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The only thing I want is peace! – Ein pre-election Bericht

Vorletzte Woche war mal wieder ein Lehrstück in Frustrationsmanagement in der Arbeit. Aber ich habe die Situation sehr gut gemeistert und mich einfach mal eingehend mit meiner Kollegin über ihre Wahrnehmung der aktuellen Situation bezüglich der Wahlen im Juni unterhalten. Ihr bekommt heute mal ganz viel Lesestoff zur pre-election-situation.

Ganz kurz nur: warum Frustrationsmanagement? Im letzten Beitrag habe ich ja geschrieben, dass einige Projekte vorwärts gehen. Naja, was soll ich sagen. Sie sind immer noch dabei, vorwärtszugehen, aber es gibt immer noch keine Ergebnisse. Da muss ich mich immer wieder selbst erinnern, dass ich mir selbst bis Anfang Juni Zeit gegeben habe. Also, alles noch im grünen-gelben Bereich.

Aber wie steht es eigentlich mit den Wahlen?

Die Wahlen und der Wahlkampf sind immerwährendes Thema seit einigen Wochen. Ich erinnere mich, dass ich schon im Februar mit einem Kollegen von Brot für die Welt gesprochen habe, dessen Büro eher in der Innenstadt ist und er mir von einem Vorfall erzählt hat. Wir hatten im Februar/März Kundgebungen von den beiden großen Parteien SLPP (aktuell an der Regierung) und APC (aktuell Opposition). Als die Kundgebung der SLPP stattfand (deren Farbe ist grün) kam es auf der Straße direkt vor dem Büro meines Kollegen zu einer Auseinandersetzung. Ein Mann in einem roten T-Shirt (ganz klar die Farbe der APC) sagte irgendetwas zu SLPP-Anhängern. Daraufhin gab es ein kurzes Wortgefecht auf der Straße, das damit endete, dass der Anhänger der aktuellen Regierung dem roten T-Shirt hinterherrief: „Letztes Mal haben wir euch ohne Waffen besiegt und dieses Mal haben wir auch Waffen.“

Ein Wortgefecht auf der Straße während eines Wahlkampfes ist natürlich nichts Unübliches und sollte ja in einer Demokratie durchaus zur Normalität gehören, aber Androhung von Waffengewalt, um den Sieg zu erringen? Kann ich mir gerade in Deutschland nicht wirklich vorstellen.

In den letzten Wochen gab es immer wieder ähnliche Vorfälle. Im Radio ist die Wahl das Thema und auch auf der Straße. Es gibt viele Radio-jingle die von peaceful elections singen, viele Medienleute versuchen Peace-messages zu senden, um den Frieden zu wahren und auf die Einheit der Nation zu verweisen. Es gibt keine Radiodiskussion ohne Bezug zu den Wahlen. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich Radio Democracy höre, da wird wahrscheinlich nicht so zu Streit aufgewiegelt. Auf der Straße ist der Wahlkampf allgegenwärtig, da überall Wahlplakate stehen. Das macht die Teilnahme am Straßenverkehr nicht unbedingt gefahrloser. Riesige Plakate versperren die Sicht, nicht nur auf gerader Strecke, sondern auch an Kreuzungen, die nun kaum mehr einsehbar sind. Die Plakate reichen teilweise auch bis auf die Fahrbahn, so dass diese verengt wird. Nach jedem Sturm liegen einige Plakataufsteller herum und behindern den Verkehr auch dadurch. Aber das sind eigentlich die geringsten Einschränkungen.

Urlaubsgeld und Vorräte

Wie kam es nun zu meinem ausführlichen Gespräch mit meiner Kollegin? Angefangen hat es damit, dass unsere HR und Admin in unserem Büro war um irgendetwas wegen der Urlaubstage zu klären. Das betrifft mich nicht, da mein Vertrag ein bisschen anders ist. Meine Kolleginnen und Kollegen bekommen zum Beispiel Urlaubsgeld. Das bekomme ich nicht. Es begann also die Diskussion, ob Mariama ihren Urlaub im August nehmen kann, aber ihr Urlaubsgeld schon Anfang Juni bekommt. Als dann Margaret, unsere HR wieder weg war und auch Abdul zu einem Termin aufgebrochen ist, habe ich nochmal nachgefragt. Und ja, ich hatte es richtig verstanden. Mariama möchte das Urlaubsgeld schon vorab haben, weil sie Essen und Trinkwasser besorgen will, so dass sie während der Wahlen das Haus nicht verlassen muss, falls die Situation gefährlich wird. Sie meinte, sie macht das meistens so während der Wahlen. Sie will eigentlich umziehen, aber das macht sie auch erst nach den Wahlen. Da wo sie jetzt wohnt, ist es ziemlich ruhig und sicher. Die Mehrheit der Leute wählt die aktuelle Regierungspartei, deshalb ist davon auszugehen, dass es dort ruhig bleiben wird während und vor den Wahlen. Das Stadtviertel, in das sie ziehen will, ist anders zusammengestellt, dort kann es zu Auseinandersetzungen kommen. Das macht hier alles immer sehr viel Sinn, wenn ich das im lokalen Kontext höre. Wenn ich es aber auf Deutschland übertrage, ist es ziemlich cras. Was muss wohl passieren, dass die Menschen vor der Bundestagswahl ihre Vorräte auffüllen, so dass sie im Notfall einige Tage das Haus nicht verlassen müssen? Wenn ich die Wahl eher immer mit einem Sonntagnachmittagsspaziergang assoziiere.

Natürlich habe auch ich, die eigentlich keine lokalen Zeitungen liest, über soziale Medien schon mitbekommen, dass der Wahlkampf hier um einiges intensiver ist als in Deutschland. So wurde zum Beispiel vor zwei oder drei Wochen auf den Konvoi des Präsidentschaftskandidaten der Opposition geschossen, als er in Freetown eingefahren ist. Von Polizei- oder anderen offiziellen Sicherheitskräften. Ich erfahre davon dann meist über eine meiner Whatsapp-Gruppen oder über insta, wo ich lokalen Nachrichtenagenturen folge. Es gibt meist aber nur eine Darstellung, was passiert ist, und auch das nicht ausführlich. Es gibt aber selten Hintergrundinformationen dazu. Kurz nach den Schüssen gab es Erklärungen, die für mich nicht wirklich Sinn gemacht haben. Ich meine, was rechtfertig Schüsse auf einen Autokonvoi, wenn die nicht das Feuer eröffnet haben oder vorhaben, einen terroristischen Anschlag durchzuführen? Der Präsidentschaftskandidat war einfach nur auf dem Weg von Makeni, wo die Opposition ihre Zentrale hat, nach Freetown.

Eine weitere sehr große Aufregung gab es vor zwei Wochen, weil ein Polizist in Makeni getötet wurde. Es war nicht einfach nur ein Polizist. Der Mann war ein Mende. Nun muss ich einen ganz kurzen Exkurs in die gesellschaftlichen Identitäten machen.

There is no tribalism!

In Sierra Leone gibt es mehrere Sprachgruppen, die auch zugleich Ethnien sind, im englischen wird hier von „tribes“ gesprochen. Es wird zwar immer betont, dass es keinen „Tribalism“ gibt, also dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten „Tribe“ keine Bedeutung im Alltagsleben, in Politik und Beruf hat. Es wird immer betont, dass es viele „mixed marriages“ gibt, zwischen Angehörigen verschiedener tribes. Ich habe mehrfach versucht, meinen Kolleginnen und Kollegen zu sagen, dass es wenn es immer betont werden muss, anscheinend doch ein großes Thema ist. Und selbstverständlich ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe sehr wohl entscheidend. Es gibt viele Zuschreibungen anhand von tribes.

Die beiden großen Gruppen sind die Mende im Süden des Landes und die Timne im Norden des Landes. Ihre Gebiete teilen Sierra Leone ziemlich genau in der Mitte und die beiden Gruppen sind ungefähr gleichgroß. Menschen aus dem Norden, Timne also, unterstützen normalerweise die APC (All Peoples Congress) und die Menschen aus dem Süden, die Mende, die SLPP (Sierra Leone People´s Party). Die beiden großen Parteien unterscheiden sich nicht wirklich in ihren Wahlprogrammen. Deshalb ist die Hauptentscheidung bei der Wahl wirklich die eigene Herkunft. Es ist klar, wenn APC an der Macht ist, wird mehr im Norden investiert und Timne bekommen wichtige Ämter. Ist die SLPP an der Macht, wird mehr im Süden investiert und Mende bekommen wichtige Ämter.

Wie entscheidend die Zugehörigkeit zu bestimmten „tribes“ ist, zeigt sich normalerweise im Alltag nicht. Aber vor den Wahlen wird es offensichtlich sehr entscheidend.

Zurück zum Tod des Polizisten in Makeni

Wie oben schon geschrieben, ist Makeni die Zentrale der Opposition. Hier war es auch letztes Jahr im August, als die Ausschreitungen stattfanden länger tense und hier gab es auch länger eine Ausgangssperre.

Vor zwei Wochen wurde ein Polizist in Makeni getötet. Es gibt verschiedene Versionen der Story, was genau passiert ist. Die eine besagt, dass der Polizist einen Motorradfahrer verfolgte, der irgendeinen Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung begangen hat, andere sagen, er war einfach nur einkaufen für seine Familie, die über die Ostertage zu Besuch war. Die einen sagen, er wurde aus einem stehenden Auto heraus erschossen, andere sagen, das Auto kam angefahren und hat ihn im Fahren erschossen. So oder so, ist der Mensch tot. Weshalb das Thema so hochkochte, ist nicht nur, dass ein Polizist auf offener Straße erschossen wurde, sondern, dass dieser Polizist ein Mende war (also aus dem Süden kam und wahrscheinlich eher die Regierungspartei unterstützt) und im stronghold der Opposition erschossen wurde.

Auf einmal ist es entscheidend, wo man arbeitet und wie man heißt

Die Familie meiner Kollegin wohnt zwar in Kenema (Mende-Land), aber sie hat einen Timne Nachnamen. Am Nachnamen kann man oft die Zugehörigkeit zur tribe erkennen. Da aber hin-und-her geheiratet wird, ist das nicht immer aussagekräftig. Nichts destotrotz meinte meine Kollegin, nun sei die Zeit gekommen, wo sie mit ihrem Nachnamen vorsichtig sein müsse. Meine Kollegin erzählte mir auch, dass sie ihre Voter´s ID-Card unlängst abholen wollte. Bisher gab es in Sierra Leone keine Personalausweise oder so etwas, sondern Wähler-ID-Karten. Mit der Wähler-Karte hat man auch Bankgeschäfte und co gemacht. Im Endeffekt war es soetwas wie ein Perso, offiziell aber eine Registrierung für die Wahlen. Als meine Kollegin ihre ID-Karte abholen wollte, war die nicht auffindbar. Ich habe gefragt, ob sie denkt, dass es Absicht ist? Dass die Regierung die Karten von Leuten einbehält, deren Nachname erwarten lässt, dass sie Opposition wählen und dann diese Karte für Wahlfälschung nutzen? Darauf ist sie nicht eingegangen. Ich glaube, sie wollte einfach ihre ID-Karte. Sie sagt eh, sie weiß nicht, wen sie wählen soll dieses Mal. Sie hat in den letzten Jahren unterschiedlich gewählt und wählt nicht nur entsprechend ihrer Herkunft. Aber die Voter ID-Card ist trotzdem nicht da… Ob es mit dem Nachnamen zusammenhängt, kann man nicht wissen. Aber allein, dass derartige Vermutungen angestellt werden, ist für einen deutschen Kontext vollkommen unvorstellbar. Ihre Tochter ist in Bo auf der Uni (auch SLPP / Mende Land). Da macht sie sich manchmal ein bisschen Sorgen. Wegen des Nachnamens.

Ihre Tochter wohnt bei Verwandtschaft in Bo. Der Mann aus der Familie, bei der sie wohnt, arbeitet in Makeni. Er ist aber aus Bo. Er ist Mende. Er arbeitet einfach nur in Makeni bei irgendeiner internationalen NGO. Vorletzte Woche wollte der Mann seine Voter-ID-Card abholen, bevor er zur Arbeit nach Makeni fährt. Er ist also morgens um 9 Uhr ins Büro, wo man die Karten abholen kann. Leider war der Mitarbeiter, der das Tablett bedient (ja, hier ist jetzt alles ganz digital) nicht da. So dass alle Leute warten mussten. Nach einer Stunde wollte der Bekannte meiner Kollegin wissen, was los wäre und wie lange es noch dauert, schließlich musste er noch weiter nach Makeni zur Arbeit. Er wurde erst an die Managerin verwiesen und dann direkt an den Typen, der für das Büro in Bo zuständig ist. Als der Bekannte dann am Telefon erwähnte, dass er noch nach Makeni müsse, änderte sich die Stimmung vollständig. Der Chef kam persönlich, beschimpfte ihn, dass nun schon Leute aus Makeni kämen und ihnen in Bo das Leben schwer zu machen, er wollte ihn fotografieren und auf den sozialen Medien veröffentlichen, er rief sogar die Polizei, so dass der Bekannte dann erst einmal mit auf die Wache genommen wurde. Nur weil seine Frau Kontakte in Freetown hat und diese mobilisierte, wurde er am späten Nachmittag wieder freigelassen.

Was ist da passiert? Jemand will seine ID-Card abholen, fragt nach, wieso das so lange dauert und wo der Typ ist, der fürs Tablett zuständig ist und landet in Polizeigewahrsam, nur weil er in einer bestimmten Stadt arbeitet. So viel zum Thema, es gibt keinen tribalism und wir sind alle ganz entspannt und peaceful.

Gerüchte über Gerüchte

Eines der Hauptprobleme ist, dass es immer zu allem so viele Geschichten gibt und man sie nur schwer verifizieren kann. Diese Story zum Beispiel mit dem erschossenen Polizisten, dann die mit den Voter-ID-Cards. Was wirklich stimmt und was wirklich passiert ist, lässt sich nur schwer herausfinden, vor allem, weil die meisten Menschen ihre Informationen aus den sozialen Medien ziehen.

Als ich letzte Woche am Strand in Bureh war, hat mich die eine Freundin gefragt, ob es stimmt, dass es eine Ausgangssperre geben wird vom 27. April bis zum 1. Mai. Sie habe das aus den sozialen Medien gehört. Angeblich hätte das der eine Influencer gesagt, der schon die Proteste letztes Jahr im August provoziert hat. Er sitzt in Kanada oder Holland, ich weiß das immer nicht genau, und stiftet hier Verwirrung. Er sagt einfach, „Leute, die Regierung will euch einsperren und erlaubt euch nicht Independence Day zu feiern. Das lassen wir uns nicht bieten. Wir gehen auf die Straße.“ Und dann gehen die Leute auf die Straße und protestieren gegen etwas, das nie auch nur zur Diskussion stand. So kann man echt Chaos generieren. Zum Glück hat sich das Gerücht nicht durchgesetzt. Aber es zeigt, wie verunsichert die Leute sind und dass sie nicht wissen, wem sie glauben sollen.

Das zieht sich durch den Alltag. Es war lange nicht klar, ob es am 27. April, am Unabhängigkeitstag, öffentliche Proteste und Ausschreitungen geben wird, oder einen „Sit-In-Protest“. Am Ende wurde zu einem Sit-In aufgerufen und alles blieb ruhig. Hätte aber auch anders sein können. Aber auch für mich war das komisch. Ich wollte am 27. April nach Bureh fahren. Wir haben also erst einmal abgewartet, was passiert. Als bis mittags alles ruhig geblieben ist und ein paar Leute, die ich bei der Europäischen Union kenne, auch Richtung Strand aufgebrochen sind, sind wir auch los. Wenn die EU ihre Leute an den Strand lässt, ist es normalerweise sicher.

Ein Recht auf eine zweite Amtszeit?

Dadurch, dass es fast gleichviele Mende wie Timne gibt, gibt es eine Art Gleichgewicht. Seit dem Ende des Krieges vor zwanzig Jahren wurde die Regierungspartei immer nach zwei Wahlperioden gewechselt. Ich habe schon so interessante Kommentare gehört wie: „Ich gehe nicht wählen. Ich will nicht, dass die SLPP weiter regiert, aber sie haben ja ein Recht auf eine weitere Amtszeit.“ Es gibt einige Leute, die genauso argumentieren. Teilweise, denken sie, dass die Regierungspartei sich die Macht im Notfall mit Gewalt holen und erhalten wird, da die Politiker davon ausgehen, sie hätten ein Anrecht auf die zweite Legislaturperiode. Teilweise sagen Leute, die Situation dieses Jahr sei ganz anders als sonst und der Ausgang der Wahl echt offen. Es gibt Menschen wie meine Kollegin, die sich mit Lebensmitteln eindecken will, weil sie nicht weiß, ob sie vor die Türe gehen wird und es gibt Menschen, die sagen, es wird alles ruhig bleiben und es gibt viel zu viel Aufregung. Niemand will zurück ins Chaos, auch nicht die Leute, die an der Macht sind und die können es steuern.

Risk Assessment im CPS Meeting

Wie zentral das Thema ist, wurde mir auch wieder klar, als wir letzte Woche ein extra CPS-Meeting mit Risk Assessment hatten.

(Zur Erinnerung: CPS steht für Civil Peace Service – Ziviler Friedensdienst. Über dieses Proramm bin ich hier. Es gibt hier ein Netzwerk von 11 lokalen Organisationen im CPS Netzwerk von Brot für die Welt, in dem wir uns vierteljährlich treffen.)

Wir haben uns einen Vormittag Zeit genommen, um zu analysieren, welche Risiken und Gefahren wir als Organisationen in den nächsten Wochen auf uns zukommen sehen, wie wahrscheinlich deren Eintreten ist und wie groß die Auswirkungen auf unsere Arbeit und unser Wohlbefinden wären. Es war sehr spannend für mich, da noch einmal einige Punkte genannt wurden, die mir schon bewusst waren, aber eben auch Punkte, die immer wieder diskutiert werden, ohne, dass wir wirklich etwas anderes tun können, außer ruhig bleiben, neutral bleiben, Nachrichten überprüfen und keine Fake news weiterleiten. Spannend war für mich, dass zwar die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich Wahlbetrug geben wird, als mittel eingestuft wird, aber gleichzeitig davon ausgegangen wird, dass ein Großteil der Bevölkerung denkt, es gibt Wahlbetrug. Diese Annahme ist damit ausschlaggebender als der Wahlbetrug selbst. Wenn „alle“ davon ausgehen, die Wahlergebnisse sind gefälscht, dann werden sie diese nicht anerkennen. Egal ob sie gefälscht sind oder nicht. Das Hauptproblem ist in diesem Fall das Misstrauen in die Institutionen. Niemand traut niemanden. Der Direktor der einen Partnerorganisation ist auch öfter in Deutschland. Er war bei mir in der einen Diskussionsrunde. Als er erklärte, in Deutschland gehen alle wählen, dann schaut man sich die Hochrechnungen an und das Ergebnis wird anerkannt. Die Mehrheit der Menschen weiß, dass es keinen Wahlbetrug gibt. Das ist ein riesengroßer Unterschied.

Teilweise verstärken auch die Medien die Situation. So gab es vor ein paar Wochen eine Schlagzeile „Survey reveals that SLPP will win the elections“. Das heißt so viel wie, eine Studie hat herausgefunden, dass die SLPP wieder gewinnen wird. Ganz anderes Wording als bei uns. Wo es heißen würde, laut aktueller Hochrechnungen…, wenn nächsten Sonntag Bundestagwahl wäre…. Was also, wenn SLPP nun verliert? Beide Lager streuen schon Gerüchte, dass die jeweils andere Seite versucht die Wahl zu fälschen. Das hört sich manchmal schon nach guter Vorbereitung an. Dann kann man sagen, Ha! Haben wir ja schon seit Wochen gesagt und nun ist es eingetroffen.

Auf alles vorbereitet sein und hoffen, dass nichts passiert, scheint mir die Divise.

Auf jeden Fall ist alles politisch gerade. Egal ob es die Snack-Frau am Bureh Strand ist, die eine politische Diskussion startet, die Kollegen und Kolleginnen in der Arbeit, der Megafon-Mann auf der Straße oder das Mitgliedertreffen meiner Organisation. Immer und überall wird auf einmal politisch Stellung bezogen, Neutralität gibt es kaum und die Gemüter sind erhitzt. Das ist auch einer der Gründe, weshalb „Rallies“ verboten wurden. Normalerweise starten ein paar Wochen vor den Wahlen die sogenannten rallies. Das ist eine Mischung aus Kundgebung und Marsch. Viele Menschen gehen dafür auf die Straße, um ihre Partei zu unterstützen, der Verkehr wird komplett lahmgelegt und es kann zu Ausschreitungen kommen. Teilweise werden auch Menschen extra angeheuert, um bei den rallies mitzulaufen und Stimmung für den jeweiligen Kandidaten machen. Die Meinungen gehen auch hier auseinander, ob es gut ist, dass die rallies verboten sind oder nicht. Ich persönlich begrüße die Entscheidung. Es kann nämlich etwas anstrengend und nervig sein, wenn man in so einer Rally landet und für lange Zeit feststeckt. Das ist mir jetzt schon zweimal passiert. Andererseits ist es für viele Leute erstens eine schöne Abwechslung, singend und tanzend durch die Straßen zu ziehen, dann bekommen sie vielleicht auch noch ein neues T-Shirt, etwas zu essen und vielleicht sogar ein bisschen Geld.

Ich finde es ein bisschen schade, dass ich während der Wahlen nicht hier bleiben kann, um mitzuerleben, wie die Stimmung dann wirklich ist. Aber ich hoffe, ich bekomme auch aus der Ferne dann genug mit.

Jetzt habt ihr einen Ausflug in die Stimmung hier bekommen. Für mich als Außenstehende ist es dennoch schwer, alles nachzuvollziehen und darzustellen. Sehr viele Informationen laufen über Kanäle, die ich nicht nutze. Und wie gesagt, die größte Herausforderung ist, dass Informationen nicht verlässlich sind und vieles auf hören-sagen basiert. Für mich scheint es wirklich spannend, zu sehen, wie die Wahlen am Ende ausgehen. Let´s hope and pray for peaceful elections!

Nachtrag: ECOMOG back in the country

Gerade habe ich den Beitrag veröffentlicht, schon erreicht mich die Nachricht, dass wieder ECOMOG (Economic Community Monitoring Group) Truppen ins Land kommen, um die Wahlen zu beobachten und den Frieden zu wahren. Die ECOMOG Truppen haben auch den Bürgerkrieg beendet. Sie wurden von ECOWAS-Staaten zusammengestellt. Zusätzlich zu internationalen Wahlbeobachtern bekommen wir also anscheinend militärische Beobachter ins Land.

ECOWAS ist die westafrikanischen Wirtschaftgemeinschaft, quasi so etwas wie die EU Westafrikas, ebenfalls entstanden aus einer Zollunion. Es gibt unter anderem einen Nichtangriffspakt und oben erwähnte ECOMOG, die eigentlich zur gemeinsamen Verteidigung dient. Ziel ist eine weitere politische Zusammenarbeit und seit dem ersten militärischen Einsatz der ECOMOG in Liberia und anschließend in Sierra Leone wurden die Zuständigkeiten noch erweitert.

So ziehen die Wochen ins Land….

Mit Erschrecken habe ich festgestellt, dass es schon Mitte März ist und ich ewig nichts mehr berichtet habe. Die Story unserer abenteuerlichen Reise während des Bird Census bin ich euch zwar noch schuldig, aber die gibt es nur im direkten Gespräch 😉

Mittlerweile ist der Harmattan zu Ende, das heißt, die staubigste Zeit des Jahres ist vorbei. Der Harmattan beginnt Mitte November / Anfang Dezember und zieht sich bis Anfang/ Mitte März. Er bringt Saharastaub nach Westafrika, trockene Luft und färbt den Himmel und das Land orange. Während des Harmattans sehe ich manchmal nicht einmal die nahen Hügel, von Lungi ganz zu schweigen. Es ist wunderschön, endlich wieder klaren Himmel zu haben und in die Ferne blicken zu können, ohne den Saharastaub in der Luft.

Während des Harmattan muss ich die Wohnung eigentlich täglich fegen, putze die Blätter meiner Pflanzen einmal in der Woche und befreie sie vom Staub, damit sie wieder atmen können und alles und jede sind von einer immerwährenden Staubschicht überzogen. Erst wenn die ersten Regenfälle kommen, wird der Staub endgültig von Pflanzen, Hausdächern und Straßen weggespült. Aber auch jetzt ist die Luft schon wieder merklich angenehmer, da weniger staubig. Während des Harmattans sind viele Leute krank. Der Staub legt sich auf die Atemwege, entzündet die Augen und bringt Erkältungen mit sich.

Nicht nur der Harmattan ist langsam zu Ende, auch eine für mich echt stressig Zeit in der Arbeit ist langsam am Abklingen. Die letzten Wochen waren sehr herausfordernd, aber seit zwei Tagen bin ich wieder entspannter und Ergebnisse sind in greifbarer Nähe.

Communication and Advocacy Stratety Workshop

Wir hatten diese Woche den ersten Workshop, um unsere Communication and Advocacy Strategy zu entwickeln. Das hatte mich ziemlich gestresst. Es gibt schon einen Strategic Plan für die Organisation, dann sind da die ganzen Projekte, die ihre eigenen Communication und Advocacy Activities haben und ich soll das nun alles zusammenführen und daraus eine Strategy basteln. Eigentlich ist das Vorgehen ein Anderes. Normalerweise würde ich erst Ziele entwickeln und dann daraus die Aktivitäten ableiten. Nun haben wir aber schon Aktivitäten, sollen aber unabhängig davon Ziele entwickeln und am Ende soll trotzdem alles zusammenpassen. Nach den drei Tagen Workshop war ich ziemlich erledigt, aber auch sehr zufrieden. Ich habe das Gefühl, wir sind auf einem guten Weg und die Teilnehmenden haben einiges mitgenommen, auch für ihre tägliche Arbeit.

Perfekt wäre es natürlich gewesen, den Workshop mit meinem Kollegen vorzubereiten. Ich soll ja Wissen transferieren. Mein Kollege macht aber noch ein Studium neben der Arbeit, weshalb eh gilt: Freitags ist er nie da. In den letzten zwei Wochen hatte er Examen und in der Woche davor war er sehr mit der Examensvorbereitung beschäftigt. Verstehe ich alles. Macht nur meine Arbeit oft schwierig und anstrengender.

Jetzt warte ich, bis mein Kollege sich meine Dokumentation angeschaut hat und wir die Ergebnisse noch einmal gemeinsam durchgehen und finalisieren, bevor wir sie in die große Feedback-Runde schicken. Und solange habe ich ganz entspannt Zeit, euch zu schreiben 😊

Ich halte ja sehr gerne Workshops. Und es hat mich sehr gefreut, dass sehr viel positives Feedback für mich kam. Meistens sind Workshops hier sehr Powerpoint orientiert, da ist es eine große Abwechslung, wenn ich die Sessions mit Kärtchen, Flip Charts und viel Gruppenarbeit fülle.

Die Videos nehmen Gestalt an

Ihr erinnert euch vielleicht auch noch dunkel daran, dass ich letztes Jahr im November und Dezember unterwegs war, um Filme zu drehen über unsere Arbeit. Es sieht so aus, als würden die Filme tatsächlich bis Ende April spätestens fertig werden. Das wäre ein Traum. Eigentlich könnten wir sogar schon Ende März schaffen, aber nur wenn alle Beteiligten auch immer gleichzeitig Zeit haben. Daran scheitert es meistens, wenn etwas nicht vorwärts geht.

Im Mai sind es unglaubliche zwei Jahre, dass ich hier bin. Für mich wäre es eine super Erleichterung, wenn wir bis dahin wirklich die Filme fertigen haben und im Mai auch unsere Kommunikationsstrategie verabschieden können. Das sind zwei große Projekte für meine Zeit hier. Und dann habe ich noch ein ganzes Jahre Zeit, um weiter an Prozessen und Capacity zu arbeiten.

Ich habe mir auch noch ein neues kleines Projekt an Land gezogen. Ein paar Kolleginnen und Kollegen von mir arbeiten an einem Vogelbuch (ab jetzt gibt es keinen Beitrag mehr ohne Vögel 😉): „Common Birds of Sierra Leone – an Indigenous Language Guide“. In dem Buch werden 60 Vögel des Landes vorgestellt und ihre Namen in drei Landessprachen. Ich mache das Layout des Buches. Die einzige Herausforderung nun ist, dass wir super hinter dem Zeitplan sind. Ich hatte im Februar und März eigentlich ganz gut Zeit, das noch nebenbei zu machen, aber wir sind jetzt schon drei Wochen hinterher. Im April habe ich ziemlich viel Urlaub und im Mai wird die Kommunikationsstrategie sehr klar Priorität haben. Mal schauen also, ob wir es schaffen, das Vogelbuch bis Ende Mai in den Druck zu schicken.

Für alle, die ein kleines bisschen Ahnung haben: eine Schwierigkeit ist zum Beispiel, dass ich Fotos bekommen habe mit 73KB. Es ist eine echte Herausforderung, ein Buch mit Bildern zu machen, wenn die Bilder von sehr geringer Qualität sind. Nun haben wir zumindest theoretisch high-quality Bilder zur Verfügung, aber ich habe es wegen schwachem Internet noch nicht geschafft, sie herunterzuladen. I keep on trying…

Nach wie vor ist es manchmal etwas schwierig, die Dinge, die wir in der Arbeit eigentlich gemeinsam planen auch umzusetzen, weil dann die Kollegin oder Kollege wieder nicht da sind oder weniger Output haben als ich. Wir wollten eigentlich die politischen Parteien noch mehr ansprechen vor den Wahlen und sie dazu bringen, feste Zusagen zu treffen, wie sie Umweltschutz umsetzen möchten, wenn sie die Wahlen gewinnen. Aber all das ist bis jetzt nicht passiert. Im April schließt das Parlament und dann ist bestimmt nicht mehr viel möglich. Aber mein Kollege war die letzten drei Wochen quasi nicht da, diese Woche ist er heute den ersten Tag im Büro und wir haben erstmal sehr viel Nachzuholen, da bleibt wenig Zeit für die Umsetzung von Plänen. Nächste Woche steht schon wieder ein zweitätiger Workshop an. Und dann ist der März auch fast vorbei.

Birdie K at the beach

In euren deutschen Winter hinein kann ich euch dafür sagen, dass ich es dieses Jahr ganz gut schaffe, regelmäßig am Strand zu sein. Da hatte es ja gegen Ende des letzten Jahres auch stark an der Umsetzungskompetenz meinerseits gemangelt. Aber: good news – dieses Jahr bin ich viel besser.

Nach meinen 10 Tagen auf dem Boot für den Waterbird Census, war ich direkt unter der Woche einmal eine Nacht in River No2, das war wirklich traumhaft. Ich schaffe es gerade auch ganz brav jedes Wochenende einmal an den Strand, sei es Cockle Point, No 2, Lakka oder Bureh. In Bureh hatten wir dann auch noch unser Peer Coaching mit den anderen Brot für die Welt Fachkräften und letztes Wochenende war ich eine Nacht bei Tobi. Der ist auch aus Deutschland und mit agiamondo hier. Er wohnt jetzt in einem Häuschen direkt am Strand (Privatstrand!). Da lässt es sich auch gut aushalten. Nach all dem Stress in der Arbeit, hatte ich mir das aber auch verdient.

Und ich bin nicht nur am Layouten unseres Vogelbuches, ich entwickle mich wahrlich zur Vogelfreak. Während des Peer-Coachings in Bureh musste ich einmal die Session kurz unterbrechen, um ein paar hundert Meter am Strand entlang zu gehen. Ich hatte Vögel in der Ferne gesehen, aber konnte nicht genau sehen, welche Vögel genau es waren, weil ich die Schnabelfarbe und das Gefieder nicht genau sehen konnte. Wie groß war da die Erleichterung, als ich ganz nahe hingehen konnte und sie sehr eindeutig als Crested Terns identifizieren konnte. Auch bei Tobi am Strand war mein Vogelwissen gefragt. Ich arbeite also an meinem Image als Birdie. Meine Peers in Bureh haben mir auch direkt meinen Namen gegeben: Birdie K 🙂

Als ich dann vor zwei Wochen am Cockle Point war und ein bisschen durch die Mangroven gewatet bin, wurde ich richtig nervös, weil ich den einen Vogel nicht identifizieren konnte. Zum Glück konnte mir mein Vogelbuch zuhause helfen. Es war wahrscheinlich ein Sandpiper. Puh. Dann konnte ich endlich wieder ruhig schlafen.

Hier jetzt für euch aber keine Vogelbilder, sondern diverse Strände – falls der Frühling und der Sommer zu lange auf sich warten lassen.

Der März ist offensichtlich der Monat der Geburtstage, nicht nur in Deutschland. So feiern wir schon seit zwei Wochen zwei bis drei Geburtstage pro Woche. Nach der einen Geburtstagsfeier am Mittwoch, stehen am Wochenende wieder vier Geburtstage an und zwei parallele Geburtstagsfeiern, wie ich das handle muss ich mal noch schauen. Heute ist St. Partick´s Day. Da gibt es natürlich auch ein kleines Fest. Und zu meiner Freude war auch mein Gästezimmer wieder häufig besucht in den letzten Wochen. So dass es wirklich nie langweilig wird.

Birdie K auf Wanderschaft

Nach fast zwei Jahren mache ich jetzt auch endlich noch mehr von den klassischen expat Sachen. Ich war jetzt schon zweimal bei der Sonntagmorgen-Wandergruppe dabei und vor zwei Wochen habe ich mir schön einen Yoga-Retreat in Tacugama, der Chimpanzee Sanctuary im Regenwald gegönnt!

Die Wandergruppe setzt sich aus Sierra Leonern und internationaler Community zusammen. Jeden Sonntagmorgen um 8Uhr ist Treffpunkt und dann geht es durch die Hügel, entlang der Strände oder auch mal durch abgeholztes Gebiet. Mein erster Trip war zum Sugarloave Mountain. Es gibt hier zwei bekannte Berge: Sugar Loave und Pickett Hill. Ich hatte mich mit einer neuen Freundin unterhalten, dass es super peinlich ist, dass ich fast zwei Jahre hier bin und noch keinen dieser Hügel bestiegen habe. Und wie es der Zufall so wollte, war der Plan der Sonntagsgruppe „Sugar Loave“, nur zwei Tage später. Also bin ich da mit und zwei Wochen später war ich direkt wieder dabei. Zum Sugar Loave war ein guter Teil des Weges durch den Wald. Nur ganz unten wurde gerade abgeholzt. Innerhalb der protected area. Aber die community Leuten meinten, wenn die Regierung nicht kommt und sie stoppt, machen sie einfach weiter.

Zwei Wochen später am Sonntag ging es noch mehr über entwaldete Hügel. Da seht ihr auch Charcoal burning bzw. die Vorbereitung. Meist wird eine Grube gegraben, darin wird dann das Holz geschlichtet. Es wird am Ende wieder mit Erde bedeckt und angezündet. Ein paar Löcher bleiben offen, damit der Rauch entweichen kann und die Glut nie ganz erstickt wird.

Zum Einstieg in die Wanderausflüge aber erst einmal der wunderschöne Blick vom Sugar Loave. Und am Ende jeder Wanderrung wartet schon ein kaltes Bier 🙂

Emotionale Höhen und Tiefen

Ihr seht also, gerade ist es eine ziemliche Mischung aus Arbeitsstress, Arbeitserfolgen und viel action in der Freizeit. Einen starken negativen Impact auf meine Stimmung hatte leider unserer Umsetzung während der Wahlen. Brot für die Welt schickt uns nach Ghana. Das hat in mir mehr ausgelöst, als ich erwartet hatte. Offensichtlich bedeutet der Gedanke, alleine für 4-5 Wochen in einem Hotel in Ghana zu sitzen, mich um alles selbst kümmern zu müssen und dann auch noch remote arbeiten zu müssen, sehr viel emotionalen Stress. Ich möchte das nun gar nicht vertiefen, weil es mich seit Februar immer wieder einholt und mich jedes Mal sehr herunterzieht und sich in mir alles verkrampft. Aber irgendeine Lösung, mit der ich mich gut fühle, werde ich hoffentlich noch finden. Bisher war einfach so viel anderes los, dass ich keine Kraft hatte, dieses – für mich anscheinend – große Thema sachlich anzugehen.

Balkonien wächst

Um nicht mit negativen Gefühlen zu Enden, möchte ich noch eine große Freude mit euch teilen: endlich wurde meine Hintertüre repariert, so dass sie sich, nach knapp fünf Monaten wieder öffnen lässt. Letzte Woche habe ich mir schon eine neue Pflanzkiste besorgt, nachdem meine beiden zerfallen sind, gestern habe ich schon den einen Balkon neu bepflanzt und heute hole ich – by the grace of god – frische Erde und kann am Wochenende endlich meinen Salat und meine Tomaten ansäen. 😊 Hier noch einmal ein Danke an Simon, der mir letztes Jahr die Lichterkette geschenkt hat. Sie macht sich super des Abends auf meinem „neuen“ Balkon zu einem Glas Weißwein.

Ach und dann gibt es ja noch eine super Verbesserung: meine Solarpanels sind seit ein paar Wochen auf dem Dach, so dass ich nun tatsächlich grünen Strom habe.

Und weil es so schön ist, der Sonnenuntergang von meinem neuen Lieblingsrestaurant am Lumley Beach 🙂

Waterbird Census 2023 – War das jetzt ne Crested oder ne Royal Tern?

Endlich mal wieder birdie stories 😊 Im Januar war ich 10 Tage lang Wasservögel zählen für den Waterbird Census am East Atlantic Flyway. Ich kann jetzt mehrere Schwalben, Pelikane und Reiher identifizieren, ganz zu schweigen von ein paar „Waders“. Aber zuerst einmal, wie kam es dazu?

Ich bin am Sonntag, den 8. Januar wieder in Sierra Leone gelandet. Tina kam dann einen Tag später nachgeflogen. Dieses Mal aber nur für drei Wochen Urlaub. Wir haben noch etwas rumgesponnen, was sie dieses Mal so machen möchte und natürlich: Turtle Islands stand noch auf der Liste. Die Turtle Islands sind die traumhaften Inseln an der südlichen Küste. Leider schwer zu erreichen und die Anfahrt ist ziemlich teuer. Deshalb war ich da auch noch nicht. Es war schon die ganze Zeit meine Idee, die Turtles irgendwie mit der Arbeit zu machen. Und wie es der Zufall so will, hat das jetzt genau in Tinas Urlaubszeit geklappt. Als ich in die Arbeit bin, haben die Kollegen erzählt, dass der Waterbird Census ansteht. Ein Team zählt die Vögel nördlich von Freetown an der Küste, das andere Team südlich von Freetown an der Küste bis zu den Turtle Islands. Whoop whoop!

Water Bird Census am East Atlantic Flyway

Alle drei Jahre findet der internationale Water Bird Census statt. Es werden gleichzeitig in allen Ländern entlang der Westafrikanischen Küste Wasservögel und Vögel, die vom Wasser abhängig sind, gezählt. Es waren also gleichzeitig mit uns Teams von Marokko bis Südafrika unterwegs. Alle Daten werden gesammelt und dann in einem Report veröffentlicht. Es dauert immer bis zu einem Jahr, bis alle Daten gesammelt und dann der Report für 2023 veröffentlicht wird.

Ich habe ja schon in anderen Beiträgen erklärt, dass Vögel als early-warning-systems für Klimawandel und Umweltzerstörung genutzt werden können. Die Vergleichsdaten sind deshalb von wissenschaftlicher Relevanz für die Interpretation von Tendenzen und Entwicklungen. Die meisten Vögel, die wir gesehen haben, brüten in Europa, in Norddeutschland, im Wattenmeer, in Island, Norwegen und so weiter. Hier kann man sie aber besser zählen, weil sie hier in großen Schwärmen zusammen sind und nicht verstreut brüten.

Ich bin ja noch immer neu im Vogel-business, aber ich finde es super beeindruckend, was diese kleinen Tierchen leisten. Wie weit sie fliegen. Wahnsinn. Diese kleinen Körperchen und so viel Energie und Wille. Joost, der eine Vogelfreund, hat mir erzählt, dass die Vögel auch erst Selbstvertrauen dafür aufbauen müssen. Man kann das beobachten. Manche Vögel fliegen erst ein paar hundert Meter oder 1-2 Kilometer aufs Meer und kommen dann wieder zurück. Das machen sie ein paar Mal, bis sie sich wirklich trauen, loszufliegen und dann fliegen sie tausende Kilometer weit.

10 Tage Sonne, Meer, Vögel und Abenteuer – Alles für die Wissenschaft

Die Sierra Leonische Küste ist aufgeteilt in zwei Gebiete. Eines nördlich von Freetown und das zweite südlich von Freetown. Wir hatten Glück und waren im südlichen Team. Bevor es in die Praxis ging, gab es eine Einführung von Joost. Joost ist einer der niederländischen Vogelfreunde. Er arbeitet bei dem Unternehmen, das die Vogelzählung finanziert. Gemeinsam mit Rinse unterstützte er unser Team als Experten. Die Idee ist, dass immer zwei super-Experten mit in den Teams sind, die weltweit Kapazitäten aufbauen.

Zugegebener Maßen waren Tina und ich nach der Einführung etwas still. Wir wussten nicht so recht, ob wir überhaupt von Nutzen sein würden. Waren wir dann aber doch.

Endlich die ersten Vögel zählen!!!

Gemeinsam mit den zwei Vogelfreunden aus den Niederlanden und drei meiner Kollegen ging es am 20. Januar dann wirklich los zum ersten Bird Count. Morgens ging es nach Tombo und von dort aus in zwei Teams zum Vögelzählen. Die ganze Küste ist in Bereiche eingeteilt. Pro Bereich muss dokumentiert werden, wann (Datum und Uhrzeit), Flut oder Ebbe, ob man zu Fuß, vom Boot aus, aus der Luft oder mixed gezählt hat, wie viele Spezies und wie viele Vögel pro Spezies. Meist hatten wir zwei Leute pro Team, die gezählt haben und dann nochmal 1-2 Personen, die mitgeschrieben haben. Abends wurde dann alles in die Formulare übertragen, so dass wir meist erst gegen 10 Uhr wirklich Feierabend hatten. Da  wir abhängig von Ebbe und Flut waren, ging es in den ersten Tagen erst gegen Mittag los, dafür haben wir dann immer bis zum Sonnenuntergang gezählt.  Bei Flut verstecken sich die Vögel meist in den Mangroven und kommen erst während der Ebbe raus, wenn der ganze Schlamm sichtbar wird und sie sich schön die Würmer und Krabben aus dem Schlamm schnappen können.

Am ersten Tag war ich im Bodenteam, d.h. wir sind vier Stunden lang durch den Mangrovenschlamm gewatet und haben Vögel gezählt. Manchmal sinkt man da schon bis zum Knie ein und kommt dann nicht mehr so leicht raus. Gleichzeitig sind im Schlamm Muscheln, Krabben und Co. Man muss also auch immer etwas aufpassen, wo man so hinläuft. An Tag eins war ich mit Rinse unterwegs, Dauda, meinem Kollegen und dann ist noch ein junger Mann aus der einen Community mitgelaufen. Ich habe schon die ersten Vogelnamen gelernt, so dass mir die Ringed Plover, Red Shank, Great White Heron, Western Reef Herons und ein paar andere dann schon direkt bekannt waren.

Abends gab es dann noch eine Besprechung für die nächsten Tage und die ersten Formulare wurden ausgefüllt. Am ersten Tag war noch alles etwas chaotisch, nach und nach hat sich das dann aber eingespielt.

