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Mount Sankanbiriwa – der Unbezwingbare?

Am Wochenende habe ich mich gemeinsam mit ein paar friends der Herausforderung Sankanbiriwa gestellt. Der Sankanbiriwa ist der zweithöchste Berg Sierra Leones. Wie hoch er genau ist, darüber gibt es unterschiedliche Informationen. Ich nehme hier natürlich die höchste Schätzung, weil sie sich am besten anhört. Laut Britanica ist der Sankanbiriwa 1.853m über Meeresspiegel (wikipedia spricht von 1.850m, eine andere website nur von 1.120m). Der höchste Berg, der Bintumani, ist mit 1.948m nicht einmal 100m höher. Nicht nur die Höhe, auch der Name ist überall unterschiedlich geschrieben, aber unabhängig davon, ist der Berg ja immer der gleiche 😉

How to plan a hiking trip in Salone

Hannah und Max haben den Bintumani schon bestiegen. Nun wollten sie noch den Sankanbiriwa machen und natürlich wollte ich mit. Schon seit letztem Jahr steht das auf unserer Liste. Aber die meisten Berge und Hügel kann man nur zwischen Dezember und April besteigen. Sobald es regnet, ist es zu gefährlich, da man oft über glatte Felsen laufen muss und die werden zur Rutschpartie sobald sie nass sind. Es war also klar, der Sankanbiriwa soll noch vor Ostern unser Ziel sein.

Die erste Herausforderung ist meist nicht der Berg selbst, sondern die Planung vorneweg. Und vor der Planung muss man natürlich erst einmal davon erfahren, dass es diesen Berg überhaupt gibt und dass man ihn besteigen kann. Es gibt keine Wanderkarte für Sierra Leone. Meist funktioniert es so, dass man entweder, wenn man einen Berg sieht und hinauf möchte, bei googlemaps schaut, welches Dorf vielleicht am besten liegen könnte, um von dort aus den Berg zu besteigen. Dann fährt man in dieses Dorf. Normalerweise kommen von selbst Leute neugierig angelaufen und fragen, was man möchte. Es werden dann Bänke und andere Sitzgelegenheiten gebracht, man spricht mit dem Chief und den Dorfbewohnern, entrichtet etwas Kola (früher hat man Kolanüsse gebracht, heute ist es etwas Geld) und dann werden 1-3 junge Männer beauftragt, die Gäste auf den Berg zu führen. Manchmal kennen sie den Weg, manchmal nicht. Ihr erinnert euch vielleicht an unseren Trip auf den Camel Mountain. So läuft die Vorbereitung, wenn es sich um einen Tagesausflug handelt. Hat man eine mehrtätige Tour vor, ist es etwas aufwendiger.

Der Bintumani ist der bekannteste Berg, da der höchste. Aber selbst für die Besteigung des Bintumani ist es nicht easy, alles zu organisieren. Sierra Leonische Menschen wandern normalerweise nicht. Deshalb fragt man normalerweise in Expatkreisen, ob schon mal jemand dort war oder jemand jemanden kennt, der oder die weiß, von wo man startet, wie lange es dauert, was man bedenken sollte, in welcher Jahreszeit es machbar ist und so weiter. Für den Sankanbiriwa ist es noch schwieriger. Dass man ihn überhaupt besteigen kann, wussten wir von einem Schweizer Pärchen, das für drei Jahre hier war. Wir wussten also von welchem Dorf aus wir am besten starten sollten (Kenewa) und dass wir zwei Nächte im Zelt auf dem Berg verbringen werden. Die online-Recherche hat uns nicht viel schlauer gemacht. Es gibt nur zwei oder drei Berichte, allerdings hat es keine Gruppe in den online-Berichten auf den Berg geschafft. Eine hat abgebrochen, weil das Dorf zu viel Kola / Geld haben wollte und die zweite Gruppe konnte wegen Regen nicht bis zum Gipfel. Aber da wir wussten auch, es ist die schönere Wanderung mit den schöneren Ausblicken im Vergleich zum Bintumani, hat uns das nicht abgehalten.

Step 1 – die Planung

Ich muss zugeben, ich habe zur Planung ungefähr zero Prozent beigetragen. Ein großes Lob und Dankeschön deshalb an Hannah und auch an Max. Hannah hat versucht aus der Schweiz nochmal genauere Infos zu bekommen und beide haben auch online geschaut, wie andere versucht haben, den Sankanbiriwa zu besteigen. Ich habe drei Leute gefragt, ob sie schon dort waren oder jemanden kennen, aber ohne brauchbares feedback.

Es war klar, dass wir ein langes Wochenende brauchen würden, da der Sankanbiriwa in den Tingi Hills und damit ganz im Osten des Landes liegt. Wir hatten einen Tag Anreise geplant bis nach Koidu (die größte Stadt in der Gegend), Tag 2 Weiterreise zum letzten Dorf und Aufstieg Part 1, Tag 3 Gipfel und teilweise Abstieg, Tag 4 restlicher Abstieg und Rückfahrt. Fast so hat es dann auch geklappt.

Da es in den Tingi Hills keine Infrastruktur und keine Dörfer gibt, war klar, wir müssen Essen und Zelte mitnehmen und eigentlich auch Wasser. Laut Internetrecherche soll es Wasser geben, aber man weiß nie, wie viel Wasser gerade in den Bächen fließt und ob man das wirklich trinken möchte. Mir war klar, dass ich es nicht schaffen würde, Wasser für drei Tage auf den Berg zu schleppen. Hannah hatte deshalb Wassertabletten dabei, mit denen wir das Wasser reinigen würden. Beim letzten Treffen hatten wir den Speiseplan besprochen bzw. Hannahs Vorschlag abgesegnet. Es würde einen Tag Nudeln mit Tomatensoße geben und einen Tag Reis mit Linsen. Sonst galt es noch ein bisschen energy food wie Nüsse, Aufstriche, etwas Gemüse wie Karotten und Gurken zu besorgen, damit wir auch etwas Frisches haben würden. Am Vortag der Reise habe ich noch schickes Plastikgeschirr und bunten Farben besort, natürlich brauchten wir ja auch Teller, Tassen, Löffel, Messer und Topf auf dem Berg…

Tag 1 – Anreise nach Koidu

Unser Plan war ja, die erste Nacht noch in Koidu zu verbringen. Koidu ist die größte Stadt im Kono Distrikt. In dieser Gegend spielt übrigens auch der Film „Blood Diamond“. Hans-Jochen, ebenfalls über Brot für die Welt in Sierra Leone, wohnt in Koidu und war so nett uns unbekannterweise für die erste Nacht zu beherbergen. Das ist auch nicht ganz selbstverständlich. Immerhin kannte er niemanden von uns, mich nur aus der whatsapp-Gruppe und wir kamen zu sechst 😉 Hannah und Max mit zwei Freundinnen aus Österreich, die gerade zu Besuch sind, und Joseph und ich.

Bevor ich in Freetown los bin, habe ich noch Zwiebeln, Karotten und Gurken besorgt und war ernsthaft erschrocken, wie schwer das bisschen Gemüse ist. Mir schwante schon Schreckliches… Es gibt nichts Schlimmeres für meine armen Füßchen, als zu schwere Last. Das hatte ich schmerzhaft bei meiner Alpenüberquerung gelernt.

Nach dem Gemüse habe ich erst Joseph eingesammelt und dann ging es weiter knapp vier Stunden bis nach Makeni, wo es bei Max noch einen schnellen Kaffee gab und dann ging es nochmal 2 Stunden und 16 Minuten weiter bis nach Koidu. Hannah, Anna und Laura kamen direkt von Bo über die abenteuerliche Dirtroad nur kurz nach uns bei Hans-Jochen aka Jacksin an. Koidu hat nicht ganz so viel zu bieten wie Freetown, aber einen tollen Clocktower und wirklich einen hervorragenden Gastgeber, der uns unkompliziert und ganz wunderbar aufgenommen hat. Erste Eindrücke von der Anreise:

Tag 2 – Dorfpalaver und Aufstieg Part 1

Am Samstag wurde es dann ernst. Nach einem ausgiebigen Frühstück hieß es, Rucksäcke packen, so dass alles nötig dabei ist und zugleich das Gewicht noch (er)tragbar ist. Das war die größte Herausforderung. Ich hatte meine Klamotten, einen Teil des Essens und fünf 1.5l Flaschen Wasser im Rucksack. Es waren auf jeden Fall mehr Kilos als bei meiner Alpenüberquerung vor ein paar Jahren. Mit leichter Verspätung sind wir mit Hannahs Landcruiser los Richtung Tingi Hills. Unterwegs haben wir noch Wasservorrat aufgestockt und Brot und Nescafe gekauft. Alles nicht so einfach in Koidu. Die ersten Meter waren noch geteerte Straße, dann ging es knapp zwei Stunden über eine rough road. Ohne Landcruiser ist die Strecke nicht wirklich machbar. Unterwegs begegneten wir nur Motorrädern und Menschen zu Fuß. Schon auf dem Weg war klar, in der Regenzeit ist der Sankanbiriwa nicht wirklich machbar, schon die Straße zum Dorf ist dann kaum befahrbar. Selbst für Landcruiser.

Es galt zwei Brücken zu überqueren, die aus morschen Holzbrettern bestanden. Die eine Brücke hatte auch ein großes Loch, so dass wir alle ausstiegen, bis auf Senior Driver Max und ihm genaue Instruktionen geben mussten, wie und wo die Räder die Brücke überqueren sollten, damit wir nicht feststecken würden. Der Weg ist Teil des Abenteuers 😉

Nach zwei Stunden waren wir alle gut durchgeschüttelt, Knochen neu sortiert und die Nacken gelockert. Die Menschen in den Dörfern, die wir unterwegs durchfuhren, waren alle sehr neugierig und interessiert, was dieses Auto voller fremder Leute hier wohl machen würde. Es war klar, hier kommt nicht so oft ein Auto vorbei. Wir hatten die Info, dass wir mit dem Auto nur bis Kenewa fahren können und dort mit dem Chief sprechen müssen und von dort auch guides mit auf den Weg bekommen. Wir wussten zwar, dass es noch ein Dorf gibt, dass näher am Berg ist, aber es hieß, es ist nicht mit dem Auto erreichbar. Also hielten wir in Kenewa am Dorfplatz neben dem großen Baum an und stiegen aus. Sofort kamen Kinder, Frauen und Männer, begrüßten uns und fragten, was unser Vorhaben wäre. Wir erklärten, dass wir gerne mit dem Chief sprechen würden, um die traditions zu respektieren, weil wir auf den Sankanbiriwa möchten. Da fing schon das erste palaver an. Der Paramount Chief sei krank hieß es, deshalb sind alle chief bei einem meeting. Der Dorfchief, der section chief, alle beim meeting. Der Section chief wurde angerufen, es hieß, er würde so gegen 16h zurück sein, dann könnten wir mit ihm alles Nötige besprechen. Für uns wäre das aber zu spät. Wir mussten unbedingt am Samstag schon den ersten Teil des Aufstiegs hinter uns bringen, sonst würden wir es nicht bis zum Gipfel des Sankanbiriwa schaffen. Also langes Hin und Her. Schließlich haben sich ein paar Männer besprochen und entschieden, sie könnten uns auch ohne den chief begrüßen und direkt mit uns verhandeln. Als das geklärt war, wurden wir offiziell begrüßt. Uns wurden drei Kolanüsse in einem Plastikbecher überreicht. Wie wir im Nachhinein erst lernten, hätten wir zwei nehmen sollen und eine zurückgeben. Aber gut. Es sei uns verziehen. Während dieser ganzen Zeit saßen wir auf Holzbänken, die eilig gebracht worden waren im Kreis unter dem Baum mit mehreren Frauen, Kindern und Männern, die uns alle interessiert anschauten. Die Frauen brachten uns die Grußformeln in der lokalen Sprache bei und erfreuten sich, an unserer schlechten Aussprache, wenn wir wiederholten, was sie sagten.

Im Hintergrund haben ein paar Männer aus dem Dorf mit dem Section chief telefoniert und bekamen von ihm das okay, die Verhandlungen führen zu dürfen. Hannah und Joseph haben für uns die Gespräche übernommen. Joseph hat auch direkt mit dem Section Chief gesprochen. Irgendwann kam das Dorf mit einem Preis, der uns zu hoch erschien. Wir sollten 1.500 NLe für den Paramount Chief zahlen, 1.500 NLe für den Section Chief, 500NLe für das Dorf und da war dann unser guide noch nicht inbegriffen. Am Ende haben wir auf 3.000 NLe all inclusive heruntergehandelt. (Aktuell ist der Wechselkurs meist bei 24.5NLe zu 1 Euro. In den Dörfern gibt es aber kaum Geldwirtschaft. Es ist also eine riesige Summe.) Nach einer Stunde waren wir dann soweit und hatten die Erlaubnis weiterzugehen und den Berg zu besteigen. Uns wurde ein Guide mitgegeben, der angeblich den Weg kennen würde.

Gegen ein Uhr haben wir uns also endlich auf den Weg gemacht, nachdem wir uns alle schön mit Sonnencreme eingeschmiert hatten und unsere Käppis aufgesetzt haben. Nach nur wenigen Minuten waren wir durchgeschwitzt. Und das war erst der Anfang. Es ging erst noch in Begleitung einer Gruppe Kinder durch ein bewaldetes Stück, dann kam der erste Abschnitt, auf dem alles abgebrannt war, so dass wir schön in der Sonne durch verkohlte Natur gingen. Nicht das letzte Mal. Als wir die ersten Brücken erreichten, wurde uns klar, weshalb es keine gute Idee gewesen wäre, das Auto mitzunehmen. Die Brücken waren in noch viel schlechteren Zustand als die, die wir schon überquert hatten. Vorbei an Reisfeldern ging es immer weiter, die ersten Berge zu unserer Linken und Rechten. Auf einmal war noch ein zweiter guide dabei. Mit einem Gewehr, da es angeblich gefährliche Tiere wie Leoparden geben würde. Ich denke eher, sie wollten jagen gehen.

Nach knapp einer Stunde erreichten wir dann das letzte Dorf vor dem Berg. Wir wurden wieder willkommen geheißen, alle versammelten sich unter dem Baum und erklärten uns, der chief wäre bei einem meeting, wir müssten warten bis er zurück wäre, um mit ihm zu besprechen, ob wir weitergehen dürften. Puh. Dann fing das zweite palaver an. Immerhin hatten wir schon eine Stunde Gespräche und Warten hinter uns. Es war mittlerweile zwei Uhr nachmittags und wir hatten noch eine Strecke zurückzulegen. Wir versuchten zu erklären, dass wir schon bezahlt hatten und das okay vom Section Chief hatten. Es war ganz klar, dass die beiden Dörfer im Konflikt liegen. Irgendwas mit einem Wasserprojekt und der Krankenstation. Wir versuchten klar zu machen, dass wir nichts falsch gemacht hätten, alle Traditionen respektieren würden, aber es schwierig wäre. Wenn sie gerne tourists empfangen möchten und Geld verdienen möchten, dann wäre es gut, wenn es den tourists auch ermöglicht werden würde, den Berg zu besteigen. Nach langem Hin und Her, wurde der section chief telefonisch erreicht. Er war erst nicht mehr erreichbar gewesen. Joseph sprach nochmals mit ihm. Erst hieß es dann, wir müssten nun 5.000NLe zahlen. Wir sollten zurück in das andere Dorf, dort das Geld wieder einsammeln, dann zurückkommen und hier bezahlen… Not so easy.

Irgendwann meinten wir dann, es gibt nur zwei Optionen. Entweder wir kehren um und fahren nach Hause oder sie lassen uns nun gehen. Auf einmal war der Section Chief dann doch am Telefon und gab uns nochmals die Erlaubnis zu gehen. Um drei Uhr konnten wir uns dann endlich wieder auf den Weg machen und begannen endlich mit dem Aufstieg.

Der Aufstieg war zwar super anstrengend – unsere Rucksäcke waren einfach sehr schwer – aber landschaftlich wirklich atemberaubend schön. Wir gingen durch Wälder, über schmale Pfade mit Bergpanorama zu unserer Rechten, über eine Baumstammbrücke, durch vertrocknete und abgebrannte Felder, die leider voller menschenhoher Pflanzen waren, die ihre Pollen (ähnlich Pusteblumen) auf unsere verschwitzen Körper klebten, es ging über Stock und über Stein, so dass unsere Beine schon bald zerkratzt waren. Aber immer wieder gab es traumhafte Blicke auf die Berg.

Ich fühlte mich etwas wie in diesem Kinderspiel „Wir gehen auf Löwenjagd“, da es ständig neue Herausforderungen zu meistern gab.

Eine konstante Herausforderung blieb auch die Kommunikation mit den guides. Selbst für Joseph war es nicht easy Informationen aus ihnen herauszubekommen. Auf die Frage, wie weit wir noch gehen müssten, bis wir unsere camp site für die erste Nacht erreichen würden, hieß es nur „We stop when you are tired.“ Wir versuchten herauszufinden, wie weit wir heute gehen müssten, wenn wir am Folgetag den Gipfel erreichen wollten und dann am Montag aber wieder am späten Vormittag beim Auto sein wollen. Keine Chance. Auch die Frage nach Wasser konnten wir nicht wirklich klären. Wir hatten zwar einige Liter dabei, aber es war klar, dass wir unterwegs Wasser auffüllen müssten. Also einfach weiter bergauf, bergauf, bergab, bergauf.

Gegen halb sechs entschieden wir, dass es langsam Zeit wäre, einen Platz zu suchen, wo wir unsere Zelte aufschlagen könnten. Wir brauchten noch genug Zeit im Sonnenlicht, für die Zelte, Feuerholz suchen, Kochen und Wassersuche. Zwischen großen Felsen fanden wir genug Platz für unsere drei kleinen Zelte, mit traumhaftem Blick. Die beiden Guides zogen los mit den leeren Flaschen, um Wasser zu besorgen. Wir begannen, die Zelte für die Nacht vorzubereiten, Holz zu sammeln und zu kochen. Da die Guides ewig nicht kamen, wussten wir nicht, ob wir neues Wasser bekommen würden und kochten Nudeln mit minimalem Wassereinsatz. Hut ab Hannah, die die Nudeln 1a gekocht hat. Es gab Pasta mit Tomatensoße und vorneweg noch etwas Oliven, Gurken und Karotten. Obwohl unsere Beine zerschunden, unsere Körper verschwitzt und unsere Beine vor allem kohlrabenschwarz waren, da wir viel über trockene verkohlte Erde gelaufen waren, gab es keine Dusche, da kein Wasser…

Als wir schon mit Essen fertig waren, sahen wir das Licht der guides den Hang herunterkommen. Sie hatten tatsächlich Wasser gefunden. Gut, nicht kristallklar und mit Waldgeschmack, aber Wasser. Mit Hannahs Tabletten würde das Wasser sich hoffentlich innerhalb von zwei Stunden in Trinkwasser verwandeln. Zum Glück war nicht Neumond, so dass vom Nachthimmel genug Licht kam, um sich ein bisschen zu orientieren. Müde, aber glücklich schlüpften wir in unsere Zelte und lauschten den Geräuschen der Nacht.

Tag 3 – Aufstieg Teil 2: We define our own peak!

Der Morgen wurde von den Vögeln eingeläutet. Das Feuer wurde nochmal angefacht, so dass wir nicht ohne Kaffee losgehen mussten. Wir haben noch diskutiert, ob wir unser camp auch für die zweite Nacht an derselben Stelle behalten sollten. Das hätte bedeutet, dass wir direkt mit leichtem Gepäck hätten loslaufen können. Hannah hatte aber online gelesen, dass es auch eine Zeltmöglichkeit direkt mit Wasserzugang geben würde und mehr ebenen Flächen für die Zelte. Also entschieden wir, nur die Sachen, die wir in den nächsten 24 Stunden nicht benötigen würden, hierzulassen (Müll, die restliche Pasta und unser Überzelt. Wir hofften auf eine weitere regenfreie Nacht.). Mit dezent leichteren Rucksäcken – vor allem, da die meisten Wasserflaschen leer waren – ging es zum ersten Aufstieg des Tages. Und der hatte es in sich. Es ging eine halbe Stunde lang steile Felsen hoch. Gut, der Ausblick war mal wieder traumhaft und die Landschaft, durch die wir uns nach oben arbeiteten, wirklich schön, mit Felsbrocken, die „herumlagen“, aber auf jeden Fall eine Cardioeinheit am Morgen, die die Waden aufwärmte.

Wir hatten entschieden, wir würden eine Stunde mit Gepäck laufen. Wenn wir innerhalb einer Stunde keinen Zeltplatz finden würden, würden wir das Gepäck zurücklassen und mit leichtem Gepäck weiter Richtung Gipfel. Wir hätten dann am Rückweg alles wieder eingesammelt und wären zurück zu unserer alten Camp site. Aber zum Glück haben wir einen super Platz gefunden. Dort, wo die guides am Vorabend das Wasser geholt hatten. Wir machten kurz Pause, besprachen uns nochmals kurz und versuchten herauszufinden, wie weit es noch bis zum Gipfel des Sankanbiriwa ist. Leider wieder einmal ohne Erfolg. Erst hieß es drei Stunden – hin und zurück. Als ich meinte, das hört sich etwas unrealistisch an, meinten sie, es sind fünf Stunden… Wir nahmen also lieber mal ausreichend Wasser mit für eine unbestimmte Zeit. Mit den leichteren Rucksäcken war das Wandern beinahe schon ein Leichtes 😊

Es ging noch einmal eine kurze Strecke bergauf und dann endlich eröffnete sich der Blick auf unser Ziel, den Sankanbiriwa. Er erhob sich majestätisch in der Ferne, so dass ich schon kurz zweifelte, ob wir ihn überhaupt noch erreichen würden. Es ging ein bisschen bergab über sanfte Hügel in ein Tal, es ging wieder unter Lianen, vorbei an Dornen, über Gehölz, mit einem Sprung über einen Bach und einen Kohlestaubhügel hinauf.

Und dann waren wir direkt am Fuße unseres Zieles. Unsere guides konnten auf einmal nicht mehr weiter. Sie könnten nicht auf den Berg, weil ihnen schwindelig werden würde, oder irgendwas mit dem Berg oder was auch immer. Wieder einmal verstanden wir nicht genau, was eigentlich los war. Es war nur klar, die letzte Etappe hatten wir keine guides mehr. Nach einem weiteren sehr steilen Abschnitt machten wir Pause. Über uns lag ein steiler Hang, den es anscheinend zu überwinden galt. Danach sah es nicht mehr so schwer aus. Es sah so aus, als müsste man nach dem letzten steilen Stück nur noch auf dem Kamm entlang zum Gipfel. Da wir teilweise schon sehr müde Beine hatten und nicht einschätzen konnten, was auf uns wartete, entschieden wir, uns aufzuteilen. Ein Teil der Gruppe entschied sich, nicht weiterzugehen. Der Aufstieg war nicht unser Bedenken. Wir machten uns eher Sorgen, wie wir den Abstieg über den steilen Felsen meistern würden.

Jede Person definiert ihren eigenen Gipfel, war unsere Devise.
Ich finde, dieser Satz ist auch ein schöner Lebensbegleiter.

Hannah und Max entschieden weiterzugehen. Wir anderen vier wollten etwas weiter hinunterklettern und dort im Schatten auf sie warten, als auf einmal eine Gruppe Paviane unseren Weg kreuzte. Ich habe ja immer sehr großen Respekt vor Affen und ihren Hauern. Zum Glücken war der Gipfel ihr Ziel. Innerhalb von Sekunden waren sie oben auf dem höchsten Punkt des Berges. Offensichtlich haben wir während der Evolution dann doch ein paar skills verloren.

Anna, Laura, Joseph und ich entspannten im Schatten der Felsen und genossen unser Lunch während wir die Paviane oben am Berg beobachteten, den Vögeln beim Zwitschern lauschten und immer wieder nach Hannah und Max Ausschau hielten. Doch anstatt am Gipfel, entdeckten wir sie beim Abstieg. Sie hatten es auch nicht ganz hoch geschafft. Für den Aufstieg hatten sie die schwierige steile Stelle genutzt, nur um dann beim Abstieg festzustellen, dass es einen einfachen Zugang zum Kamm gab. Hätten unsere guides uns mal genauere Angaben gemacht, darüber, wie lange wir brauchen würden und hätten sie uns den einfachen Weg gezeigt, hätte ich euch ein Gipfelfoto präsentieren können. Aber so, waren wir eben nur fast am Gipfel des Sankanbiriwa. Unseren persönlichen Gipfel haben wir aber erreicht.

Um noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück bei unserem Lagerplatz zu sein, machten wir uns direkt auf den Rückweg. Den Sankanbiriwa im Rücken. Die bergige Landschaft lädt wirklich dazu ein, hier eine Wanderwoche zu verbringen. Wäre nur die Wasserversorgung etwas besser und einfacher…

Unser Platz für die zweite Nacht war hervorragend gewählt. Die Felsen, auf denen wir die Zelte aufschlugen, strahlten noch die Hitze vom Tag ab, es gab eine super Feuerstelle und das beste: eine Luxus-Waschstelle, abgeschirmt mit Elefantengras. Stellt euch einfach ein antikes Bild mit dem Titel „Die Badenden“ vor. Genau so sah es aus, als wir vier Frauen uns gemeinsam an der Badestelle den Kohlestaub und den Schweiß vom Körper wuschen. (Auf dem einen Foto seht ihr nur die Fußwaschpfütze, nicht die Waschstelle!!!) Nachdem die Schnapsbar geleert war und die Füße und die Körper gereinigt, gab es leckeren Reis mit Kokosdaal und Sangaria aus dem Tetrapack. Das waldige Wasser wurde mit Ahoi-Brause etwas schmackhafter gemacht und dann legten wir uns alle auf die hotstone Fläche und genossen den Blick in den Nachthimmel.

Tag 4 – Abstieg mit müden Beinen: bye-bye Tingi Hills, hopefully see you soon Kono

Da eine weite Reise auf uns wartete, besonders auf mich und Joseph, die bis zurück nach Freetown mussten, wollten wir mit der Sonne aufstehen, und früh unseren Abstieg starten. Max stand noch in der letzten Dunkelheit der Nacht auf, um den Kaffeetopf sauber zu kratzen und unser Frühstück zu bereiten. Es war genug Zeit für Porridge à la Max, Käffchen und eine schnelle Dusche. Die Rucksäcke wurden ein letztes Mal gepackt. Dieses Mal mit minimalem Wasserload. Ein schönes Gefühl. Als erste Etappe des Tages wartete der steile Abschnitt auf uns, den wir am Vortag als Cardioeinheit hoch sind. Jetzt ging es vorsichtig im Schneckentempo hinunter. Wir wussten schon, was noch auf uns warten würde, da wir den gleichen Weg zurückgingen. Wie bei der Löwenjagd, galt es wieder die gleichen Herausforderungen zu meistern, unter uns mittlerweile bekannte umgestürzte Bäume, über verkohlte Felder und durch pollenreiches Gesträuch. Über Lianen und durch Regenwald, durch den Bananenwald und schließlich über den Fluss mit dem wunderbar klaren und kühlen Wasser. Fast geschafft.

Meine Füße und Beine schmerzten wie lange nicht mehr, als wir – dieses Mal das Bergpanorama zu unserer Linken – endlich das letzte Dorf erreichten. Vorab hatten wir schon besprochen, dass wir uns nicht aufhalten würden, sondern zügig durchgehen würden. Unser guide hatte sich vor dem Dorf in die Büsche geschlagen, um die Konfrontation mit dem Dorf und dem Section Chief zu umgehen und traf erst wieder auf der anderen Seite des Dorfes auf uns. Wir wurden begrüßt und eingeladen, uns auszuruhen, aber wir lehnten dankend ab. Wir wollten zum Auto, wo (durchsichtiges, farbloses) Wasser auf uns wartete und wir endlich sitzen konnten. Die Vorfreude auf das Gefühl, wenn ich endlich die Wanderschuhe ausziehen könnte, beflügelte mich nochmal kurz. Glücklich, müde, dreckig und verschwitzt kamen wir beim Auto an.

Nun nur noch zwei Stunden zurück über rough road – das hatte nichts mehr mit dirt road zu tun 😉 Bei Hans-Jochen in Koidu durften wir noch einmal kurz unter die Dusche springen, bevor wir uns wieder auf die zwei Autos aufteilten und uns nach einem kleinen Essensstop auf den Weg zurück nach Bo, Makeni und Freetown machten. Nach weiteren sechs Stunden Fahrt war dann auch ich um neun Uhr abends als letzte fast zuhause und habe mich noch mit einer Pizza takeaway und einem Mützig belohnt.

Kono ist landschaftlich wirklich wunderschön. Die Reise hat sich trotz aller Strapazen gelohnt. Der Weg zwischen Makeni und Koidu führt kurvenreich durch bewaldete grüne Hügel und kleine Ortschaften. Man merkt, dass man ganz weit weg von der Hauptstadt ist. Aber auch wenn die Blasen an den Füßen noch schmerzen, würde ich einen Trip nach Kono und in die Tingi Hills auf jeden Fall empfehlen 😊

Ein großes Dank an die Reisegruppe. Es waren anspruchsvolle aber tolle Tage! Jeder Zeit wieder mit euch.

Einige der Fotos sind von Anna, Hannah, Laura und Max.

Birds, Birds, Birds and Wetlands

Ich sitze im Büro und genieße die Stille. Kein Generator, keine Musik, kein Gottesdienst. Himmlische Ruhe. Der eine Kollege im Urlaub, die Kollegin auf wichtiger Mission außer Haus, alle anderen in wichtigen Besprechungen, so dass ich tatsächlich Zeit finde, etwas von meiner Arbeit der letzten Wochen zu berichten.

Das Jahr hat gut angefangen mit einer schönen Mischung aus arbeiten im Büro und unterwegs sein. Generell ist es gerade entspannt in der Arbeit. Es ist zwar viel zu tun, aber ich fühle mich gut eingebunden und mache Sachen, die Spaß machen.

School engagements zu threatened species

Im Januar haben wir, meine Kollegin Mariama, mein Kollege Abdul und ich, unsere School Nature Clubs besucht. Insgesamt sind es 15 an der Zahl, die auf der ganzen Peninsula verteilt sind. Da wir nicht einfach zu den Schulen fahren können, um dort einen Vortrag zu halten, sind wir erst alle Schulen abgefahren, um unseren Kalender 2024 zu verteilen, und zugleich zu fragen, ob wir in der Folgewoche kommen können für engagements mit den Schülerinnen und Schülern. Es ist etwas aufwendig, weil diese Terminfindung immer im direkten Kontakt und nicht per Telefon, Email oder messenger stattfindet. Aber immerhin: ein paar Tage nicht im Büro 😊

Für unser Spring Alive Programm habe ich dieses Jahr ein Plakat mit gefährdeten Vogelarten Sierra Leones gestaltet. Wir haben in den Schulen das Poster vorgestellt, die Schülerinnen und Schüler gefragt, welche Vögel sie kennen und sie aufgeklärt, warum es wichtig ist, alle Arten zu schützen.

Wir hatten wie immer spannende und sehr gute Fragen von den Schülerinnen und Schülern. Alle sind auch immer sehr interessiert, wenn ich von Deutschland erzähle und ihnen erkläre, dass viele Vögel und andere Tiere, die es hier gibt, sonst nirgends zu finden sind. Das macht sie sehr wertvoll.

Teilweise gibt es Bildbeschriftungen per mouse-over.

Hier ist das Poster für euch. Einige der Vögel habe ich schon gesehen:

Gola Malimbe, Timneh Parrot, Hooded Vulture, Woolly-necked Storck, Skimmer, White-necked Picathartes.

Ich habe zwar schon ein paar Hornbills gesehen, aber keinen von den beiden auf dem Poster und leider, leider haben wir auch wieder keine Flamingos gesehen beim Waterbird count.

Auf unserer website findet ihr noch ein kleines Quiz. Wenn man auf die Vogelbilder klickt, dann drehen sie sich um und zeigen den IUCN Redlist status.  https://cs-sl.org/threatened-bird-species/

IUCN Redlist – ein kleiner Exkurs

Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon einmal über die IUCN Redlist geschrieben habe? IUCN steht für International Union for Conservation of Nature. IUCN vereint Regierungen und zivilgesellschaftliche Organisationen und Institutionen. Ein großes Mitglied ist Birdlife International und CSSL ist wiederum Teil von Birdlife. Die IUCN redlist führt Pflanzen, Pilze und Tiere weltweit und ihren Bedrohungsgrad.

Es gibt neun Kategorien: Not Evaluated, Data Deficient, Least Concern, Near Threatened, Vulnerable, Endangered, Critically Endangered, Extinct in the Wild und Extinct.

Auf der website könnt ihr auch schauen, welche Tiere in Deutschland vom Aussterben bedroht sind: https://www.iucnredlist.org/

Die Daten aus unseren Birdcounts zum Beispiel fließen in die IUCN Datenbank und die Bewertung des Bedrohungsstatus von Vögeln in Sierra Leone.

I am not a pet!

Letztes Jahr im Oktober zur Wildlife Week hatten wir schon Poster und Sticker vorbereitet für die School Nature Clubs zum Thema Wildlife. Wir haben eine Konferenz veranstaltet mit Vertreterinnen und Vertretern der Regierung, CSOs und communities zum Wildlife Act. Der Wildlife Act ist von 1972 und muss dringend überholt werden. Außerdem gibt es viel Unwissen zum Wildlife Act. Offiziell ist es verboten, bestimmte Tiere wie Schimpansen, Affen, Schuppentiere, Schildkröten, Papageien und weitere zu fangen, in Gefangenschaft zu halten, zu jagen, zu töten und zu essen. Aber es gibt überall Monkey soup und bushmeat.

Wir haben deshalb für die School Nature Clubs noch eine Einheit zum Thema I am not a pet organisiert mit Informationen, weshalb wilde Tiere in die Natur gehören und nicht in unsere Häuser. Ein wichtiger Punkt ist hier natürlich auch, dass Krankheiten wie Ebola und Covid von Tieren auf Menschen übertragen wurden. Immer wieder sehe ich Leute, die Affen zum Kauf anbieten, oder höre von Leuten, die Affen als Haustiere an der Leine halten, manchmal auch im Käfig eingesperrt, wie erst hier selbst fotografiert letzte Woche in Shenge. Ich habe es direkt der NPAA (National Protected Area Authority) gemeldet, aber ob die etwas machen, wenn der Affe einer einflussreichen Person gehört? Keine Ahnung.

World Wetlands Day

Am 2. Februar war World Wetlands Day. Einer unserer School Nature Clubs hat zu diesem Anlass den nahegelegenen Swamp besucht. Mariama und ich sind mitgegangen. Von der Schule aus erst einmal 20 Minuten ungefähr durch die Wohngegend, um dann eine kleine Einheit zur Bedeutung von Feuchtgebieten zu halten. Ich habe das alles ganz schön auf unserer website aufbereitet. Deshalb schreibe ich hier jetzt nicht nochmal alles. Ihr könnt einfach hier vorbeischauen und euch einlesen, in die Bedeutung von Wetlands for human well-being: https://cs-sl.org/world-wetlands-day-2024/

Noch eine kleine Anekdote: Meiner Kollegin ist der Schuh unterwegs kaputt gegangen. Aber kein Problem. Einer der Schüler arbeitet nach der Schule als Schuster. Er hat sofort Nadel und Faden ausgepackt und ihren Schuh eben mal schnell repariert.

Waterbird Census 2024

Und dann ging es letzte Woche endlich wieder Vögelzählen. Nachdem meine Kollegen im November ohne mich 10 Tage ein Rapid Biodiversity Assessment gemacht haben, hatten sie wohl ein schlechtes Gewissen. Eigentlich wollte ich da schon für 5 Tage mit, aber dann war natürlich wieder Kommunikation und zu wenig Benzingeld geplant… Also konnte ich nicht mehr dazustoßen. Dafür ging es dann letzte Woche wieder drei Tage auf´s Boot. Ich wäre gerne noch einen Tag länger geblieben, aber naja. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Auch so war es super mal wieder drei Tage durch die Mangroven und vorbei an Stränden zu shippern, raus der Großstadt und rauf auf den mudflat.

Es war etwas stressig teilweise, weil ich alleine notiert habe und zwei Leute mir die Vogelnamen und Zahlen zugeworfen haben, aber ich bin ja quasi schon Profi. Tagsüber auf dem Boot, und dann abends noch Listen übertragen, Zahlen zusammenzählen und früh ins Bett. Ich habe die finalen Zahlen noch nicht, weil ich am ersten Tag nicht dabei war, aber in den drei Tagen, an denen ich dabei war, haben wir knapp 25.000 Vögel gezählt. Ärgerlicherweise habe ich natürlich die Kamera an Bord gelassen, als wir zwei Stunden lang am mudflat gezählt haben. Dabei waren wir da so mega nah an den Vögeln dran und haben sogar einen Black Heron gesehen. Das wären super Fotos gewesen. Ich kann nur hoffen, dass ich daraus lerne… Ich dachte erst, wir gehen nur kurz raus, zählen, steigen ein und fahren weiter. Das machen wir manchmal. Aber dann sind wir nicht mehr zurück zum Boot. Es ist auch ziemlich anstrengend. Es ist heiß, wir stehen da in der knallen Sonne auf dunklem Schlamm. Dann sinkt man, wenn man Glück hat, bis zum Knöchel ein, wenn man Pech hat, auch mal bis zum Knie. Könnt euch vorstellen, dass ich am nächsten Tag meine Beine gespürt habe nach über zwei Stunden Matsch-Staken. Ich ziehe immer meine Sneaker an, weil im Schlamm sind Muscheln, Austern, und andere Spitze Tiere, die einem echt die Fußsohlen aufreisen können. Das macht es aber nicht leichter beim Laufen.

Ein Favorit dieses Jahr: mal wieder die Great White Pelicans. Eine Gruppe ist direkt an uns vorbeigeflogen.

Dann gab es große Aufregung, weil wir dachten, wir hätten Flamingos gesehen, waren dann aber „leider“ Spoonbills. Spoonbills sind auch super. Die haben einen Schnabel, der wie ein Löffel geformt ist und gründeln damit im Schlamm. Der Black Heron wäre ein Megafoto gewesen. Damit ihr versteht, weshalb ich den so toll finde, habe ich euch Fotos aus wikipedia kopiert. Er öffnet seine Flügel wie einen Schirm, der Schatten spendet, zum Fischen. Die Fische sehen so nicht, wenn der Schnabel kommt. Sehr smart! Ich habe meinen ersten Purple Heron gesehen und mich sonst über viele Bekannte vom letzten Jahr gefreut.

Anmerkung: Die Namen erscheinen mit mouse-over. Ich kenne leider nur die englischen Namen. Heron und Egret bedeutet Reiher. Den Rest müsstet ihr euch selbst erschließen 😉

Dieses Mal gab es keinen Bootzwischenfall und wir waren beide Nächte in Shenge im Guesthouse. Also alles ganz unspektakulär 😉 Haben aber super billig seafood bekommen. Eine Tüte Krabben für nur 10 Leones (24.5 Leones sind gerade ein Euro) und den ganzen Eimer Hummer für nur 60 Leones. Schnäppchen. Shenge mag ich wirklich gerne. Es ist super entspannt hier, gibt immer gutes Essen und ich kenne mich schon aus, so dass ich den Kiosk und die Bar alleine finde.

Und: Am Morgen in Shenge habe ich endlich meine allerersten Timneh Parrots in freier Wildbahn gesehen!

Aufmerksamen ist aufgefallen: zwei der gefährdeten Vogelarten kommen in diesem Beitrag vor: Ihr kennt nun auch schon den Timneh Parrot und den Woolly-necked Storck!

Und wie immer die Rubrik, was geht sonst so?

Sehr viel. Das kulturelle Angebot ist gerade verrückt. Ich war bei einem Pop-up Space, bei dem verschiedene Künstlerinnen und Künstler aufgetreten sind. Der Pop-Up Space wird von einem Freund von mir organisiert und hat dieses Mal in der Wohnung einer Freundin stattgefunden. Es gab Lieder, Gedichte, Kunstwerke. Eine bunte Mischung. Wirklich sehr cool. In der gleichen Woche fand der italienische Abend statt, bei einer Italienerin, die bei der EU arbeitet, und einen wahnsinns Balkon hat. Die ganze Nacht wurde zu italienischer Musik getanzt und gesungen. Ich singe nun fließend italienisch. Dann gab es mal wieder eine riesen beachparty, weil fünf Leute ihre Geburtstage zusammengelegt haben und somit der ganze Beach zur Partyzone wurde. Letzten Samstag hat besagter Freund noch einen Poetry Slam organisiert und danach ging es zur Rooftop Party mit Pool und in der Woche zuvor hat die irische Botschaft gemeinsam mit House of Salone einen feministischen Abend veranstaltet. In der Kletterhalle hatten wir am Dienstag die dritte Movie-Night und heute Abend geht es mal wieder zum italien Dinner. Geburtstag von Baby Karl war auch noch. Hannah und Max haben und hatten auch schon wieder Besuch aus Deutschland, der bei mir unterkam. Es wird also nicht langweilig.

Es ist also ganz gut, dass die Arbeit gerade nicht zu stressig ist. Trotzdem habe ich es geschafft, an ein paar Workshops und dem Launch des Waterfunds teilzunehmen. Und unser Newsletter für das letzte Quartal 2023 ist auch endlich verschickt. Wer will kann sich gerne in unsere Mailingliste eintragen. Einfach kurz Bescheid geben. Wir sind jetzt übrigens auch auf insta. Da bekommt ihr alle Vogelfotos schon vorab 😉

Für mich geht es morgen nach Kono. Dort war ich noch nie, deshalb freue ich mich mega und bin schon sehr gespannt. Gemeinsam mit Hannah, Max und deren Besuch wollen wir den Sankan Biriwan, den zweithöchsten Berg Sierra Leones, besteigen. Das bedeutet auch zwei Nächte im Zelt auf dem Berg. Ich bin gespannt!

Anmerkung: Mir wurde gesagt, ich soll nicht so viele Fotos posten. Das wäre zuviel. Ich habe versucht, mich nun zu beschränken, aber es ist nicht einfach. Heute deshalb, zuviele Fotos…. Deshalb hier gleich noch eins zum Abschluss. 🙂

Busy end of year: Besuche, Staatsstreich, Arbeitsalltag und Urlaub

Ach herrje, Anfang November war mein letzter Beitrag. Da weiß ich gar nicht, ob ich schmunzeln oder mich doch lieber leise schämen soll. Nun zu behaupten, dass einfach in den letzten zwei Monaten nichts passiert ist, wäre natürlich glatt gelogen. Ich versuche ein paar Ereignisse zu beleuchten, der Rest wird wohl im Dunkeln bleiben…

Wie ging´s weiter mit dem Mining am Lake Sonfon

Zunächst einmal gute Nachrichten als follow-up zum letzten Beitrag „Mining – schlecht für die Umwelt, schlecht für die Menschen, nur gut für den, der Profit macht.“. Tatsächlich hatte der Minister for Environment and Climate Change auf einen unserer Facebook-posts reagiert und nach mehr Infos gefragt. Wir hatten eine TV-Diskussion, an der auch Vertreter der National Protected Area Agency (NPAA) teilgenommen haben. Sie haben uns kontaktiert und gesagt, wenn wir ins Radio oder TV gehen, wollen sie mit. Sie benutzen uns manchmal gerne, weil wir sagen können, was sie nicht sagen können. Als Regierungsmitarbeitende können sie nur schlecht die Regierung kritisieren. Sie können uns aber Infos geben und wir sagen das dann öffentlich. NPAA und EPA (Environmental Protection Agency) haben dann tatsächlich Lake Sonfon einen Besuch abgestattet und alle illegalen Mining activities erst einmal gestoppt. Die Aktionen gehen weiter, auch im neuen Jahr. Es sieht so aus, als wären der neue Minister für Umweltschutz und der neue Direktor der NPAA wirklich daran interessiert, Ergebnisse zu erzielen. Das ist für uns natürlich sehr gut. Wir hoffen, es hält an.

Das Jahresende, dann auf einmal doch stressiger als gedacht

Alle sagen jedes Jahr, dass es gegen Ende des Jahres stressig wird. Eigentlich verstehe ich das immer nicht so, aber letztes Jahr hat es mich tatsächlich auch erwischt. Wir mussten noch einige Aktivitäten umsetzen im alten Jahr, ich habe noch einen Workshop selbst gegeben und dann war noch die jährliche Konferenz mit den Netzwerk-Partnerorganisationen aus Liberia und es war nochmal viel Besuch aus Deutschland da.

Der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus Liberia war ziemlich interessant. Liberia hatte auch Wahlen letztes Jahr, allerdings erst im September/Oktober. Sierra Leone und Liberia verstehen sich als Geschwisterstaaten, da sie schon oft ein ähnliches Schicksal geteilt haben. Aber die Wahlen letztes Jahr unterschieden sich dann doch. Während in Sierra Leone noch immer nicht alle Zahlen veröffentlicht sind und die unabhängige Wahlbeobachtung von Betrug ausgeht, hat der Präsident in Liberia seine Niederlage anerkannt und den Weg frei gemacht, für den Regierungswechsel. Wir sind alle sehr beeindruckt davon.

Besucherinnen über Besucher

Seit November waren meine Gästezimmer auch mal wieder voll ausgebucht. Hannahs Eltern kamen, eine Freundin von Hannah kam, dann war René zu Besuch – länger als er wollte, aber dazu unten mehr – Max Eltern kamen und dann nochmal Hendrik, ein neuer Freund aus dem Allgäu. Mit René und einer weiteren Besucherin von Hannah und Max, habe ich auch etwas Urlaub in Sierra Leone gemacht. Wir waren in Bureh am Strand, wo ich mich im Fischen versuchte, wir prominente Gäste beim Fußballderby Bureh gegen John Obey waren und in der Halbzeit ans Mikrophon gebeten wurden (da wird aus Rene ganz schnell Rainear). Danach waren wir noch gemeinsam in Kabala wo wir wirklich eine wunderschöne – wenn nicht die schönste – Wanderung gemacht haben.

Und auf einmal waren da Schüsse in der Nacht

Wer aufmerksam liest, hat schon aufgemerkt: René blieb länger in Salone als geplant. Leider war sein Abflug ein bisschen schlecht getimt. Wir hatten Ende November einen versuchten Staatsstreich. Und der ist genau auf Renés Abreisetag gefallen. Weshalb er dann gezwungen war, ein paar Tage länger zu bleiben, bis wieder Flüge gingen und er überhaupt in der Lage war, den Flughafen zu erreichen.

Ich sage ja immer, Sierra Leone ist super safe. Seit den Aufständen im August 2022 hatte sich das schon ein bisschen geändert. Deshalb waren auch alle vor und während der Wahlen 2023 angespannt und niemand wusste, bleibt es ruhig oder explodiert die Situation wieder wie beim Bürgerkrieg? Oberflächlich ist alles ruhig, aber es brodelt unter der Oberfläche. Der versuchte Staatsstreich im November kam dennoch für die meisten unerwartet. Nachts waren auf einmal Schüsse zu hören. Ich habe es auch gehört, habe es aber natürlich nicht als Schüsse interpretiert, sondern dachte an ein frühes Feuerwerk. Da Freetown auf Hügeln gebaut ist, kamen die Schüsse bei uns mit viel Hall an. Eigentlich wären wir in der Nacht auf einer Party am Strand gewesen. Zum Glück ging es mir nicht so gut und wir sind nicht hingegangen. Viele die dort waren, sind entweder am Heimweg nachts in die Militärs geraten oder mussten bis Montagvormittag am Strand ausharren.

Aber nochmal von vorne. Was war passiert. Nichts Genaues weiß man nicht. Wie immer gibt es Gerüchte, aber keine 100% Gewissheit, was nun wirklich passiert ist. Eine Version ist, dass Teile des Militärs die Regierung stürzen wollten. Sie haben dafür zunächst verschiedene Militärbasen in Freetown angegriffen. Es startet von Samstag auf Sonntagnacht gegen drei Uhr und wir konnte Schüsse und Rauch bis Sonntagnachmittag hören und sehen. Morgens wurde direkt eine vollständige Ausgangssperre verhängt. Da mein Viertel immer etwas sicherer ist und das Militär offensichtlich die Brücke und die andere Zufahrststraße komplett abgesperrt hatte, waren wir ziemlich sicher. Wir konnten sogar auf die Straße, um Frühstück zu kaufen und Hannah – die auch bei mir festsaß – ist abends nochmal los, um den Biervorrat aufzustocken. Trotzdem war die Lage sehr ernst und vor allem absolut unübersichtlich. Informationen kamen über whatsapp aus verschiedenen Richtungen. Die Ausgangssperre wurde dann am Montagmorgen aufgehoben und galt „nur noch“ nachts ab 21Uhr. Das war natürlich dem Festival Month Dezember gar nicht zuträglich. Die Leute wollten eigentlich endlich einmal feiern und all die Sorgen und Anspannungen des Wahljahres vergessen, und dann das.

Die Ausgangssperre blieb fast einen ganzen Monat bestehen, erst kurz vor Weihnachten wurde sie komplett aufgehoben. Es gab mehr Militärpräsenz in den Straßen, überall Kontrollen und die ECOWAS kam mit einer Delegation.

Einige Militärs wurden entlassen, andere sind nun angeklagt. Der ehemalige Präsident der Oppositionspartei ist unter anderem des Hochverrats angeklagt und durfte nun aber unter Befürwortung der ECOWAS das Land aus gesundheitlichen Gründen vorerst verlassen. Er war bisher unter Hausarrest gestellt. Als letzte Woche der Prozess startete waren wieder Demonstrationen angesagt, so dass einige Organisationen für zwei Tage ihre Büros schlossen. DIe Militärpräsenz war nochmals hochgefahren. Es zeigt, dass alles sehr fragil ist. Die Lage ist also noch angespannt. Alle hoffen, dass es friedlich bleibt. Und zugleich steigen die Preise für Lebensmittel und Benzin weiterhin, die Redefreiheit nimmt ab und der Raum, in dem die Zivilgesellschaft arbeiten kann, wird kleiner.

Aber irgendwie geht der Alltag und das Leben trotzdem weiter… Neben Arbeit und Besuch war ich also busy zum bouldern zu gehen, zu italien dinners, partys am beach und was eben noch so anstand im sozialen Leben.

Should I stay or should I go

Es ist kaum zu glauben, aber im Mai sind tatsächlich die drei Jahre schon um. Gefühlt, geht es jetzt dann ganz schnell. Rückblickend ging die Zeit schnell vorbei, auch wenn es lange Strecken gab und ich besonders im letzten Jahr in der ersten Jahreshälfte gefordert war wie wahrscheinlich noch nie in meinem Leben. Aber ich hatte in den letzten Tagen des Jahres ein unglaublich positives Gefühl. Das Jahr 2023 war echt hart für mich, aber ich gehe gestärkt und positiv heraus.

Das habe ich schon gemerkt, als ich mich parallel zu Arbeitsirrsinn, Besucherlawine und politischer Instabilität entscheiden musste, ob ich meinen Vertrag verlängere oder nicht. Ich habe lange mit der Entscheidung gerungen. Anfangs dachte ich ja, meine Sehnsucht nach all den lieben Menschen zuhause wird weniger mit der Zeit. Ich kann euch sagen, das war ein Irrtum. Mein großes Learning nach fast drei Jahren: ich vermisse bestimmte Menschen noch immer so sehr wie am Anfang. Aber zugleich bin ich der festen Überzeugung, dass ich sie auch in einem Jahr noch vermissen werde 😊 Und das nehme ich heute als positives Zeichen. Hört sich vielleicht nicht ganz logisch an, aber mit dem Wissen, dass die mir wichtigsten Menschen auch in einem Jahr noch die mir wichtigsten Menschen sein werden, egal ob ich hierbleibe oder nicht, hat mich dazu bewogen, noch zu bleiben. Ich verlängere also meinen Vertrag und bin noch ein bisschen länger hier. Ich habe das Gefühl, ich bin hier noch nicht ganz fertig.

Wie ihr seht, war in den letzten Wochen des Jahres 2023 ziemlich viel los bei mir. Und wie ihr euch denken könnt, erfahrt ihr gar nicht alles. Deshalb war ich wirklich urlaubsreif.

Und dann – ab nach Sao Tome und Principe

Tina und ich träumten ja schon lange von Sao Tome und Principe. Und nun haben wir uns diesen Traum erfüllt. Was soll ich sagen. Ich hatte diesen Urlaub wirklich sehr nötig und es war wunder- wunderschön.

Diese beiden kleinen Inseln sind wirklich paradiesisch. Zumindest für einen Urlaub. Mit Sicherheit ist auch dort der Alltag nicht einfach mit kaputten Straßen, extremer Abhängigkeit von Portugal, aus Holz gezimmerten Häusern, wenig Perspektiven für junge Menschen und ein extremes Gefälle zwischen der Bevölkerung und den Touristinnen und Touristen.

Aber: für einen Urlaub wirklich wunderschön. Die Inseln sind unglaublich grün, es gibt ganz viele endemische Vögel, unglaublich schöne Pflanzen, guten Kaffee, super freundliche Menschen und Traumstrände. Urlaubsstories gibt es im 1-to-1, aber so könnte Sierra Leone aussehen, wenn der Wald nicht abgeholzt wäre und nicht überall Plastik wäre.

Nur ein klitzekleiner Geschichtsexkurs, weil es so verrückt anmutet:
Die Portugiesen haben Sklaven aus anderen afrikanischen Ländern auf diese Inseln geschafft, die wahrscheinlich bis dahin unbewohnt waren, um Kaffee, Kakao und Zuckerrohr anzubauen. Es wurden tollste Paläste im Stil der portugiesischen Kolonialzeit gebaut für den Padron. Ich bin, obwohl ich es ja eigentlich weiß, trotzdem jedes Mal wieder wie vor den Kopf gestoßen und schüttle ungläubig meinen Kopf bei all dieser unmenschlichen Art mit Menschen umzugehen und über sie zu bestimmen wie Gegenstände.
Und heute? Heute werde auf Principe Menschen umgesiedelt, damit reiche Europäerinnen und Europäer oder Leute aus den USA, in den ehemaligen Kolonialpalästen ab 400€ / teilweise auch ab 800€ pro Nacht logieren können, ohne vom Geschrei von Kindern und der Musik der Bevölkerung gestört zu werden. How far did we go since the colonial times? Not so far.

Nur ein kleiner Hinweis: wir haben auf Principe natürlich nicht so teuer übernachtet, sondern haben im Zelt mit dem schönsten Ausblick der Insel für nur 12€ die Nacht geschlafen.

Wer nicht weiß, wo Sao Tome und Principe liegt, einfach mal im Internet schauen 😉

Ich lasse die Fotos sprechen und beantworte gerne Fragen, wenn ihr welche habt.

2024 – a great start

Das neue Jahr hat für mich super begonnen. Der ganze Januar ist eigentlich ganz gut. Erstens natürlich ein super Start ins neue Jahr im Urlaub. Dann wieder zurück in Sierra Leone – wo sich alle in den whatsapp-Gruppen beschwerten, dass es seit Weihnachten fast nie Strom gab – hatte ich tatsächlich Strom zuhause. Hannah und Max haben mir Brezen und Heuschnaps mitgebracht!! Was will man mehr! Ich habe schon ein paar Projekte abschließen können, die im letzten Jahr noch nicht ganz fertig waren – dazu aber vielleicht mal in einem anderen Post mehr – und dann natürlich letztes Wochenende (nach den zuerst erschreckenden Veröffentlichungen des correctivs) die unglaublich großen Demos in Deutschland gegen rechts. Das hat mein Herz gefreut, dass so viele Leute auf die Straße gingen. Die positive Energie nehmen hoffentlich die Handballer mit in die nächsten Spiele.

Euch allen wünsche ich fürs noch neue Jahr alles Gute, Gesundheit für euch und alle, die euch am Herzen liegen, und die Gewissheit, dass ihr ganz besonders seid und ihr geliebt werdet. Happy new year mit unserem official Foto.

Mining – schlecht für die Umwelt, schlecht für die Menschen, nur gut für den, der Profit macht.

Als ich vor ein paar Wochen in der Nähe von Kabala die illegalen Mining Sites besucht habe, wusste ich, dass ich unbedingt davon berichten möchte. Nun bin ich schon wieder vier Wochen zurück und komme heute hoffentlich endlich dazu, einen Beitrag zu verfassen. Es ist nicht so einfach. Das Thema ist sehr vielschichtig und komplex und alle Zusammenhänge verstehe ich auch nicht. Aber auch ohne 100% Wissen über das Ausmaß der ganzen Geschichte, ist es dennoch erschreckend wie bis zum heutigen Tage Länder wie Sierra Leone ausgebeutet werden und ihre Bevölkerung nicht davon profitiert.

Lake Sonfon – ein ganz besonderes Naturparadies wieder bedroht

Über Lake Sonfon und unsere Arbeit dort habe ich schon vor zwei Jahren berichtet, als ich das erste Mal dort war. Dieses Mal hatte ich das große Glück, eine ganze Woche in Kabala bleiben zu können (Kabala kennt ihr ja auch schon aus verschiedenen Beiträgen) und nochmal zum Lake Sonfon zu fahren. Der Anlass war leider nicht schön. Nachdem wir es geschafft hatten, dass 2021 die mining sites geschlossen worden waren, sind einige seit knapp einem Jahr wieder in Betrieb. Wie kam es dazu? Und: wieso wollen wir Lake Sonfon eigentlich schützen?

Lake Sonfon hat ein ganz besonders Ökosystem. Auch wenn man nicht wirklich Ahnung von Pflanzen und Tieren hat, merkt man, dass es echt ein besonderer Ort ist. Der See liegt in einem sanften Tal in mitten von grünen Hügeln. Außenherum gibt es nicht wirklich dichten Wald, sondern diese wunderschönen Grasbüschel, blühende Gräser, kleine Blümchen, die mich immer an Enzian erinnern von ihrer Blütenform – sind aber weiß, dazwischen einzelne Bäume und dieser ganz spezielle Geruch, den es nur am Lake Sonfon gibt. Ich habe versucht einen Pflanzenmix mitzunehmen für meinen Balkon, aber es sieht nicht so aus, als würden die Pflanzen überleben. Der weiße Enzian blüht, der Strauch ist erst eingegangen, kommt aber wieder, aber die Farne… Keine Chance. Die werden es leider nicht schaffen. Durch das zarte fast weißliche grün des Grases sieht alles irgendwie „leise“ aus und die Landschaft wirkt sehr sanft. Es ist ganz schwer zu beschreiben. Natürlich gibt es auch besondere Tiere dort. Zum Beispiel den Emerald Starling, der als endemische Art in Westafrika gilt. Endemisch bedeutet, etwas kommt nur in einem bestimmten Gebiet vor. Lake Sonfon ist aber auch wichtig als Raststation und Aufenthaltsort für Zugvögel aus Europa. So kommen einige Störche im europäischen Winter zu uns an den See.

Der See hat mehrere kleine Zuflüsse und einen Abfluss, den Pampana River. Sowohl im See als auch im Pampana River gibt es Krokodile. Ich bin keine Reptilienexpertin, aber ich habe Videos von den Krokodilen gesehen und würde mal vermuten, dass es vielleicht sogar Nilkrokodile sind? Auf dem Video war zwar ein kleines Krokodil und Nilkrokodile sind ja eigentlich groß… das muss ich nochmal nachrecherchieren. Meine ganzen Biodiversity-Kollegen sind allerdings gerade nicht verfügbar. Wer hätte gedacht, dass Krokodil identifizieren schwieriger ist als Vogelarten bestimmen…

Der Fluch der Bodenschätze

Sierra Leone ist nicht das einzige Land auf der Welt, das verflucht ist mit wunderbaren Bodenschätzen, wie Gold, Diamanten, Rutile, Eisenerz und Seltenen Erden. Meist bringen Bodenschätze für die Länder keinen Segen, sondern eher Konflikte, Krieg und Destabilisation. Mosambik zum Beispiel hatte sich ganz gut und friedlich entwickelt, bis Gasvorkommen im Norden entdeckt wurden. Die demokratische Republik Kongo kommt seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe, weil es für alle, die mit den Bodenschätzen Geld verdienen, natürlich viel dienlicher ist, wenn das Land schlecht zugänglich, unkontrollierbar und intransparent bleibt. So können sich Konzerne, Politiker und Investoren am besten bereichern. Kaum ein Land auf dem afrikanischen Kontinent hat es geschafft, aus seinem Reichtum wirklich Reichtum zu schaffen. Botswana ist da eine Ausnahme. Sierra Leone ist bekannt durch den Film Blood Diamond. Aber wir haben wie oben schon geschrieben noch einiges mehr in unserer Erde verborgen. Niemand weiß so genau, was und wieviel das Land schon verlassen hat. Teilweise haben ausländische Mining companies Lizenzen für einen Rohstoff, aber was genau in den Containern dann verschifft wird, das wird nicht kontrolliert.

Die großen Diamantenminen befinden sich in Kono, im Osten des Landes. Dort war ich noch nie. Ich hoffe, dass sich das noch ändert. Ich kenne bisher hauptsächlich stone mining sites hier direkt im Naturschutzgebiet bei Freetown, von wo chinesische Firmen Steine extrahieren. Natürlich habe ich schon öfter artisanial goldmining in den Flüssen gesehen. Vielleicht habe ich das auch beschrieben in einem Beitrag über Tiwai? Und nun endlich ging es mal zum Lake Sonfon zu den Goldminen.

Capacity building mit den colleagues – soweit möglich

Meinen Trip nach Kabala und zum See habe ich direkt mit ein paar kleinen Trainings für das Team in Kabala verbunden. So haben wir am ersten Tag ein paar kleine Trainingseinheiten gemacht, zur Nutzung von googledrive und zur Arbeit mit PDFs. Follow-up trainings werden wohl noch folgen müssen, aber ein Grundstein ist gelegt. Es ist auch ein bisschen herausfordernd. Trainings für Computer Skills, wenn nicht alle einen Laptop haben bzw. die Laptops mal wieder nicht gehen, das Internet zu schwach ist, um die offline-Software herunterzuladen und dann auch noch der Strom so lange weg ist, dass alle Laptop-Akkus leer sind, noch bevor alles fertig besprochen ist. Erleichtert die Arbeit nicht gerade. Macht es auch schwer, Informationen, Fotos und Updates aus den communities zu bekommen. Mittlerweile bin ich an die Umstände gewöhnt, aber es ist trotzdem schwierig. Eigentlich würden wir unsere Arbeit gerne gut machen, aber wie ist die Frage, wenn die einfachsten Arbeitsmittel nicht zur Verfügung stehen?

Das hört nicht im Büro auf, sondern zieht sich so durch. Wenn das Motorrad kaputt ist und kein Geld für Reparatur oder Benzin, dann kann auch niemand in die communities fahren. Dabei sind regelmäßige Besuche für die Beziehungsarbeit sehr wichtig. Auch damit die Menschen merken, wir meinen es ernst, kommen vorbei und sehen, wenn sie sich nicht an Vereinbarungen halten. Umso wichtiger also, dass wir nun zwei Tage hintereinander an den Lake fahren, die communities besuchen, mit dem Paramount Chief sprechen und dokumentieren können, wie die aktuelle Situation vor Ort ist.

Auf zum Lake Sonfon

Wie immer hieß es, wir müssen „früh“ los, weil wir 2-3 Stunden Matschstraße fahren müssen bis zum Lake Sonfon – und auch wieder zurückmüssen, weil vor Ort übernachten keine Option ist. Weshalb, dazu vielleicht wann anders mehr. Das würde jetzt nochmal ein ganz neues Fass aufmachen. Also „früh“ los. Mittlerweile weiß ich schon, dass früh alles heißen kann zwischen 6:30 und 10. Also lieber nachgefragt. Ja, also „very early“ war dann am Ende Treffpunkt um 9h im Büro und dann aber direkt Abfahrt. Die Realität war dann, gegen neun im Büro, die Kollegin, die das Mittagsessen für uns vorbereitet hat, wurde dann abgeholt und dann wurde erstmal die Hälfte des Essens gegessen und gegen 10h war denn langsam Abfahrt. Zuerst bin ich gefahren, aber ich bin natürlich zu langsam gefahren. Deshalb habe ich das Steuer meinem Kollegen überlassen. Zum Glück muss ich sagen. Er ist dreimal fast steckengeblieben. Ich hätte das auf keinen Fall geschafft. Leider kommt das auf Foto und Video immer nicht so cras raus.

Hier trotzdem mal ein paar Eindrücke vom Weg zum Lake Sonfon, mit kurzem Zwischenstopp beim Paramount Chief. Über diese Strukturen muss ich auch mal noch schreiben. Der Paramount Chief auf jeden Fall war auch länger in den USA und wusste, dass Deutschland ganz weit vorne mitspielt, was Technik und Erfindungen angeht, aber auch „ein bisschen rassistisch“ ist. Davon hatte ich ja schon mal geschrieben. Der Paramount Chief hat mitten in einem Dorf, direkt neben dem Cotton Tree im Ort, ein riesiges zweistöckiges Gebäude mit riesiger Empfangshalle und Sofalandschaft. Immer etwas skurril. Der Paramount Chief ist gegen das Mining im Lake und in der Bufferzone. Aber jetzt wo die ausländischen Firmen innerhalb des Gebietes minen, meint er, er kann offiziell nichts dazu sagen und wir dürfen ihn auch nicht zitieren, das ist jetzt politisch. Da kann er nichts machen.

Mining – ein schmutziges Geschäft.

Mining ist ein dreckiges und gefährliches Gewerbe. Kennen wir ja aus Deutschland aus dem Bergbau. Und Rohstoffabbau geht meines Wissens auch nicht ohne großen Impact auf die Umwelt. Wir versuchen deshalb das Mining direkt am Lake Sonfon und auch in einer Bufferzone um den See zu stoppen, damit das Wasser nicht verschmutzt wird und somit der Lebensraum der Tiere und auch die einzige Wasserquelle für Menschen sauber erhalten bleiben.

Mining ist aber auch so ein schmutziges Geschäft. Es geht nicht nur um die dreckigen Hände und Füße der Miner, nicht nur um die Umweltverschmutzung und Zerstörung von Dorfstrukturen, zunehmender Kriminalität und Prostitution, überall dort, wo größere Mining Sites eröffnen – es geht auch um das dreckige Geschäft im Hintergrund. Aber dazu kommen wir dann später nochmal. Klar ist auf jeden Fall, dass auf nationaler Ebene Gelder in bestimmte Taschen fließen, die offizielle Lizenzen in Gebieten ermöglichen, die eigentlich geschützt sind, Gelder wiederum nicht zu denjenigen fließen, die für die Kontrolle der Einhaltung von Vorgaben zuständig sind, so dass es oft halblegale Tätigkeiten sind und zugleich ein Rechtsfreier Raum entsteht. Wo kein Richter, da kein Henker. Oder auch wo kein Kläger, da kein Recht.

Zwei Wochen später….

Irgendwie schaffe ich einfach nicht, diesen Artikel fertig zu schreiben. Ich habe den Artikel vor zwei Wochen angefangen und einfach noch nicht fertigbekommen. Mittlerweile bin ich schon wieder sechs Wochen zurück in Freetown. Es wird also Zeit! Deshalb tippe ich hier jetzt einfach alles runter, sonst wird das nie etwas. Es ist zwar trotzdem fast der längste Artikel ever, aber zugleich wäre ich gerne viel mehr ins Detail gegangen. Mehr Infos also auf Nachfragen von eurer Seite 🙂

Ich wollte euch eigentlich beschreiben, wie die mining communities leben. Ich habe hier noch nie so ärmliche Unterkünfte gesehen. Außer in den Slums in Freetown und auf Plantain Island. Es sieht alles sehr notdürftig aus, die Kinder gehen entweder nicht zur Schule und werden zu Verwandten geschickt, wo sie auf die Schule gehen können. Ich bekomme leider immer so unklare Antworten auf meine Fragen. Wenn ich Frage: Haben die Menschen hier schon immer gelebt oder kamen die wegen des mining? Dann heißt es: die leben hier schon immer. Okay. Wenn ich dann frage, ob es Schulen gibt, heißt es: Nein. Die Leute ziehen ja immer weiter, wenn hier nichts mehr aus der Erde zu holen ist. Also leben sie doch noch nicht immer hier. Aber vielleicht schon irgendwie. Einerseits sind es Leute von hier, aber sie kommen meist von woanders???? Alles sehr verwirrend.

Auf jeden Fall ist klar, dass die Dörfer, bevor man die mining area erreicht, wie ganz normale Dörfer aussehen. Die Dörfer bei den mining sites sind alle sehr zusammengeschusterte Unterkünfte. Keine Perspektiven, keine Infrastruktur, sieht nicht schön aus. Muss ich einfach so sagen. Ich würde jederzeit mein Zelt am See aufstellen. Aber ich möchte nicht in einem dieser Dörfer leben müssen. Die Leute aber mal wieder alle sehr, sehr freundlich. Ich muss euch nicht extra sagen, welches die mining Dörfer sind. Ihr werdet es selbst sehen…

Mit der einen Gruppe Miner haben wir uns unterhalten. Ich habe mit dem einen jungen Mann am Foto gesprochen. Er konnte sehr gut Englisch. Also offensichtlich hat er irgendeine Art von Bildung genossen und war auch schon mal aus seinem Dorf weg. Als ich meinte, „Ihr wisst, dass wir das nicht so gut finden, was ihr macht? Es verschmutzt das Wasser und zerstört die Umwelt“, meinte er mit einem verzweifelten Schulterzucken „Wir haben keine Wahl. Wie sollen wir sonst Geld verdienen?“ Der Besuch bei den mining sites ist mir echt nachgegangen. Krasse Lebensumstände, krasse Perspektivlosigkeit, echt keine dummen Leute… Ganz große ungerechte Scheiße.

Teilweise versuchen die communities in den riesen Kratern, die die Mining companies mit ihren großen Maschinen hinterlassen haben, noch Reste zu finden. Ich verstehe es ja immer noch nicht ganz. Anscheinend wird oben die Erde in die Maschine geschaufelt, dann wird sie mit Wasser gereinigt und geschüttelt. Der Schlamm fließt wieder raus und der Goldstaub/ Goldsand wird separiert und aufgefangen. Dann braucht es aber meines Wissens noch Chemikalien, um das Gold wirklich herauszutrennen. So genau konnte das dann doch niemand erklären. Wie immer.

Das Wasser auf den Bildern ist die einzige Wasserquelle für die Menschen, zum Kochen, Trinken, Waschen. Just think about it…

Neben den kleinen Community mining sites, gibt es natürlich auch noch die großen internationalen mining companies. In Kono suchen sie eher nach Diamanten und selten Erden (da spielte auch Blood Diamond), in Lunsar gibt es Eisenerze, im Süden gibt es Rutile und hier in Kabala gibt es Gold.

Unser Lake Sonfon ist ein designiertes Naturschutzgebiet. Es gibt eine Bufferzone und sowohl im Schutzgebiet selbst als auch in der Bufferzone ist kein mining erlaubt. Es gibt nun zwei internationale Unternehmen, die haben schön Lizenzen für außerhalb der Bufferzone, aber sie minen direkt am See. Das ist zwar nicht erlaubt, aber sie haben Militär bei ihrer Site. Wir waren dort und es kam auch direkt eine Soldatin und wollte wissen, was wir machen. Wir waren ja nur da um Daten zu erheben und um zu schauen, was so los ist. Normalerweise kann man immer nett mit den Leuten reden, lächeln, ein paar Fragen stellen, Scherzchen und alles ist gut. Direkt an der Stelle, an der die eine Company mint gibt es sehr viele Krokodile im See. Die wurden umquartiert. Es gibt ziemlich viele Vögel, leider kaum mehr Fische. Das Wasser ist einfach zu dreckig…

Hier wird zum Beispiel der ganze Fluss umgeleitet und das Flussbecken trocken gelegt, um Gold abzubauen. Das chinesiche Unternehmen geht da schon mit gewissem Einsatz rein, deshalb wird wohl auch etwas zu holen sein. Sonst macht das ja keinen Sinn…

Wir hatten vor zwei Jahren alle mining activities gestoppt. Das war ein ziemlich großer Erfolg damals. Leider wurden fast alle sites wieder eröffnet. Nachdem die zwei ausländischen Firmen kamen, haben die communities gesagt, wenn die das dürfen, dürfen wir aber auch. So gibt es jetzt mehr mining als noch 2021 als ich das erste Mal am See war. Jetzt müssen wir wieder von vorne anfangen. Nicht ganz, aber es wird wieder ganz schon viel Einsatz, Gespräche und Diskussionen kosten, um das mining wieder zu stoppen.

Und weil wir ja auch immer mal was essen müssen, hier mal ein paar Eindrücke vom Mittagessen… Schön Blick auf die Mining Site am anderen Ufer des Sees. Da war es 2021 komplett grün. Die Mining Site war damals inaktiv. Das zweite Mittagessen war in dem einen mining Dorf.

Und der Internationale Handel?

Und jetzt wird es spannend: Ich hatte mir natürlich noch nie wirklich Gedanken über den internationalen Gold- oder Diamantenhandel aus Ländern wie Sierra Leone, Burkina Faso oder Niger gemacht. Aber nun habe ich einiges dazugelernt. Hoch interessant, einerseits schockierend, aber auch nicht überraschend.

Wenn ich in Kabala bin, logiere ich ja immer im Hill View Guesthouse. Noemi ist eine wundervolle Gastgeberin, das Essen ist mega, die Hunde und Katzen sind ganz zuckersüß und alle Mitarbeitenden einfach supernett. Und der Blick – natürlich ist da noch dieser Blick in die Wara-Wara Mountains.

Ich hatte mich gefreut auf eine Woche Ruhe. Schön abends alleine auf der Terrasse sitzen, mein Buch lesen, mein Bierchen genießen. Und dann kam alles wieder ganz anders. Als ich ankam, kommen direkt zwei weiße Personen die Treppen herunter. Natürlich haben sich die Marion und Lars ausgerechnet dieses Wochenende ausgesucht, um endlich einmal nach Kabala zu fahren. Die beiden sind Deutsche und ziehen seit ein paar Jahren im Norden ein Restorationprojekt hoch, mit dem sie carbon credits erzeugen und verkaufen wollen (greenlimba.com). So viel zum Thema Ruhe und alleine. Aber war sehr nett, die beiden wieder einmal zu sehen.

Dann war da noch eine Italienerin, die für ein paar Wochen in Kabala ist für ihre Doktorarbeit. Und dann noch ein Herr aus The Gambia. Er war erst in Kono und jetzt ist er hier, was er macht, hat er nicht so wirklich gesagt. Aber gut, wer erst in Kono ist und dann in Kabala, hat irgendwas mit Mining zu tun. Klare Sache.

Als die anderen dann doch mal irgendwann alle abgereist waren, haben ich den mining Freund gefragt, ob ich mal Fragen zu seiner Arbeit stellen kann. Mich interessiert es wirklich, wie das läuft. Es ist hochinteressant.

Er selbst ist aus the Gambia, arbeitet aber für eine Firma, die – Überraschung – ihren Hauptsitz in Dubai hat, wo es quasi keine Steuern gibt. Er war schon in einigen Ländern unterwegs, Burkina Faso, Niger, DRC, Gambia, Guinea… In manchen Ländern ist er mit bewaffneter Eskorte unterwegs, das ist hier alles nicht nötig. Er hatte natürlich auch schon mal den Lauf einer Waffe an der Stirn, ist aber bisher immer wieder rausgekommen. Der Typ war eigentlich ganz nett. Ganz ruhig und angenehm. Also kein Angeber oder so. War ein sehr angenehmes interessantes Gespräch.

So wie ich das verstanden habe, macht er das Geschäft vor Ort. Er selbst sagt, er hat nichts mit mining zu tun. Er geht in die communities, wenn sie Unterstützung möchten, dann bekommen sie sie von ihm. Er besorgt die Maschinen, das Benzin, all das. Sie bekommen Vorschuss für ihre Arbeit. Wenn sie etwas finden, dann gehört es ihm. Sie bekommen einen kleinen Prozentteil. Wieviel wollte er mir nicht verraten. Finden sie nichts, war es angeblich sein Risiko. Dann holt er sich die Maschinen wieder.

Nachdem ich die communities am Lake Sonfon gesehen habe, denke ich, genauso läuft das mit denen. Da kommt jemand, sagt, hier habt ihr ein bisschen Geld, fuel, Maschinen, jetzt könnt ihr anfangen. Wenn sie was finden, wissen sie, in welches Büro in der nächsten Stadt, in Makeni, sie gehen müssen. Dort liefern sie das Gold ab und werden dafür bezahlt. Das Geld hat der Goldhändler zuvor schon von meinem Freund aus Gambia bekommen. Das Gold gehört quasi ihm. Aber, er nimmt es hier noch nicht an sich. Ein Mitarbeiter des Goldhändlers fliegt mit dem Gold und meinem Freund nach Gambia. Erst dort wird das Gold übergeben inklusive Herkunftszertifikate. Somit hat mein Freund aus Gambia nichts mit Goldhandel, Zoll, Transfer oder sonstigem zu tun. Er ist die ganze Zeit über in nichts offiziell involviert. Das mining machen die communities – die brauchen keine Lizenz vom Ministerium, sondern nur eine Erlaubnis vom Paramount Chief –, dann übernimmt der Goldhändler, der kümmert sich um Zertifikat, Ausfuhr usw.

Bis das Gold in Dubai verkauft wird, ist es um ein Vielfaches teurer geworden. Die Leute, die sich hier die Hände schmutzig machen und ihre Gesundheit riskieren, verdienen so gut wie nichts daran. Ähnlich läuft es mit den Diamanten.

Mein gambischer Freund arbeitet für einen internationalen Konzern. Sie haben Minen in Südafrika, DRC, Angola und anderen Ländern. Sierra Leone ist da nur ein kleiner Fisch. Mining ist hier nicht wirklich kosteneffektiv. Infrastruktur und Geräte sind nicht gut genug. Er sagt, Gold aus Mali oder Burkina Faso ist leichter verdientes Geld. Aber auch gefährlicher. Mega spannendes Thema. Ich muss mich da auch nochmal mehr mit befassen.

Und sahen dann meine Abende und Morgende im Hill View aus:

Buchempfehlung: Ismael Beah – Radiance of Tomorrow

Das letzte Mal habe ich ja geschrieben, dass ich das letzte Buch von Ismael Beah direkt lesen werde. Das habe ich dann auch gemacht und für mich ist es das Beste. Allen, die sich dafür interessieren, wie Gesellschaften nach einem Bürgerkrieg und schrecklichen Erlebnissen wieder versuchen können, ganz zart und vorsichtig, Gemeinschaft zu leben, denen empfehle ich wirklich das Buch zu lesen. Leider geht der größere Teil des Buches eher darum, wie diese zarte Pflanze der Gemeinschaft auch sehr schnell wieder zerstört werden kann. Und da kommt dann auch direkt die Verbindung zum heutigen Thema. Ja, soviel sei verraten: auch im Buch geht es um mining und den negativen Einfluss auf die Gesellschat. Mir hat das Buch die Augen geöffnet für vieles, was für mich bisher unverständlich hier war. Wieso begehren die Leute nicht auf, wieso wird so vieles hingenommen wie es ist, wieso so wenig Reflexion über das, was war? Ich verstehe die Menschen um mich herum jetzt besser und sehe noch klarer, welch unglaublich große Schäden Ausbeutung, Kapitalismus, Geldgier und Machtmissbrauch gerade in fragilen Gesellschaften anrichten können. Ein großes Dankeschön an den Autor für dieses Buch.

Aus der Not eine Tugend machen…

In Lunsar und am Highway vor Lunsar gibt es riesige offizielle Mining sites. Die eine haben wir mit dem Fahrrad besucht, während unseres letzten Peer-Coachings in Lunsar. Wir konnten zwar nicht aufs Gelände, aber immerhin waren wir am Tor gestanden. Die Mine wird aktuell von einem britischen Unternehmen geführt. Es gibt auf dem Gelände ein Krankenhaus für Mitarbeitende, Busshuttle in die Stadt, Pizzeria für Angestellte und und und. Das gesellschaftliche Problem mit dem Mining ist allerdings, dass es hauptsächlich Jobs für Männer gibt. Dass heißt, viele Männer kommen alleine in ein neues Gebiet und das bedeutet leider immer auch steigende Prostitution und damit eingehende Krankheiten und Teenage-Schwangerschaften.

Sehr beeindruckend fand ich deshalb das Social Enterprise einer Sierra Leonerin in Lunsar. Afrilosophy. Bei ihr haben wir auch während unseres Peer-Coachings übernachtet. Auf dem Gelände gibt es drei Rundhütten, wirklich wunderschönes Innendesign, ein Palaverplace draußen, wir konnten einen Töpferkurs machen, haben leckeres vegetarisches Essen bekommen. Es wird eigener Honig, Tee, Kaffee und vor allem natürliche Kosmetikprodukte und Reinigungsmittel hergestellt. Die Gründerin hatte die Idee, Frauen in der Gegend auch Jobmöglichkeiten zu geben. Sie sagt, die Mine ist da, dagegen können wir nichts machen. Aber wir können versuchen, das Beste daraus zu machen. So haben sie jetzt einen Deal mit der Mine abgeschlossen, dass sie Seifen, Desinfektionsmittel und co von ihnen beziehen. So verdienen auch die Frauen in der Gegend Geld mit der Mine und werden unabhängiger.

Noch was ganz anderes:

Das Internet bildet ja auch und ich habe tatsächlich etwas Schönes gelernt. Vielleicht kann das noch jemand mit mehr Fachwissen verifizieren oder falsifizieren: Angeblich stimmt es gar nicht, dass das schnellste und stärkste Spermium die Eizelle befruchtet. Anscheinend entscheidet die Eizelle, welches Spermium am besten zu ihr passt und sendet entsprechend chemische Botenstoffe aus, um diejenigen abzubremsen, die ihr nicht gefallen und die anzulocken und zu motivieren, die ihr gefallen. Das heißt ja einerseits, dass wir doch nicht so zufällig entstehen, sondern wirklich alle ein best-match sind und sich die Eizelle ihr Spermium aussucht und nicht einfach von dem Spermium befruchtet wird, das eben am schnellsten ist. Wenn ich so an ein paar Gespräche aus den letzten Tagen zu toxischer Männlichkeit in Sierra Leone nachdenke, wünschte ich mir, dass würde auch nach der Befruchtung noch besser so funktionieren. Wie wunderbar wäre es doch, könnten sich Frauen unerwünschte Männer durch ein paar Botenstoffe vom Leibe halten. On top kommt ja noch, dass Eizellen in Laborversuchen, sich nicht immer für die Spermien des Partners der Frau entscheiden, wenn sie denn die Wahl haben. Die Eizelle weiß es also besser, also ihre Trägerin…

Ach Gott, jetzt hätte ich ja fast die Vögel vergessen. Aber den vulture count hebe ich mir noch auf. Für euch nur diese schönen weaver Vögel und wenn ihr das nächste Mal euren Goldschmuck anlegt, könnt ihr ja entweder an die Leute denken, die das Gold für euch aus der Erde geholt haben oder dieses Foto, auf dem ich meinen Kollegen dabei fotografiere wie er gerade den anderen Kollegen dabei fotografiert, die mining site zu fotografieren 😉 Your decision.

Und wen es interessiert, hier noch der Artikel zum Thema auf der CSSL website:

The state of illegal mining at Lake Sonfon

Positive Selbstwahrnehmung – auch wichtig als Gesellschaft

In den letzten Tagen ist mir wieder einmal bewusst geworden wie wichtig eine selbstbewusste nationale Identität ist oder vielleicht besser eine positive Selbstwahrnehmung und wie wichtig die Künste dafür sind. Vielleicht hört es sich für euch jetzt komisch an, dass ich positiv über „nationales Selbstbewusstsein“ schreibe, aber das ist, was hier in Sierra Leone so oft fehlt.

Es hat mich schon immer irritiert, dass ich als weiße Person so positiv aufgenommen werde, in dem Glauben, dass ich mehr weiß und Sachen besser weiß als Menschen in Sierra Leone. Ich finde es auch immer noch gewöhnungsbedürftig, dass von Briten als „our colonial masters“ oder „our teachers“ gesprochen wird. Wie tief koloniale Narrative noch im allgemeinen Bewusstsein stecken, wird mir dann jedes Mal bewusst. Wo ich Ablehnung und Hass erwarten würde, ist Anerkennung und Ansehen. Kein Wort von Ausbeutung, Versklavung und Absprache von Menschenrechten.

Das führt dazu, dass alles was „aus dem Westen“ kommt, positiv bewertet wird und traditionelles Wissen und traditionelle Lösungen nicht gleichwertig betrachtet werden. Einerseits sind Traditionen sehr wichtig und werden gepflegt, aber nur in ihrer eigenen Sphäre. Im Schulsystem, im Gesundheitssystem, bei Lösungsansätzen für lokale Herausforderungen wird trotzdem nach Westen geblickt. Nach Europa und in die USA.

Im Gesundheitssystem führt das zu extremen Problemen. Teilweise wird traditioneller Medizin vertraut. Teilweise ist hier aber auch schon Wissen verloren. Es gibt in den Dörfern noch viel Wissen über Heilkräfte von Pflanzen, welche Baumrinde gegen welche Beschwerde genutzt werden kann und welche Hausmittel für welche Krankheit gut sind. Gleichzeitig wird manchmal der Schulmedizin blind vertraut, ohne dass ausreichend Wissen in der Gesellschaft vorhanden ist. So gilt ganz klar, eine Infusion ist immer besser als eine Tablette und Antibiotika hilft immer. Bei jedem Husten wird auf Antibiotika zurückgegriffen und zugleich werden Pilzsalben bei Wurmerkrankungen verschrieben und angewendet. Ob ein starkes Antibiotikum für einen Säugling sinnvoll ist und ob eine Mutter und ihr Sohn, die sich die ganze Nacht übergeben haben, tatsächlich fünf verschiedene Medikamente benötigen (darunter natürlich wieder Antibiotika) wird nicht wirklich hinterfragt. Auch die Devise viel hilft viel findet oft Anwendung. Bei Erkältung hilft Ingwer und Limette mit Honig ja erst mal ganz gut, da muss es nicht gleich eine Infusion mit Malaria- und Typhusmedikamenten sein. In meiner Wahrnehmung ist es der Unwissenheit geschuldet. Aber zu einem Teil auch dem unbegrenzten Glauben, dass eine Tablette oder Infusion immer besser sind als natürliche, traditionelle Mittel.

Ich versuche mich hier dem nationalen Trend zu wiedersetzen und sitze gerade mit Limetten-Kräutertee am Balkon. Ich kränkel etwas. Late-rainy-Season-Erkältung… Deshalb ist auch der Text heute vielleicht etwas wirr und grammatikalisch noch herausfordernder als sonst 😉

Das Schulsystem wurde gefühlt seit der Unabhängigkeit nicht mehr revolutioniert. So herrschen noch Frontalunterricht und Prügelstrafe, wie in Europa in den 50er und 60er Jahren. Kinder lernen teilweise im Kindergarten das ABC, können hervorragend englisch Wörter buchstabieren, aber sich keine neuen Wörter erschließen, da es um Auswendiglernen und Vortragen geht und nicht darum, Wissen zu erlangen und es anzuwenden. Dabei sind hier zugleich alle Menschen groß darin, Probleme mit wenigen Mitteln zu lösen. Es ist ein einziges Paradox.

Schullektüre ist oft auch noch an den britischen Unterricht angepasst, sodass es kaum Geschichten aus der eigenen Kultur und der eigenen erlebten Umwelt gibt, zur Identifikation. Ich lese Geschichten aus Sierra Leone jetzt, da ich das Land kenne ganz anders. Es war schon für uns manchmal schwer, deutsche Klassiker zu lesen. Es wäre interessant zu wissen, welche Bilder in den Köpfen von Sierra Leonischen Schulklassen entstehen, wenn sie englische Klassiker lesen.

Es ist Zeit für echte Dekolonialisierung – auch im Umweltschutz!

Letzte Woche war ich auf der Climate Change Conference als Vertreterin meiner Organisation. Dort hat ein Professor der Uni einen sehr guten Vortrag gehalten zum Climate Change aber auch zum Thema lokale Lösungen. Ja, es war etwas unangenehm, als er gesagt hat, wir – also die Menschen in Sierra Leone – sollten aufhören, immer nur nach Westen zu schauen und von dort Lösungen zu erhoffen und zu machen was die ganzen internationalen Organisationen ihnen sagen (ich war die einzige weiße Person im Raum), aber ich habe ihm aus ganzem Herzen Recht gegeben. Er meinte, wir müssen endlich die Dekolonialisierung auf die ganze Gesellschaft übertragen, auf die Schulbildung, traditionelles Wissen und auch Klimaschutz. Es gibt schon immer traditionelle Wege, Natur und Pflanzen zu schützen. Es gibt in jeder Gesellschaft Regeln für die Jagd, für Landwirtschaft, für die Nutzung des Waldes – wir müssen uns ihrer nur wieder besinnen und sie in die aktuelle Zeit und unsere heutige Situation übersetzen. So ein kritisches Denken gibt es nicht oft. Und natürlich, er ist Prof hier in Sierra Leone aber auch in den USA. Und das ist das Traurige an der Geschichte. Die Menschen aus der Diaspora bringen diese kritischen Ideen mit. Auch sie kommen also aus dem Westen… Wieso ist das so?

Der Prof auf jeden Fall kommt aus Kabala und baut dort ein Bildungszentrum auf mit einer dekolonialisierten Bibliothek und möchte traditionelles Wissen sammeln, bewahren und wieder stärken. Ich finde das sehr spannend und hoffe, ich kann bei meinem nächsten Kabala-Trip da vorbeischauen.

Wenn man sich zum Beispiel die traditionellen Fischfallen anschaut, sie fangen nur die größeren Fische, die kleinen kommen wieder raus. Die Fischernetze haben auch ziemlich große Maschen. So ist eigentlich sichergestellt, dass nicht überfischt wird und der Nachwuchs nicht direkt mitgefangen wird. Das Problem der Überfischung und des vielen Beifangs kommt erst mit den großen industriellen Trawlern und den engmaschigen Netzen, die teilweise als Geisternetze im Meer herumschwimmen.

Ein Literaturabend in Freetown – endlich treffe ich Ishmael Beah

Das gleiche Thema kam unerwarteterweise direkt zwei Tage später bei einem Literaturabend nochmal auf. Veranstaltet wurde der Abend letzte Woche Mittwoch von der Aurora Foundation, eine isländische NGO, die hier tätig ist und der Grund dafür ist, dass ich seit meiner Ankunft in Sierra Leone mehr Isländerinnen kennengelernt habe als in meinem ganzen Leben zuvor.

Aurora hat auf jeden Fall einen Abend mit meet and greet veranstaltet mit Ishmael Beah, einer der bekanntesten Autoren aus Sierra Leone weltweit, und Maria Bradford einer passionierten Köchin und Herausgeberin des Kochbuches „Sweet Salone“. Ich bin natürlich wegen Ishmael Beah hingegangen. Schon bevor ich nach Sierra Leone bin, habe ich mich selbstverständlich, wie es in meiner Familie üblich ist, literarisch auf das neue Land vorbereitet. Da es nicht so viel Literatur von Sierra-Leonischen Schriftstellerinnen und Autoren gibt, habe ich gelesen, was wahrscheinlich fast jede liest, die Literatur aus und über Sierra Leone liest. Was „Blood Diamond“ für die Filmleute ist, ist „A long way gone“ für uns Lesebegeisterte. „A long way gone“ ist ein autobiographisches Buch in dem Ishmael Beah seine Erlebnisse als Kindersoldat während des Bürgerkrieges beschreibt. Ein sehr empfehlenswertes Buch. Insgesamt hat Beah noch zwei weitere Bücher veröffentlicht, die natürlich auch bei mir im Regal stehen. Eines habe ich noch nicht gelesen, aber es liegt schon neben mir. Ich werde heute noch anfangen. Nach dem Bürgerkrieg gab es von den USA ein Repatriation Programm für ehemalige Kindersoldaten, über dieses Programm ist Beah in die USA gekommen, und lebt seitdem dort. Er ist verheiratet und seine drei Kinder waren bei der Lesung dabei. Ich hätte sehr gerne ein paar Fragen gestellt, aber dachte, es wäre interessanter, in kleinerer Runde wirklich etwas darüber zu erfahren, wie es für ihn war, nach dem Krieg in die USA zu kommen, nach allem, was er erlebt hat. Er ist ein sehr sympathischer Typ, der gerne lacht und scherzt. Es ist sehr schön zu sehen, dass auch so schlimme Wunden, etwas heilen können und Menschen auch nach so schlimmen Erlebnissen glücklich sein können. Aber das ist hier nicht das Thema heute.

Der zweite Star des Abends war Maria Bradford, die ebenfalls in Sierra Leone geboren, mittlerweile in den UK lebt und von dort ihr Kochbuch mit sierra-leonischen Gerichten geschrieben und veröffentlich hat. Das Buch ist wunderschön, ich habe es natürlich erstanden. Ich hatte gehofft, gute Rezepte für lokale Produkte zu finden, leider ist auch viel Afro-fusion dabei mit Zutaten, die ich hier gar nicht bekomme. Aber ich werde trotzdem ein paar Sachen nachkochen. Und: es gibt auch Ziegengerichte! Weshalb das wichtig ist, erfahrt ihr in naher Zukunft…

Wie hängen nun diese beiden mit dem positiven Selbstbewusstsein zusammen? Ganz einfach. Ich habe direkt Marta, einer meiner Freundinnen hier, ins Ohr geflüstert, dass es ein bisschen schade ist, dass wir zu einem sierra-leonischen Literaturabend gehen, aber die Autorin aus London anreist und der Autor aus den USA. Sie sind beide hier geboren, aber sie sind beide im Ausland ausgebildet und stark geprägt worden. Sie kommen jedes Jahr für ein Wochen ins Land und dann wieder zurück in ihr schönes, bequemes Leben. Und interessanterweise haben sie beide genau das auch thematisiert. Dass sie nicht wären, wo sie heute sind, wenn sie hiergeblieben wären. Dass es hier keine Wertschätzung für Kunst gibt und keine Unterstützung für junge und begabte Menschen. Bestimmt haben sie recht. Was passiert denn mit Kindern hier, die eine musikalische Begabung haben? Wo werden sie entdeckt, wo gefördert? Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt Musikunterricht in den Schulen gibt. Oder Kunst. Als wir letztes Jahr den Malwettbewerb mit den Schulklassen gemacht haben, haben wir Stifte und Blätter zur Verfügung gestellt, weil sonst hätten die Kinder gar keine bunten Bilder malen können. Einfach weil sie keine Stifte und Blätter haben. Selbst wer gerne Gedichte oder Geschichten schreiben würde, braucht ja erstmal Blatt und Stift.

Welche Eltern in Deutschland machen schon einen Luftsprung, wenn das Kind sagt, es will später mit seinem Talent, egal ob mit Malerei, Musik, Schreiben oder auch Sport Geld verdienen? Aber wahrscheinlich können die meisten Kinder ihrer Leidenschaft zumindest im Kleinen nachgehen, sich ausprobieren und dann wenn sie älter sind, wirklich entscheiden, was sie machen möchten, ohne dass ihre Begeisterung schon im Keim erstickt wird.

Dass die bekanntesten Künstlerinnen und Künstler oftmals aus der Diaspora kommen, ist schade, aber vielleicht besser als gar keine Vorbilder aus Sierra Leone. Es gibt ein paar wirklich gute Künstlerinnen und Künstler, die malen. Schreiben ist natürlich nicht die No1 Ausdrucksweise hier, aber Geschichten, in denen sich Kinder und Jugendliche Wiederfinden, wären sehr wichtig für ihre selbstbewusste Entwicklung. Eine super Buchreihe dafür – besonders für Mädchen im Teenagealter – ist von Namina Forna „The Gilded Ones“. Sie ist auch als Neunjährige, während des Krieges in die USA, aber ich finde die Bücher sehr gut, es ist feministische Fantasy einer jungen Schriftstellerin aus Sierra Leone. Kann man sehr gut mal lesen.

Das schöne beim Lesen sind ja die Bilder, die im Kopf entstehen. Die Gefühle und Emotionen, die wir mit Wörtern verbinden. Es macht einen großen Unterschied, ob die Menschen im Buch Schnitzel essen oder casava leave. Ob ich dazu ein Bild im Kopf habe oder nur Fragezeichen. Zu wissen, wie ein Haus, eine Straße, ein Taxi aussehen in der Geschichte aussehen. Oder ein Dorf, Wald und die Gerüche, die damit verbunden sind.

Mich freut es deshalb gerade sehr, dass heute schon den ganzen Abend nicht wie sonst, nigerianischer Afro Pop von der Straße nach oben schallt, sondern alte sierra-leonische Lieder. Das mit dem nationalen positiven Selbstbewusstsein wird wohl noch etwas dauern. Im Ausland ist Sierra Leone ja immer noch für Bürgerkrieg und Blood Diamond bekannt. Irgendwie schafft es das Land nicht, mit seiner wundervollen Natur und den superfreundlichen Menschen bekannt zu werden.

Da ich echt etwas angeschlagen bin, heute kein langes Palaver. Aber ihr seht schon, Climate Change Conference, Literaturabend, vom Theater habe ich ja gar nichts erzählt, und was treibe ich sonst noch so? Ich gehe schön fleißig bouldern und habe tatsächlich letzte Woche fast die eine dunkelblaue geschafft 😉 am Sonntag war ich endlich mal wieder im Meer schwimmen und sonst bin ich eigentlich jeden Tag ganz gut beschäftigt nach der Arbeit.

Und hier noch mein Highlight: Ich habe das Communique stellvertretend für meine Organisation unterschrieben. Als ich das Foto gesehen habe, habe ich gleich an meinen Onkel in der roten Hose gedacht 😉 Ja, ich gehöre jetzt auch zu den Menschen, die rötliche Hosen zu offiziellen Anlässen tragen!

Und auch das Foto, das ich zu Beginn der Veranstaltung gemacht habe, finde ich sehr passend. Zum Thema Klima haben sie sich für Plastikblumen in Traueroptik entschieden 😬

Deutschland – was ist da los bei dir?

Ich sitze im schönen Hill View in Kabala, blicke in die Wara-Wara Mountains und finde endlich Zeit, mir von der Seele zu schreiben, was mich schon seit einiger Zeit beschäftigt. Selten habe ich mich so für meine Heimat geschämt wie in den letzten Wochen. Wenn ich Nachrichten aus Deutschland lese, möchte ich sofort das Phone aus der Hand legen und hoffen, dass das alles nicht so schlimm ist, wie es sich für mich liest. Was ist da nur los? Haben wir nichts gelernt aus unserer Geschichte?

Deutschland ist berühmt für Fleiß, BMW, Bayern München und Hitler. Bisher konnte ich das immer mit sehr viel Fassung tragen. Ja, die Deutschen haben zwei Weltkriege begonnen, furchtbare Gräueltaten vollbracht, mit deutscher Disziplin und Effizienz, aber das war alles früher. Das war nie meine Generation. Das war die Generation unserer Großeltern. Wir haben im Geschichtsunterricht gelernt, wie es dazukommen konnte, dass die NSDAP die Weimarer Republik aushöhlte und die Demokratie außer Kraft setzte. Wir haben gelernt, wie es möglich war, dass die breite Masse der Ideologie folgte. Aber wir haben doch auch gelernt, dass all das möglich war, weil die Mehrheit schwieg. Weil niemand auf die Straße ging, weil sich niemand vorstellen konnte, dass die Nazis wirklich machen würden, was sie angekündigt hatten. Und jetzt verschließen wir wieder Augen und Ohren vor dem was kommen wird? Ich bin fassungslos dieser Tage, wenn ich nach Deutschland blicke.

Wie kann es sein, dass „Klimakleber“, die fordern, dass die Regierung ihre eigenen Gesetze und ihre eigenen Zugeständnisse umsetzt, in Präventivhaft genommen werden, während Politikerinnen und Politiker Naziplattitüden über Twitter verbreiten, eindeutige Symbolik und verbotene Phrasen verwenden und nicht etwa abgestraft werden, sondern auch noch steigenden Zuspruch erleben? Wie kann es sein, dass Parteimitglieder, einer „demokratischen“ Partei, auf Twitter öffentlich davon reden, dass sie es machen werden die NSDAP, das System nutzen, um die Demokratie abzuschaffen, und die Leute sind wieder so dumm, sie zu wählen? Wieso geht da kein Aufschrei durch die Republik? Oder bekommen das wirklich so viele nicht mit? Oder ist es ihnen einfach egal? Es geht schlimmerweise ja nicht nur um die AFD. Der Vorsitzende der CDU verbreitet fake news über Menschen mit Mitgrationsgeschichte – und das nicht zum ersten Mal. Aiwanger hat sich ja auch sehr klar positioniert in den letzten Wochen. Und die CSU mit Söder, gehen sie auf Distanz? Zeigen sie klare Kante gegen rechts und rechte Propaganda? Nein. Was ist da los? Wissen es die Politiker selbst nicht besser? Falls die Führungspersonen von CSU und CDU wirklich denken es entspricht der Realität, was sie da von sich geben, sind sie nicht die richtigen für ihre Positionen, weil es schlicht und ergreifend nicht stimmt, was sie sagen. Hier geht es nicht um politische Meinungen, sondern um Fakten. Und falls sie wissen, dass sie Unwahrheiten verbreiten, dann sollten sie erst recht nicht in diesen Positionen sein. Anstatt gesellschaftsverbindend zu wirken und verschiedene Meinungen zusammenzuführen, was meines Erachtens die Aufgabe einer „Volkspartei“ wäre, spalten sie die Gesellschaft weiter und entscheiden sich dafür gegen die Grünen zu hetzen. Die Grünen, die versuchen, zu retten, was in den vorangegangenen Legislaturperioden vernachlässigt wurde. Nämlich Antworten auf die Klimakrise zu finden.

Wir sehen Überflutungen, Stürme, Dürre, Waldsterben, das größte Artensterben seit den Dinosauriern und und und. Und was machen wir? Die Grenzen dicht und den Ausbau erneuerbarer Energien bremsen. Das ist genau das, was es gerade braucht. Ganz große Klasse! Wenn wir weitermachen wie bisher, steigt der Meeresspiegel in den nächsten Jahrzehnten weiter. Oft verstehen wir nicht, was das bedeutet, aber: steigt der Meeresspiegel um einen halben Meter, stehen Teile Niedersachsens und Schleswig-Holsteins unter Wasser. Der durchschnittliche Temperaturunterschied zwischen heute und der letzten Eiszeit (als die Hälfte des Planeten nicht bewohnbar war), liegt nur bei 6°. Da kann man sich ja ausmalen, was passiert, wenn die Temperatur „nur“ um 2° steigt. Ziemlich viel nämlich… Aber heute soll es ja nicht ums Klima an sich gehen, sondern ums politische Klima in Deutschland.

Wann ging es Deutschland wohl am besten in den vergangenen Jahrzehnten? In der Zeit, in der wir dachten, wir machen besser alles alleine und schotten uns ab, oder in der Zeit, in der Europa wuchs und wir starke Partnerschaften aufbauten? Was wäre denn geworden aus dem Wirtschaftswunder ohne italienische Arbeitskräfte und später Menschen aus der Türkei, die unsere Wirtschaft mit aufgebaut haben? Nichts wäre geworden aus unserem wirtschaftlichen Aufstieg. Und jetzt denken wir, es wäre schlau, diese Menschen nicht hier zu haben? Glauben wir wirklich, dass der beste Weg nach vorne Abschottung ist?

Bisher konnte ich immer vor mir selbst rechtfertigen, dass sind nicht wir, das ist nicht meine Generation. Aber jetzt? Das was jetzt passiert, das sind wir. Wir sind diejenigen, die in wichtigen Positionen in Firmen sind, wir sind diejenigen, die Kinder großziehen und die Weichen für die Zukunft legen. Wir können uns jetzt nicht mehr herausreden. Und offensichtlich verkacken wir es auf sehr vielen Ebenen. Rassismus und Ausländerhass nehmen zu, Lösungen für die Klimakrise sind noch nicht in greifbarer Nähe und wir diskutieren über Grenzkontrollen, Gendersprache und nicht abgeschobene Geflüchtete. Hat sich jemand mal die offiziellen Zahlen angeschaut? Die Anzahl derjenigen, die wirklich abgeschoben werden können und die Abschiebung nicht durchgesetzt wird, ist so schwindend gering, dass es für mich schon fraglich ist, ob sich der finanzielle Aufwand und die Medienaufmerksamkeit überhaupt lohnen. Ich will hier nichts schön malen. Klar, Integration ist schwierig, Integration braucht Zeit und kostet Geld, aber ohne Integration wird es nicht gehen und ohne Migration von Menschen aus anderen Ländern auch nicht. Wieso werde ich hier als Expat gefeiert und wenn Menschen aus Afrika zum Arbeiten nach Deutschland gehen, sind es Arbeitsmigraten und – migratinnen? Was bin ich denn anderes? Was ist das für eine verschobene Wahrnehmung der Realität?

Die Welt war noch nie so vernetzt wie heute. Noch nie war es so leicht in Kontakt zu kommen und zu bleiben, Informationen auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und über weite Distanzen zusammenzuarbeiten. Warum schaffen wir es nicht, das Positive daraus stärker auszuschöpfen und einen guten gemeinsamen Weg zu finden? Wir denken, wir leben jetzt in schwierigen Zeiten? Die schwierigen Zeiten liegen noch vor uns. Der Meeresspiegel steigt, das Klima ändert sich schneller als gedacht, die Ressourcenverteilung wird noch kritischer werden. Das alles wird nur funktionieren, wenn Länder sich zusammenschließen und gemeinsam agieren. Die Entwicklung in Deutschland und Europa, die ich von hier mitbekomme, ist aber eine vollkommen andere.

Vielleicht sieht das für mich auch extremer aus, aus der Distanz, als für euch. Aber wenn ich gerade auf Deutschland blicke, frage ich mich wirklich, ist das ein Land, in das ich zurückkehren möchte? Ich habe wirklich Bauchschmerzen, wenn ich an die Wahl in Bayern denke und würde am liebsten einfach Augen und Ohren davor verschließen. Ich finde es ganz tragisch, dass Populisten und Populistinnen mit ihrem Quatsch durchkommen und auch noch so viele Stimmen für ihren Nonsense bekommen. Ich würde so gerne hier berichten können, dass Deutschland aus seiner Geschichte gelernt hat und wir nicht die gleichen Fehler ein zweites Mal begehen. Dass wir ein aufgeklärtes Land sind und smarte Entscheidungen treffen. Aber ich fürchte, das Gegenteil wird der Fall sein.

Erst vorgestern war ich bei einem Paramount Chief, eine Stunde schlimmste dirtroad von Kabala entfernt, Kabala ist fünf Stunden von der Hauptstadt entfernt. In dem Ort, in dem der Paramount Chief lebt, gibt es keinen Strom, kein fließend Wasser, keinen Luxus dieser Art, aber er hält eine Rede über die technische Überlegenheit Deutschlands im weltweiten Vergleich und sagt am Ende „Unfortunatelly, they are a bit racist.“ Er wollte mich nicht angreifen und beleidigen, sagte er dann gleich, aber was konnte ich erwidern? Ich habe ihm geantwortet, I am not offended. He is speaking the truth. What can I say?

Und weil ich tatsächlich während meiner Meditation vor einigen Tagen meine Gedanken nicht von der politischen Entwicklung in Deutschland lösen konnte, und vermehrt Diskussionen über das Thema mit unterschiedlichen Leuten hatte, musste ich das hier jetzt endlich thematisieren. Ich mache mir Sorgen.

Wie der ganzen Frustration begegnen?

Ich habe über die Zeit hier viele coping mechanisms entwickelt, um mit Frustration umzugehen und meinen Kopf frei zu bekommen. Einer ist wandern in der Natur. Letztes Wochenende hatte ich das große Glück, mal wieder mit Hannah und Max unterwegs zu sein. Wir wollten den Camel Mountain in der Nähe von Makeni besteigen. Also haben wir auf Googlemaps geschaut, welches Dorf in der Nähe liegt, sind dorthin gefahren und haben gefragt, ob uns jemand den Weg hoch zeigen kann. Also sind wir mit ein paar Jungs und Machete bewaffnet los. Es ging durch Palmöl-Plantagen, über Reisfelder, durch eine Chashewfarm, durch unglaublich hohes Elefantengras und eine Felsspalte. Am Ende mussten wir dennoch umkehren, bevor wir den Gipfel erreicht hatten, da zu viele Dornengewächse unseren Weg versperrten. Die Regenzeit ist eben keine Wanderzeit 😉 Es war trotzdem schön.

Für euch nun ein paar Eindrücke von unserer Wanderung. Auf das wir das Schöne nicht vergessen, all dem Frust zum Trotz, durch den wir gehen müssen.

Erst alles ruhig und dann die erste schlimme Meldung

Nachdem ihr lange nichts von mir gehört habt, nun direkt die geballte Ladung. Ich bin heute im Homeoffice, weil landesweite Proteste gegen die erhöhten Lebenshaltungskosten angekündigt waren und nicht klar war, wie sich diese entwickeln werden. Eigentlich hatte ich gehofft, es bleibt ruhig und ich kann mich dem Thema Klimakrise widmen, aber jetzt kam eben die Meldung rein, dass es den ersten Toten gab.

Die gleiche Person, die letztes Jahr zu den Aufständen am 10. August aufgerufen hatte, hat wieder zu Unruhen aufgerufen. Seit letzter Woche gab es Diskussionen, wie es dieses Mal ausgehen würde. Im August dieses Jahres ist niemand dem Aufruf zu Protesten gefolgt und es blieb ruhig. Wir hatten gehofft, es bleibt auch heute ruhig.

Militärpräsenz in der ganzen Stadt

Seit zwei, drei Tagen ist schon vermehrt Militärpräsenz in der Stadt und den Zufahrstraßen gewesen. Als Hannah (meine Freundin aus Bo) gestern Abend gegen 22h zu mir gefahren ist, wurde sie – wie alle anderen Autos auch – von Militär kontrolliert, musste alle Taschen aufmachen und das ganze Auto wurde durchsucht. Normalerweise gibt es diese Checkpoints immer, aber gerade unsere NGO-Autos werden normalerweise durchgewunken, private Wagen werden manchmal angehalten, dann quatscht man kurz, gibt vielleicht etwas Geld und dann geht es weiter. Eine richtige Kontrolle habe ich noch nie erlebt.

Und auf einmal wird doch scharf geschossen

Vorsichtshalber sind wir heute alle im Homeoffice. Läden, Banken und Geschäfte haben zu, weil niemand einschätzen konnte, wie sich die Stimmung entwickelt. Heute Morgen kamen über die sozialen Medien in verschiedenen Gruppen Informationen, dass es eigentlich in allen Vierteln ruhig war. Wir dachten schon, alles ist gut. Aber dann gegen Mittag kamen auf einmal die ersten Berichte von Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Zivilbevölkerung. Es wurde gewarnt, dass Polizei und Militär scharfe Munition haben (keine Gummigeschosse) und sie vorbereitet sind, jede Person, die an illegalen Protesten teilnimmt zur Verantwortung zu ziehen. Der Ton vorab war schon sehr hart. Dann kamen erste Meldungen, dass in manchen Viertel Tränengas zum Einsatz kam, bei dem Auto einer Organisation wurde die Scheibe eingeschlagen, als sie durch eine Barrikade von Protestierenden fahren wollten, und eben kam die Meldung, dass es einen bestätigten Toten gibt. In der Meldung hieß es, ein Geschäftsmann, der zu seinem Laden wollte und der von einer Kugel getroffen wurde.

Eben wurde noch ein Video geschickt auf dem die Schüsse zu hören sind und man an einigen Stellen zwischen Häusern Rauch und Tränengas sieht. Ich spüre richtige Beklemmung in der Brust, wissend, dass den Menschen nicht die Möglichkeit für Proteste gegeben wird, aber auch, weil viele friedliche Proteste nicht kennen. Proteste sind hier meist gewalttätig. Vor allem nun, wo die Verzweiflung der Menschen wächst und das tägliche Überleben schwerer ist als noch vor wenigen Jahren.

Wenn eine Zwiebel 44€ kostet

Es gibt einige Gründe für die Menschen, zu demonstrieren. Viele sind wütend über die geklaute Wahl. Aber das alleine hätte wahrscheinlich niemanden auf die Straße gebracht. Die Regierung hat ziemlich viele Schulden nach der Wahl, sie konnten mal wieder das türkische Stromschiff nicht bezahlen (weshalb wir kaum Strom haben zurzeit), Lehrkräfte, Angestellte im öffentlichen Dienst u.ä. haben schon länger kein Gehalt mehr bekommen. Marktfrauen werden von den Straßen vertrieben und festgesetzt, bis sie sich freikaufen – sie verdienen allerdings das kleine aber wichtige Einkommen für ihre Familien. Gleichzeitig wurde der Benzinpreis in den letzten Wochen extrem schnell erhöht. Im Juni kostet ein Liter noch 21,5 Leones, dann nach den Wahlen wurde der Preis auf 25 erhöht und vor Kurzem auf 30. Es gibt Gerüchte, dass der Preis auf 36 oder 38 Leones pro Liter erhöht werden soll. Über die Benzinpreise will die Regierung angeblich Geld einnehmen, um Schulden zu begleichen. Durch die hohen Benzinpreise ist alles teurer und man muss jetzt noch öfter „extra“ Geld bezahlen, wenn man Standarddienstleistungen haben möchte. Es gibt auch mehr Menschen auf der Straße, die betteln.

Vor ein paar Wochen wurden die Zwiebeln auf einmal so teuer, dass es über memes gab, New Salone Diamant und ein Foto einer Gartenzwiebel. Teilweise hat eine Zwiebel dann 20 Leones gekostet. Meine Kollegin hat überlegt, wie und was sie ohne Zwiebel kochen kann. Das ist ziemlich problematisch. Ich bin keine Ernährungswissenschaftlerin, aber aus meiner Sicht ist die Ernährung hier eh oft schon sehr einseitig: Reis, Casava leave, dried fish (wenn man Glück hat). Jedes Nahrungsmittel weniger heißt auch weniger Nährstoffe, weniger Abwechslung in der Kost, höhere Gefahr von Mangelernährung.

Um es besser einschätzen zu können: der Mindestlohn liegt meines Wissens aktuell bei 600 oder 700 Leones. Nehmen wir mal den höheren Betrag von 700 NLe. Ich hoffe, ich habe richtig Prozentgerechnet, aber falls ich richtig liege, wäre es in Relation zum Mindestlohn in Deutschland (ich habe auf die Schnelle eine Zahl von 2020 gefunden 😉: 1584€) zum Beispiel so, als würde in Deutschland ein Liter Benzin rund 68€ kosten. Ein Liter Benzin ist äquivalent zu 4% des Monatseinkommens. Und eine Zwiebel 44€. Absoluter Irrsinn! Gerne kann das bitte jemand mit besseren Matheskills nachrechnen und korrigieren.

Hoffentlich nur eine Ein-Tages-Aktion

Das ist nur ein Teil der krassen Nachrichten, die es auch gibt, neben allen kleinen Erfolgen. Ich möchte euch aber nicht zu sehr mit den Defiziten hier überschwemmen heute. Die Ausschreitungen, die Verletzten und der hoffentlich einzige Tote, sind genug, denke ich. Nicht zu vergessen, dass alle, die heute ihre Verkaufsstände nicht geöffnet haben, heute auch nichts verdient haben. Ich hoffe, dass nicht zu viele Menschen heute den Tag ohne Essen verbringen müssen und hoffentlich ist es morgen wieder vorbei. Es gab Meldungen über 1-tägige, 2-tägige und 3-tägige Proteste. Let´s hope ist over today!

Ich persönlich sitze mal wieder hier in meinem Elfenbeinturm. Die Schüsse und das Tränengas kamen bisher ziemlich weit weg am anderen Ende der Stadt zum Einsatz. Angeblich gab es zwar auch vorne auf der Aberdeen Road (das ist in meinem Viertel, mein Viertel heißt Aberdeen), einen kurzen Zwischenfall, der aber anscheinend sofort von Sicherheitspersonal gestoppt wurde. Was auch immer das heißt? Hannah und Max sind seit gestern wieder bei mir zu Besuch, sie sind gerade unterwegs, Besorgungen wegen Arbeit machen. Ich bin gespannt, was sie berichten, wenn sie zurück sind.

Ein Balkon im Wandel oder Katzeklo, Katzeklo…

Wenn ich schon nicht über Klimakrise und African Climate Summit berichtet habe heute, so will ich euch wenigstens die Fotos von meinem Balkon nicht vorenthalten. Vielleicht erinnert ihr euch, dass ich Anfang des Jahres ganz freudig berichtet habe, nun endlich meinen kleinen Garten am Hinterausgang zu starten. Ich habe mir eine neue Pflanzbox besorgt, neue Erde beschafft und Salat, Rucola und Karotten angepflanzt. Ganz glücklich war ich, als nach Kurzem schon die ersten zarten Pflänzchen aus der Erde kamen. Leider war die Freude nur von kurzer Dauer. Auf einmal hat irgendjemand immer Erde über meine Pflänzchen gehäuft. Ich war wirklich irritiert und verwundert. Wer würde so etwas machen? Bis ich die Nachbarskatze ab und an sah. Da ging mir ein Licht auf. Ich habe ihr ein Premium Katzenklo mit 1A view hingestellt. Also hieß es, das ganze wieder Retour und nun steht der Pflanzkasten wieder am Küchenbalkon. Die Katze musste sich leider eine neue Toilette suchen. Anfang Mai habe ich die Kiste wieder bepflanzt – also kurz vor der Regenzeit, und nun seht ihr, was die Regenzeit mit Lemongras macht. Sie verwandelt meinen Balkon jedes Jahr in einen kleinen Dschungel 😊

Eben, als ich schon veröffentlich hatte, kam diese Nachricht über eine meine Gruppen: „Life bullets, tear gas, 2 men confirmed dead by Gun shots at pwd 5 in Moyiba – saw this reported“ – Auch wenn ich euch keine negative Stimmung bescheren möchte, leider geht der Tag für uns hier traurig und wahrscheinlich mit einem weiteren Trauma zu Ende.

Nachtrag, 15.9.2023:

Kleiner Nachtrag, da einige nachfragen, wie die Situation jetzt ist. Seit Dienstag ist alles oberflächlich wieder ruhig, Läden und Büros sind wieder geöffnet und alles scheint seinen normalen Gang zu gehen.

Heute mal: Erfolge über Erfolge

Heute mal weniger Gejammer und mehr Erfolge! Tut ja auch mal gut.

Mein erster Erfolg wäre, wenn dieser Artikel tatsächlich fertig und publiziert werden würde. Schon wieder gibt es einige Artikel-Bruchstücke auf meinem Desktop, die es nie ins worldwideweb schaffen werden. Acht Wochen bin ich nun wieder in Salone und hier herrschte Schweigen. Ich versuche nun ganz schnell zu tippen, um sicherzustellen, dass es dieses Mal klappt und ihr wirklich mal wieder von mir lesen könnt.

Wie gesagt, heute will ich einmal ein bisschen Fokus auf kleine und größere Erfolge richten. Zu oft sehen wir nur, was gerade schwierig ist, dabei läuft eigentlich sehr viel gerade ganz gut. Okay, die Regierung hat mal wieder das türkische Stromschiff nicht bezahlt, weshalb wir mal wieder kaum Storm haben, aber hey, gestern war lange genug Strom da, um endlich mal wieder die Waschmaschine laufen zu lassen! Perfect!

Kein Home für Kakerlaken

Meine größte Erleichterung, seitdem ich zurückgekommen bin, ist allerdings eine andere: ich habe den Kampf gegen die Kakerlaken gewonnen! Wochenlang hatten kleine Schaben meine Wohnung ihr Eigen genannt und haben sich hier ausgetobt und vergnügt. Leider musste ich dem Ganzen ein Ende setzen. Seit sieben Wochen ist meine Wohnung wieder Kakerlaken-frei. Es ist ganz und gar wundervoll. Wer noch nie eine Kakerlaken-Plage zuhause hatte, kann sich gar nicht vorstellen, wie schön es ist, niemanden anzutreffen, wenn man die Küche betritt 😉

„We for Nature. Nature for Us.” – Documentaries sind endlich online

Lange, lange hat es gedauert, aber jetzt sind tatsächlich alle vier Filmchen fertig, die ich letztes Jahr mit einem Filmteam gedreht habe. Wie alles hier, hat es einige Monate länger gedauert, als zuerst geplant. Nun sind die Filme endlich fertig – auch wenn nicht alles so ist, wie ich es haben wollte, egal. Hauptsache fertig.

Die Hauptsprache ist Krio, aber es gibt englische Untertitel. Die Filme zeigen vier der KBAs (Key Biodiversity Areas), in denen wir arbeiten, was wir dort machen und welche challenges es gibt. Wer sich also für die Arbeit meiner Organisation interessiert, bekommt hier einen ganz guten Eindruck. Und um es euch ganz einfach zu machen, hier direkt die Videos 🙂

Es ist auch ganz cool, wenn ihr die Videos anschaut, weil dann seht ihr direkt, wo und wie ich so unterwegs bin, wenn ich hier von den verschieden Orten berichte. Zwei weitere Videos sind gerade noch in der Mache. Während ich im Juni/Juli in Europa war, hat mein Kollege zwei weitere KBAs mit einem Kamerateam besucht.

Birdie K – on her way

Es gibt auch wieder spannende Geschichten aus der Vogelwelt zu berichten 😉 So hatte ich zum Beispiel meinen ersten großen internationalen Auftritt auf der African Bird Fair, die im Juli in Südafrika stattfand. Leider, leider war es kein Präsenzauftritt, sondern nur eine Präsentation während eines Webinars. Ich bin also nicht nach Südafrika gereist. Seit März bin ich Teil der fünfköpfigen Advocacy-Task-Force von BirdLife International Africa. Wir haben als Gruppe die Möglichkeit bekommen, unsere Arbeit im Rahmen eines Webinars vorzustellen. Es haben mehrere hundert Leute weltweit zugeschaut und es gab auch einige super Kommentare. Witzigerweise haben sie mich nicht nach einem Foto gefragt, sondern das von meinem LinkedIn Profil genommen. Ich konnte meine Organisation vorstellen, die challenges, die wir hier haben und auch ein paar Erfolge aufzeigen.

Aber nicht genug! Auf einmal wird mein Name bekannter im kleinen Sierra Leone – Universe. So habe ich bei einem dreitätigen Workshop zur Entwicklung einer Climate-Advocacy-Strategy, den eine andere lokale NGO organisiert hat (Green Scenery), teilgenommen und habe festgestellt, dass ich mittlerweile auf ziemliches Fachwissen zurückgreifen kann und sehr gute Beiträge leisten kann. Das hört sich jetzt zwar etwas nach Eigenlob ab, aber mich hat es wirklich glücklich gemacht, zu merken, dass ich in der Lage bin, konstruktive Beiträge zu leisten und die Situation vor Ort mittlerweile teilweise besser kenne, als einige andere, die schon länger im Land sind, einfach weil ich relativ viel herumkomme. So wurde ich nun direkt wieder für einen Workshop angefragt. Gestern habe ich eine Whatsapp bekommen, mit der Einladung zum „Sand and Sustainability Workshop“ in zwei Wochen. Es hat zwar zwei Jahre gedauert, aber nun werde ich tatsächlich als Knowledge source eingeladen. Mega.

Noch mehr Vögel: Mit etwas Glück, starte ich Ende September zu meiner nächsten Vögel-Zahl-Aktion. Dieses Mal werden Geier gezählt. Ich freue mich schon riesig. Ich habe mich für das Team in Kabala gemeldet, im Norden. Da muss ich eh hin, weil ich mit den Kollegen etwas erarbeiten möchte und wenn es gut läuft, kann ich nebenbei noch Geier zählen. Letzten Samstag war ja erst „International Vulture Awareness Day“. Da passt das thematisch hervorragend. Und hier gleich mal für euch, mein Geierposter:

Capacity Building – next chapter

Puh! Eine meiner Aufgaben hier ist es, Wissen weiterzugeben, so dass einige der Dinge, die ich starte und einführe auch fortgeführt werden. Ich schwanke immer zwischen super motiviert und absolut resigniert, was den knowledge transfer angeht. Aber nun bin ich gerade dabei, wieder mit neuer Energie einen neuen Versuch zu starten. Mal schauen, ob es dieses Mal klappt. Ich habe irgendwo gelesen, dass Veränderung und neue Gewohnheiten normalerweise 8-10 Wochen brauchen, bis sie verinnerlicht sind. Ich habe also bisher einfach immer nicht lange genug durchgehalten. Jetzt versuche ich es mit diesen 8 Wochen im Hinterkopf. Mal schauen, was ich dann im November berichten kann 😉

Es geht auch nicht um crasse Sachen. Ich versuche einfach nochmal ein „Shared Filed System“ einzuführen – das hört sich jetzt crasser an, als es ist. Es geht einfach nur um google-drive. Außerdem will ich nächste Woche einen kleinen Input zum Erstellen und Bearbeiten von PDFs geben, und meinen Kommunikationskollegen (soweit wir denn endlich mal zusammen im Büro sind) nochmal ein paar Website und Layout Schulungen geben. Natürlich alles immer mit ganz viel Follow-up 😉 Ich habe gerade zumindest das Gefühl, dass die Kolleginnen und Kollegen Interesse haben und die neugelernten Fähigkeiten auch nutzen möchten. Das ist für mich schon ein Grund zur Freude.

Ihr merkt, langsam hört es sich wieder nach Stress an. Deshalb komme ich auch nicht wirklich dazu, euch mit Blogartikeln zu versorgen. Wenn ihr jetzt noch wüsstet, was neben der Arbeit alles los ist… Time no dae! Time no dae!

Nur Erfolge?

Zwei der drei Projekte, die ich eigentlich bis Anfang Juni abgeschlossen haben wollte, sind immer noch unverändert bei ihren 90%. Also nach wie vor, fast fertig, aber die letzten 10% sind einfach die anstrengendsten und nach wie vor bleiben Sachen einfach hängen, wenn meine Kollegen keine Zeit finden, für Feedback und für den letzten finalen Schritt. Ich habe zum Beispiel aus dem Mangrove Reforestation Report von meinem einen Kollegen eine schöne Case-Study gelayoutet, die seit dreieinhalb Wochen auf das finale go wartet, damit ich sie endlich publizieren kann.

Geduld, Geduld, Follow-Up und Atemübungen sind das Gebot der Stunden. Und siehe da: ich bleibe tatsächlich ruhig. Ich ärgere mich nicht, weder über mich noch über meine Kollegen. Wenn das mal kein Erfolg ist, obwohl kein Projektabschluss vorzuweisen ist. Vielleicht setzt nach über zwei Jahren doch mal ein Lernprozess ein. Auch das werde ich weiter beobachten.

Für heute schließe ich hier nun ab. Mein nächstes Zoom-Meeting steht schon an. Euch wünsche ich wunderschöne Spätsommertage.

Aw di election

Viel zu lange war es still hier auf meinem Blog. Viel zu viel ist passiert und ich musste erst einmal wieder alles in meinem Kopf sortieren, bevor ich in der Lage war, es auch schriftlich in Worte zu fassen. Da einige Leute nachgefragt haben, wie denn nun die Wahlen verlaufen seien, heute erst einmal ein kleiner Rückblick auf die Wahlen und die Tage danach.

Ich selbst war während der Wahlen nicht in Sierra Leone. Deshalb ist es auch etwas schwierig für mich, wirklich zu sagen, wie sie verlaufen sind. Ich muss auf Informationen zurückgreifen, die entweder subjektive Wahrnehmungen von anderen sind, Nachrichten aus social media oder Presseartikel und die reports von der EU-Wahlbeobachtungskomission und einer nationalen neutralen Wahlbeobachtungsgruppe, die sich aus Mitgliedern der Zivilgesellschaft zusammensetzte. Diese letztgenannte wurde von einem Partner des CPS-Netzwerkes geleitet, Churches Council of Sierra Leone, CCSL, so dass auch Kollegen von mir Wahlbeobachter waren. Oft gibt es jede story in verschiedenen Versionen, aber das kennt ihr ja mittlerweile schon aus meinen Berichten.

Die Wahlen verliefen relativ ruhig

Die Wahlen verliefen ruhiger als von einigen erwartet. Das ist die positive Meldung. Trotzdem gab es gewalttätige Auseinandersetzungen und auch Tote. Ich habe ein bisschen meine Schwierigkeiten damit, wenn Leute, die nicht von hier sind, sagen „Die Wahlen verliefen ja echt ganz ruhig.“ Es gab keine Volksaufstände und es ist auch kein Bürgerkrieg ausgebrochen. Es gab keine Ausgangssperre, aber die Tage nach den Wahlen waren dennoch angespannt, Leute sind eher zuhause geblieben und haben abgewartet, was passiert. Es gab einen großen Polizeieinsatz beim Büro der Opposition in Freetown mit Einsatz von Feuerwaffen und Tränengas. All dies wäre im deutschen Kontext alles andere als ruhig. Und auch hier möchte ich nicht sagen, dass es ruhig war. Alleine die konstante Anspannung der Menschen, die Ungewissheit, ob etwas passiert oder nicht, die Verunsicherung, was vor sich geht und welcher Quelle zu trauen ist, all das macht etwas mit den Menschen. Es gibt einfach kein Grundvertrauen, dass alles gut wird.

Was sagt die Wahlbeobachtung

Sowohl die EU als auch die nationalen Wahlbeobachtung der Zivilgesellschaft (National Election Watch – NEW) sahen das Ergebnis nicht so eindeutig, wie es die Electoral Comission of Sierra Leone (ECSL) veröffentlich hat. Die ersten veröffentlichten Zahlen zeigten noch ein knappes Rennen, die zweiten dann einen eindeutigen Sieg des amtierenden Präsidenten. Die EU hat direkt vier Tage nach der Wahl die ECSL aufgefordert, alle Zahlen zu veröffentlichen. Eigentlich sollen alle Ergebnisse je Wahlbüro veröffentlicht werden, dies ist bis jetzt nicht geschehen. Es gibt offiziell nur eine sehr geringe Anzahl an ungültig abgegeben Stimmen (0,4%), was sehr ungewöhnlich ist. Laut anderen Wahlbeobachtungen liegt diese Zahl bei rund 5%. Einige Leute sagen, dies sind genau die Prozent, die dem Präsidenten zugeschlagen wurden und somit erreichte er die nötigen Stimmen für seine Wiederwahl. Ohne die Veröffentlichung aller Zahlen ist es dies aber schwer zu belegen oder zu widerlegen.

Eine weitere Beobachtung von NEW bezieht auf die Teilnahme an den zugleich stattgefunden Parlamentswahlen. Es wurde gleichzeitig über den Präsidenten abgestimmt und ein neues Parlament gewählt. Es ist seltsam aus Sicht von NEW, dass es unterschiedliche Teilnahme an beiden Wahlen in höheren Prozentbereichen gibt, obwohl die Wahlen ja zeitgleich stattfanden. In einigen Distrikten gab es viel weniger Stimmen bei den Parlamentswahlen, denn bei der Präsidentschaftswahl. Das scheint ungewöhnlich zu sein. Das war hauptsächlich der Fall in Distrikten, in denen die Opposition viele Stimmen bei der Parlamentswahl gewonnen hat. In Distrikten, in denen die Regierungspartei stark ist, gab es teilweise mehr Stimmabgabe für die Präsidentschaftswahl als für die Parlamentswahl.

Neutrale Wahlbeobachter gehen davon aus, dass es eine Stichwahl hätte geben müssen. Die Unklarheiten der Zahlen legen nahe, dass es im ersten Wahlgang eigentlich keinen klaren Sieger gab.

EU und USA haben den offiziell wiedergewählten Präsidenten und seine Regierung sowie ECSL aufgefordert, alle Zahlen zu veröffentlichen, um die Unklarheiten zu beseitigen. Daraufhin haben die nationalen Sicherheitskräfte eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die internationale Gemeinschaft aufgerufen haben, sich nicht in landesinterna einzumischen und nicht Konflikte zu schüren. Die gefordereten (und gesetzlich festgelegten) Informationen sind bis heute noch nicht veröffentlicht worden, so dass es nun Diskussionen hinter verschlossen Türen gibt, wie damit umgegangen werden soll. Es ist relativ eindeutig, dass die Ergebnisse nicht ganz die Realität widerspiegeln. Wenn dies ohne Konsequenz akzeptiert wird, kann es ein Zeichen für andere Regierungen weltweit sein, dass Wahlbetrug nicht bestraft wird. Zugleich wollen internationale Partner nicht jahrelang aufgebaute Partnerschaften und gemeinsame Projekte riskieren. Eine schwierige Situation.

Die Stimmung nach den Wahlen

Wie oben schon angedeutet, waren die meisten Menschen nach den Wahlen erst einmal im Abwartemodus. Läden blieben teilweise geschlossen, das soziale Leben war auf ein Minimum heruntergefahren, die meisten gingen nur außer Haus, wenn es unbedingt nötig war, auch Büros blieben größtenteils geschlossen. Alle warteten ab, wie die Opposition reagieren würde. In den Oppositionsgebieten gab es gewalttätige Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften, einige Menschen verloren ihr Leben. So viel zum „relativ ruhig“. Offiziell riefen alle Parteien dazu auf, friedlich zu bleiben und keine Gewalt anzuwenden. Dennoch weigert sich die Opposition ihren Regierungsauftrag anzunehmen und nahm nicht an der Sitzungseröffnung des Parlamentes teil. Bis jetzt weigert sich die Opposition die parlamentarische Arbeit aufzunehmen. Damit machen sie das Parlament handlungsunfähig, da laut Verfassung nicht eine Partei alleine die Parlamentsarbeit ausführen kann. Somit ist das Parlament vorerst lahmgelegt.

Am ersten Tag des neuen Parlamentes war ich schon wieder im Land. Und bin direkt wieder mal in eine Demonstration geraten. SLPP-Leute haben den Einzug ihrer Partei ins Parlament gefeiert bin lauter Musik, LKWs voller Boxen, tanzenden Leuten auf der Straße, so dass mein 15minütiger Weg mal wieder eine Stunde dauerte. Noch immer wird es kommentiert, wenn jemand etwas rotes oder grünes anhat. Viele junge Männer laufen mit grünen T-Shirts mit Wahlbotschaften herum, die verteilt wurden vor der Wahl, um Stimmung zu machen.

Viele Fragen bleiben offen

Abgesehen davon, ist allerdings anscheinend alles wie immer, als wäre nie etwas gewesen. Einerseits ist zwar unter der Oberfläche bei vielen Unmut zu spüren, wegen der geklauten Wahl. Zugleich sind alle froh, dass es keine größeren gewalttätigen Auseinandersetzungen gab. Eine Forderung der Opposition ist es, die Wahlen in sechs Monaten nachzuholen. Das ist aber schon aus finanziellen Gründen höchst unrealistisch. Für die meisten Menschen zählt aber hauptsächlich, den Alltag zu bewältigen. Das ist mein Eindruck. Wir haben eine Inflation von über 40%, Lebensmittel, die schon vor dem Krieg in der Ukraine hoch waren, haben sich in den letzten 1,5 Jahren teilweise verdreifacht, da geht es vielen Menschen um den täglichen Teller Reis und nicht unbedingt darum, wer sie in dieser Misere regiert. Gerade lese ich eine Meldung, dass drei kleine Zwiebeln nun 25 NLe kosten, also knapp einen Euro. Das führt dazu, dass Leute ihre Kochgewohnheiten anpassen müssen, weil Zwiebeln nun „nur noch für die Eliten bezahlbar“ sind. Zwiebeln ein Luxusgut. Eier sind es schon länger. Aber nun auch Zwiebeln. Verrückt.

Es bleibt also spannend, wie sich die Situation entwickeln wird. Ob es eine Einigung gibt und die Opposition ihre parlamentarische Arbeit aufnimmt, ob alle Zahlen veröffentlicht werden und welche Konsequenzen die internationale Gemeinschaft auf die Wahlen folgen lassen wird. Ich werde berichten…

The forest don go

Ich schreibe mal wieder aus Kenema, von der Terasse des Paloma Hotels. Morgen startet der zweite Workshop um unsere Kommunikationsstrategie hoffentlich fertigzustellen. Auch wenn sich mal wieder alles ins Unendliche verzögert hat in den letzten Wochen – wir hatten kaum Strom in Freetown, weshalb das Filmteam nicht wirklich an den Filmen weiterarbeiten konnte – höre ich nicht auf, zu hoffen, dass wir die Filme noch fertig bekommen, bevor ich mich im Juni in den Urlaub verabschiede.

Was machen die Häuser da in den Hügeln?

Ich war das letzte Mal im November hier in Kenema, um das Filmmaterial für unsere Filme über den Gola Rainforest und das Kambui Hills Forest Reserve zu drehen. Wer immer hier lebt, sieht es vielleicht nicht so cras, aber für mich, die immer nur alle paar Monate hier ist, ist es jedes Mal wieder schockierend. Ich bin erst seit zwei Jahren hier und ich sehe den Wald verschwinden. Ich höre mich schon an, wie eine alte Frau. Ich erinnere mich noch daran, als die Hügel alle voll bewaldet waren. Es geht mit erschreckender Geschwindigkeit voran. Und ich habe schon Angst, wie es wohl bei meinem nächsten Besuch aussehen wird. Wenn ich im Herbst wiederkomme, wieviel Wald wird dann noch da sein? Wie viele Bäume werden durch Häuser ersetzt worden sein?

Ich kann es kaum in Worte fassen, für die, die es nicht mit eigenen Augen gesehen haben. Bevor man die Stadt erreicht, erheben sich zu beiden Seiten der Straße Hügel, die eigentlich bewaldet waren. Eigentlich ist es ein Forest Reserve. Aber die Grenze und die sogenannte Bufferzone wird konstant neu definiert. Als ich das erste Mal hier war, haben mir meine Kollegen schon erklärt, dass in der früheren Bufferzone, einer der Minister, der aus Kenema stammt, eine neue Straße gebaut hat (die übrigens nach dem aktuellen Präsidenten benannt ist) und in dieser Straße ein Hotel mit Club und Restaurant gebaut hat. Deshalb ist die Bufferzone schon mal weiter in die Hügel gewichen.

Jetzt sehe ich, dass überall in den Hügeln, auf die ich schaue, während ich hier auf der Terasse sitze, Häuser entstanden sind in den letzten Monaten. Im Herbst war da noch Wald, jetzt ist es kahle Fläche und Bebauung. Noch schlimmer sieht es aus, wenn man in die Stadt einfährt. Der eine Hügel ist vollständig abgeholzt und offensichtlich hat der Regen der letzten Tage einen Erdrutsch verursacht. Eine riesengroße Narbe ist entstanden. Was eigentlich grün und bewaldet sein sollte, ist nun rote Erde. Der Korridor, der die Kambui Hills Süd und Nord verbindet, und der es Tieren ermöglicht hat, vom Südteil in den Norden zu wandern, ist vollständig verschwunden.

Demotivierend oder neue Motiviation?

Seit ein paar Jahren schon sind Kollegen von mir hier aktiv und versuchen mit den communities zu arbeiten, mit Regierungsbehörden und mit den lokalen Verwaltungsstrukturen, um das Forest Reserve zu bewahren. Offensichtlich ohne Erfolg. Wenn ich das sehe, würde ich am liebsten in den Flieger steigen und wegfliegen. Was für einen Sinn hat unsere Arbeit eigentlich? Oder vielleicht sollte es mich eher motivieren. Was müssen wir an unserer Arbeit ändern? Was müssen wir machen, um die letzten Reste des Waldes zu schützen? Es gibt hier Schimpansen, Schuppentiere, und einige bedrohte Vogelarten. Offensichtlich ist es den Menschen und vor allem den Entscheidungsträgern  egal. Verstehen sie echt die Zusammenhänge und die Bedeutung des Waldes nicht oder denken sie, er ist doch unendlich?

Dabei ist echt eine Wohltat, wenn man aus Freetown kommend, hier aus dem Auto steigt. Die Luft ist kühl, es ist schon fast kalt möchte ich behaupten. Ich ärgere mich, dass ich kein Jäckchen eingepackt habe. Zwischen den Hügeln dehnen sich die Reisfelder aus, aber für wie lange werden sie genug Wasser haben, um den Reis anzubauen, wenn der ganze Wald bald weg ist?

Wenn unsere Videos irgendwann mal fertig sind, werdet ihr sehen, was ich meine.

Die Sonne ist jetzt hinter den Hügeln untergegangen, so dass die scenery sich verändert hat. Nun sehe ich nicht mehr die entwaldeten Stellen, nur noch die Silhouette der Hügel. Ganz oben ist der Wald noch da, so dass es fast wie „früher“ aussieht.

Black Johnson Beach – außer Kopf schütteln bleibt uns nichts

Das Umweltschutz nichts für Schön-Wetter-Leute ist, war mich schon klar. Aber hier wird es mir sehr klar. Viel klarer als mir lieb ist. Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich vor ein paar Wochen über Black Johnson Beach geschrieben haben. Ein kleines Paradis in der Nähe von Freetown, das für einen irrwitzigen Fischereihafen zerstört werden soll. Irrwitzig, weil wer die Bucht kennt, sofort sieht, dass das Wasser nicht tief genug für große Thuna-Schiffe ist und dass die Pläne die gesamte Bucht verwandeln und zubetonieren würden. Die Machbarkeitsstudie wurde unter fragwürdigsten Bedingungen erstellt. Und nach wie vor liegt offensichtlich keine Lizenz für das chinesische Unternehmen vor, das die Pläne umsetzen sollen.

Heute morgen noch Schildkröten und am Nachmittag die schweren Maschinen

Heute morgen noch postete Jane (eine Britin, die seit vielen Jahren in Black Johnson wohnt), Videos von Meeresschildkröten, die in Black Johnson gerettet wurden. Nur wenige Stunden später postete sie Fotos und Videos von schweren Maschinen, die am Strand ankamen und dokumentierte, dass anscheinend irgendwelche Vorarbeiten begonnen haben.

Ich denke, wir verstehen alle, dass das Land Entwicklung braucht, dass Industrien aufgebaut werden müssen und natürlich muss es Kompromisse geben zwischen Mensch und Natur. Aber wenn es so offensichtlich wie hier in Black Johnson ist, dass es um Geld geht, weil der ausgewählte Ort selbst für Laien absolut ungünstig erscheint und außerdem das Gutachten nicht sauber erstellt wurde, dann ist das kein guter Kompromiss. Es ist eigentlich gar kein Kompromiss. Es ist viel mehr dumm und waghalsig. Als ich letztes Jahr bei der öffentlichen Anhörung war, habe ich mich zu Wort gemeldet und gefragt, ob denn untersucht wurde, welche Folgen für die Strände südlich von Black Johnson erwartet werden. Das sind die Strände, an denen es Tourismus gibt. Ich gehe davon aus, dass sie alle zerstört werden, durch dieses Großvorhaben. Die Strömungen, die Strände, die Ökosysteme, alles wird sich ändern.

Ich sehe schon, wie sehr sich Bureh Beach verändert, wegen des Sand minings, das am Nachbarstrand stattfindet. Was wird da erst ein riesiger Hafen anstellen, für dessen Schiffe Gräben ausgehoben werden müssen, der Abfälle produziert und mit Sicherheit die Wasserqualität nicht verbessern wird.

UN Decade for Restoration

Die UN hat die Dekade der Restoration von Ökosystemen ausgerufen. Aufforstungsprojekte auf der ganzen Welt werden gefördert und promoted. Diese Projekte schenken Hoffnung, aber sie sind vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wer weiß. Wenn wir aber die Hoffnung verlieren, können wir direkt einpacken. Deshalb haben wir gar keine Wahl, als an der Hoffnung festzuhalten.

Ich versuche, während ich euch schreibe, heimlich das Gespräch am Nebentisch zu verfolgen. Die drei Herren reden über den Regenwald. Da werde ich natürlich sofort neugierig und möchte wissen, für welche Organisation sie arbeiten und was sie hier machen. Der eine Herr ist anscheinend aus den Niederlanden, einer der anderen anscheinend aus Ghana oder Nigeria. Das habe ich nicht so gut gehört. Ich werde gleich mal versuchen, mich in deren Gespräch einzuklinken.

Deshalb überlasse ich euch nun euren Gedanken und empfehle euch, die Filme der Flagship Projekte für Restoration. Es ist ganz spannend, weil sie aus ganz unterschiedlichen Erdteilen kommen. Wir starten unser Restoration Projekt in der Yawri Bay dieses Jahr, vielleicht können wir dann auch etwas dazu beitragen, zerstörte Ökosysteme wieder aufzubauen.

Das sind nur ein paar Videos aus der Serie. Die ganze Serie könnt ihr euch online anschauen: https://www.decadeonrestoration.org/restore-films-frontiers-hope

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