Nach vier Jahren und acht Monaten endet mit dem Jahr 2025 mein Vertrag mit der Conservation Society of Sierra Leone und meine Entsendung durch Brot für die Welt. Nach über vier Jahren heißt es nun offiziell emotional und mental Abschied zu nehmen. Da ich schon seit eineinhalb Jahren in Deutschland bin und nicht mehr in Sierra Leone war, könnte man meinen, der Abschied liegt schon hinter mir, aber weit gefehlt. Ein Teil von mir war immer auch ein bisschen in Salone. Ein Teil von mir hatte noch nicht ganz damit abgeschlossen, nicht doch noch für ein paar Monate zurückzugehen und meinen Vertrag vor Ort zu beenden. Eigentlich ging mein Vertrag bis Ende Mai 2026.
Nun sitze ich im Zug auf der Heimfahrt meines Debriefing / meiner Abschlusssupervision. Die letzten Tage habe ich ganz bewusst für mich genutzt und reflektiert, was war, was bleibt, was will ich zurücklassen und was will ich mitnehmen in die Zukunft? Wer war ich und wer bin ich? Die letzten Wochen haben viele Bilder und Gefühle hervorgebracht, die ich eigentlich schon hinter mir gelassen dachte. Seit ich Mitte November erfahren hatte, dass mein Vertrag vorzeitig mit dem Jahr endet, setzten sich offensichtlich unterbewusste Prozesse in Bewegung. Auf einmal wachte ich wieder häufig auf mit dem Wunsch, in meinem Bett in Freetown aufzuwachen, unter meinem Moskitonetz, auf meiner bunten Gara-Bettwäsche, leicht verschwitzt von der Hitze der Nacht mit den Geräuschen des aufwachenden Morgens in meiner Nachbarschaft. Ich habe mich wieder öfter auf einen meiner Balkone gewünscht, morgens auf den Küchenbalkon mit meinem Kaffee in der Hand, die Western Grey Plantain Eater (Vögel) zu beobachten, wie sie von Palme und zu Palme und weiter zum nächsten Baum flogen – immer gemeinsam. Abends stellte ich mir vor, heimzukommen, auf meinen Urwaldbalkon, ein Gläschen Wein zu trinken beim Schein der Lichterkette mit Blick in die Hügel und auf das Meeresdelta, Lastschiffe zu beobachten und den Blick schweifen zu lassen. Ich hatte auf einmal wieder Sehnsucht nach meinem Alltag in Sierra Leone, mit Wochenenden am Strand, Italian Dinners bei FreundInnen, Abenden in Mango Peak oder einer Strandbar. Ich vermisste mein Auto und die Fahrten durch den Verkehr Freetowns, die Fahrten über Land, meine internationale Normalität. Ich war auf einmal wieder traurig über alles, was ich zurückgelassen habe. Ich vermisste die Projektbesuche mit meinen KollegInnen, die Ausflüge ins Land, das gute Seafood, das Welcome, beim Ankommen in bestimmten locations, soviele Menschen, von denen ich mich nicht verabschieden konnte. Und gleichzeitig weiß ich auch, es ist kein Abschied für immer. Natürlich werden wir Sierra Leone in der Zukunft besuchen. Aber dann werde ich Touristin sein. Dann werde ich in einer ganz neuen Rolle dort sein.
Abschied: zwischen Erleichterung und Trauer
Wer hätte gedacht, dass nach eineinhalb Jahren, der Abschied noch so stark sein wird. Längst bin ich wieder angekommen in meiner “alten” Welt in Deutschland. Gefühlt war ich nie weg. Zu normal ist es, dass ich wieder da bin. Der Sturm, der in mir wütete, letztes Jahr, als klar war, ich kann nicht mehr zurück, hat sich schon vor Monaten gelegt. Es blieb nur ein Ziehen. Und jetzt kann auch das Ziehen enden und Platz machen für etwas Neues.
Meine Abschlusspräsentation für Brot trug den Titel “5 Jahre CPS bei CSSL – Plan vs. Realität und was bleibt”. Vieles lief ja vor Ort immer anders als geplant. Und natürlich lief insbesondere meine zweite Vertragszeit mit der Schwangerschaft und meiner Nicht-mehr-Ausreise alles andere als geplant. Plan vs. Realität bleibt vielleicht auch weiterhin der Titel meines Lebens. Wobei ich versuche vom Planen Abstand zu nehmen 😉 das haben mich die letzten zwei Jahre gelehrt.
Bei meiner Abschlusssupervision durfte ich meine Zeit von Vorbereitung/Ausreise bis heute malen. Es kam ein wunderschönes Kunstwerk dabei heraus. Am Anfang steht eine von mir künstlerisch interpretierte Version meines ersten Fotos aus Sierra Leone. Das Selfie, das ich nach meiner Ankunft auf meinem Hotelzimmerbalkon gemacht habe, Palmen im Hintergrund, mein Gesichtsausdruck: glückliche Vorfreude. Ich habe mich sehr gerne an dieses Foto erinnert. Ich bin froh, dass ich es habe. Es spricht für mich genau diese Gefühle der ersten Tage und Wochen. Diese spannende erste Zeit, mit all den ersten Malen, dem Entdecken und – fast vergessen – in den ersten Tagen habe ich ja schon meinen ersten John kennengelernt, meinen lieben Freund John Daniel, der Inder. Vielleicht erinnert ihr euch an ihn. Ich habe ihn tatsächlich letztes Jahr in Stuttgart getroffen. Wir sind immer noch in Kontakt. Hier beginnt schon, was bleibt. Freundschaften zu vielen unglaublich tollen Menschen. Und große Dankbarkeit. Auch rückblickend war die Zeit bei CSSL geprägt von vielen Aufs und Abs. Das ist euch nicht verborgen geblieben. Bis zuletzt (ein bisschen habe ich remote gearbeitet) hat sich dieses Wechselbad der Gefühle nicht aufgelöst. Oft war ich in den letzten Monaten froh, nicht vor Ort im Büro zu sitzen. Nach wie vor, hat mir die Arbeit selbst aber Spaß gemacht. Inhaltlich und auch von der Gestaltung des Arbeitsalltags. Die Vielfältigkeit meiner Tätigkeiten, die vielen learnings, die vielen Kontakte zu Menschen in den Dörfern, bei Workshops, Networkmeetings und Working groups. Ich vermisse diese Arbeit.
VIeles vermisse ich jedoch auch nicht. Ich bin so froh, dass ich wieder ich bin. In Sierra Leone hatte ich oft das Gefühl “so kenne ich mich nicht”. Mit so einer kurzen Zündschnurr. Aber die konstante Überbelastung durch Klima, Lärm, Ungewissheiten im Alltag hat mein Stresslevel konstant auf einem so hohen Niveau gehalten, dass ich merke, wie entspannt das Leben in Deutschland doch ist – auch wenn mein Leben in den letzten 1,5 Jahren eigentlich nicht so super entspannt war. Aber ich merke, wie schnell ich es schaffe, mich nach Stressausschlägen nach oben wieder zu regulieren und wieder runterzukommen. Den Lärm, den Dreck, die Luftverschmutzung, den Müll überall, die zerstörte Natur, all das vermisse ich nicht. Ich bin dankbar, dass ich nicht mehr im extremen Spannungsfeld zwischen Reichtum und Armut lebe. Ich weiß, extreme Armut gibt es, globale Ungerechtigkeiten haben ein unglaubliches Ausmaß, ich bin unendlich priviligiert durch meine Geburt, meine Kindheit und Jugend in Deutschland, in Frieden und relativem Reichtum. In Sorgenfreiheit, Freiheit und Sicherheit. Ich habe (zum Glück) all die Jahre in Sierra Leone nie die Augen verschließen, nie genug innere Distanz aufbauen können, von den Ungerechtigkeiten, die ich täglich sehen und fühlen musste, von der Armut, der Perspektivlosigkeit, der Ungleichheit und des Machtmissbrauches. Ich weiß, all das ist noch da, aber ich bin nicht mehr 24/7 damit konfrontiert. Die Herausforderungen des Alltags in Deutschland haben eine ganz andere Qualität. Trotz all der Schwierigkeiten und Herausforderungen, die in den letzten 1,5 Jahren auf meinem Weg waren und immer noch sind, ich kann mit ihnen umgehen und ich weiß, die meisten sind zeitlich begrenzt. Das ist ein großer Unterschied. Da ist eine Perspektive für die Zukunft, dass sie anderes wird. Und Hoffnung, dass diese andere Zukunft “besser” und leichter werden kann.
Ich bin auch sehr froh, wieder Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein. Es ist sehr anstrengend, immer anders zu sein, nie dazuzugehören, immer als anders gesehen, gelesen und behandelt zu werden. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann nicht fühlen was ich meine. Wie entspannt es ist, in Deutschland Bus zu fahren, durch die Stadt zu schlendern, in ein Restaurant zu gehen, ohne wahrgenommen zu werden.
Was bleibt, was nehme ich mit, was lasse ich da?
Ich nehme viele wunderbare Erlebnisse mit, viele Erinnerungen in denen ich große Dankbarkeit und Glück in meinem Herzen fühle. Es gibt ein paar Erinnerungen an Momente vollkommener Freiheit. Ich habe mich in Deutschland nie so frei und selbstbestimmt gefühlt wie manchmal in Sierra Leone. Dieses Gefühl nehme ich mit und bin gespannt, in welchen Situationen ich es in Zukunft fühlen werde. Ich habe neue FreundInnen fürs Leben gefunden. Ein paar habe ich dieses Jahr in Italien besucht. Das Wiedersehen war, als hätten wir uns erst eine Woche zuvor gesehen. Natürlich habe ich auch gute sierra leonische FreundInnen zurückgelassen, bei denen ich mich sehr auf ein Wiedersehen freue, wenn ich das nächste Mal dort hin. Mariama meine Kollegin hat mich immer unterstützt, Abdul und Betty haben mir so viel beigebracht und mich Teil ihres Lebens werden lassen. Das ist nicht selbstverständlich.
Ich nehme viel Klarheit mit, darüber, was ich in der Zukunft möchte und was nicht. Ich nehme natürlich meine Vögel mit. Auch wenn ich noch immer kaum deutsche Vögel bestimmen kann, eines Tages werde ich sie alle kennen. Ich nehme die wunderschöne Gewissheit mit aus dieser Zeit, dass meine Freundschaften in Deutschland mir für immer bleiben werden. Die große Distanz, die unterschiedlichen Lebensrealitäten, die unterschiedlichen Lebenswege hatten keinen negativen Einfluss auf diese engen Bindungen. Darüber bin ich sehr glücklich. Ich fühlte mich sofort wieder zuhause mit ihnen.
Ich nehme so viele Erfahrungen mit aus dieser Zeit, ich kann es nicht in Worte fassen. Mir kommen die ganze Zeit einzelne szenenhafte Momente und Bilder in den Kopf. Es ist die Summe all dieser Erfahrungen und Erlebnisse, die diese Zeit so wertvoll macht. Ich bin so dankbar, dass einige wichtige Menschen mich besucht haben und auch, dass ich Freundschaften in Deutschland aus Sierra Leone habe, mit denen ich meine Erinnungen teilen kann. Die verstehen, was ich meine, wenn ich von meiner Wohnung, vom Strand, vom Verkehr, von den Geräuschen, den Gerüchen, den Sinneseindrücken rede. Danke, dass ihr diese Reise auf euch genommen habt.
Ich nehme auch die Freundschaft zu einem besonderen Menschen mit in mein weiteres Leben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich hier überhaupt über seinen Tod berichtet hatte. Ich hatte damals kaum Worte für das, was passiert ist. Mein lieber und bester Freund John (nicht John Daniel, über den ich weiter oben geschrieben habe, ein anderer John), my dear John ist im April 2024 gestorben. Die Umstände seines Todes waren das Traumatisierenste, was ich jemals erlebt habe. Es war eine schlimme Zeit. Da ich seine engste Bezugsperson war, habe ich mich gemeinsam mit guten Freunden, um alles gekümmert. Ich war in Kontakt mit seiner Mutter in UK, wir haben seine Wohnung aufgelöst, seine Sachen aussortiert, uns um die nötigen Dokumente bei den Behörden gekümmert – ich fühlte mich wie bei Asterix und Obelix. Ich erinnere mich noch gut, dass ich beim Chef der “Birth and Death Registration” im Büro saß und John registrieren musste (er hatte sich nie in Sierra Leone offiziell angemeldet), wofür ich von seiner Mutter eine Vollmacht anfragen musste, nur um ihn dann für tot erklären lassen zu können, damit wir das Death Certificate erhalten würden, welches wir natürlich für die Repatriation benötigten. Und während ich da in diesem Büro saß, erhielt ich die Fotos der Beerdiungsfeier meiner Oma aufs Handy und ließ die Tränen laufen. Eine absolut absurde Situation. Nun sitze ich Monate später im ICE und die Tränen fließen wieder. Ich versuche auch diese verrückte Zeit abschließen. Am Ende mussten wir John einäschern lassen, da ein Rücktransport der Leiche zu teuer gewesen wäre. Die einzige Einäscherungsmöglichkeit in Sierra Leone ist mit der indischen Gemeinde. So hatten wir ein hinduistisches Verbrennungsritual, was ihm bestimmt gefallen hätte. Ich schreibe das nun als Teil meiner Verarbeitung. Weil ich gerne das Belastende aus der Zeit in Sierra Leone und danach gerne zurücklassen möchte. Ich möchte aber die schönen Erinnerungen mitnehmen. Es ist schade und manchmal immer noch traurig, wenn ich bei Insta etwas Witziges sehe und es nicht mit John teilen kann oder dass wir weder über Trumps zweite Amtszeit, noch über den Gazakrieg oder den Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha sprechen können. Ich finde es auch schade, dass er Nelio nicht kennenlernen konnte, aber er wäre ein toller Onkel für ihn gewesen. John war in Sierra Leone mein bester Freund, fast von Anfang an. Ich habe ihn schon im August 2021 kennengelernt. Wir waren so eng, dass wenn nur einer von uns zu einer Feier eingeladen war, der andere immer mitgemeint war. Ich bin dankbar für diese Freundschaft und dass ich am Ende bei ihm war und wir die Dinge hoffentlich in seinem Sinne geregelt haben. Und jetzt lasse ich alles Schwierige hier und nehme die Neugierde auf die Welt mit.
Nun wurde es doch emotionaler als erwartet. Aber anscheinend musste es raus. Auf meinem “Gemälde” über meine Zeit in Salone und danach, ist natürlich auch der Tod von John abgebildet, aber auch dass ich mich in dieser Zeit ganz wunderbar getragen und gestützt gefühlt habe von guten Freunden. Ich nehme dieses Gefühl sehr gerne mit, das Gefühl und das Wissen, dass ich in schwierigen Zeiten nicht alleine bin und aber auch, dass ich schwierige Zeiten gut überstehen kann und mir selbst gut helfen kann. Selbstwirksamkeitsüberzeugung nennt man das in der Psychologie wie ich jetzt gelernt habe. Das Wort habe ich mir extra notiert.
So gehe ich ganz klar gestärkt und mit mehr Selbstwirsamkeitsüberzeugung aus dieser aufregenden, spannenden, oft sehr frustrierenden und emotionalen Zeit heraus, die zugleich auch so viele zauberhafte Momente hatte.
Mit Mut und Zuversicht in die Zukunft
Das letzte Bild auf meinem Reflexionsgemälde ist wieder ein “Selfie”, eines, das es aber nicht als Foto gibt. Diesmal sind meine Augen nicht ganz so weit aufgerissen vor Vorfreude und Neugierde, sie sind eher entspannt, sie blicken in die Zukunft, mit Nelio in meinem einen Arm und meinem Laptop im anderen. Ich bin bereit für das neue Jahr und was es bringt, einen neuen Job, viele neue zukünftige Erinnerungen. Ich hoffe auf Gelassenheit und weiß jemanden an meiner Seite, der mir Ruhepol ist.
Meinen Leitspruch für meine Zeit in Sierra Leone “May your choices reflect your hopes and not your fears” soll mich auch weiter begleiten, so dass ich voller Zuversicht und Mut ins neue Jahr starten kann. Und das Gleiche wünsche ich auch euch. Nun wünsche ich uns allen aber zuerst einmal eine ruhige “Zwischenzeit”, in der wir das Alte abschließen können, Unbeendetes ruhen lassen und offen werden für Neues.
In diesem Sinne: schöne Weihnachtstage und einen guten Übergang ins neue Jahr euch allen!













































































































































































































































































































































































































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