Am Morgen des nächsten Tages wussten wir noch nicht, welch abenteuerliche Fahrt und nächtlicher Spaziergang uns erwarten würden. Aber ich glaube, dafür brauche ich einen eigenen Beitrag. Nur so viel Spoiler schon mal: Der Motor ist abends kurz vor Sonnenuntergang ausgefallen und wir waren noch einige Kilometer von dem Dorf entfernt, in dem wir übernachten sollten. Aber wie gesagt, diese Story gibt es dann extra.

Unser Team bestand aus Tina und mir, dann Dauda, meinem Kollegen, der uns aber nur die ersten Tage begleitet hat, Rinse und Joost, die internationalen Experten, Jesse, einer unserer Volunteers und Vogelfreund, Papanie kam erst später dazu und war dann krank und somit nicht immer dabei und dann natürlich noch der Bootsmann und der Bootsjunge.

Für uns war es der erste Tag auf dem Boot, mit der ganzen Crew auf dem Wasser. Die ersten Tage ging es durch die Mangroven der Yawri Bay. Es kam auch mal vor, dass wir nochmal an Land gehen mussten, um zu warten, bis die Ebbe kommt. Einmal in einem kleinen Fischer-Dorf. Da wurde gerade der Fang des Tages an Land gebracht. Ist immer ganz gut, dann kann man auch mal in den Mangroven auf Klo. Dann nach zwei Tagen in Shenge, wo wir uns sehr schnell sehr wohl gefühlt haben und der Besitzer des einzigen Amusement Centers und Bierverkaufsstelle des Ortes uns auch sehr schnell als treue Kundschaft liebgewonnen hat, ging es weiter nach Süden.

Von Shenge aus ging es dann endlich auf unsere Turtle Islands. Wow. Was soll ich sagen. Traumkulisse den ganzen Tag. Wir sind einfach den ganzen Tag an der Küste entlang geschippert, vorbei an Mangroven, dann wieder Traumstrände mit Palmen und kleinen Hüttchen unter den Palmen, Fischerdörfer und Inseln.

Unsere Handys waren mittlerweile kaputt vom Salzwasser, mein Fernglas hat es ebenfalls nicht geschafft, unsere Klamotten stanken nach Schlamm und Fisch und zu Essen gab es morgens, mittags, abends Reis mit Scheiß. Zu Tinas Leidwesen meist mit seafood. Bei der einzigen Autofahrt des Trips über holprige Straßen musste leider Tinas Nase dranglauben. Als sie auf meinen Hinterkopf gestoßen ist, hat es sich sehr unangenehm angehört. Vielleicht ein kleiner Nasenbruch? Der kleine Höcker, der ihre Nase jetzt ziert, war mir so früher noch nie aufgefallen… Ich hatte mir zuvor schon bei unserem nächtlichen Mangrovenmarsch die eine Zehe gebrochen, zumindest war sie ganz farbig bunt und hat geschmerzt. Aber alles für die Wissenschaft, wie wir immer sagten.

Joost und Rinse waren überglücklich, dass Tina und ich ein bisschen interkulturelle Kommunikation übernehmen konnten und selbst meine minimalen Kriokenntnisse halfen in der Kommunikation mit dem Bootsmann. Mein Kollege musste an Tag 3 abbrechen und zurück nach Freetown, so dass unser Volunteer Jesse ganz hervorragend die Organisation übernahm, aber nicht ganz nach den Vorstellungen der Niederländer. So sind wir natürlich immer frühestens mit einer Stunde Verspätung los, weil dann doch noch Benzin oder Wasser gekauft werden musste. Und das Ganze ja, obwohl wir von den Gezeiten abhängig waren. Ab Tag 7 war ich dann endlich Bossman an Bord, weil ich die Navigation übernommen habe. Joost und Rinse haben gezählt, Tina und Jesse notiert. Also eigentlich hauptsächlich Tina. (Bossman ist übrigens genderneutral, genauso wie die Ansprache white man oder Sir.)

Es ist wirklich sehr schwer in Worte zu fassen, wie der Tagesablauf war. Morgens aufgestanden, die feuchten, stinkigen Klamotten wieder angezogen, „das Büro“ – sprich Kulli, Notizhefte, Kippen – in doppelte Plastiktüten verpackt und dann ab aufs Boot. Während der Fahrt kommt dann auf einmal „crested. Sandwich 4, reef one, crested, one more, sandwich two, great white, no it was one sandwich one little, two more reef…“ parallel kommt von Rinse „redshank 14, green shank, whimbrel two, two more, godwit, green shank, bartailed three, grey plover 34, ringed plover 63. Two more, two more, total four.“ Und wenn dann noch jemand anders dazwischen ruft „palmnut vulture“, dann sind die Damen im Büro, also wir, langsam ganz verwirrt. Leichter wurde es ab Tag drei, wenn man weiß, dass Reef, Western Reef, Western Heron, Reef Egret, alles der Western Reef Egret sind. Und dass Egret und Heron auch austauschbare Begriffe sind. Dann wussten wir auch langsam, dass die bartailed und die godwit beides die bartailed godwit sind. Das passierte ungefähr zeitgleich mit unserer Verwandlung à la Gregor Samsa in zwei Red Shank. Die Sonne hatte das ihrige dazubeigetragen. Und jetzt kann ich ja auch den birdie- Scherz aus der Überschrift aufklären: natürlich sind royal und crested tern ein und das selbe.

Unsere Vogelfreunde haben wir nicht mal beim Essen ohne Fernglas um den Hals gesehen. 😊 Nachts sind sie noch mit Nachtsichtgerät herumgestiefelt. Musste man einfach gern haben, die beiden. Während Joost und Rinse immer auf der Pirsch waren, Tina und ich noch Formulare befüllt haben, hat Jesse unermüdlich versucht, Obst und Nescafé für uns heranzuschaffen. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Man mag es kaum glauben, aber auf den Inseln gilt: Fisch ist ihr Gemüse…

Bei all dem Spaß darf man nicht vergessen, dass es harte Arbeit war. Ab und an mussten wir aussteigen, ne ganze Zeit durch den Matsch waten und dann dem Bootsmann wieder begreiflich machen, wo er hinfahren soll. Es war oft anstrengend, körperlich und kommunikationstechnisch, abends sind wir immer erschöpft ins Bett gefallen, aber die Stimmung war durchweg gut, auch dank des Humors unserer niederländischen Freunde, dem super Team spirit und of curlew auch wegen uns. (Noch ein lustiger neuer birdie-Scherz🤣 der curlew ist ein Wasservogel mit ganz langem leicht gebogenem Schnabel.)

Und dann die traumhafte Umgebung und die vielen tollen Vögel, die wir gesehen haben. Selbst Tina und ich waren ganz aus dem Häuschen, als wir als Bodenteam mit Jesse alleine eine Unit gezählt haben und tatsächlich einen Goliath Reiher gesehen haben. Wahnsinn. Und als wir dann ein paar Tage später auf einer Sandbank zwischen den Mangroven African Skimmer und noch viel cooler, Eurasian Oystercatcher gesehen haben, war kein Halten mehr.

Mein Favorit waren aber wahrscheinlich die Pelikane und andere Vögel, die in den Mangrovenkronen sitzen, während die Flut schon da war. Wunderschön. Genauso wie der Anblick, wenn ein paar Hundert Vögel auf einmal losfliegen und in Schwärmen durch die Luft schweben.

Als wir auf den Turtle Islands angekommen sind, haben wir erst an einer kleinen Inseln angehalten, die nach getrocknetem Fisch gestunken hat wie sonst was, und auf dieser kleinen Insel sollten wir dann in einem guesthouse schlafen, in dem auch die Benzinkanister gelagert werden. Zum Glück sind wir dann auf eine andere Insel, wo wir ein kleines Häuschen bezogen haben, mit nur zwei Zimmerchen, so dass ein Teil von uns gezeltet hat und Tina und ich unsere Matratze einfach unter das Sternenzelt gelegt hatten. Es war wunderschön.

Für Jesse gab es an diesem Abend Schwimmunterricht mit super Betreuungsschlüssel. Ein Schwimmschüler und vier ausgebildete Schwimmlehrfachkräfte. Während einer Jesse das Brustschwimmen erklärte, versuchte ich ihm toter Mann beizubringen, Tina zeigte ihm, wie man richtig krault und Joost machte wie immer Quatsch dabei. Aber Erfolg: niemand ist ertrunken.

Von Turtle ging es zurück nach Shenge über Shebro Island. Wir waren zwei Nächte in Bonthe. Die Heimatstadt des Präsidenten. Sie hat einen ganz eigenen Flair, ganz anders als alles, was ich sonst so gesehen habe bisher. Schöne Straßen und wenn man ankommt, fast ein bisschen kubanischer Flair. Leider haben wir davon nicht so viele Fotos, weil ja die Handys kaputt waren.

Aber in Bonthe habe ich meinen ersten Black Heron gesehen. Der ganz witzig seine Flügel nach vorne holt, um sich selbst Schatten zu machen beim Fischen.

Auch die schönste Vogelreise geht irgendwann zu Ende

Am 30. Januar sind wir dann nach 10 Tagen Sonne, Meer, Vögel, Abenteuer und ganz viel Spaß komplett verschlammt und mit Salzkruste wieder in Freetown angekommen. Die Erlebnisse waren einmalig. Und wenn Vogelzählen immer so läuft, melde ich mich jetzt freiwillig für alle Bird Census activities. Haben uns auch schon mal auf die Liste für den Waterbird Census in der Karibik setzen lassen.

Am 31. Januar haben wir dann noch alle gemeinsam – Team Nord und Team Süd – in der Aberdeen Creek gezählt. Das war sehr traurig. Die Aberdeen Creek ist die einzige offizielle Ramsar Site in Sierra Leone. Ramsar Sites sind international anerkannte wichtige Wetland Areas. Unsere ist leider teilweise eine Müllhalde und teilweise sind die Mangroven abgeholzt. Ich war echt schockiert, als wir dort waren. Letztes Jahr war die Aussichtsplattform noch mitten in den Mangroven. Jetzt sind die Mangroven weg und es sind schon Grundstücke markiert, ein großes Grundstück ist schon mit einer Mauer gesichert. So gehen wir hier mit unseren natürlichen Schätzen um. Trotzdem haben wir in der Creek 517 Long-tailed Kormorane gezählt, über 50 Great White Egrets und noch viele, viele andere Vögel.

And the winner is…

Insgesamt haben wir im Team Süden 41,974 Vögel gezählt, insgesamt 60 unterschiedliche Arten (von denen ich bestimmt 40 erkenne!!!) mit unserem Winner: den Curlew Sandpiper mit 7.007 Vögeln, dicht gefolgt von der Crested Tern mit 6.381 Exemplaren.

Naja und eigentlich sind wir alle Gewinner, falls wir es schaffen, die Lebensräume der Vögel in Europa, Afrika und der restlichen Welt zu schützen. Sonst verlieren wir am Ende nämlich alle.

Es waren 10 Tage voller neuer Eindrücke, ganz viel lernen auf vielen Ebenen, eine gute Zeit mit unserer Crew und ganz viel empfundener Dankbarkeit und Glück, dass ich so etwas erleben darf und dass auch noch Arbeit nennen kann.

Die Handys gehen mittlerweile wieder, gebrochener Zeh und gebrochene Nase sind auch wieder fast wie neu, nur eine Tupperschüssel ging verlustig und eben mein Fernglas. Unsere Reisdiät haben wir auch beendet und mittlerweile ist auch das letzte Salzkorn von der Haut entfernt und der letzte Mangovenschlamm unter den Fußnägel verschwunden. Bereit also für das nächste Abenteuer. Leider, leider muss ich jetzt aber erstmal wieder ein bisschen ins Büro.

Da bleibt mir nur noch eines zu sagen: Auf Wiederschnitzel!

(Eine der tollen neuen deutschen Redewendungen, die wir von den Holländern gelernt haben 😉)

Black Johnson – das verlorene Paradies?

Letztes Jahr ging es groß durch die Medien: eine chinesische Firma hatte angeblich eine Lizenz erhalten, um am Black Johnson Beach in der Whale Bay einen fishing harbour zu bauen. Ich habe damals berichtet über Fischmehlfabriken an der westafrikanischen Küste und Lachs aus norwegischen Aquakulturen. Damals schon war die Befürchtung, dass es nicht beim Fischereihafen bleiben wird, sondern in Wirklichkeit eine Fischmehlfabrik geplant ist. Aktuell wird immernoch vom Fischereihafen gesprochen, für die Verarbeitung von Thunfisch.

Dann war es erst einmal still geworden um Black Johnson. Für diejenigen von euch, die selbst noch nicht hier waren: Black Johnson ist ein kleines Paradies, wenn man dem Lärm und der Hektik der Großstadt entfliehen will und ein paar einsame Tage am Strand verbringen will. Im Gegensatz zu den anderen Stränden gibt es am Black Johnson nur wenige Unterkünfte. Anfangs gab es sogar nur eine, Titos Paradise bestehend aus ein paar einzelnen Holzhütten direkt am Strand der kleinen Bucht unter den Bäumen. Mittlerweile kenne ich noch Sandra’s Unterkunft, drei Hütten, die im Wald direkt am Meer stehen, an denen morgens auch Mal die Affen vorbeikommen können. Und vor kurzem hat noch ein Sierra Leoner ein paar Häuschen wie eine kleine Ferienanlage mit Restaurant eröffnet. Aber alles sehr ruhig und entspannt und weit weg vom sonstigen Trubel. Wenn ich an den Strand will, um einfach in die Wellen zu schauen, mein Buch zu lesen und abends vielleicht am Lagerfeuer ein paar spannende Gespräche zu führen, dann fahre ich nach Black Johnson.

Jane, eine Britin, die mit Tito verheiratet ist und schon seit einigen Jahren mit Tito in Black Johnson wohnt, war sich der lauernden Gefahr all die Zeit bewusst. Sie hat versucht, für den Strand zu kämpfen. Sie hat auch meine Organisation einmal eingeladen, zu kommen und die verschiedenen Ökosysteme der Bucht zu besichtigen. Leider ist daraus nicht wirklich eine Aktion entstanden. Ich frage mich mittlerweile, ob wir etwas hätten ändern können, wenn wir mehr unternommen hätten. Da Black Johnson nicht in der protected area liegt, fühlt sich meine Organisation nicht so wirklich zuständig. Ich denke aber, wir sollten uns aller Umweltthemen annehmen. Aber es war ähnlich wie mit dem Wal am Strand und dem stone mining in der protected area. Wenn ich nicht pushe, kommt niemand in die Gänge. Alles was proaktive Arbeit ist, außerhalb von klar definierten Projektaktivitäten, findet nicht eigeninitiativ statt.

Vorletzte Woche dann teilte Jane in verschiedenen WhatsApp-Gruppen die vorläufige Machbarkeitsstudie einer „unabhängigen“ Consultantfirma und die Einladung des Ministeriums für Fischerei und Maritimes zur öffentlichen Anhörung. Es gab drei Anhörungen, eine in der Community von Black Johnson, eine in Waterloo und eine im Ministerium. Ich bin mit Abdul und Mariama zu der ins Ministerium gegangen. Ohne mich wäre CSSL nicht vertreten gewesen. Dabei ist es meines Erachtens sehr wichtig, dass wir bei so großen Projekten unser Gesicht zeigen und unsere Position darlegen. Natürlich nicht wirklich Konfrontation, aber wenigstens können wir nochmal auf negative Konsequenzen für Mensch und Umwelt hinweisen. Und ich bin sehr stolz auf mich: ich habe mich sogar getraut aufzustehen und ein paar Kommentare und Anmerkungen zu machen!

Aber erstmal zur „unabhängigen Studie“ und weiteren Gerüchten. Die Studie ist sehr ausführlich mit vielen Daten und Messungen zur Wassertiefe, den Gezeiten, Flora und Fauna. Es gibt Empfehlungen für die Entschädigung von Landbesitzern, die umgesiedelt werden oder deren Land beansprucht wird. Es gibt aber keine Angaben, wie Umweltschäden vermieden werden sollen und welche Konsequenzen es hat, dass in der Bucht mehrere redlisted Tiere leben. In der Studie ist auch nicht genau beschrieben, auf welcher Fläche genau der Fischereihafen entstehen soll. Bei der Anhörung wurde jedoch ein animiertes Video abgespielt, das eine riesige betonierte Fläche zeigte. Da wurde auch erklärt, dass 50 Hektar im Wasser sein werden. Das ist ein immenser Eingriff in das maritime Ökosystem und verändert mit Sicherheit auch die Struktur der südlich gelegenen Strände.

Das wahnwitzige an der Studie ist der Vorschlag, einen Wasserpark zu errichten, in dem dann Orcas und Delfine bei Shows dem Publikum die Meeresbewohner näherbringen und die Bevölkerung aufklären können über Lebewesen im Meer. Dieser tolle Wasserpark wird viele Touristen anziehen und somit Geld ins Land bringen. Diese Empfehlung steht an zwei Stellen in der Studie. Alleine die Idee, einen Wasserpark mit Aquarium zu errichten, im Jahr 2023, wenn weltweit eben diese Einrichtungen aufgelöst werden, weil die meisten Ländern eingesehen haben, dass es sich hier um Tierquälerei handelt, soll in einem Land, in dem alles rostet und ich noch keine gute Fensterscheibe gesehen habe, ein Riesenaquarium entstehen? Die Fischer holen nicht genug Fisch aus dem Meer, um davon selbst zu überleben, aber wir werden künftig tonnenweise Fisch an Orcas, Delfine und andere Tiere verfüttern, die wir zuvor gefangen haben?  Macht Sinn… Ich frage mich auch, welche Tourists wohl wegen des Aquariums kommen würden? Wieso nicht lieber raus aufs Meer fahren oder in der naturbelassen Bucht sitzen? Da kommen die Delfine und Meeresschildkröten manchmal von alleine vorbei.

Wie gesagt, als ich das mit dem Wasserpark gelesen hatte, konnte ich auch den Rest nicht mehr ernstnehmen. Und als ich dann noch von Jane gehört habe, dass der Verantwortliche für die Studie, zuvor beim Ministerium für Fischerei gearbeitet hat und wegen Korruption suspendiert ist, erklärt sich auch der Rest. Ob das stimmt weiß ich zwar nicht 100%, ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass es wahr ist. Würde mich nicht überraschen. Wen die Studie interessiert, kann sie online lesen.

Offiziell sollte sie auf den Websites der beteiligten Ministerien und der EPA (environmental protection agency) zugängig sein. Das war aber nicht wirklich der Fall. Die EPA hat ein Vetorecht bei derartigen Großprojekten. Aber sie ist offensichtlich nicht unabhängig und frei in ihrer Entscheidung.

Letzte Woche Montag bin ich also mit Mariama und Abdul ins Ministerium. Siebter Stock ohne Aufzug. Vielleicht hat das schon einige Leute abgeschreckt. Der Raum war hauptsächlich mit einem großen Besprechungstisch gefüllt. Es war ein bisschen Presse da, Jane natürlich, James, Ingrid von der GIZ, noch ein paar Vertreterinnen und Vertreter aus der Zivilgesellschaft und von den Ministerien natürlich.

Der Vertreter des Ministers für Fischerei hat mit nur einer Stunde Verspätung die Sitzung eröffnet. Zunächst wurde noch Mal viel gelabert, vielleicht um zusätzlich Zeit totzuschlagen, so dass am Ende keine Zeit mehr für zu viele Fragen bleibt? Anschließend wurde die Studie kurz vorgestellt, dann kam der Jurist zu Wort. Es war ganz wichtig, zu betonen, dass alles mit rechten Dingen zuging und alle Prozeduren berücksichtigt wurden. Der Jurist kam mir eher vor wie ein evangelikalen Priester, der uns auf den Weltuntergang einschwört, so hat er herumgeschrien und gestikuliert.

Dann endlich die Fragerunde. Jane natürlich als erste. Es gibt ein Gesetz, das besagt, die Regierung kann alles Land bis zu 150m entlang der Küste beanspruchen, wenn es von nationaler Bedeutung ist. Allerdings muss ein eigens dafür einberufenes Gericht darüber entscheiden. Und dies ist bisher nicht geschehen. Jane wurde eher als Störfaktor behandelt. Noch bevor sie begann, betonte der Vorsitz, dass wir hier zivilisiert miteinander reden, wer sich nicht daran hält, wird des Raumes verwiesen. Die anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen stellten Fragen, ob es Risikoanalysen gibt zu Konsequenzen für angrenzende communities. Ich habe mich auch zu Wort gemeldet in der zweiten Fragerunde, wurde dann aber ignoriert, weil ich Jane den Vortritt geben wollte. Wurde sofort abgestraft. Am Ende durfte ich  doch noch sprechen. Leider wurden nicht alle meine Fragen beantwortet. Ich wollte wissen, ob es auch Maßnahmen und Empfehlungen in Hinblick auf die bedrohten Tierarten gibt, ob mit einberechnet wurde, dass ein Fischereihafen in der geplanten Größe negative Folgen für den Tourismus auch an den Nachbarstränden und somit den einzigen Tourismusstränden der Pensinsula haben wird, dass sich in der Whale Bay wichtige Fischlaichgebiete befinden, ohne die auch die Anzahl der Fische auf offener See abnehmen wird… Wie gesagt, beantwortet wurde quasi nur eine Frage: wenn die Strände für den Tourismus dann ungeeignet sind, können die Leute ja zu den anderen Stränden des Landes, zum Beispiel nach Bonthe. Das führte zu etwas Gelächter, als ich meinte, Bonthe ist etwas schwer erreichbar. Ein absoluter Quatschvorschlag. Die Strände der Peninsula sind höchstens  ein bis eineinhalb Stunden von Freetown entfernt. Bonthe ist mit dem Auto in vielleicht acht Stunden über ganz schlechte Straßen erreichbar oder man mietet für 300 US-Dollar ein Boot und fährt in zwei Stunden übers Meer hin. Sehr gute Alternativen zu einer einstündigen Autofahrt. Die Sache scheint mir sehr eingehend durchdacht. Gar nicht gegenläufig zu allen Ökotourismus und Umweltambitionen, die immer nach außen kommuniziert werden.

Der krönende Abschuss war dann die Frage, wer denn nun für den Fischereihafen wäre und dann 80% freudig gejubelt haben. Als ob das eine Abstimmung wäre. Auch Wuddy hat freudig die Hand gehoben. Er arbeitet eigentlich mit uns in der Yawri Bay, um die Mangroven zu schützen, bewirbt sich aber auch für einen Sitz im Parlament. Da muss man halt auch Mal die Meinung ändern. Sonst kommt man nicht vorwärts.

Alles in allem eine einzige Show. Aus den Formulierungen konnte man klar heraushören, dass die Entscheidung schon längst gefallen ist. Jane erzählte nach der Sitzung, dass der Direktor der EPA ihr gesagt hat, er wurde genötigt, zuzustimmen. Auch hier, nur hören-sagen. Aber es passt zu dem, was die Kolleginnen und Kollegen von der NPAA (National Protected Area Agency) immer berichten. Wenn von oben eine Order kommt, muss man die befolgen, auch wenn es eigentlich gegen den eigenen Auftrag geht.

Jane berichtete am nächsten Tag, dass Leute vom Ministerium für Fischerei Häuser von Menschen zerstört haben und einen Tag später kamen Leute zur Markierung des Geländes.

Es ist eine schwierige Situation. Ich sehe das ein. Das Land braucht Entwicklung. Vor den Küsten Sierra Leone’s gibt es große Thunfischschwärme. Sie werden bei uns abgefischt und dann im Senegal oder der Elfenbeinküste weiterverarbeitet, weil wir keine entsprechenden Infrastruktur haben. Die großen Tuna-Schiffe brauchen entsprechende Häfen. Angeblich ist Black Johnson der einzige passende Ort dafür. Ich kenne mich natürlich nicht damit aus, aber zweifle doch stark daran, dass eine seichte Bucht sich perfekt für große Schiffe mit viel Tiefgang eignet. Aber ich habe ja auch mit eigenen Augen gesehen, dass andere Einrichtungen zur Fischverarbeitung, zum Beispiel in Shenge, leerstehen und nicht benutzt werden, wegen Entscheidungen auf politischen Ebenen und Korruption. Wie wird sichergestellt, dass das Gleiche nicht in Black Johnson passiert? Auch das eine meiner Fragen bei der Sitzung. Die Antwort war: das ist etwas ganz anderes.

Black Johnson scheint verloren. Ich hoffe nur, dass nicht alles zerstört wird und am Ende eine Geisteranlage entsteht, die einige wenige Taschen füllt und sonst nichts bringt. Ich werde auf jeden Fall möglichst bald nochmal ein Wochenende in Black Johnson verbringen, auch wenn es sehr tragisch ist, von so einem kleinen Paradies Abschiednehmen zu müssen. Aber das scheint aktuell das Schicksal der Natur zu sein. Auf internationalen Konferenzen werden wichtige Papiere unterschrieben und Zuhause wird Lüzerath der Kohle geopfert und Black Johnson einem Fischereihafen.

Kaum zu glauben, dass hier bald alles betoniert sein wird 🙁

Frauen: Objekt? Subjekt? Mensch!

Je älter ich werde, umso schwerer fällt es mir, Situationen und (gesellschaftliche) Regeln auszuhalten, die ich als ungerecht und diskriminierend empfinde. Besonders, wenn ich selbst betroffen bin oder Menschen, mit denen ich mich auf irgendeiner Persönlichkeitsebene identifiziere.

Immer wieder komme ich an den Punkt, an dem ich mich selbst Frage, Mund auf oder Mund zu?

Wenn es schon in Deutschland, in dem gesellschaftlichen Kontext, in dem ich Zuhause bin, schwierig für mich ist, diese Frage zu beantworten, dann könnt ihr euch vorstellen, dass es in Salone noch schwieriger ist. Lange habe ich mich immer für „Mund zu“ entschieden, wenn ich Ungerechtigkeiten wahrgenommen und empfunden habe. Rückblickend habe ich vieles auch oft ausgeblendet. Ich habe das Gefühl, ich hatte lange keine Kapazitäten, mich mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Ich war wohl zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Aber seit ein paar Wochen hat sich das geändert. Lange hat sich mein Alltag anstrengend angefühlt. Das hat sich seit November geändert. Offensichtlich sind jetzt Energien frei, durch die ich nun vieles als störender empfinde, was die Monate zuvor auch da war, aber nicht mein Thema war.

Noch ein kleiner Hinweis: Der Text ist streckenweise etwas holprig. Ich habe ihn teilweise diktiert und dann überarbeitet. Das klappt nicht so gut, habe ich jetzt festgestellt. Mache ich also künftig nicht mehr. Oder ich muss noch sehr viel üben.

Im Alter werde ich zur Feministin

Ein Thema, das mich auch in Deutschland seit einigen Jahren mehr beschäftigt als in jüngeren Jahren, ist die Wahrnehmung und Stellung von Mädchen und Frauen in verschiedenen Gesellschaften und Zeiten. Im Alter werde ich immer feministischer. Das mag daran liegen, dass ich mit zunehmendem Alter immer klarer sehe, in wie vielen Bereichen und durch wie viele gesellschaftliche Erwartungen und ungeschriebene Regeln, Frauen benachteiligt und begrenzt werden. Ich brauche euch nicht zu erzählen, auf welchen Ebenen dies in Deutschland der Fall ist. Immer noch. Auch in meiner Generation. Aber wie soll ich mit Diskriminierung und Ungleichbehandlung in einem kulturellen und religiösem Kontext umgehen, der nicht der meine ist und den ich auch nicht vollständig kenne und verstehe?

Ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder für „Mund auf“ entschieden. Oft sind es kleine Situationen, die mich ärgern und in denen ich innerlich mit mir kämpfe und nicht weiß, wie ich am besten reagiere. Kultursensibel, nicht abwertend, aber dennoch meine Position darstellend. Ich sehe mich ja ungern in der Rolle des postkolonialen europäischen Menschen, der Menschen in anderen Erdteilen erklärt, wie sie am besten zu leben haben. Aber immer öfter kann ich meinen Mund nicht halten und muss ansprechen, was ich sehe und wie es auf mich wirkt. Natürlich kommt es sehr stark darauf an, mit wem ich es zu tun habe. Mit Kollegen kann ich ganz anders kommunizieren als mit Menschen, die ich nicht kenne.

Genderpolicy und Quotendenken – aber nur solange das Essen rechtzeitig am Tisch steht.

In der Arbeit wird gerade die genderpolicy final bearbeitet. Wir haben verschiedene policies zu Arbeitssicherheit, Kinderrechten und anderen topics. Würden Geldgebeorganisationen nicht nach den policies fragen, wären wir wahrscheinlich nicht so fleißig dabei, sie zu verfassen. Oft habe ich das Gefühl, Gendergerechtigkeit ist erfüllt, wenn zwei von vier Positionen mit Frauen besetzt sind, wenn wir gleichviele Männer und Frauen interviewen, wenn wir gleichviele Schülerinnen und Schüler zu Aktionen einladen. Mir ist schon klar, dass gesellschaftliche Veränderung viel Zeit braucht, aber ich denke, es ist wichtig, dass die Leute sehen, dass wir weit von Gleichstellung entfernt sein können, selbst wenn alle Quoten erfüllt sind. Es ist gut, auf Gleichgewicht zu achten, aber es muss auch klar sein, dass das nur ein Schritt zur Gleichstellung ist.

So erzählte mir ein Freund, der auch aus Deutschland kommt und in einer lokalen NGO arbeitet, dass ganz selbstverständlich die Frauen in der Organisation sich bei Events ums Essen kümmern, außerhalb ihrer Arbeitszeit und ohne extra Entlohnung. Bei mir ist auch die Sekretärin zuständig, meinem Chef das Essen zu bringen. Als dann Fatmata nicht da war und auch meine Kollegin nicht ins Büro kam, war mein Chef ganz verwirrt, weil wer bringt ihm denn dann heute sein Essen? Manche Aufgaben werden sehr klar nur an weibliche Teammitglieder gegeben. Ganz selbstverständlich.

Als wir vor ein paar Wochen in der Yawri Bay unterwegs waren, haben sich meine Kollegen auch immer sehr selbstverständlich an den Tisch gesetzt und gewartet, bis unsere Kollegin ihnen das Essen auf den Teller, den Teebeutel in die Tasse und das Wasser eingeschenkt hat. Bis ich dann einmal zu ihr sagte, dass sie die Kollegen nicht bedienen muss. Stimmt, hat sie dann gesagt und sich wieder hingesetzt. Da werden ganz viele erlernte Handlungsweisen abgespult. Es geht mir nicht darum, meinen Kollegen nicht den Tee vorzubereiten. Ich mache das auch. Aber nicht, weil es meine Aufgabe als Frau ist, sondern weil ich es gerne mache. Genauso wie ich mich auch freue, wenn jemand anders mich umsorgt. Ich habe mich aber jetzt entschieden, in diesen Fällen nicht mehr den Mund zu halten. Ich glaube ganz fest daran, dass wir als Gesellschaft stärker sind, wenn wir alle stark sind. Und dafür ist es wichtig, dass alle geben und nehmen können. Dass alle Hilfe anbieten, aber auch alle Hilfe akzeptieren können. Auf verschiedenen Ebenen. Und wenn meine Kollegin persönlich gestärkt und selbstbewusster aus unserer gemeinsamen Zeit herausgeht, wäre das ein Gewinn für sie persönlich und auch für die Organisation.

Einerseits heißt es immer Mal wieder „ladies first“ und wenn ich vom Workshop meine „schwere“ Tasche trage, bieten immer Kollegen an, die Tasche für mich zu tragen, weil das macht man so in der Kultur hier. Frauen tragen nicht schwer und Männer lassen sie keine schwere Arbeit verrichten. Ich kann in diesen Situationen leider beim besten Willen ein lautes Lachen nicht unterdrücken. Früher habe ich meinen Mund gehalten. Jetzt nicht mehr. Meine Kollegen frage ich dann immer, wer denn das Wasser auf dem Kopf nachhause trägt, wer das Feuerholz sammelt und teilweise weite Strecken trägt, wer die Klamotten wäscht, wer kocht, Mais und Casava stampft und die Kinder dabei immer am Rücken hat? Ich will damit nicht sagen, dass die Männer nicht körperlich schwer arbeiten. Aber oft wird gar nicht gesehen, was Frauen alles leisten. Teilweise zusätzlich zu einem Job im Büro, einem Verkaufsstand oder einem kleinen Restaurant. Meine Kollegen wissen dann nicht so genau, wie sie reagieren sollen. Es ist auch etwas gemein. Sie wollen höflich zu mir sein und ich konfrontiere sie mit der gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen. Meine Hoffnung ist, kleine Steinchen ins Rollen zu bringen. Insbesondere der Blick auf unbezahlte Arbeit im Haushalt ist ja ein Thema, das oft übersehen wird in der Diskussion um Geschlechtergleichstellung. Gleichstellung und Gleichbehandlung wird in Sierra Leone normalerweise als positiv bewertet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob alle Männer wirklich alle Sphären des Lebens im Kopf haben, wenn sie darüber reden. Und auch viele Frauen haben in der Diskussion meist nur die Gleichstellung und Gleichbehandlung außerhalb der eigenen vier Wände im Kopf.

Ich bin kein Objekt!

Ähnliche Situationen wie die eben erwähnten, kennen die meisten. Was aber in Sierra Leone für mich hinzukommt ist die Behandlung von Frauen als wären wir Objekte. Oft fühle ich mich nicht als Subjekt wahrgenommen. Männer erheben Besitzansprüche, die ihnen absolut nicht zustehen. Das beginnt damit, dass Typen, denen ich in einem guten Moment meine Telefonnummer gebe, echt verärgert sind, wenn ich nicht antworte und noch besser: wenn ich mich nicht täglich von mir aus melde. Was bringt einen Menschen dazu, zu denken, dass ein fremder Mensch, der seine Nummer nur zögerlich herausgegeben hat, in der Pflicht ist, dir täglich guten Morgen zu wünschen? Ohne Aufforderung! Deshalb gebe ich jetzt meine Nummer nicht mehr heraus. Und erkläre auch immer weshalb. Das sorgt zwar manchmal für Verwirrung, aber das kann ich nicht ändern. Alleine die Tatsache, dass erwartet wird, dass ich meine Nummer mit jedem wortwörtlich hergelaufenen Mann teilen möchte, bedarf sehr viel Selbstbewusstsein und Standfestigkeit meinerseits, wenn ich sie nicht teilen möchte. Das ist für mich eine wunderbare Übung, zu lernen nein zu sagen. Männer sind es nicht gewohnt, ein nein zu hören und es zu akzeptieren.

In meinem letzten Beitrag habe ich schon anklingen lassen, dass ich während der Tage in den communities in der Yawri Bay immer wieder mit der für mich traurigen und krassen Lebensrealität der Frauen konfrontiert wurde. Angefangen hat es direkt am ersten Abend, als wir noch ein paar Beiträge am Fischstrand gedreht haben. Das ist der Strand in Tombo. Dort kommen die Fischer mit ihren Booten an, tragen ihren Fang an Land und die Frauen übernehmen ihn und verkaufen die Fische weiter. Männer können sich frei bewegen. Frauen müssen ihr Haar bedecken. Ohne Kopfbedeckung dürfen Frauen nicht an den Strand. Auf die Frage, weshalb das so ist, habe ich keine Antwort erhalten.

Als wir ein paar Tage später in der Nähe von Shenge nochmal am Strand waren, kam das Thema nochmal auf. Wir sind alle zusammen am Strand entlang gelaufen. Die Fischer, die da saßen und ihre Netze geflickt haben, haben uns auch gegrüßt beim Vorbeilaufen. Meine Kollegin hat sich dann irgendwann zu ein paar von den Fischern gesetzt, weil sie nicht so weit laufen wollte. Als wir sie am Rückweg wieder eingesammelt haben, war sie in einer Diskussion mit den Fischern. Sie hatte den Pulli von dem einen auf dem Kopf. Ihr war vorgeworfen worden, dass wir beide ohne Kopfbedeckung am Strand waren und ich hätte nicht einmal gegrüßt. Als Gast sollte ich mich doch an die lokalen Regeln halten. Wir haben das dann geklärt. Gegrüßt hatte ich nämlich! Dass wir auch dort den Kopf hätten bedecken müssen, wussten wir nicht. Wir waren ja nicht direkt an einem Fischstrand. Auf dem Weiterweg haben wir dann noch über die Situation und diese Regel diskutiert. Ich bin neben Woodie gelaufen. Er kommt aus der Gegend und arbeitet schon lange mit uns, setzt sich für die Mangroven ein und ist eigentlich im Umgang mit uns und anderen Frauen nicht respektlos oder so. Aber er sieht keine Diskriminierung in der Tatsache, dass Frauen ihren Kopf bedecken müssen und Männer nicht. Ich habe versucht zu erklären, dass es aus meiner Sicht sehr wohl diskriminierend ist, weil es eine Andersbehandlung ist, die eine bestimmte Personengruppe in ihrer Freiheit einschränkt. Das wurde von meinem Gegenüber nicht so gesehen. Ich habe auch versucht zu sagen, dass wenn niemand mehr den Grund für eine Regel oder eine Tradition kennt, es auch an der Zeit sein kann, diese Tradition zu überdenken.

Die Argumentation ist oftmals, dass das eben so ist in Afrika und in Afrika Tradition eben sehr wichtig ist und man das in Afrika nicht ändern kann. Wenn ich dann sage, dass wir in Europa auch sehr viele Traditionen haben und uns diese sehr wichtig sind, glauben mir die Leute nicht wirklich. Zu sehr ist das koloniale Bild von Afrika und seinen Menschen in die Köpfe zementiert. Immer wieder erschreckend. Europa wird als technisch und fortschrittlich wahrgenommen, Afrika als traditionell und unterentwickelt. Aber das ist ein anderes Thema. Dieses Selbstbild macht es gesellschaftlichem Wandel aber doppelt schwer. Wenn argumentiert wird, dass Wandel nicht möglich ist, ist es umso schwerer, ihn auch nur anzustoßen.

Als Woodie dann noch den Islam in die Diskussion brachte, habe ich die Diskussion abgebrochen. Ich fühle mich (noch) nicht in der Lage die Religion in Frage zustellen. Als Woodie begann mit dem Koran zu argumentieren, habe ich gesagt, dass ich nicht über Religion diskutieren möchte. Allerdings habe ich noch gesagt, dass ich glaube, wenn eine Frau Allahs Worte gehört hätte und sie aufgeschrieben hätte, würde im Koran manches anders stehen. Ob er verstanden hat, was ich damit sagen wollte, weiß ich nicht.

Schön fand ich in der ganzen Diskussion auch, als einer meinte, die Frauen würden auch diskriminieren, weil es einen besonderen Ort gibt, an dem alle die Schuhe ausziehen müssen. Auf meine Nachfrage, ob Männer und Frauen die Schuhe ausziehen müssen, wurde mit ja geantwortet. Dann ist es keine Diskriminierung, weil ja alle gleich behandelt werden, meinte ich. Ach so, stimmt.

Im letzten Beitrag habe ich schon kurz über die Toilettensituation in dem einen Dorf gesprochen. Die meisten Dörfer sind ähnlich aufgebaut. Es gibt eine Hauptstraße in der Mitte, die ein bisschen breiter ist und links und rechts davon sind dann die Häuser, manchmal gibt es auch noch Häuser in zweiter Reihe. Es gibt keine Teerstraßen. Der Untergrund der Straßen oder kleinen Plätze besteht aus  festgetrampeltem Lehm oder Erde.  In dem Dorf, in dem wir übernachtet haben, war das so ähnlich. Es gab einen kleinen Dorfplatz, mit einem großen Baum in der Mitte. Als wir angekommen sind, wurden Holzbänke und Stühle aus verschiedenen Häusern herbeigetragen, sodass wir uns hinsetzen konnten. Meist sitzen die Männer am Dorfplatz oder vor den Häusern. Die Frauen sitzen oft zusammen irgendwo anders. Manchmal gibt es eine Kochstelle, die mehrere Familien gemeinsam nutzen, manchmal hat jedes Haus seine eigene Kochstelle. Das ist immer ein bisschen unterschiedlich in den Dörfern. Es gibt alleinstehende Häuser und dann gibt es manchmal auch Häuser mit mehreren Zimmern, in denen dann mehrere Familien oder alleinstehende Männer wohnen.

In dem Dorf haben wir in einem Haus übernachtet, in dem mehrere Zimmer waren. Hinter dem Haus gab es eine überdachte Kochstelle und daneben war ein „Toilettenhäuschen“ mit drei kleinen Kabinen. Zwei Toiletten und eine Dusche. Bei der Dusche war ein Loch im Boden, damit das Wasser gut abfließen kann, bei den Toiletten ist meist noch etwas aufgemauert, so dass man sich gemütlich in der Hocke über das Loch setzen kann. Die Kabinen sind zu einer Seite offen. Die Öffnungen sind mit alten Reissäcken verhangen, die man herunterlassen kann, aber es gibt keine Türe oder so, die man zumachen kann. Auch die Reissäcke verdecken die Öffnungen nicht vollständig. Erst fand ich das voll komisch, da jede Person, die hinter der Kabine vorbeiläuft, mich sehen kann, während ich dusche oder mein Geschäft verrichte. Als ich ein bisschen nachgedacht habe, wurde mir klar, dass es gleichzeitig für mehr Sicherheit für die Frauen sorgt. Erstens ist das Toilettenhäuschen genau neben der Stelle, an der die Frauen kochen. Das heißt, dass eigentlich immer Frauen da sind und mitbekommen, wer da hingeht. Dadurch, dass alles offen ist, kann jeder und jede jederzeit hineinschauen und sehen, was passiert. Damit kann niemand eine Frau bedrängen oder ihr irgendwas antun, während sie am Klo ist oder während sie duscht. Als ich in der Dunkelheit nochmal aufs Klo bin, hat eine Frau sich einfach im Freien geduscht, neben der Kochstelle. Schwarzer Körper sieht man ja nicht in der Dunkelheit. Sie konnte im Freien duschen, direkt neben den anderen Frauen, und war zugleich geschützt. Mir ist da nochmal echt bewusst geworden, wie verletzlich und wie angreifbar die Frauen sind.

Noch ein weiteres kleines Beispiel zum Thema: Frauen sind Objekte. Ich bin mit meiner Kollegin und Woody in einem anderen Dorf von unserer Unterkunft zu den anderen gelaufen. Dann kommt ein alter Mann vorbei und spricht nur Woddy an. Das regt mich ja schon mal auf. Wenn ich nicht angesprochen werde, sondern über mich in meiner Anwesenheit gesprochen wird. Ich empfinde das als sehr verletzend und entmündigend. Der alte Mann spricht also nur Woody an und sagt dann auch noch „Du hast zwei Frauen, ich habe keine. Gib mir eine.“ Ich weiß nie, wie ich auf so etwas reagieren soll. Ich finde das unmöglich, total erniedrigend. Aber offensichtlich ist es total ok und normal. Es reagiert überhaupt niemand auf soetwas. Weder meine Kollegin, noch Woody. Wenn ich mir vorstelle, dass das Gleiche in Deutschland passieren würde… Ich kann mir das gar nicht vorstellen ehrlich gesagt. Wenn ich über all das nachdenke, wird mir immer bewusst, welch große Unterschiede es gibt in der Wahrnehmung von Frauen und dass sie in Sierra Leone eine ganz andere Stellung in der Gesellschaft haben als in Deutschland.

Als wir wieder in Freetown waren, kam Schwarbu, einer der Filmemacher nochmal bei uns im Büro vorbei, um uns das ganze Filmmaterial zu geben. Ich weiß gar nicht genau wie, aber irgendwie sind wir dann auch nochmal auf das Thema Frauen gekommen. Schwarbu hat erzählt, dass er in dem einen Dorf mit ein paar Frauen gesprochen hat. Die Frauen haben ihm erzählt, dass wenn die Männer vom Fischen kommen, erwarten sie, dass das Essen schon fertig ist. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat die eine gesagt, einmal war das Essen noch nicht fertig und dann hat ihr Mann sie ins Feuer geschubst, also in die heißen Kohlen. Häusliche Gewalt ist Alltag hier für die meisten Frauen. Es ist sehr normal, dass Männer Frauen schlagen, auch wirklich schlimm schlagen man. Auch in Freetown sehe ich immer wieder mal Frauen mit blauen Flecken im Gesicht.

Die Frauen im Dorf haben auch berichtet, dass die Männer heimkommen, essen wollen und Sex wollen, aber es ist sehr egal, was die Frauen wollen. Die Frauen legen sich hin und lassen es über sich ergehen. Es gibt keine Zärtlichkeit, kein Miteinander. Es geht um Triebbefriedigung für den Mann. Die Bedürfnisse und Gefühle der Frauen spielen dabei keine Rolle. Obwohl die Frauen es einerseits gewohnt sind, dass über sie und ihren Körper bestimmt wird, sprechen sie mit einem fremden Mann über solche Themen. Das wiederum finde ich ganz spannend. Sie sind nicht ängstlich oder eingeschüchtert.

In der jüngeren Generationen ändert sich das Verhältnis oder auch die Beziehung zwischen Männern und Frauen. In der Stadt stärker und schneller als auf den Dörfern. Ich bekomme das mit, wie meine Kollegen über Frauen und Mädchen reden und über ihre Beziehungen zu ihnen. Im Gespräch sagen meine Kollegen, sie wollen nicht, dass ihre Töchter schlecht behandelt werden oder dass ihre Töchter irgendwann einen Mann haben, der keine Rücksicht auf ihre Gefühle und ihre Bedürfnisse nimmt.

Aber der Alltag für die Frauen in den Dörfern ist sehr stark fremdbestimmt durch Regeln, was sie zu tun und zu lassen haben, durch Regeln, was sie tragen dürfen und was sie nicht tragen dürfen, durch religiöse Regeln, aber auch durch kulturelle Regeln. Auch die Genitalverstümmelung ist ein extremer Eingriff in den Körper der Frau. Die Objektivierung der Frau, dass sie nicht als gleichberechtigtes Subjekt wahrgenommen wird, sondern als Objekt, mit dem Mann machen kann, was Mann will, das einem zu dienen hat, das keine eigenen Ansprüche und Bedürfnisse hat, die irgendwie erfüllt werden wollen. Das ist mir in diesen Tagen an denen wir unterwegs waren nochmal sehr schockierend bewusst geworden. Es ist nicht so, dass die Unterdrückung im Alltag ständig sichtbar ist. Viele Frauen treten auch in der Öffentlichkeit stark auf und diskutieren mit Männern lautstark. In der Stadt ist das normal, gerade in Freetown. In den Dörfern sieht man das nicht so sehr.

Das sind alles die kleinen und größeren Situationen, denen ich im Alltag begegne. Hinzukommt noch alles, was nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Ich weiß, dass wahrscheinlich über 90% aller Frauen mit Genitalverstümmelung leben. Aus meiner Sicht ist das eine Methode von Männern, um Frauen zu unterdrücken, ihnen Lust an ihrem Körper zu nehmen und sie einzuschränken. Ich weiß, dass die Mädchen, die kaum alt genug aussehen, um schon ihre Menstruation zu haben und dennoch mit dicken Babybäuchen herumlaufen, sich bestimmt nicht freiwillig und bewusst für Sex und Schwangerschaft entschieden haben. Es ist mir klar, dass das Mädchen, das mit 14 in der vierten Klasse noch nicht den eigenen Namen buchstabieren kann, wahrscheinlich auch nicht viel über ihre eigenen Rechte weiß. Was bringen Billboards an den großen Überlandstraßen mit Aufschriften wie „Education is my right. Marriage is my choice.“, wenn diejenigen, um die es geht weder lesen können, noch Englisch sprechen noch jemals soweit aus ihrem Dorf kommen werden, um auch nur in die Nähe des Billboards zu kommen? Aber gut, irgendwo muss man anfangen.

Ich merke, dass meine (jüngeren) Kollegen anders ticken. Es ist ein sehr großer Unterschied zwischen Stadt und Dorf und auch der Bildungsgrad macht in meiner Wahrnehmung einen sehr großen Unterschied, wie Frauen und Mädchen wahrgenommen und behandelt werden. Bildung, Vorbilder, Austausch sind wohl wie immer die wichtigsten Treiber für Veränderung und Wandel.

Wenn ich mir bewusst mache wie Mädchen in den Dörfern in Sierra Leone aufwachsen und bestimmt auch immernoch in den Städten, empfinde ich sehr sehr große Dankbarkeit, dass ich anders aufwachsen durfte, dass ich nicht das Gefühl hatte, anders behandelt zu werden, weil ich ein Mädchen bin; dass ich das Gefühl habe, egal ob als Kind als Jugendliche oder jetzt als Erwachsene, dass Männer mich zwar vielleicht anders behandeln als sie andere Männer behandeln würden, aber sie behandeln mich nicht als Objekt über das sie bestimmen können, das sie besitzen können, sondern ich habe das Gefühl, ich werde als Mensch wahrgenommen. Dass das nicht selbstverständlich ist, ist sehr schmerzhaft für mich. Ich finde es wirklich sehr schlimm das anzusehen und nicht viel tun zu können. Wie krass auch, dass ich Dankbarkeit empfinde, für etwas, das normal sein sollte…

Es ist nicht so, als ob das Thema Benachteilung und Unterdrückung von Frauen mir nicht schon vorher begegnet wäre, aber ich hatte einfach überhaupt gar keine Kapazitäten, mich mit einem so großen Thema zu beschäftigen. Da war so viel, was ich verarbeiten und verstehen musste, um im Alltag klarzukommen. Ich merke, jetzt ist der Alltag gerade für mich nicht mehr anstrengend in Sierra Leone. Das ist ein ganz wunderschönes Gefühl. Nach eineinhalb Jahren bin einfach da und es ist gut und es geht mir gut. Jetzt habe ich Kapazitäten frei, um tiefer in den gesellschaftlichen Alltag einzutauchen und stehe wohl eher vor der Herausforderung wie ich mit all den Ungerechtigkeiten umgehe, in die ich nun noch tiefer eintauchen werde.

Was ich heute geschrieben habe, hört sich streckenweise sehr crass an, habe ich gemerkt, als ich den Text nochmal gelesen habe, bevor ich ihn veröffentliche. Die Realität ist leider manchmal sehr hart. Ich möchte das gar nicht abschwächen. Ich möchte nur sagen, dass ich auch sehr oft sehr viel Wertschätzung wahrnehme zwischen den Geschlechtern und der Alltag nicht immer und von allen Frauen von Benachteiligung und Unterdrückung geprägt ist. Aber es gibt dennoch viele Situationen, in denen ich eine Schieflage wahrnehme und diese nicht akzeptieren möchte. Vielleicht wird das mein Ding fürs neue Jahr. Für mich lernen, wie und wann ich meinen Mund aufmache, um Situationen für mich selbst, aber vor allem auch für andere zu verbessern.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen Kraft und Weisheit für das neue Jahr. Es gibt doch diesen einen Spruch „Gebe mir die Gelassenheit, das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann, die Kraft, das zu verändern, was ich ändern kann und die Weisheit, zwischen beiden zu unterscheiden.“ Ich bin mir sicher, wir können viel mehr verändern, als wir denken. Wir brauchen dafür bestimmt sehr sehr viel Kraft. Aber ich bin mir auch sicher, dass es sich lohnt. Ich wünsche mir und uns allen für das neue Jahr ganz viel Kraft und Weisheit, damit wir Situationen, die nicht akzeptabel sind, verändern können.

Into the Mangroves – oder was von ihnen übrig ist

Seit knapp einer Woche bin ich wieder zurück von meiner letzten Video-Reise. Dieses Mal ging es in die Yawri Bay, südlich der Peninsula, um unsere Arbeit in den Mangrovenwäldern zu dokumentieren. In den communities, die wir besucht haben, bin ich so oft mit dem Frauenbild hier konfrontiert worden, dass ich eigentlich darüber berichten wollte. Aber Hannah meinte, ich soll euch erst mal ein paar schöne Bilder von den Mangroven zeigen und dann in meinem nächsten Post vom Frauenbild erzählen. Die meisten Fotos, die ihr heute sehen werdet, sind von Schwarbu, einem der Filmemacher. Mein Handy hat leider die eine Bootsfahrt nicht überlebt, so dass jetzt auch meine Fotos alle nicht zugänglich sind. Deshalb gibt es jetzt doch nicht so viele Bilder für euch, wie geplant.

Tombo – Fischerdorf mit night live Character

Unser Ziel war, wie eben schon erwähnt, die Yawri Bay. Wer sind wir? Dieses Mal war ich mit meiner Kollegin Mariama, meinem Kollegen Dauda, den zwei Filmemachern Alba und Schwarbu und Woodie, unserem Kontakt in Tombo unterwegs. Die Yawri Bay ist südlich der Peninsula; von Freetown etwas mehr als eine Stunde Autofahrt entfernt, liegt Tombo, eine Fischer-community. Von hier aus sind wir in die Mangroven gestartet, die die Landschaft in der Yawri Bay bestimmen.

Tombo ist eigentlich nicht sonderlich groß, aber witzigerweise gehen die Leute aus Bureh (das Örtchen mit schönem Strand) nach Tombo zum Partymachen. Unlängst war da zum Beispiel eine jersey Party. Jersey werden hier die Fußballtrikots genannt. Es war also eine Party, bei der alle die Trikots ihres Lieblingsvereins trugen. Ziemlich witzig, wie ich finde.

Bevor wir nach Tombo los sind, wollten wir eigentlich im Büro noch drei Interviews machen für unseren Image-Film. Natürlich waren dann aber alle drei Personen nicht da, die wir interviewen wollten, obwohl sie am Vortag noch zugesagt hatten. Naja, ich rege mich gerade gar nicht mehr auf über so etwas.

In Tombo haben wir zuerst ein paar Videos und Interviews am Strand gemacht, wo die ganzen Fischerboote ankommen. Es ist unglaublich laut und ein ziemliches Gewusel. Die Männer kommen mit ihren Booten an und transportieren die Fische in Eimern und gelben, oben aufgeschnittenen Kanistern an Land, wo schon die Frauen warten, die den Fisch abnehmen. Die Männer fahren aufs Meer und fischen, die Frauen verarbeiten ihn weiter, trocknen ihn und verkaufen ihn. Den ganzen Strand entlang sind die Fischernetze ausgebreitet und werden von den Fischern direkt geflickt, bevor es am nächsten Tag wieder auf´s Meer geht.

Ich habe immer das Gefühl, dass es in den Fischer-communities etwas rabiater zugeht. Aber das Leben ist auch echt ein hartes für die Fischer.

Ein Interview haben wir auch mit der Vorsteherin der Frauengruppe gemacht, die den Fisch trocknet. Ich persönlich stehe ja gar nicht auf den getrockneten Fisch. Nicht nur, dass er nicht so gut riecht, er schmeckt mir auch nicht so gut. Ich sehe aber ein, dass der Fisch irgendwie haltbar gemacht werden muss, damit er nicht sofort schlecht wird, bei den Temperaturen hier. Normalerweise wird der Fisch über Mangroven-Feuer getrocknet. Manche communities nehmen auch Kokosnussschalen oder anderes Holz. Unser Ziel – und das von anderen Organisationen – ist, die communities dazu zu bewegen, keine Mangroven zu nehmen und möglichst effizientere Öfen zu verwenden, die weniger Holz brauchen und zugleich weniger Rauch absondern. Das ist eine win-win-Geschichte: gesündere Arbeitsumgebung für die Frauen und weniger Bäume müssen abgeholzt werden. Die Frauen in Tombo haben so einen effizienteren Ofen. Eigentlich hätte es hier jetzt Fotos gegeben, aber siehe oben…

Noch ein kleiner Teaser auf den nächsten Beitrag zum Thema Frauen – Männer: Männer können an den Strand ohne Einschränkungen, Frauen müssen ihr Haupt bedecken. Weshalb, kann niemand sagen. Tradition… Ich reagiere ja immer etwas empfindlich, wenn mir Regeln aufgedrückt werden, deren Sinn ich nicht erkennen kann.

Abends sind wir dann zum Abendessen noch rauf zur Hauptstraße, wo es lecker Acheke gab und danach saßen wir noch kurz vor unserem guesthouse. Dort wurde mit einem sehr coolen selbstgebauten Flipper gespielt. Auch hier gilt: Fotos gibt es dann ein anderes Mal 😉

Ich dachte noch, schön, ein paar Tage raus aus der Stadt und ruhige Nächte. Nichts da. Tombo ist wirklich sehr lebhaft. Unglaublich wie viel Lärm Leute machen können, wenn sie nur auf der Straße rumsitzen und sich unterhalten. I love it!

Why to protect the mangrove?

Mangroven sind super wichtig. Sie sind die breeding areas für Fische. D.h. die Fische laichen dort und die kleinen Fische können in den Mangroven etwas geschützt vor großen Raubfischen heranwachsen. Werden die Mangroven abgeholzt, haben die Fische keine Laichgegend mehr, wodurch es weniger / keine Fische mehr gibt. Die fishing-communities, die die Mangroven abholzen, sägen also auf dem Ast, auf dem sie sitzen. Aber gleichzeitig brauchen sie das Holz zum Kochen und Fischtrocknen.

Die Mangroven schützen vor Erosion. Sie fungieren quasi als Schutzwall gegen das Meer, das immer versucht, Sand und Land wegzutragen. Sie sind unglaublich wichtig, um den Klimawandel aufzuhalten, da sie sehr viel CO2 binden. In den Mangroven gibt es einzigartige Ökosysteme, Tiere und Pflanzen. Es gibt super viele Vögel. Innerhalb von wenigen Minuten sahen wir verschiedene king fisher, Reiher, Flamingos, Turacos und und und. Die Tiere, die ich ja am coolsten finde, sind nicht Krabben. Wobei ich die schon ziemlich cool finde. Nein, es sind diese komischen Tiere, die halb Fisch – halb Landlebewesen sind. Ein Blick zurück in die Evolution. Sie sehen ein bisschen aus wie gräuliche Nacktschnecken, die aber auch hüpfen können, mit Glubschaugen. Ich kann die ewig beobachten.

Und zu guter Letzt: die Mangroven sind einfach wunderschön!

Auf den Fotos bekommt ihr ein paar Eindrücke von den intakten Mangrovenwäldern, aber auch von der Zerstörung. Viel ist schon zerstört. Wir sind ganz lang an zerstörten Mangroven vorbeigefahren, aber auch an ein paar Wiederaufforstungsstellen. Die meisten Fotos wurden bei Ebbe gemacht, deshalb sind die Wurzeln so weit aus dem Wasser. An den Wurzeln seht ihr Austern. Die kann man da einfach „abpflücken“.

Wir haben ein Projekt hier in der Bucht, um die verblieben Mangroven zu schützen. In den letzten zwei Jahren haben ein Kollege und eine Kollegin hier mit den communities gearbeitet, By-laws entwickelt und eco-guards ausgebildet, um das sensible Ökosystem zu schützen. Von Tombo aus waren wir drei Tage mit dem Boot unterwegs, um diese Arbeit und die Gegend zu portraitieren.

Am ersten Morgen haben wir gemeinsam mit den Fischern den Hafen von Tombo verlassen und sind los in die Bucht. Unterwegs haben wir andere kleine Boote getroffen, aber auch das Linienboot (das ist auf dem einem Foto zu sehen). Wir selbst waren nicht mit einem Holzboot unterwegs, sondern mit einem Speedboot. Das seht ihr auf dem einem Foto. Während der kleinen Reise waren wir in verschiedenen communities und haben Interviews mit eco-guards, Fischern, Fisch-Trocknerinnen usw gemacht.

Was soll ich sagen. Die Fotos sprechen für sich. Ich finde es unglaublich toll, mit dem Boot durch die Mangroven zu fahren, die Tiere zu beobachten, manchmal fahren wir auf breiten Flüssen, manchmal sind es ganz enge Wasserstraßen und dann landen wir auf einmal in einer Sackgasse im Schlick und gehen die letzten Schritte bis zu den Palmen durch schlammigen Untergrund.

Wir sind ja wie gesagt mit dem Speedboot unterwegs. Der Motor macht ziemlich Lärm und passt so gar nicht in die ruhige Natur. Achso, und ich sehe natürlich total bescheuert aus mit meiner Kappe und meinem Handtuch als Sonnenschutz. Dafür habe ich den anderen erklärt, was es heißt, wenn man Sonnenbrand hat. Again what learned.

Bei den videos wird manchmal nur der Ton angezeigt. Das ist natürlich nicht der Sinn der Sache. Falls das bei euch der Fall ist, probiert mal nen anderen Browser.

Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie sehr der Wasserstand sich ändert zwischen Ebbe und Flut. Wenn man durch die Mangroven reist, ist es wichtig, die Gezeiten im Blick zu behalten. In der einen community, in der wir übernachtet haben, hat uns unser Bootsmann abgesetzt und hat sich dann wieder auf den Weg gemacht. Erstens, damit er noch rechtzeitig wieder zurück in tiefere Gewässer kommt und dann auch, weil es das erste Mal war, dass ein Motorboot dort war und der Bootsmann und unser Kontaktmann meinten, die Dorfleute würden Juju machen mit dem Boot, wenn es über Nacht bleibt.

Der Weg in diese community war echt strange. Am Ende gab es weit und breit keine Mangroven mehr. Kaum vorstellbar, dass hier jemals Mangroven waren. In den 80er Jahren hatten die Leute angefangen, die Mangroven abzuholzen, um Salz zu gewinnen. Für die Salzgewinnung wird irgendwie der Salzstaub eingesammelt, der wird auf Haufen gesammelt und mit Palmblättern bedeckt, dass der Wind ihn nicht forttragen kann. Dann wird der salt dust in Wasser aufgelöst und durch Schlamm gefiltert. Das Wasser wird aufgefangen und kommt dann auf eine Metallplatte, unter der Mangroven ein Feuer schüren, das das Wasser verdampfen lässt. Übrig bleibt Salz. Es ist super aufwendig und nicht wirklich ökonomisch. (Fotos folgen auch hier 😉 ) Davon konnten sie nicht wirklich leben, deshalb haben sie dann noch mehr Mangroven abgeholzt, um Landwirtschaft zu betreiben. Aber der Reis wächst nicht so super auf dem Boden und mit dem Salzwasser. Zugleich wird der Fluss immer kleiner und es können jetzt nur noch ganz kleine Boote bis zum Dorf fahren. Früher konnten auch die größeren Fischerboote, wie wir sie aus Tombo kennen, bis zum Dorf.

Die komplette Landschaft ist verändert. Ohne das Wissen, dass hier mal Mangroven waren, hätte ich das nie gedacht. Es sah trotzdem sehr malerisch aus. Mit den Reisfeldern, den Wasservögeln und den Palmen. Da seht ihr mich im Stechschritt ins Dorf einlaufen. Ich muss unbedingt an meiner Performance arbeiten…

Die Dörfer sind aufgebaut, wie Dörfer eben so aufgebaut sind. Es gibt eine Hauptstraße an der die meisten Häuser stehen, manchmal gibt es noch Häuser in zweiter Reihe. Die Häuser haben oft keine eigenen Toiletten. Es gibt dann oft so kleine Toilettenhäuschen, mit zwei bis drei Kabinen. Die Klohäuschen sind oft am Rand, neben der Stelle, an der die Frauen Kochen und die Kabinen sind oft in eine Richtung offen. Was es damit auf sich hat, erzähle ich im nächsten Beitrag.

Sehr ärgerlich. Ich sehe gerade, ich habe gar keine Fotos aus den Dörfern. Das nächste Mal werde ich bewusst eine Fotoreihe nur zum Thema Dorfleben machen.

Wenn wir unterwegs in den communities sind, gibt es manchmal guesthouses und manchmal schlafen wir in Zimmern, in denen eigentlich Leute wohnen. Das ist dann immer etwas strange, weil man einfach im Bett eines fremden Menschen schläft, alle seine Sachen um einen herum. Aber gut, so ist das dann also. Wieder war es nichts mit der ruhigen Nacht fern der Großstadt. Dieses Mal wurde ich erst von einem Kind geweckt, das anscheinend nicht müde war und dann hat um halb fünf schon der Muezzin zum Gebet gerufen. Zack und schon ist die Nacht vorbei.

Guru Guru, Blut ist im Schuh – oder eher in der Hose

Jede Frau hatte wohl irgendwann in ihrem Leben einmal diese Situation. Du gehst ganz entspannt aufs Klo, denkst dir nichts Schlimmes, putzt dich ab, dein Blick geht noch mal Richtung Klopapier und du denkst dir: F**K! Das sieht mir verdammt nochmal danach aus, als hätte ich gerade meine Tage bekommen und ich bin absolut nicht vorbereitet. Ich hatte netterweise genauso eine Situation als ich in Mochil morgens ins Toilettenhäuschen bin. Klopapier hatte ich mir auf die Reise mitgenommen, weil ich schon dachte, dass es nirgends Klopapier geben wird, wieso nur hatte ich nicht am Schirm, dass ich auch meine Tage bekommen würde??? Ich schlendere also am Freitagmorgen zum Toiletten-/ Duschhäuschen, meine Kollegin sitzt schon in der Hocke in der Duschkabine, ich also nebenan über das Loch im Boden, um meine Blase zu leeren und dann eben dieser Moment. Ich sofort zurück ins Zimmer. Stirnlampe aufgesetzt (die Zimmer sind immer sehr dunkel, wahrscheinlich, um die Hitze draußen zu halten) und durchsuche alle Taschen. Rucksack, Tasche, Umhängetasche, weit und breit kein Tampon in Sicht. Ich dachte mir noch, das gibt es doch nicht. Irgendwo fliegt doch immer noch eines rum. Aber nein. Offensichtlich hatte ich vor Kurzem die blöde Idee, meine Taschen auszuräumen. Das werde ich nie wieder machen! Ich also wieder zurück zum Klohäuschen, meine Kollegin immer noch bei der Morgenwäsche. Ich glaube, ich war ihr noch nie so dankbar! Als ich sie fragte, ob sie vielleicht Binden dabeihätte, antwortete sie mit einem Ja. Ich hätte sie knutschen können! In meinem Kopf habe ich schon überlegt, was ich machen würde. Es war Freitagmorgen, ich wäre frühestens am Samstagnachmittag zuhause. Also mehr als 24 Stunden hardcore bluten, ohne Tampon oder Binde. Da wäre sehr viel in die Hose gegangen. Aber so habe ich einfach nur unendliche Dankbarkeit verspürt. Und nachdem ich dann am Samstagnachmittag wieder zuhause war und endlich wieder von Binden auf Tampons umsteigen konnte, war ich nochmals sehr dankbar. Dabei waren es nur etwas mehr als 24 Stunden – okay, ohne richtige Toilette, Wasser und Damenhygieneprodukte. Alle Frauen, die ich in den Tagen in der Yawri Bay getroffen habe, alle Frauen, auf meinen Reisen in die Dörfer, all diese Frauen, machen das einmal im Monat für mehrere Tage durch. Sie nutzen Stofflappen, Blätter, alles was saugt. Ich habe mal wieder gemerkt, wie verdammt einfach mein Leben ist, nur weil ich andere Damenhygieneprodukte zur Verfügung habe. Aber zum Thema Frauen und ihren Alltag, gibt es ja das nächste Mal mehr.

Kann ein Tag schlecht sein, der mit einer Okada-Fahrt über die Dörfer startet?

Nach dem Frühstück – das eigentlich sehr ähnlich dem Abendessen ist – also Reis mit Fisch und Soße, wie gewohnt, alles auf einem großen Tablett, von dem wir alle gemeinsam essen – ging es auf die Motorräder. Unseren Bootsmann würden wir ein paar Dörfer weiter treffen. Zu uns konnte er wegen Ebbe nicht kommen, um diese Uhrzeit. Was soll ich sagen. Ich liebe es ja eh, mit den Okadas zu fahren. Aber morgens, über die Dörfer, durch dichten Wald – I love it!!! Auch diese Fotos sind leider, leider nicht da 🙁

Von Samu aus ging es dann wieder mit dem Boot weiter. Unser Boot hat schon gewartet, ihr seht es auf dem Foto. Dort ist auch die „Bootshalte“ für die Linienboote Richtung Tombo.

Leider hat uns draußen in der Bucht dann das schlechte Wasser erwischt, so dass wir alle ziemlich bald vollkommen durchnässt waren. Zweimal sind wir auch auf Sandbänken aufgelaufen. Die Fahrt war etwas abenteuerlich. Leider war der Wasserstand zu niedrig. Deshalb sind wir auch nicht nah genug an die Flamingos und die anderen Wasservögel herangekommen. Es ging erst einmal noch auf Plantain Island. Das hört sich um einiges schöner an, als es ist. Es war ziemlich deprimierend auf Plantain. Vielleicht wegen des Wetters. Es war bewölkt und superwindig. Wir waren patschnass und ich habe gefroren wie lange nicht mehr.

Plantain Island war früher vollkommen bewaldet. Nun ist fast nichts mehr vom Wald übrig. Die Insel ist super klein. Die Häuser sind ganz eng aneinandergebaut. Es sieht eigentlich aus, wie ein Flüchtlingscamp. Ganz viele Planen, die als Wände dienen, enge Gassen.

Die Kinder waren mehr als aus dem Häuschen, ein Opoto zu sehen. Mich also. Einen weißen Menschen. Ich habe dann irgendwann gesagt, dass nur die Mädchen mich anfassen dürfen. Es waren zu viele Kinderhände. Die Kinder schubsen sich dann auch immer irgendwann gegenseitig weg. Meine Kollegen haben mich weggeschickt, weil die Kinderschar um mich so laut war, dass wir nicht filmen konnten. Also bin ich in einer riesigen Traube von Kindern etwas abseitsgegangen, während die anderen das Interview mit den wood cuttern gemacht haben. Seitdem es auf Plantain kaum mehr Holz zum abholzen gibt, dient die Insel als Umschlageplatz für Holz.

Ich habe eigentlich nichts dagegen, wenn Menschen mich anfassen und anschauen. Ich verstehe es, dass es super interessant ist, wenn man das erste Mal im Leben jemanden sieht, von dem man nur gehört hat. Die Erwachsenen fassen mich natürlich nicht an. Die schauen aus der Ferne. Aber die Kinder haben nicht so viele Berührungsängste. Ich finde es auch okay, wenn Kinder neugierig sind. Sie sollen lernen, dass sich meine Haut so anfühlt, wie ihre und dass wir alle gleich sind. Nur meine Haare sind anders. Darauf haben wir uns geeinigt. Ein paar Mädels waren wirklich sehr putzig. Mit denen konnte ich auch ein bisschen reden. Sie haben ein bisschen was von meinem schlechten Krio verstanden. Die Leute in den communities hier – außerhalb von Freetown und von der Peninsula sprechen Timne oder Shebro. Irgendwann war es mir aber dann doch zu viel. Es war ja so windig, ich komplett nass bis auf die Haut, es war bitterkalt und meine Binde war spürbar vollgesogen. Ich konnte nicht spüren, ob voller Blut oder voller Meerwasser. Auf jeden Fall war es körperlich kein so entspannter Besuch auf Plantain.

Die beiden kleinen Nachbarinseln, Monkey Island und die Vogelinsel, sind dafür umso schöner. Sie sind sehr, sehr klein. Die Vogelinsel ist eigentlich eher nur ein großer Felshaufen, auf dessen Mitte in Baum steht. Monkeyisland hat einen kleinen superschönen Strand und ist voll bewaldet. Ist aber bestimmt nicht mal so groß wie ein halbes Fußballfeld, wenn überhaupt. Ich konnte leider keine Fotos machen, wegen Wetter und so. Aber am nächsten Tag haben wir die Drohne nochmal losgeschickt.

Wir waren alle froh, als wir nach einer weiteren kurzen Fahrt in Shenge gelandet sind, eine warme Dusche und Essen auf uns wartete. Ich war eigentlich echt müde und fertig. Ich hatte es mir schon auf der Veranda des guesthouses bequem gemacht, da wollten die verrückten Kollegen echt nochmal los. Na gut. Dann eben nochmal los. Also wieder rauf aufs Okada und ab über die Sandpisten. Die Wege, die die Dörfer hier verbinden, sind wirklich nur für Motorräder passierbar. Oder eben zu Fuß. Aber Autos haben hier keine Chance. Viel zu schmal alles.

In Shengue gibt es eine richtige Fischverarbeitungsfabrik inklusive Kühlhalle, Anlegesteg und allem drum und dran. Finanziert mit internationalen Geldern, für die communities. Insgesamt gibt es meines Wissens vier solche Anlagen in der Yawri Bay. Alle stehen leer. Nachdem sie fertig gestellt waren, hat die Regierung sie „übernommen“, um sie zu verkaufen. Aber anscheinend klappt das nicht. Jetzt stehen die einfach leer und werden nicht genutzt, obwohl sehr viel Geld dafür ausgegeben wurde. Und die community hat nichts davon. Immer wieder Alltags-Irrsinn hier.

Ein paar communities weiter sind wir dann am Strand entlang, zum Ende der Yawri Bay. Ein Teil des Strandes war offensichtlich die öffentliche Toilette, aber die hatten wir dann irgendwann hinter uns gelassen. Wenn man den Plastikmüll, der von den Wellen angeschwemmt wird, ausblendet, dann war es ein absoluter Traumstrand. Kilometerlang, weißer Sand, