreform, weshalb die Geldautomaten in der Stadt nicht funktionierten und ich somit gar nicht an Bargeld hätte kommen können. Sonst hätte ich echt ein Problem gehabt. Wenn ich nicht hätte zahlen können, hätten sie mich wahrscheinlich auch mit 40 Fieber wieder heimgeschickt. Das ist schon Leuten passiert. Aber so meinten sie, das klären wir am nächsten Tag. Da war also auch etwas Glück mit im Spiel. Aber ich denke, sie hätten trotzdem nicht jede Person aufgenommen, ohne vorher Geld zu sehen.
Am nächsten Tag, nach einer Nacht mit Infusion und viel Flüssigkeit, funktionierte auch mein Gehirn wieder besser und mir ist eingefallen, dass ich ja eine Versicherung habe. Was ein Privileg, dass ich einfach eine Whatsapp an jemanden schreiben kann, der sich dann sofort bei mir meldet und alles für mich löst, so dass ich mich um nichts mehr kümmern brauchte, außer um meine Essensbestellung und meinen Schlaf sowie meine Besucherin, die mir auch noch Fried Rice vorbeibrachte. 😊
Kurz zum Krankenhaus: Ich war in einer oder der teuersten Klinik im Land, beste Versorgung, tolles Pflegepersonal und als ich dann am Sonntag ins große Zimmer umgezogen bin, sogar TV! Fast besser als im Hotel. Und das Essen war auch hervorragend. Das ist auch etwas special. Normalerweise bekommt man in Sierra Leone kein Essen im Krankenhaus. Das müssen Familie und Freunde vorbeibringen. Ich hingegen bekam so viel Wasser wie ich trinken konnte und lecker Essen aus einem Restaurant geliefert.
Als es dann darum ging, wieder entlassen zu werden, sind mir meine Privilegien nochmal so klar geworden, dass es mir schon unangenehm war. Ich hatte natürlich die drei Tage im Krankenhaus nicht wirklich etwas mitbekommen, was draußen so vor sich ging. Also habe ich meinen Fahrer (auch so ein Privileg) gebeten, mich vormittags aus dem Krankenhaus abzuholen. Erst am Morgen habe ich dann erfahren, dass es keine Öffis gibt, weil es Streiks gibt und alle Okodas und Kekes, die trotzdem fahren würden, von der Straße geholt werden würden. Mein Fahrer ist also extra megafrüh am Montag mit einem Okadafahrer, den er kennt, zu mir in die Nähe gefahren, um dann dort zu warten, bis ich mich melde und mich abholen lasse. Das habe ich leider erst später erfahren. Als ich von den Streiks gehört habe, habe ich noch versucht, ihm zu sagen, ich kann mich von wem anderes abholen lassen, aber da war er schon in Aberdeen.
Als ich dann wieder zuhause war, in meiner riesigen Wohnung mit Meerblick, habe ich wieder gemerkt, wie gut es mir doch geht und wie privilegiert ich in diesem Land bin. Ich habe keine Sorgen wegen Geld, kann mir die bestmögliche Gesundheitsversorgung leisten bzw. bekomme sie bezahlt, und kann einfach krank sein, wenn ich krank bin. Und wenn die bestmögliche Gesundheitsversorgung nicht gut genug ist, dann kann ich in ein Land gebracht werden, wo ich die Hilfe bekomme, die ich brauche. Es kann sein, dass es nicht schnell und easy geht, aber theoretisch ist es möglich für mich.
Und zu guter Letzt, ihr ahnt es schon: waren meine Sorgen und Ängste bald aus dem Weg geräumt. Ich war fit genug, um nach Deutschland zu fliegen und hatte auch ausreichend Energie, um sehr viele Menschen zu treffen und viele wunderschöne Momente zu erleben.
Als ich in Nürnberg am Flughafen von meinen Eltern abgeholt wurde und dann auch noch meine Brüder kamen und die ganzen Wochen über mein Handy nie ganz still stand, merkte ich wie verdammt privilegiert ich auch in Deutschland bin. Nicht nur, dass ich ein sicheres Dach über dem Kopf habe und willkommen bin, ich bin sehr willkommen und immer gern gesehen 😊 Das größte Privileg überhaupt, das immer bei mir ist und mich zwar beim Abschied immer schwach erscheinen lässt hinter meinen Tränen, in echt aber meine größte Stärkung ist – seid einfach mal ihr. Vielen Dank euch allen dafür!
Mittlerweile habe ich den Flughafen in Istanbul verlassen und bin wieder in Freetown. Ich wurde tatsächlich von einem Freund an der Fähre abgeholt, obwohl ich erst um 3 Uhr nachts ankam und ein weiterer Freund kam auch noch zu so später bzw. früher Stunde vorbei, um mich willkommen zu heißen. So saßen wir dann noch zu viert bis morgens und haben die wichtigsten News ausgetauscht und auf meine Wiederkehr angestoßen. Ganz dankbar und erschöpft bin ich so heute Morgen dann ins Bett gefallen, als der Muezzin schon zum Morgengebet rief.
Aber nicht nur meine Leutchen haben mich willkommen geheißen in Salone, auch die täglichen Herausforderungen sind direkt wieder da: Ich hatte nicht genug Strom prepaid gekauft, weshalb ich keinen Strom hatte und mein Gas für den Herd war auch leer. So ein Mist! So konnte ich morgens nicht mal Kaffee trinken. Aber was wäre ich ohne meine Privilegien? Natürlich habe ich meinen Fahrer angerufen, der kam und hat mir eine neue Gasflasche besorgt. Stromguthaben konnte er leider heute nicht besorgen, aber bestimmt morgen. Und solange lebe ich mit meinen Solar-Batterien und nutze den Strom unten in der Wohnung bei meiner Nachbarin, wo wir den verregneten Nachmittag verbringen. Ja, ihr hört richtig. Hier regnet es, seitdem ich angekommen bin. Echte Regenzeit!
Soviel für heute als Einblick in meine Privilegien im Krankheitsfall und im Alltag. Euch wünsche ich noch schöne Sommertage mit erfrischenden Sommerregen und dass ihr die Privilegien, die ihr habt, in vollen Zügen genießen könnt und sie weise nutzt.
Ich hatte gehofft, mein nächster Beitrag nimmt euch nochmals mit auf eine Reise nach Tiwai und in die Dörfer um Tiwai herum. Aber leider wurde die Reise nach Tiwai verschoben. Vielleicht war das ganz gut, denn auf einmal hat der Typhus nochmals ziemlich zugeschlagen und mich für ein paar Tage ausgeknockt. Deshalb machen wir heute keinen Ausflug in den Regenwald, sondern ins Sierra Leonische Gesundheitssystem bzw. möchte ich euch ein bisschen erzählen, was es hier bedeutet, krank zu sein.
Kurze Recherche mit zu vielen Erkenntnissen
Ich selbst hatte ja nun meine erste eigene Erfahrung mit dem Gesundheitssystem gemacht, weiß aber natürlich schon ein bisschen, wie die Realität hier ist. Trotzdem wollte ich nicht nur aus dem Nähkästchen plaudern, sondern euch auch ein paar Fakten nennen, die beispielhaft für die Situation hier sind. Außerdem war ich im teuersten privaten Krankenhaus. Das spiegelt nicht ganz den Standard wider. Jessica, die schon seit einigen Jahren in Sierra Leone lebt und im Gesundheitsbereich arbeitet, hat mir ein paar gute Quellen genannt. Die meisten Infos, die ich hier anbringe und die Grafiken stammen aus dem DHS Report 2019, der mit Unterstützung von USAID erstellt wurde. DHS steht für Demographic and Health Surveys.
Gestern wollte ich eigentlich nur ein bisschen recherchieren und habe dann über neun Seiten Notizen gemacht und dabei habe ich die ganzen Themenbereiche HIV/AIDS, Müttersterblichkeit, Teenage Schwangerschaften und Weibliche Genitalverstümmelung komplett ausgelassen. Ich dachte, das sind Themen, zumindest die letzteren, die eine eingehendere Betrachtung und Behandlung erfordern. Das hätte heute den Rahmen zu sehr gesprengt. Ihr könnt euch also schon darauf einstellen, dass da nochmal irgendwann etwas kommt, zu diesen Themen und weshalb sie gesellschaftsrelevant sind. Nicht nur in Bezug auf die Gesundheit, sondern auch allgemein für die Gesellschaft.
39° und ich werd noch heißer….
Im letzten Beitrag habe ich ja noch geschrieben „Zum Glück „nur“ milder Typhus“, als wäre das ein Klacks. Wieso jetzt also dieses Bedürfnis, der Welt meine Krankheitsgeschichte mitzuteilen? Naja, bis Sonntagabend ging es mir ganz gut. Vielleicht etwas zu gut. Immerhin habe ich sogar ein bisschen Yoga und Übungen gemacht. Aber mein Körper war wohl noch nicht so weit. Deshalb kam dann abends das Fieber und der Schüttelfrost. Ich hatte nicht so viele dicke Daunendecken zur Hand, so dass ich mich gar nicht wirklich einmummeln konnte, mit meinem Schüttelfrost. Aber ich wusste ja, Schüttelfrost hält normalerweise nicht ewig an, da muss ich nur irgendwie durch. Wichtiger ist es, die Temperatur im Blick zu halten. Ab 39° ist man nicht mehr wirklich in der Lage sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das ist das gefährliche am Fieber. Wann also ruft man Hilfe und vor allem wen? Ich wusste, wenn ich ins Krankenhaus fahre, dann nehmen die mich erstmal stationär auf und legen mir einen Zugang. Und das will ich ja immer sehr vermeiden. Ich bin zum Glück nochmal ohne Krankenhaus ausgekommen, das Fieber ist irgendwann gesunken und blieb dann in den folgenden Tagen auch stabil unten. Ich hatte nur schreckliche Kopfschmerzen, so dass ich das Bett quasi nicht verlassen habe.
Krankenwagen, Notarzt? Fehlanzeige
Trotzdem ist es keine gute Situation. Da fängt mein kleiner Exkurs schon an. In Deutschland hat man jederzeit die Möglichkeit, einen Krankenwagen zu rufen, wenn es einem nicht gut geht. Hier gibt es keine Krankenwagen, die kommen und einen abholen. Man muss irgendwie selbst zum Arzt oder in die Klinik kommen. Das ist für mich natürlich eine sehr viel geringere Herausforderung als für viele andere Menschen. Ich habe immerhin Geld zuhause und kenne Leute, die sich bestimmt kümmern würden, dass ich gut ins Krankenhaus komme. Außerdem ist das Krankenhaus, in das ich gehe, keine 10 Autominuten entfernt. Für Leute im ländlichen Raum oder in anderen Stadtteilen, sieht das alles schon wieder ganz anders aus. Aber auch ich fande die Situation mehr als nervig und anstrengend. Wenn ich krank bin, will ich ja niemanden stressen und nachts anrufen und wegen mir durch die Stadt schicken. Das kennt ihr vielleicht. Bei vielen plötzlichen Gesundheitsproblemen, wie Herzinfarkt, Hirnschlag oder noch einleuchtender: bei einem Unfall, ist es super wichtig, schnell ins Krankenhaus zu kommen. Aber wie, wenn es keine Krankenwagen gibt und viele Menschen auch kein eigenes Auto haben?
Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist für viele Menschen nicht gegeben. Ganz davon zu schweigen, ob sie sie sich leisten könnten. 97% der Personen zwischen 15 und 49 Jahren haben keine Krankenversicherung. Das heißt, sie müssen jeden Arztbesuch selbst bezahlen. Ich weiß, im günstigeren Krankenhaus hätte mein Typhus-Malaria Test mit Arztgespräch so 100,000LE bis 150,000LE gekostet (10€). Ich war dann aber ja im teuren Krankenhaus, da hat das Ganze dann 100€ gekostet. Viele Leute gehen gar nicht zum Arzt für eine Diagnose. Sie gehen direkt in die Apotheke und holen sich ihre Antibiotika, weshalb es leider immer wieder zu Resistenzen bei den Erregern kommt. Aber das ist ja nochmal ein Thema für sich. Deshalb auch immer die Devise: lieber gar nicht erst krank werden!
Wer arm ist, stirbt früher?
Die Lebenserwartung in Sierra Leone liegt laut Weltbank aktuell bei 51 Jahren (in Deutschland bei 81 Jahren). Weshalb die Lebenserwartung um so vieles geringer ist, liegt auf jeden Fall auch an der mangelnden Gesundheitsversorgung, im mangelnden Wissen um Gesundheit und an der Armut. Auch innerhalb Deutschlands ist die Lebenserwartung bei vermögensstarken Personen höher als bei vermögensarmen. Ich habe hier leider die Quelle nicht mehr parat, aber da gab es erst vor kurzem eine Studie dazu. Aufs Globale übertragen, wird da leider immer noch ein Schuh draus. Menschen in reicheren Ländern haben eine höhere Lebenserwartung als Menschen in ärmeren Ländern.
Es gibt viele Gründe, weshalb es hier sehr viel gefährlicher ist, krank zu werden. Einer davon ist die mehr als schlechte Gesundheitsversorgung. Schon bei den kleinsten Komplikationen müsste man ins Ausland – und wahrscheinlich nicht ins benachbarte Ausland. Wenn man etwas Ernstes hat, ganz zu schweigen natürlich. Die Mutter meiner Kollegin zum Beispiel, sie machen jetzt eine Kernspintomographie von ihrem Kopf. Wenn sie aber irgendetwas finden, wissen sie schon, dass sie es hier nicht behandeln können. Wahrscheinlich in Ghana oder Nigeria? Keine Ahnung. Aber die Untersuchung selbst kostet schon 150 US-Dollar. Das können sie sich nur mit fremder Unterstützung leisten. Und ich weiß gar nicht, was sie machen, wenn die Untersuchung ergibt, dass sie eigentlich eine OP braucht. Und jetzt gehört meine Kollegin nicht zu den aller Ärmsten hier.
Weniger Ärzte als in der bayerischen Provinz und Ebola
Sierra Leone hat die geringste Dichte an Ärzten und Ärztinnen in ganz Westafrika. Auf 100,000 Personen kommen nur drei Ärzte/Ärztinnen. In Deutschland sind es 450 pro 100,000 Menschen. Wir haben hier ein Kinderkrankenhaus, in Freetown gibt es ein Emergency Hospital, das sich um Brüche und Co kümmern kann. Außerhalb der Hauptstadt gibt es ein paar „gute“ Krankenhäuser, die von internationalen Organisationen betrieben werden, aber sonst ist da nicht so viel. Im ganzen Land gab es nur einen Rechtsmediziner. Ich glaube, der ist aber weg, ich weiß gar nicht, ob der ersetzt wurde. Auch bei allen anderen Fachbereichen ist es nicht so sicher, ob gerade jemand im Land ist. Ich bin ja in einer dieser Whatapp-Gruppen, in der viele internationale sind. Da kommen immer auch Fragen wie: Gibt es gerade einen Hautarzt? Kennt jemand einen guten Zahnarzt? Ich hebe meinen Zahnarztbesuch für Deutschland auf…
Die Ebola-Epidemie ist zwar schon ein paar Jahre her. Aber ihre Auswirkungen sind immer noch spürbar. Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass während Ebola die Hälfte des medizinischen Personals gestorben ist. Auch hier habe ich leider die Quelle nicht mehr zu Hand. Aber auch das hat noch Auswirkungen auf die heutige Gesundheitsversorgung. Also: lieber nicht krank werden.
Toiletten und sauberes Wasser
In Deutschland gab es früher auch viele gefährliche Krankheiten, die es heute eigentlich nicht mehr gibt, die einfach mit der Wohnsituation der Menschen zusammenhängen. Viele Krankheiten in Salone, die lebensgefährlich sein können, wenn sie nicht behandelt werden, besonders für Kinder, hängen mit unhygienischen Lebensbedingungen zusammen. Und damit meine ich nicht, dass die Menschen hier unhygienisch sind. Ganz im Gegenteil. Es sind die Lebensumstände, denen es an Hygiene und der Möglichkeit an Hygiene mangelt. So sind Durchfallerkrankungen begleitet von Fieber, Mangelernährung und kurze Ansteckungswege in engen Behausungen und bei nicht vorhandener Abwasserentsorgung und Wasserversorgung an der Tagesordnung.
Die wenigsten Häuser sind direkt an irgendeine Abwasserentsorgung angeschlossen. Laut des DHS reports 2019 hatten 55% der Haushalte im Land eine „bessereToilette“. D.h. eine Toilette im eigenen Haus, auf dem Compound oder in der direkten Nachbarschaft, mit irgendeiner Form von Abwasserentsorgung. Das können Toiletten sein, wie ich sie habe, oder so kleine Klohüttchen mit Antiseptic-Tank oder Abflussrohr ins nächste Gewässer. Das bedeutet aber auch, dass die übrigen 45% entweder Gemeinschaftstoiletten nutzen (ohne richtigen Abfluss) oder aber in die freie Natur gehen, um ihr Geschäft zu verrichten. Insbesondere in der Regenzeit ist das ziemlich gefährlich, da der Regen die Ausscheidungen mit sich nimmt und sie so schön verteilt werden, weshalb jetzt zu Beginn der Regenzeit auch mal wieder Typhus-Zeit ist…
Die Zahlen sind sehr unterschiedlich, je nachdem, ob man Haushalte in städtischen oder in ländlichen Gegenden betrachtet. Nur 8% der Haushalte insgesamt (15% im städtischen Raum und 2% im ländlichen Raum) haben die Toilette innerhalb ihrer Wohnung oder ihres Hauses. Alle anderen müssen vor die Türe, wenn sie mal müssen. Ich bin sehr froh, dass ich zu diesen 8% gehöre. Meine Nachbarinnen und Nachbarn vom Grundstück gegenüber, auf dem so vier bis fünf Häuschen stehen, sehe ich immer mit ihren Eimern und ihrem „Dusch-Outfit“ um die Ecke gehen. Die haben da einen Waschplatz oder so, nehme ich an. Das kann ich nicht einsehen. Aber auf jeden Fall haben die weder Toilette noch Dusche in ihren Häuschen. Die Weltbank kommt auf etwas andere Zahlen. Sie geht davon aus, dass 14% der Menschen in Sierra Leone „safely managed sanitation services“ nutzen, im Vergleich zu 97% in Deutschland. Was genau damit gemeint ist, kann ich euch aber leider nicht verraten.
Neben dem Abwasserproblem ist selbstverständlich auch die Versorgung mit (Trink-)Wasser oder sauberem Wasser essenziell für die Gesundheit. In den Ergebnissen der Studie wird gar nicht extra erwähnt, wie viele Personen Wasser aus der Leitung zu Hause haben. Die „beste“ Kategorie ist: Wasser aus einer besseren Quelle (Brunnen, Wassertank, … – eben kein See, Pfütze, Lache, sondern irgendwas, was geschützt ist) in weniger als 30 Minuten zu Fuß erreichbar. Das ist die Kategorie: dir geht es ganz gut. Und hier haben sich auch 58% der Haushalte eingeordnet. Sie hatten an mindestens einem Tag in den zwei Wochen vor der Befragung Zugang zu „sauberem“ Wasser. Aber insgesamt 33% aller Haushalte im Land entnehmen ihr Wasser einer nicht geschützten Stelle, wo das Wasser verdreckt und/oder verunreinigt sein kann.
Und da war ich genervt, weil mal ein paar Wochen lang kein Wasser aus der Leitung kam. Manchmal muss ich mich echt immer wieder mal zurechtrücken im Kopf.
Auch crazy: nur 1% der Haushalte nutzt eine „saubere“ Methode zum Kochen. Sauber heißt: kein Holz, keine Kohle und somit kein Rauch. Rauch ist ja auch sehr gesundheitsschädlich. Ich koche mit Gas. Wieder einmal gehöre ich zu dem kleinen %-Teil der Bevölkerung, dem es viel besser geht und der gesünder lebt, weil er sich es leisten kann.
Und dann war noch eine spannende Kategorie, an die ich selbst noch nie gedacht hatte: Wie viele Haushalte haben einen festen Ort zum Händewaschen. Das sind so Fragen, auf die würde ich nie kommen, wenn ich aus einem deutschen Kontext komme. Und siehe da: 7% aller Haushalte haben einen festen Platz zum Händewaschen und 53% haben Seife zur Verfügung zum Händewaschen. Die anderen waschen natürlich trotzdem Hände. Insbesondere die muslimischen Bevölkerungsteile waschen sich ja nicht nur vor jedem Gebet die Hände, sondern auch die Arme bis zum Ellenbogen, die Füße und das Gesicht. Das geschieht aber meist „mobil“ mit kleinen Plastikkännchen. Trotzdem haben ja anscheinend höchstens 7% der Haushalte ein Waschbecken oder eine Waschschüssel fest installiert.
Bildung und Zugang zu Wissen
Und dann kommt noch ein super wichtiger Aspekt dazu, der vielleicht auf dem ersten Blick nichts mit Gesundheit zu tun hat: Bildung und Zugang zu Wissen.
Was mache ich denn, wenn ich mit Fieber im Bett liege? Ich google erstmal, welche Körpertemperatur so normal ist. Dann schaue ich mal nach, ab wann es vielleicht kritisch wird. Dann messe ich schön regelmäßig meine Temperatur. Und dann schau ich mal noch, welche Medikamente ich nehmen sollte und vielleicht auch noch wie oft. Wenn ich vom Arzt komme, schaue ich auch erstmal in der Packungsbeilage oder im Internet, ob die Medikamente überhaupt sinnvoll sind für meine Krankheit.
Damit ich das alles machen kann, erfülle ich schon sehr viele Voraussetzungen, die ein hoher Prozentteil der Bevölkerung hier nicht erfüllt:
Ich weiß, dass es eine durchschnittliche Körpertemperatur gibt.
Ich habe ein Gerät, um meine Körpertemperatur zu messen.
Ich kann das Gerät auch bedienen und weiß etwas mit dem Ergebnis anzufangen.
Ich kann lesen und schreiben.
Ich habe ein Smartphone.
Ich habe Strom, so dass mein Akku aufgeladen ist.
Ich habe Internet, weil ich Guthaben aufgeladen habe.
Ich hatte Geld, um einen Arzt aufzusuchen und Medikamente zu kaufen.
Ich habe vielleicht schon einmal berichtet, wie schlecht die Schulbildung insbesondere in den ländlichen Gebieten ist. Als wir letztes Jahr in den Dörfern am Rande des Gola Rainforest waren, konnten die Kinder teilweise ihre Namen nicht buchstabieren bzw. haben die Aufgabe „Spell your name“ nicht verstanden, obwohl das hier Standard ist, dass die Kinder immer alles buchstabieren müssen. Also selbst diejenigen, die „some primary“ haben, können nicht unbedingt lesen, schreiben und rechnen. Wenn ihr die Grafik anschaut, seht ihr, dass über 55% der Frauen quasi nicht lesen und schreiben können. Die Daten wurden 2019 erhoben, und mittlerweile gibt es ein Programm „Free Education“, aber es ist nicht wirklich ganz kostenfrei, weil Bücher, Uniformen, und Zuschuss für Lehrkräfte bezahlt werden müssen. Vor allem gibt es oft keine Lehrkräfte. Also: Bildung ist eher ein rares Gut. Insbesondere wenn es um Gesundheit geht, gibt es viel unnützes oder Halbwissen. Das Problem ist auch, dass viel traditionelles Wissen zur Behandlung von Krankheiten verloren geht.
Neben Zugang zu Bildung ist auch der Zugang zu Wissen sehr beschränkt. Ich fand es supercras, als ich gesehen habe, dass 70% der Frauen und 56% der Männer keinen Zugang zu Massenmedien wie Radio, TV oder Zeitungen haben. Das ist für uns überhaupt nicht vorstellbar. Ja, die werden alle den ganzen Tag an ihren Smartphones zocken, denkt jetzt vielleicht die eine oder der andere. Aber weit gefehlt. Laut Weltbank nutzen in Sierra Leone nur 18% der Bevölkerung das Internet. In Deutschland sind es 90%. Und wie in meiner Auflistung schon erwähnt, wer zwar ein Handy hat, aber keinen Strom, um es zu laden oder in Hinblick auf Gesundheit, keinen Strom, um Essen zu kühlen, keinen Strom, um Licht zu haben zum Lernen am Abend usw., auch dem ist das Leben um einiges erschwert. Die Weltbank geht davon aus, dass in Deutschland 100% der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität haben, in Sierra Leone aber nur 26,2%.
Ihr seht also, es gibt superviele Gründe, weshalb Menschen hier sehr anfällig sind, für Krankenheiten, die es in „reichen“ Ländern gar nicht gibt. Dazu kommt noch, dass es hier zusätzlich klimatisch bedingt Krankheiten gibt, die es in Europa nicht gibt, wie Malaria zum Beispiel. Und wer erkrankt, für den oder die ist es viel schwieriger, medizinische Versorgung zu bekommen. Es ist wirklich tragisch, dass Kinder und auch Erwachsene hier an Malaria oder Typhus sterben, obwohl beides behandelbar ist. Aber wenn das Fieber zu schnell steigt oder der Durchfall nicht gestoppt werden kann, dann ist das lebensbedrohlich.
Wie es so schön im Ausreiseseminar hieß: „An alle, die nach Sierra Leone gehen: bitte einfach nicht krank werden. Wir müssen euch sonst vielleicht direkt evakuieren….“ Und jedes Mal wenn ich mich mit den Fakten beschäftigte, merke ich, wie wahr diese Aussage ist. Aber keine Sorge: ich passe weiterhin auf mich auf. Und vor allem in nächster Zeit lasse ich es eh mal ruhig angehen 😉
Zum Ende noch ein paar Lichtblicke
Das Gute an den ganzen Zahlen da oben: die Tendenz ist positiv. Wer die Daten der letzten Erhebungen vergleicht (der Report wird alle fünf Jahre erstellt), sieht bei fast allen untersuchten Aspekten eine kleine oder größere Tendenz zum Besseren. Ich finde, das ist sehr schön. Außerdem gibt es gute Entwicklungen im Sierra Leonischen Gesundheitssystem. Es gibt kostenfreie Gesundheitsversorgung für Kinder bis zu ihrem 5. Lebensjahr, für Schwangere und für stillende Mütter. Das ist ein Versuch, um die hohe Kinder- und Muttersterblichkeitsrate zu verringern. Und es scheint Schritt für Schritt zu funktionieren. Zu diesem Service gehören auch Basisimpfungen für Kleinkinder und Babys. Nur 2% der Kleinkinder haben laut der Studie gar keine dieser Impfungen erhalten. Die Kleinen werden gegen Diphterie, Tetanus, Tuberkulose, Polio, Keuchhusten und Masern geimpft. Über 50% der Kinder bis 35 Monate hatten alle Impfungen erhalten. Als ich das letzte Mal auf dem Rückweg von Tiwai war, haben wir ein paar Mütter mit ihren Kleinkindern im Auto mitgenommen und sie zur nächsten Gesundheitsstation gefahren. Sie waren unterwegs zur Untersuchung und zum Impftermin. Sie hätten bestimmt noch ein bis zwei Stunden Fußweg vor sich gehabt, wenn wir sie nicht mitgenommen hätten. Damit will ich nur sagen: Ich glaube, die Mütter versuchen alles, um ihre Kinder gesund zu halten und nehmen auch diese Strapazen auf sich, wenn sie können. Also: es geht voran, wenn auch viel zu langsam. Aber immerhin.
Und nun?
Wer es bis hierher geschafft hat: Hut ab. Mir schwierte gestern der Kopf vor lauter Zahlen und Informationen und heute auch direkt nochmal.
Meine Intention ist es auch heute nicht, euch zu zeigen, wie fürchterlich alles in Sierra Leone ist. Ich habe nur selbst wieder einmal festgestellt, als ich gestern mit meiner Recherche anfing, dass da so vieles ist, was ich nicht weiß und nicht bedenke, wenn ich mir meine Bilder im Kopf forme und meine Vorurteile und Sichtweisen auf Menschen und die Welt entwickle. Ich weiß, in Deutschland wurde nun die Alarmstufe für Gas ausgerufen, Alter, und die nächste Covid-Welle ist schon fast wieder da, aber vielleicht hilft es manchmal trotzdem, nicht aus den Augen zu verlieren, weshalb Menschen versuchen in die spanische Enklave Melilla einzudringen, auch wenn sie ihr Leben dabei aufs Spiel setzen, wenn sie nicht das Gefühl hätten, es wäre die einzige Chance für sie und ihre Familie „sicherer“ zu leben und zu überleben. Ich finde, es ist gerade sehr klar, wie vernetzt diese Welt ist und dass wir allen Herausforderungen gemeinsam gegenüberstehen. Egal ob es Klimakatastrophe, Kriege, Lebensmittel- und Rohstoffknappheit oder Pandemien sind. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir uns nicht gegenseitig aus dem Blick verlieren.
Ich habe einen passenden Spruch gelesen vor ein paar Tagen: Niemand würde sein Kind in einem Boot übers Meer schicken, wenn es an Land sicher wäre.
Darf man bei all der Misere noch Lachen?
Lange habe ich überlegt, ob ich euch lieber mit ein bisschen „denkt mal über die Welt nach“ verabschiede, oder euch dieses sehr passende (aber leider häßliche) Video zeige. Passend in dem Sinne, dass ihr wisst, was ich mir hier immer anhören muss in Expat-Kreisen und passend, weil Lachen ja bekanntlich die beste Medizin ist 😉 Und vielleicht schwirren euch später ja nicht nur die vielen Fremdwörter im Kopf herum, sondern auch noch ein paar andere Inhalte aus meinem heutigen Beitrag.
PS: Falls ihr euch fragt, wie es mir eigentlich geht: Viel, viel besser. Ich hoffe, ich bin bald wieder auf meinem normalen Energielevel und kann wieder essen und trinken, was ich möchte!
Am 5. Juni feiert die Welt World Environment Day. Dieses Jahr unter dem Motto #OnlyOneEarth. Normalerweise feiern wir diese internationalen Kalendertage immer mit einem Ausflug mit ein paar Kindern aus den School Nature Clubs. Da so immer nur zwei bis drei Kinder aus jeder Schule dabei sind, hatte ich für dieses Jahr die Idee, den Tag direkt in den Schulen zu feiern – mit einer Baumpflanzaktion.
Vor dem World Environment Day (WED) war deshalb sehr viel Planung und Orga nötig. Ich habe für den WED ein bestimmtes Budget. Die Idee war, so viele Bäume wie möglich zu pflanzen. Nicht nur in den Schulen unserer School Nature Clubs, sondern auch noch in den Communities, in denen wir arbeiten. Am Ende haben wir eine Community ausgewählt, in der Kollegen von uns arbeiten, weil die Leute direkt angefragt hatten, ob wir sie unterstützen können mit einer Baumpflanzaktion. Die Aktion in der Community steht noch an. Das ist noch etwas komplizierter als gedacht. Ich hoffe, wir können das noch realisieren, bevor ich im Juli nach Deutschland fliege. Da jetzt die Regenzeit begonnen hat, ist es die beste Zeit zum Bäumepflanzen. Zu lange sollten wir also nicht warten.
Briefe ohne Post und flexible Budgets
Wieso ist hier alles so kompliziert? Ganz einfach: Wenn wir so etwas wie eine Baumpflanzaktion in den Schulen planen, müssen wir zunächst einen Brief an alle Schulen schreiben, diese müssen von unserem Chef unterschrieben werden (das kann sich verzögern, wenn er dann auf einmal eine Woche lang nicht da ist), und dann müssen die Briefe persönlich überreicht werden, weil es keine Post gibt. Das bedeutet, wir brauchen alleine zwei Tage, um alle Schulen abzufahren, nur um die Briefe zu verteilen, in denen wir fragen, ob die Schulen mitmachen wollen. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch direkt nachgefragt, wie viele Bäume die Schulen jeweils haben wollen.
School Nature Club Teachers Meeting
Zum Glück hatte ich die grandiose Idee, bei diesem Besuch auch gleich nachzufragen, ob es in Ordnung ist, wenn wir die focus teacher der School Nature Clubs, zu einem meeting einladen. Sonst hätten wir nochmal alle Schulen abfahren müssen, um auch dafür einen Brief auszuteilen. Eine Woche vor dem World Environment Day haben wir alle Lehrerinnen und Lehrer der School Nature Clubs eingeladen, um ihnen Informationen zu den Bäumen zu geben, die wir ihnen geben werden. Ich hatte auch Poster mit Do´s und Don´t´s zum Thema Wald und Bäume gestaltet und eines mit Infos zu den Öko-Services von Bäumen. Diese Poster sollten dann in den Schulen vorgestellt und aufgehängt werde. Die Lehrkräfte hatten auch die Möglichkeit Fragen zu stellen, was sie beim Pflanzen und bei der späteren Versorgung der kleinen Bäume beachten sollten.
Wenn so ein Meeting organisiert wird, müssen wir natürlich als erstes einen Termin finden und dann fragen wir meist bei ein bis zwei Schulen an, ob wir deren Halle nutzen dürfen. Dann ist es hier Usus, Essen und Getränke anzubieten. Schon für ein Meeting von zwei Stunden braucht es Lunch oder Frühstück. Wenn ich zu einem Meeting einlade, dass vor 10h startet und dann bis 13h geht, erwarten die Leute Frühstück und Mittagessen und selbstverständlich noch eine Transportpauschale, die die Transportkosten übersteigt. Es ist also echt jedes Mal eine Kostenfrage, solche Meetings zu organisieren, da alleine für Essen und Getränke und die Transportpauschale super viel Geld draufgeht. Das aber nur am Rande. Aber das ist ein Grund, weshalb wir keine monatlichen Meetings mit den School Nature Clubs abhalten können oder auch warum wir nicht zu Meetings mit Partnerorganisationen in einem regelmäßigen Turnus einladen können, weil schlicht und ergreifend, das Geld fehlt für die Verpflegung und aber alle erwarten, dass es Verpflegung und Transport-Refund gibt…
Auf Shopping Tour in Lumley
Bevor es für uns ans Verteilen der Setzlinge ging, haben wir noch Schaufeln, Haken und Pickel gekauft, um den Schulen auch die nötigen Gerätschaften zur Verfügung zu stellen, die sie fürs Baumpflanzen brauchen würden.
Da ich mich vor ein paar Wochen entschieden habe, mich nicht mehr so sehr auf das zu fokussieren, was hier anstrengend ist und schwierig läuft, erspare ich euch und mir, die ganze Geschichte zum Thema Budgetierung, Budget-Anpassung, Planung der Baumverteilung usw. Am Ende hat ja alles geklappt 😉
Verteilung der kleinen Bäumchen auf der Peninsula
Am Donnerstag und Freitag vor dem WED haben wir die Setzlinge abgeholt und sie an die insgesamt 14 Schulen verteilt, die bei der Aktion mitmachen würden. Die meisten Direktoren und Direktorinnen waren wirklich hocherfreut, als wir mit den Bäumchen ankamen. Anscheinend hatten sie nicht so ganz daran geglaubt, dass wir echt kommen und Bäume bringen würden. Es hat sehr gut getan zu sehen, dass unsere Arbeit einen direkten Einfluss haben kann. Einerseits geht es uns natürlich um den Bildungsaspekt mit den Schülerinnen und Schülern, dass sie eine Verbindung zur Natur aufbauen, selbst die Bäume pflanzen und lernen, weshalb Bäume so wichtig für uns und unser Überleben sind. Aber zugleich können die Bäume auch auf den Schulgrundstücken als Windbreaker und Schattenspender sehr, sehr nützlich sein.
Baumpflanzaktionen in den Schulen
Am Montag und Dienstag nach dem WED wurden die Bäume dann gepflanzt. Wir haben super viele Fotos und kleine Videos aus den Schulen bekommen, die ich hier mit euch teile. Jetzt gilt es nur zu hoffen, dass die Bäume auch wachsen werden und in ein paar Jahren noch da sind. Wir haben dafür extra notiert, wie viele Bäume jede Schule bekommen hat und werden das mit den School Nature Clubs monitoren. Insgesamt haben wir über 700 Bäume in den 14 Schulen gepflanzt. Weitere 600 pflanzen wir noch bis Ende Juni in der Tumbu Community.
Nachhaltigkeit der Aufforstung
Das Hauptproblem mit Baumpflanzaktionen ist, dass sie oft nicht nachhaltig sind. Es gibt ein großes Programm „Freetown the Treetown“ (transformfreetown.org), das gefördert von der Weltbank und durchgeführt durch das Freetown City Council zusammen mit zwei lokalen NGOs das Ziel hat, insgesamt 1 Million Bäume in Freetown und Umgebung zu pflanzen, bis Ende 2021. Das Ziel wurde unter anderem wegen Covid noch nicht erreicht. Die Aktion läuft aber noch. Sie startete als Reaktion auf den furchtbaren Erdrutsch, der 2017 über tausend Leben gekostet hat. Der Kollege von der EFA (Environmental Foundation for Africa), die die Baumpflanzaktionen implementieren, hat bei einem meeting berichtet, dass von 100.000 im letzten Quartal 2021 gepflanzten Bäumen, noch 40.000 leben. Die anderen wurden wieder entfernt. Deshalb versuchen sie jetzt die Bäume eng zu monitoren. Andere Partner berichten, dass sie Gegenden aufforsten, abgesprochen mit dem City Council, und dann ein paar Monate später genau dort eine Straße gebaut wird oder die Bäume aus anderen Gründen wieder entwurzelt werden. Es ist eine wahre Sisyphus-Arbeit. Eine große Herausforderung bei der Reforestation ist, dass die Regierungsbehörden, die eigentlich für den Schutz des Waldes und der Bäume zuständig sind, ihre Aufgaben nicht wirklich erfüllen (können). Das ist auch einer der Gründe, weshalb wir die Kampagne für den Wald gestartet haben. Darüber berichte ich aber ein anderes Mal mehr.
Und was mache ich da eigentlich die ganze Zeit?
Was genau ist mein Part bei der ganzen Sache? Es fängt damit an, dass ich mir überlege, was wir machen könnten am World Environment Day. Wie oben schon geschrieben, wird sonst ein Standardprogramm abgespuhlt, das meines Erachtens nicht wirklich viel Impact hat und nicht wirklich nachhaltig ist. Ich überlege mir also ein Konzept und Aktionen, was wir machen könnten. Das bespreche ich dann in unserem kleinen Team mit Mariama und Abdul, weil ich oft nicht einschätzen kann, was wirklich machbar ist und wie viel Aufwand was ist. Wenn wir uns zu dritt einig sind, was wir machen wollen, dann schreibe ich ein Konzept und ich muss ein Budget erstellen. Das kann etwas aufwändig sein. Vor allem, weil manchmal kurzfristig dann noch neue Hinweise kommen, was auch noch bedacht werden müsste. Das Budget für den WED habe ich so oft anpassen müssen, ich habe aufgehört zu zählen. Für das Budget müssen wir herumfahren und Angebote einholen, für Schaufeln, Haken, die Setzlinge usw. Wenn die Angebote nicht gestempelt sind, gibt es noch extra hin-und-her. Wenn dann auf einmal jemand kommt und sagt, „oh, ihr müsst auch noch Vorstandsmitglieder einladen und deren Transport refund mitbedenken“, dann bedeutet das, dass wir weniger Geld für alles andere haben und also neue Angebote einholen müssen, weil wir die Anzahl der Gegenstände und Setzlinge reduzieren müssen. Meine Hauptaufgabe ist es unter anderem, immer wieder nachzufragen und meine colleagues immer wieder am Ball zu halten. Wenn dann das Budget endlich final abgestimmt und eingereicht ist, kann es immer noch passieren, dass mein Chef noch Änderungswünsche hat. Dann muss man nochmal anpassen. Dann kann endlich der Scheck ausgestellt werden. Dieser muss aber von meinem Chef und dem Präsidenten unseres Vorstandes unterschrieben werden. Das kann auch ein paar Tage dauern. In dieser Zeit gehört es zu meinen Hauptaufgaben, immer wieder nachzufragen, ob der Scheck denn nun schon fertig sei. Wenn er dann endlich wirklich fertig unterschrieben ist, dann kann ich zur Bank fahren, um das Geld abzuholen. Dafür muss ich entweder in die Innenstadt fahren oder nach Lumley. Also so 30 – 60 min Fahrzeit einfach, je nach Verkehr und dann nochmal so eine Stunde Wartezeit in der Bank, bis ich das Geld dann habe. Und schon kann ich mit meinen Millionen in schwarzen Plastiktüten aus der Bank schlendern.
Wenn ich das Geld erstmal habe, dann sind die größten Hindernisse schon genommen. Dann geht es nur noch um die Umsetzung. Das ist dann ein Klacks. Es ist nur wichtig, nicht zu vergessen, alle Leute auf den entsprechenden Listen unterschreiben zu lassen, weil diese für die Abrechnung wieder gebraucht werden.
Es ist ein bisschen Schade, dass alles immer so langwierig und anstrengend ist. Das verzögert die Arbeit manchmal ungemein. Vor allem, wenn die Finanzkollegin ihre Emails nicht checkt, obwohl ich gesagt habe, ich habe ihr einen request geschickt und dann die Leute nicht greifbar sind, die die Schecks unterschreiben müssen. Aber what to do…
Nach den Aktivitäten warten natürlich noch der Bericht und die Abrechnung mit den ganzen Quittungen, die ich einreichen muss. Außerdem poste ich über die Aktionen auf Facebook, schreibe einen Artikel für die Website und auch noch für den Newsletter. Ihr seht also, gerade ziemlich viel Output auf meiner Seite. Meine Kolleginnen und Kollegen sind wahrscheinlich auch schon leicht genervt von mir zur Zeit.
Endlich Strom und milder Typhus
Natürlich ist noch so einiges anderes Spannendes passiert. Ich habe nun tatsächlich meine Batterien installiert, so dass ich jetzt immer Strom habe, wenn ich möchte. Das ist unglaublich toll. Die Batterien sind nicht stark genug für den Wasserkocher, den Pürierstab oder eine Waschmaschine, aber sie sind ausreichend für Licht, Rooter, Kühlschrank und Laptop. Ich wusste gar nicht mehr, wie toll es ist, wenn ich einfach immer Strom haben kann, wenn ich möchte! Da mein Vermieter meinte, das Dach muss erst erneuert werden, bevor ich Solarzellen daraufinstalliere, habe ich mir schon einmal die Batterien und den Inverter geholt. Diese speise ich jetzt mit Strom „aus der Steckdose“ und wenn dann kein Strom da ist, lege ich den Schalter um und die Batterien versorgen mich mit Strom, wie riesige Powerbanks.
Außerdem ist die Regenzeit da. Das will ich euch auch nicht vorenthalten. Das kann wirklich dramatisch aussehen, wenn die Regenwand herbeikommt, und nicht minder dramatisch, wenn der Sturm um das Haus pfeift. Vor allem ist es megalaut. Ich kann weder telefonieren noch Film schauen, weil ich nichts verstehe. Aber dafür ist es angenehm kühl zur Zeit. Heute Nacht habe ich sogar mit Decke geschlafen 🙂
Und dann habe ich heute noch eine kleine neue Erfahrung, die ich mit euch teilen kann. Endlich hat es mich erwischt und ich musste nach über einem Jahr endlich mal ins Krankenhaus. Am Dienstag habe ich mich super müde und schlapp gefühlt, Gliederschmerzen, Erkältungssymptome. Alles auch Symptome von Malaria und Typhus. Also bin ich lieber mal ins Krankenhaus zum Testen. Ich weiß ja, wie das ausgehen kann, wenn man nicht rechtzeitig mit der Behandlung anfängt: dann wird man stationär aufgenommen und bekommt einen Zugang gelegt. Mein absoluter Horror! Aber: happy me: kein Malaria, nur ein bisschen Typhus. Ich bin deshalb gerade auch zuhause und nicht im Büro und merke, dass ich tatsächlich nicht wirklich fit bin. Deshalb ist mein Artikel heute auch etwas lahm und nicht so spritzig-witzig wie sonst 😉 Aber ich dachte, wenn ich jetzt nichts über den World Environment Day schreibe, dann wird das nichts mehr. Am Montag geht es hoffentlich nach Tiwai. Zumindest falls es nicht so weiterregnet und die Straßen und der Fluss passierbar sind. Und danach habe ich bestimmt anderes zu berichten.
Ich hoffe, euch geht es allen gut und ihr genießt euer Wochenende! Zum Abschluss noch eine meiner Inseln von meinem letzten Wochenende:
Viele von euch haben sich nach meinem letzten Beitrag gemeldet. Vielen Dank für die Grüße von all diesen Inseln. Wie das so ist, geht es mir nun auf einmal sehr gut. Nachdem ich mir den Frust einmal von der Seele geschrieben hatte, ging es nur noch aufwärts mit meiner Stimmung und ich habe meine Fähigkeit innere Ruhe zu bewahren und gelassen zu Lächeln perfektioniert. Hilfreich dafür war mit Sicherheit mein Wochenendtrip zu Hannah nach Bo. Hannah ist auch ungefähr seit einem Jahr in Sierra Leone. Sie arbeitet bei WAVES (Women Against Violence) und ist über agiamondo hier. Ich habe sie letztes Jahr zufällig kennengelernt und irgendwie passt es bei uns beiden. Wir haben uns noch nicht so oft gesehen, weil sie in Bo wohnt, aber immer, wenn wir uns sehen, war es sehr gut. Ich hatte schon lange vor, sie in Bo zu besuchen, letztes Wochenende war es dann endlich so weit.
Wie vor jeder längeren Reise ist es zurzeit mal wieder ein Zittern, ob man genug Diesel bekommt, um hin und wieder zurück zu fahren. Nachdem ich das erste Mal, als dieses Problem aufkam, noch etwas nervös war, bin ich mittlerweile entspannt. Und vor allem dachte ich mir dieses Mal: falls ich in Bo keinen Diesel bekomme und nicht zurück nach Freetown fahren kann, dann bleibe ich eben noch ein paar Tage bei Hannah und arbeite dort im Homeoffice 😊
Am Freitag, am frühen Nachmittag ging es also los. Unterwegs habe ich an meine letzte Fahrt auf dieser Strecke gedacht. Damals waren Vivien und Jasi mit dabei. Dieses Mal saß ich alleine im Auto, aber dafür hatte der Regen die Landschaft in ein wunderschönes Arrangement aus unterschiedlichen Grüntönen verzaubert. Vielleicht ist es doch gut, wenn Leute mich am Anfang der Regenzeit besuchen, dann sieht das ganze Land gleich viel schöner aus, weil alles so grün und fruchtbar ist.
Sundowner auf der Terrasse der Präsidentenresidenz
In Bo angekommen bei Hannah, ging es noch für ein Sundowner Bier auf den nächsten Hügel. Bo ist eine Universitätsstadt und liegt 3,5 Stunden südöstlich von Freetown auf der Strecke Richtung Kenema und Gola Rainforest. Bisher kannte ich Bo nur vom Durchfahren. Die Gegend um Bo ist grün und etwas hügelig. Der Hügel, auf den wir unseren Abendspaziergang machten, beherbergt die „Sommerresidenz“ von Siaka Stevens. Siaka Stevens gilt als der erste Präsident Sierra Leones. Es ist immer noch sichtbar, wie schön die Residenz einmal war und wie schön sie eigentlich auch heute sein könnte, wenn sie nicht unbenutzt und heruntergekommen wäre. Teilweise ist das Fischgräten-Holz-Parkett noch sichtbar. Als wir da oben saßen und den Sonnenuntergang in seiner Farbenpracht genossen, während unsere Blicke über die Stadt schweiften und wir uns über unsere alltäglichen Herausforderungen austauschten, wussten wir noch nicht, dass der Besuch von Stevens Residenz, erst der erste Teil unserer historischen Tour werden würde.
Mittlerweile ist die Präsidentenresidenz heruntergerockt und beherbergt den staatlichen Radiosender SLBC Bo. An den Wänden finden sich Grafities von der Radiostation aber auch noch eine Botschaft an die ECOMOG Truppen, die im Bürgerkrieg die Rebellen bekämpften.
Auf in die Kangari Hill
Hannah teilt meine Wanderfreudigkeit. Deshalb war es von Anfang an klar gewesen, dass wir unser gemeinsames Wochenende auch für einen Hike oder eine Wanderung in der Umgebung von Bo nutzen würden. So sehr ich mich mittlerweile auch an das Leben in Freetown gewöhnt habe, es ist immer noch nervig für mich, dass es so lange dauert, bis ich aus der Stadt draußen bin. In Bo ist das anders. Dadurch, dass die Stadt viel kleiner ist, ist der Weg in die Natur auch viel kürzer. Trotzdem haben wir uns entschieden, die Kangari Hills zu erkunden, die circa eine Stunde nördlich von Bo liegen und sind nicht in der direkten Umgebung geblieben. Wir sind mit Hannahs Auto los, da wir noch nicht wussten, ob ich am nächsten Tag Diesel für die Heimatfahrt bekommen würde – witzigerweise oder peinlicherweise der Doppelgänger meines Autos. Über rote Pisten näherten wir uns den Kangari Hills.
Die Kangari Hills sind ein Forest Reserve. Leider ist viel mehr nicht bekannt. Wir sind also soweit gefahren, bis wir ein Dorf fanden, das nett aussah und von dem aus GoogleMaps einen Weg in die Hügel andeutete. Unser Auto haben wir bei einer netten Frau vor dem Haus geparkt und sind dann losgelaufen Richtung „Wunde“. Da Wunde auf GoogleMaps als Ort angegeben wurde, sind wir davon ausgegangen, dass es sich um ein Dorf handeln würde.
Über Trampelpfade ging es durch grüne Natur und Wald, wunderschöne Landschaften und Hannah hat sogar eine Gruppe Great Blue Turacos gesichtet. Ich war sehr erleichtert, dass es sich um Vögel handelte, die ich kenne und bezeichnen konnte. Wie peinlich wäre das sonst gewesen für mich als alte Birdi 😉
Irgendwann kamen wir dann an drei Häuschen vorbei und haben uns dort erkundigt, wo es nach Wunde geht, was ja unser erstes Ziel war. Die Frauen dort haben uns erklärt, wir wären schon in Wunde. Ziemlich witzig. Es waren wirklich nur drei Lehmhäuser mitten im Wald und GoogleMaps zeigt es mit Namen an…
Die eine Frau in Wunde erklärte uns, den weiteren Weg. Sie meinte noch, wir sollten nicht in die Banga Plantage, weil es dort keinen Weg rausgibt (Banga ist das Wort für Palmöl/früchte/bäume). Wir haben uns also wieder auf den Weg gemacht und sind weiter durch die grüne Landschaft spaziert, bis wir dann doch in der Banga Plantage gelandet sind. Eigentlich wollten wir weiter nach Petema und von dort aus die Runde zurück zu unserem Auto machen. Die Leute dort (es waren wieder nur 2 Häuser) haben uns nicht so richtig verstanden und wir sie auch nicht. Aber irgendeinen Weg haben wir dann doch eingeschlagen. Petema haben wir so leider nicht erreicht, dafür sind wir am Ende in Mongeri gelandet. Wenn man mit GoogleMaps und ohne offizielle Wanderwege durch die Gegend läuft, kommt man eben manchmal wo anderes an als geplant. Aber das macht die Sache ja nicht weniger interessant.
Historical Tour, die Zweite – the home of Samuel Hinga Norman
Wir waren noch gar nicht richtig im Dorf angekommen, da wurden schon eilig drei Plastikstühle aus dem Haus getragen und in den Schatten eines Baumes gestellt. Der Chief des Ortes lud uns ein, uns hinzusetzen und auszuruhen. Woher wussten die denn, dass wir just in diesem Moment ankommen würden? Irgendeine Art der Kommunikation scheint es zu geben, die wir nicht wahrnehmen.
Der Chief hat uns oben ohne, bekleidet in einer Jeans und Schlappen begrüßt. Es war ja auch Samstagnachmittag. Da ist man legere unterwegs. Wir haben erst ein bisschen Smalltalk betrieben mit ihm und dem anderen Mann, einem der Lehrer aus dem Ort, wie sich später herausstellte. „Ihr seid bestimmt wegen Samuel Hinga Norman hier?“ wurden wir gefragt. Es hat ein paar Anläufe gebraucht, bis wir verstanden haben, dass es sich um einen Namen handelt. Und nein, wir hatten den Namen noch nie gehört.
Kriegsheld und/oder Kriegsverbrecher?
Mongeri, der Ort, in dem wir gelandet sind, ist der Geburtsort von Samuel Hinga Norman. Seine Grabstätte ist direkt neben dem Fußballplatz im Ort. Die Schrifttafel ist zerstört, so dass ein bisschen Puzzlearbeit nötig war, um sie richtig zusammenzusetzen. Außerdem fehlen ein paar Teile. Die Kinder tragen die wohl immer weg. Aber einmal im Jahr kommt die Familie von Samuel Hinga, um ihm zu Gedenken. Er war der Anführer der Defense Forces während des Krieges und er war auch vor dem Special Court. So viel erfuhren wir vor Ort. Irgendwie konnten wir nicht ganz herauslesen, ob er nun eher als Held gesehen wurde, weil er als Chef der Defense Forces gegen die Rebellen kämpfte oder aber ein Kriegsverbrecher war. Vor dem Special Court wurden nach dem Bürgerkrieg die Verbrechen verhandelt, die während des Krieges begangen worden waren. Wenn jemand also vor dem Special Court war, dann hat er höchstwahrscheinlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.
Da wir aus den Ausführungen des Chiefs und des Lehrers nicht ganz schlau wurden, wie die Menschen zu dieser Berühmtheit aus ihrem Ort stehen, haben wir zuhause noch ein bisschen online recherchiert. Und tatsächlich gibt es wohl sehr unterschiedliche Sichtweisen. Einerseits wird Samuel Hinga wirklich als Kriegsheld gefeiert, da er die Rebellen bekämpfte und erfolgreich zurückdrängte. Aber er war auch angeklagt, da er wohl mit verantwortlich war, dass Kindersoldaten rekrutiert wurden, Dörfer geplündert und Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden. Er war der Anführer der sogenannten Kamajors.
Schusssichere Westen und der Glaube an den Zauber
Die Kamajors waren nicht Teil der offiziellen Armee Sierra Leones, sondern separat von ihr. Eigentlich sind es traditionelle Jäger, die dem Chief direkt untergeben sind. Die Kamajors hatten ein eigenes Aufnahmeritual, sie hatten bestimmte Westen – ich habe das im Nationalmuseum gesehen – die durch bestimmte Amulette kugelsicher waren. Dadurch waren die Kamajors quasi unverwundbar. Deshalb hatten die Rebellen Anfangs auch sehr große Angst vor ihnen und haben sich nicht wirklich getraut gegen sie zu kämpfen. Aber sie hatten auch sehr strenge Regeln, an die sie sich halten mussten – dazu gehörte wohl auch, dass sie eigentlich abstinent leben sollten. Da es sich bei den Kämpfern oft um junge Männer handelte, und im Krieg auch viele Drogen genommen wurden, haben sie die Regeln immer wieder und immer öfter gebrochen. Dadurch wirkten die Zauber nicht mehr, die sie beschützt haben, so wurden sie verwundbar und als die Rebellen das gemerkt haben, hatten sie nicht mehr wirklich Angst vor ihnen.
Das hat mir alles ein Freund von mir erzählt. Er ist sich sicher, wenn die Kamajors sich weiter an die Regeln gehalten hätten, wären sie weiter unverwundbar gewesen.
Es finden sich nicht so viele Menschen, die Kriegshelden sind, ohne auch Verbrechen begangen zu haben. Mit dieser inneren Spaltung müssen die Menschen irgendwie umgehen. Vielleicht ist es die Lösung in Mongeri, dass die Grabstätte zwar da ist, aber es niemanden stört, wenn Kinder Teile der Schrifttafel entfernen und Ziegen ihre Zeichen auf dem Grabstein hinterlassen. Ich weiß es nicht. Das ist reine Interpretation.
Samuel Hinga Norman wurde 2004 vor dem Special Court angeklagt. Er starb allerdings bevor das Urteil verkündet worden war in Guinea, wo er sich wegen einer medizinischen Behandlung aufgehalten hatte.
Abschied aus den Kangari Hills und Bierchen am Fluss
Von Mongeri aus sind wir den „Highway“ zurück zu unserem Auto gelaufen. Bestimmt haben alle Menschen, die wir auf unserem Ausflug getroffen haben, große Fragezeichen in ihren Köpfen gehabt, was diese zwei weißen Frauen da treiben. Das Konzept „Spaziergang“ einfach so, gibt es hier nicht. Entweder haben sich die Leute gewundert oder aber sie wundern sich eh über nichts, was Weiße so machen, da wir eh unverständlich sind.
Zurück bei unserem Auto haben wir uns noch ein bisschen mit Madame Fouday unterhalten, bei der wir unser Auto abgestellt hatten. Sie hat neun Kinder, das kleinste Kind auf dem Foto ist allerdings eines ihrer Enkelkinder. Ein Kind war krank, deshalb wurden aus Rinde eines bestimmten Baumes gerade ein Sud gekocht. Und das eine Mädchen hieß Hannah. Welch Freude, eine Namensvetterin zu treffen.
Auf dem Hinweg hatten wir schon unseren Spot für ein Sundownder Bierchen gesichtet. Wir sind über eine Brücke gefahren und der Fluss sah traumhaft aus. Die einzige Herausforderung war, ob es ein kühles Bier geben würde, weil es ja nicht überall Strom gibt. Aber was soll ich sagen, es war einfach unser Tag. Nicht nur der Ausflug war super schön, alle Menschen super nett, nein, es gab auch noch richtig kaltes Bier. Da haben wir sofort zwei Dosen gekauft und sind zum Fluss gelaufen. Begleitet von einer Kinderschar. Die Kinder wurden (zum Glück) irgendwann von Frauen zurückgerufen. Wir hatten uns die Waschstelle der Frauen ausgesucht, um auf den Felsen im Wasser unser Bier zu genießen. Wahrscheinlich dachten die anderen, dass wir uns waschen wollen und haben deshalb die Kinder weggeschickt. Wir waren ganz froh, so konnten wir in Ruhe die unglaublich schöne Natur genießen – und unser Bier und den Ausflug perfekt ausklingen lassen.
Party Town Bo
Bo ist bekannt für seine Clubs und sein Nachtleben. Ist halt eine Universitätsstadt. Das Party- Nachtleben habe ich mir aber für den nächsten Besuch aufgehoben. Wir waren etwas zu erschöpft nach dem ganzen Tag Wandern in der Hitze. Deshalb haben wir uns am Straßenrand noch schön kros gegrillte Ziege und Hühnchen geholt und Brot und sind dann noch in eine von Hannahs Stammkneipen, um unser Essen mit einem Bier zu genießen. In Bo und auch in anderen Städten habe ich das schon gesehen, in Freetown eigentlich noch nicht wirklich. Am Straßenrand gibt es kleine Buden, die auf Metallplatten Fleisch ganz kros braten. Man sucht sich ein Stück Fleisch aus, ein Stück Ziege zum Beispiel für 10,000 LE (das ist weniger als ein Euro). Dann wird es in mundgerechte Häppchen geschnitten und schön angebraten. Mit Zeitungsstücken wird es dann vom Blech genommen, es kommt Lime und scharfes Gewürz darauf und dann bekommt man es mit ein paar Zahnstochern in die Hand zum Essen. Es schmeckt wirklich perfekt in Kombination mit Bier und Brot.
Die Location, in die wir sind, ist anscheinend eine angesagte Studi-location. Junges Publikum, sehr gemischt und wir mittendrin. Natürlich total underdressed, da noch verschwitzt und in unseren Wanderklamotten. Peinlich, peinlich. Aber die Musik und die Atmosphäre waren hervorragend. Ein rundum gelungener Tag.
Ich war wirklich sehr traurig, als ich am Sonntag wieder zurück nach Freetown musste. (Un-)Glücklicherweise habe ich tatsächlich 20l Diesel bekommen, so dass zumindest sichergestellt war, dass ich Freetown auch erreichen würde.
Spätestens nach dem ersten Tollgate, wenn man sich Freetown nähert, merkt man dann auch direkt den Unterschied zwischen der big city und up-country. Der Smog hat einen wieder. Wie schlecht die Luft hier ist, merke ich immer erst, wenn ich ein paar Tage wo anders war und wieder zurückkomme. Jetzt habe ich mich schon wieder daran gewöhnt.
Anfangs war ich mir ja nicht sicher, ob ich es so gut finde, dass ich in Freetown bin und ob ich nicht lieber in einer der kleineren Städte wie Bo, Kenema oder Makeni leben möchte. Mittlerweile bin ich aber ganz froh, in Freetown zu sein. Vieles ist hier viel einfacher. Vor allem ist es viel leichter, auszugehen, Bekanntschaften zu schließen und Leute zu finden, mit denen man ein Biertrinken gehen kann und mit denen ich mich gut unterhalten kann. Trotzdem ist es super, nun eine weitere Insel in Sierra Leone zu haben. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Trip nach Bo, oder vielleicht treffen wir uns das nächste Mal auch in Makeni, wo Hannahs Freund lebt.
Und um nochmal auf meinen letzten Blogbeitrag zu sprechen zu kommen: Ich bin seit einigen Tagen wirklich entspannt und Situationen, die mich zuvor innerlich aufgeregt haben, kann ich nun gelassen hinnehmen und mich zurücknehmen. Vielleicht habe ich wieder einen kleinen weiteren Schritt in Richtung ankommen in einer neuen Umgebung geschafft.
Hinweis: Die meisten Fotos im heutigen Beitrag sind von Hannah. Vielen Dank dafür!
Eine Freundin von mir ist seit Oktober 2020 in Liberia, ebenfalls als Fachkraft von Brot für die Welt. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich es anfangs nicht immer nachvollziehen konnte, wenn sie von der konstanten Anstrengung und dem ständigen Erschöpfsein gesprochen hat. Selbst als ich selbst schon in Sierra Leone war. Aber jetzt muss ich einsehen, sie war mir einfach sechs Monate voraus. 😉
Ich erinnere mich auch, dass ein Freund von mir hier immer sagt, das Wichtigste ist, dass du immer Strom und Wasser zuhause hast. Das entlastet enorm. Ich muss mittlerweile auch ihm Recht geben. Es ist zermürbend, sich um die immer gleichen Dinge zu kümmern und keine Lösung zu finden. So hatte ich in den letzten drei Wochen eine einzige normale Dusche bei mir zuhause, sonst immer Eimerdusche. Eimerdusche bedeutet, dass kein Wasser aus der Leitung kommt, sondern das Wasser im Eimer oder Kanister wartet. Das mag beim Duschen etwas nervig sein, wenn es aber darum geht, den täglichen Abwasch zu machen oder noch wichtiger: die Klospülung zu betätigen, merke ich schnell, dass Wasser aus der Leitung ein unglaubliches hohes Gut ist, auf das ich eigentlich nicht ständig verzichten möchte. Vor allem, da ich nie weiß, wann kommt denn nun wieder Wasser aus der Leitung?
Water no dae
Theoretisch kommt bei uns dienstags, donnerstags und Samstagnacht Wasser von der Guma Valley Company, die Freetown mit Wasser versorgt. Seit ein paar Wochen schon klappt die Versorgung nicht wirklich, da nicht genug Wasser im Staudamm ist und somit der Wasserdruck nicht ausreicht, um das Wasser in die Stadt zu befördern. Falls doch Wasser zu uns kommt, muss es erst noch von einer Pumpe in den Tank auf dem Dach gepumpt werden, damit es von dort in Richtung meiner Wasserhähne fließen kann. Ist nun gerade kein Strom da, wenn das Wasser kommt, dann geht die Pumpe nicht und der Tank bleibt leer. Für diesen Fall gibt es noch den Generator. Ist aber kein Benzin da, dann hilft auch der Generator nicht. Und wenn dann noch jemand das Kabel verräumt, mit dem die Pumpe an den Generator angeschlossen wird, dann hilft es auch nichts, wenn ausreichend Benzin da ist. Ihr seht also, es ist nicht so einfach, das Wasser in den Wassertank zu bekommen. Deshalb lebe ich seit ein paar Wochen aus Eimern.
Wenn der Tank leer ist, warte ich also erst, ob am Dienstag, Donnerstag oder Samstag Wasser kommt. Wenn nicht, informiere ich den Landlord und den Hausverwalter. Theoretisch müssen sie sich dann darum kümmern, dass ein Wassertanker kommt und unseren Tank auffüllt. Zweimal kam auch schon der Löschwagen der Feuerwehr, um unseren Tank aufzufüllen. Da aber nicht nur wir Wasserprobleme haben, ist es nicht so leicht, jemanden zu finden, der Wasser liefert. Manchmal dauert es 2-3 Tage, bis der Tank gefüllt wird. Manchmal auch noch länger.
Da es in letzter Zeit öfter zu Wasserknappheit gekommen ist, bin ich mittlerweile ganz gut vorbereitet. Als ich mit Hummel in der Shoppingstraße in der Innenstadt war, haben wir einen 100l Behälter gekauft, der die perfekte Größe hat, um ihn im Keke nach Hause zu transportieren, außerdem habe ich zwei von diesen gelben Kanistern, die auch jeweils so 20 Liter fassen und noch ein paar Eimer, die auch alle 5-20 Liter Fassungsvermögen haben. Jedes Mal, wenn Wasser kommt (oftmals mit geringem Druck, so dass es eher ein Tröpfeln als ein Fließen ist), fülle ich also meine Eimer und Wasserbehältnisse, damit ich dann Wasser habe, wenn der Druck nachlässt oder der Tank leerer wird. Oder eben auch einfach, weil der Druck nicht ausreicht, um zu Duschen oder Abzuspülen. Natürlich teile ich mein Wasser gerne, mit allen bedürftigen Lebewesen. Aber ich muss zugeben, dass meine Pflanzen gerade weniger Wasser bekommen als sonst. Ich hoffe, sie überstehen diese Dürreperiode mit mir zusammen. Einige von ihnen stecken es gut weg.
Ich könnte ganz gut mit dieser Situation leben, wenn ich wüsste, dass es einfach gerade kein Wasser gibt. Aber mein Nachbar, der unter mir wohnt und der den gleichen Tank benutzt wie ich, bekommt die ganze Zeit Wasser aus seiner Leitung. Ergo: da stimmt etwas mit den Leitungen nicht, die in meine Wohnung führen. Es hat eine Weile gedauert, dieses Problem entsprechend zu kommunizieren. Zuerst dachten wir, ich hätte ein Air-Lock in meiner Leitung. Das kann man aber nur beheben, wenn ausreichend Wasser im Tank ist, was ja die ganze Zeit nicht der Fall war. Nun habe ich festgestellt, es kann kein Air-Lock sein. Es muss etwas anderes sein. Das nervige ist, dass ich das selbst überlegen und feststellen muss. Das Problem ist, dass ich mich nicht sportlich genug fühle, um selbst zum Tank hochzuklettern und mir das Ganze mal anzuschauen. Es ist anstrengend, für alles selbst Lösungen finden zu müssen, um dann den Handwerkern zu erklären, was ich denke, was das Problem ist und wie es wohl behoben werden könnte. Ich lobe es mir, einfach einen Handwerker zu rufen, der macht die Fehleranalyse und kommt mit einem Lösungsvorschlag, der sinnvoll ist und das Problem wirklich behebt. Das wäre ein Traum, wenn das klappen würde.
Heute Nachmittag kommt der Klempner nochmal. Ich hoffe, dann bekommen wir das endgültig hin und ich habe bald wieder Wasser aus der Leitung!
Das ewige Lied vom Strom
Dass es in der Trockenzeit schwierig wird mit Wasser und Strom, wurde mir schon angekündigt. Und es stimmt leider. Von Neujahr bis Anfang Februar hatten wir fast 24 hours Strom. Das hat uns etwas verwöhnt. Nun sind wir seit Februar wieder eingeschränkter in der Stromversorgung. Ich wollte mir deshalb endlich Solarzellen aufs Dach setzen. Ich habe schon den Kostenvoranschlag. Der Solar-Typ war da. Leider, leider, habe ich mir auch das einfacher vorgestellt, als es ist. Mein Landlord erklärte mir, das Dach ist von so schlechter Qualität, dass wir keine Solarzellen darauf befestigen können. Er meinte, er müsse erst das Dach erneuern. Na gut, denke ich mir. Dann kaufe ich eben nur die Batterien und lade sie mit Nicht-Öko-Strom auf und nutze sie wie große Powerbanks, so dass mein Kühlschrank auch läuft, wenn kein Strom da ist und mir die Milch nicht schlecht wird. Das war Mitte/Ende April. Ich wollte mir Geld von Deutschland hierherschicken, damit ich mir die Batterien kaufen kann. Aber wieder einmal hieß es: not so easy! Die online-Überweisung funktionierte nicht. Nach einigem Hin- und Her habe ich mir nun Geld auf das Konto von einem Bekannten überwiesen. Das Geld ist auch tatsächlich auf seinem Konto angekommen. Es ist also schon im Land. Ein riesiger Fortschritt! Leider war der Bekannte letzte Woche up-country, so dass ich nochmal eine Woche warten musste, bevor ich mein Geld haben würde und mir die Batterien kaufen könnte. Gestern wollten wir das Geld dann von der Bank holen, aber leider hatte die Bank schon um 15h zu gemacht. Also wieder nichts. Das nächste Bank-Date haben wir am Freitag. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass wieder irgendetwas sein wird, weshalb ich mein Geld nicht bekomme. Vielleicht nicht ausreichend Scheine da oder so etwas. Mal schauen. Es bleibt also spannend, ob ich es noch dieses Jahr schaffen werde, meine Stromversorgungssituation zu verbessern.
I am not the pushing type of person
Wer mich gut kennt, weiß, dass ich eigentlich vom Typ her nicht die Person bin, die andere mit voller Energie ansteckt und immer die treibende Kraft ist. Nun finde ich mich hier in einer Situation wieder, in der ich genau diese Rolle übernehmen muss. Das ist eigentlich gegen meine Natur. Mein natürliches Ich wartet gerne ab, bis sich Probleme von selbst lösen oder mir jemand einen Tritt verpasst, um mich in Bewegung zu bringen. Es gibt hier aber niemanden, der mir diese „motivierenden Tritte“ verpasst. Ich muss sie mir selbst geben. Und dazu noch allen anderen.
In der Arbeit habe ich gerade mehrere Projekte am Laufen, die alle in einem ähnlichen Stadium sind: im Planungs- und Organisationsstadium. Leider ist das nicht die Stärke der Kolleginnen und Kollegen. Ich merke, dass es sehr frustrierend für mich ist. Ich brauche endlich mal wieder einen Umsetzungserfolg. Endlich mal wieder ein Ergebnis. Die Planung hier ist nicht, wie ich Planung machen würde. Es wäre so viel vorzubereiten und zu organisieren, damit unsere nächsten Events und Aktivitäten gut werden, aber ich kann immer nur einen Teil der Arbeit alleine machen und muss dann wieder auf Rückmeldung und Feedback warten. Deshalb habe ich gerade auch so viel Zeit, euch mein ganzes Leid zu klagen. Weil ich hier im Büro sitze und darauf warte, dass meine Kolleginnen und Kollegen, Rückmeldung geben, zu Sachen, die ich vor drei Wochen das erste Mal an alle geschickt habe. Das Problem ist – es klang ja schon in meinem letzten Beitrag an – ich finde, unser Ruf ist nicht der beste. Es ist mir hoch unangenehm, wenn wir nun groß verlauten, dass wir eine Kampagne starten wollen und dann sind wir diejenigen, die am schlechtesten dafür vorbereitet sind. Hinzu kommt, dass ich wahrscheinlich auch frustriert bin, weil ich so vieles immer noch nicht checke. Und wenn es nur darum geht, welche Logos auf ein Workshop-Zertifikat müssen. Eigentlich müsste ich es aus dem BAMF ja gewohnt sein, dass immer, wenn ich denke, jetzt ist alles fertig und dieses Mal habe ich wirklich an alles gedacht, dass dann doch jedes Mal wieder etwas aufkommt, was ich eben nicht bedacht habe und ich alles nochmal anpassen muss. So bin ich zwar gut darin, meine Listen zu erstellen, aber irgendwie klappt es nicht so gut, mit dem Streichen von Dingen auf der To-Do-Liste. Es kommen immer neue Sachen dazu, ohne das die alten abgearbeitet sind. Und dann verzögert sich immer wieder vieles, weil Kolleginnen oder Kollegen nicht da sind, die entscheidend sind für das Vorankommen. Jemand ist krank, andere Sachen sind zu tun, dann wird wieder etwas vergessen. Vieles könnte gelöst werden mit besserer Arbeitsplanung auf individueller Ebene und auf Organisationsebene. Ich weiß aber noch nicht, ob ich diese riesen Baustelle angehen möchte und dafür genug Energie habe.
Plastik – überall Plastik
Ich merke außerdem, dass mich aktuell die Plastikverschmutzung stark belastet. Sie ist überall sichtbar. Mehr als sichtbar. Ich sehe schon fast das Meer vor lauter Plastik nicht. Das sei hier aber nur als Randnotiz erwähnt. Ich denke, dieses Thema ist zu wichtig, um es zwischen Stromknappheit, Wassermangel und Arbeitsstress zu platzieren. Ich möchte es aber auch nicht unerwähnt lassen, wenn ich nun schon am Aufzählen bin, was mich gerade so anstrengt. Der Plastikmüll überall gehört auf jeden Fall dazu. Sobald das mit dem Wald angestoßen ist, möchte ich mich umgehend um das ganze Plastik kümmern. Ich habe schon ein paar Ideen und habe schon mit ein paar innovativen Start-Ups Kontakt aufgenommen. Jetzt muss nur noch ein Schuh daraus werden. Und dann ziehe ich mir das nächste unlösbare Projekt an Land 🙂
Resilienz und Erholungsinseln
In der Vorbereitung ging es auch um Resilienz und darum zu überlegen, wo meine Inseln im Alltag sind, auf denen ich Kraft schöpfen kann. Meine wichtigsten Inseln sind natürlich meine Familie und meine Freundschaften zuhause. Die sind leider etwas weit weg. Meine anderen Inseln sind Sport. Aber ich bin oft so erschöpft abends, dass ich mich nicht immer aufraffen kann. Aber ich schaffe es dann doch immer ganz gut, am Morgen wieder mit neuem Elan aufzustehen und auf ein Neues zu versuchen, mit Energie an die Arbeit zugehen.
Ziemlich am Anfang meiner Zeit hier ist mir ein Spruch begegnet. Er begleitet mich immer noch und ist gerade mein Mantra:
Mögen deine Entscheidungen deine Hoffnungen widerspiegeln, nicht deine Ängste.
Nelson Mandela
Ängste ersetze ich ab und an gerne mit „pessimistischen Erwartungen“ oder auch mit „Erfahrungen aus der Vergangenheit“. 😉
[Noch eine kleine Anmerkung: Der Spruch begleitet mich wirklich schon, seitdem ich hier bin. Ich glaube, Karina hat ihn mir geschickt? Danke nochmals dafür. Gerade habe ich nachgeschaut, von wem der Spruch eigentlich stammt und habe mich fast totgelacht, dass ich hier so Klassiker bediene wie Nelson Mandela. Vielleicht kommt demnächst noch der Dalai Lama und Sophie Scholl dazu 😉 ]
Ich weiß auch, dass es ein bisschen unklug war, mehrere Projekte gleichzeitig anzustoßen, so dass ich in allen im gleichen Stadium stecke und in keinem Erfolge oder Ergebnisse habe. Das Gute ist: eines meiner kleinen Projekte wird diese Woche noch abgeschlossen und umgesetzt (unser Photo-Workshop, den wir seit November machen wollen). Darauf freue ich mich schon jetzt sehr. Das kann ich dann abhaken 😊 Ein weiteres Teilprojekt wird kommende Woche realisiert (unser erstes Round-Table-Meeting für die Kampagne) und ein drittes wird in der ersten Juniwoche umgesetzt (unsere Tree Planting Aktion zum World Environment Day). Es ist also sehr absehbar, dass diese anstrengende Phase bald überstanden ist. Bestimmt warten dann neue Anstrengungen und Herausforderungen, aber denen werde ich dann auch hoffnungsvoll begegnen. Mal entspannter, mal gestresster, wie es eben so ist im Leben. Einige dieser neuen Projekte stehen schon in der Pipeline: die Weiterentwicklung der Ökolodge in Big Water, die Videos, die ich machen will, und weitere Aktionen für die Kampagne für den Wald.
Bis dahin vertreibe ich mir die Zeit aber nicht einsam zuhause, wie ihr euch denken könnt. Auch wenn meine wichtigsten Erholungsinseln in Deutschland sind, habe ich hier auch schon ein paar kleine Inselchen, die mir helfen wieder Kraft zu tanken. Da war zum Beispiel die Reggae Night anlässlich des Todestages von Bob Marley letzte Woche, auf der das Salone Reggae Movement bestehend aus 16 Künstlerinnen und Künstlern den ersten Salone Reggae Riddim vorgestellt hat. Dann war ich noch auf einer Bootstour Richtung Norden an der Küste entlang (leider auch begleitet von sehr viel Plastikmüll in den Wellen um uns herum) und am Sonntagabend war die sierra-leonische Premiere des Films „Sing, Freetown“, bei der sogar der Präsident höchstpersönlich anwesend war.
Ich schwanke immer wieder zwischen Ball flacher halten und nicht so viele Projekte anstoßen und wildem Aktionismus, weil ich denke, es gibt so viel zu tun und ich habe so viele Ideen, die ich umsetzen möchte. Vielleicht lerne ich es irgendwann noch, eine gesunde Balance zu finden. Bis dahin müsst ihr damit leben, dass ich immer mal wieder von Anstrengung und Erschöpfung schreibe, während ich zugleich abends den Sonnenuntergang über dem Meer genießen kann.
Ich wünsche euch auf jeden Fall, dass eure Entscheidungen eure Hoffnungen und nicht eure Ängste widerspiegeln und ihr alle eure Erholungsinseln kennt und sie immer in erreichbarer Nähe für euch sind.
Das Unmögliche wagen. Das kann hier bedeuten, zu versuchen, den Western Area Peninsula Forest National Park zu schützen. Beziehungsweise, die Regierung daran zu erinnern und den Druck auf sie zu erhöhen, die Gesetze, die den Wald schützen, auch durchzusetzen. Ihr merkt es schon. Heute geht es mal wieder um meine Arbeit.
Freetown liegt am Nordzipfel der Peninsula. Die Peninsula ist wunderbar hügelig und war bis vor wenigen Jahren mit dichten Wäldern überzogen. Schönen Regenwäldern. In den Wäldern leben Schimpansen, verschiedene Affen, Schuppentiere und natürlich viele Vögel, Kreuch- und Fleuchtiere und Insekten. Es leben aber auch schon seit vielen Jahrhunderten Menschen an der Küste und in der Region von Freetown. Das war bisher keine zu große Gefahr für den Wald. Denn es waren nicht so viele Menschen wie heute.
Ungebremstes Bevölkerungswachstum auf der Peninsula und forteilende Entwaldung
Während des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren sind viele Menschen aus den Provinzen in die Hauptstadt geflüchtet. Sie sind nach dem Krieg nicht wieder in ihre Heimatorte zurückgekehrt, sondern in Freetown geblieben. Zugleich nahm das Bevölkerungswachstum zu, so dass immer mehr Menschen auf der Peninsula leben. Da die Menschen irgendwo wohnen wollen bzw. müssen, wird immer mehr Wald abgeholzt, um Platz für Häuser zu schaffen und um Holzkohle herzustellen, die die meisten Menschen zum Kochen verwenden.
Freetown erstreckt sich bis über die Hügel, auf denen früher dichter Wald stand:
Mein Herz blutet!
Immer wenn ich aus Freetown Richtung Strand fahre oder in die andere Richtung aus Freetown hinaus Richtung up-country, blutet mein Herz. Es geht erst 30 – 60 Minuten (je nach Richtung, die ich einschlage) vorbei an traurig aussehenden, abgeholzten Hängen. Kahl und anklagend stehen sie da. Verwüstung, Zerstörung, Kahlschlag. Wenn ich etwas weiter nach Süden fahre, sehe ich die grünen Hügel. So sollte eigentlich alles hier aussehen. Aber in der Nähe Freetowns stehen kaum noch Bäume auf den Hügeln. Dafür halbfertige Häuser, Wellblechhütten und halbfertige Mauern, die Grundstücke eingrenzen. Die Häuser sehen nicht so aus, als wären es die armen Bevölkerungsschichten, die sich hier ein Zuhause bauen. Es sind wahre Prachtvillen, die da am Entstehen sind. Immobilienspekulationen machen auch vor Sierra Leone nicht halt. Und ein Grundstück in der Nähe der Strände und zugleich mit direkter Anbindung zur Hauptstadt, ist natürlich nicht ohne.
Save the Forest now – sonst ist es zu spät!
Meine Organisation, die Conservation Society of Sierra Leone (CSSL), ist genau die richtige, um hier etwas zu unternehmen. Bisher haben wir allerdings hauptsächlich Projekte in anderen Regionen des Landes. Da unsere Arbeit stark von Projektmitteln abhängig ist, können wir kaum eigenständig entscheiden, wo wir was machen. Für alles müssen immer Gelder beantragt sein, diese dürfen dann nicht für andere Sachen oder an anderen Orten verwendet werden. Deshalb habe ich mir überlegt, wir starten eine Kampagne über die Projektgelder, die an meinen Aufenthalt hier gebunden sind. Wenn wir jetzt nicht damit starten, den Wald zu retten, wird es bald keinen Wald mehr geben, der geschützt werden muss.
Forest loss – eine globale Gefahr
Erst wollte ich schreiben: „Forest loss – ein globales Problem / eine globale Herausforderung“. Aber dann ist mir klar geworden, es geht hier nicht um ein Problemchen oder eine Herausforderung, die es zu bewältigen gibt. Es geht um eine sehr akute Gefahr, die es abzuwenden gilt!
Alleine im Jahr 2021 haben wir auf der ganzen Welt 3,75 Millionen Hektar primären Regenwald verloren. Das sind 10 Fußballfelder pro Minute! Das ganze Jahr über. Viele Analysen konzentrieren sich auf tropische Regenwälder, wenn es um die Betrachtung der Deforestation geht, da die Regenwälder am wichtigsten sind um den Klimawandel aufzuhalten und zugleich sind es auch meist die tropischen Regenwälder, die von Menschen abgeholzt werden und nicht wegen natürlichen Bränden oder ähnlichem Schwankungen erfahren.*
Sierra Leone gehört nicht zu den Ländern, mit den größten Abholzungsflächen im weltweiten Vergleich. Das liegt daran, dass das Land gerade einmal so groß ist wie Bayern und deshalb flächenmäßig mit Brasilien oder der Demokratischen Republik Kongo gar nicht mithalten kann. Als ich mir aber auf der interaktiven Karte des Global Forest Watch die Entwicklung der Entwaldung in Salone in den letzten Jahren angeschaut habe, bin ich dann dennoch erschrocken.
Die Bilder zeigen die Ausdehnung des Waldgebietes. Die grünen Flächen sind bewaldet, die lilalen entwaldete Gebiete. Das erste Bild zeigt den Stand im Jahr 2001, also vor zwanzig Jahren. Das zweite Bild zeigt 2015 und das dritte die Realität im Jahr 2021. Die Bilder zeigen eindrücklich, dass innerhalb der letzten Jahre weit mehr abgeholzt wurde, als in den fünfzehn Jahren zuvor.
Die große grüne Fläche rechts unten ist der Gola Rain Forest National Park. Er befindet sich größtenteils in Liberia und nicht in Sierra Leone. Am Gola sieht man, dass es möglich ist, Waldflächen zu schützen, wenn ausreichend finanzielle Mittel und nationales und internationales Commitment vorhanden sind.
Wasserknapptheit, Landslides und Erosion
Alles ganz tragisch, aber was soll man machen? Irgendwo müssen die Menschen ja wohnen und sie brauchen eben auch Holz zum Kochen und Bauen. Viele Menschen in den forest edge communities, mit denen wir reden, sind eher gegen uns. Sie denken, wir wollen sie nur davon abhalten, den Wald zu nutzen und schaden ihnen damit. Aber es geht schon lange nicht mehr darum, den Wald und die Tiere zu schützen. Es geht hier in Sierra Leone schon längst darum, das Überleben und das tägliche Brot der Menschen langfristig zu sichern. Dadurch, dass die bestehenden Grenzen des Schutzgebietes nicht respektiert werden und die Waldfläche immer weiter dezimiert wird, verschlechtert sich nicht nur die Bodenqualität für die Landwirtschaft, das viel größere Problem ist, dass unsere Wassersammelbecken nicht mehr genug Wasser haben, um uns durch die Trockenzeit zu bringen. Seit März schon gibt es ständig kein Wasser in Freetown. Einer der Gründe dafür liegt in den abgeholzten Hängen.
Eine weitere Gefahr kommt nun in der Regenzeit wieder auf uns zu: der Starkregen wäscht die trockenen, oberen Erdschichten weg, so dass es zu Schlammlawinen und Erdrutschen kommt. Wo vorher der Wald die Hänge befestigt hat und das Wasser aufgenommen hat, stürzt es jetzt hinab und begräbt alles was nicht schnell genug weg ist unter sich. Vor fünf Jahren gab es einen ziemlich schlimmen Erdrutsch. Über tausend Menschen sind gestorben. Leider wurden keine Lehren daraus gezogen. Eigentlich kann man nur warten, wann es zur nächsten Katastrophe kommen wird.
Die Strategie derjenigen, die die Entwaldung vorantreiben, ist folgende: erst Feuer legen, dann brennt ein Teil des Waldes nieder. Dann ist es eh kein richtiger Wald mehr und dann kann man ganz unschiniert abholzen. Ein Problem bei der Sache ist, dass die Regierungsstellen, die eigentlich für den Schutz des Waldes zuständig sind, gerne ein Auge zudrücken, wenn die entsprechende Person kommt oder der Geldbeutel weit genug aufgemacht wird. Außerdem gibt es nicht genug Forestguards, die auf Kontrolle gehen. Und selbst wenn die Guards dann jemanden stellen, sind sie oft diejenigen, die nicht bewaffnet sind, weshalb es kaum zur Verfolgung und zu Festnahmen kommt. So kommt es, dass nicht nur in Sierra Leone, sondern weltweit, ein Großteil der tropischen Wälder innerhalb von offiziell anerkannten Schutzgebieten abgeholzt wird. Es fehlt einerseits an den finanziellen Mitteln, um die nötigen Schutzmaßnahmen zu ergreifen, aber hauptsächlich fehlt es am politischen Willen, die Gesetze wirklich durchzusetzen.
Glück im Unglück
Vor wenigen Wochen aber, da haben „sie“ es zu weit getrieben. Sehr nahe am Guma Water Reserve wurde ein Brand gelegt. Das hat sogar den Präsidenten auf den Plan gerufen, der tatsächlich hingefahren ist, um sich das ganze anzuschauen. Alleine durch seine Präsenz wurde ein sehr klares Zeichen gesetzt. Es sieht so aus, als würde die Regierung es nun ernst nehmen, mit der neuen Demarkierung der geschützten Fläche und der Durchsetzung der Gesetze. Ich denke, die Regierung weiß, dass wir vor sehr großen Problemen stehen werden, wenn wir kein Wasser mehr haben in Freetown.
Unten seht ihr die Fotos vom Brand, die über whatsapp geteilt wurden. Und Fotos wie es dann aussieht, wenn angefangen wird zu bauen.
Uns kommt das sehr zu pass. Wo wir doch für dieses Jahr vorhatten, uns für den Schutz des Waldes einzusetzen. Wir müssen also die Gunst der Stunde nutzen. Und da wird es schon wieder schwierig. CSSL ist nicht gerade bekannt für schnelle und gezielte Aktionen 😉 Mal schauen, ob ich das ändern kann.
Wir haben den Stein auf jeden Fall schon ins Rollen gebracht. Im ersten Schritt wollen wir uns mit like-minded Organisationen zusammentun. Viele arbeiten in einem ähnlichen Bereich, wir haben alle viel Wissen, viele Kontakte und Erfahrungen in dem Bereich. Ich bin der festen Überzeugung, wenn wir es schaffen, zusammenzuarbeiten und unsere Kräfte zu bündeln, können wir dieses Mal wirklich etwas erreichen. Wir haben Einzelgespräche mit unseren Partnern geführt, als nächstes wird es einen runden Tisch geben, an dem wir unsere gemeinsame Strategie entwickeln und verfeinern können und dann legen wir hoffentlich gemeinsam und voller Motivation los, damit auch in fünf Jahren noch Bäume auf den Hügeln der Peninsula stehen, die Menschen in Freetown ohne Sorge vor Wasserknappheit und Erdrutschen leben können und die Schimpansen und Pangolins nicht weiter um ihren Lebensraum fürchten müssen.
In diesem Sinne: drückt mir die Daumen und leistet euren Beitrag zum Klimaschutz!
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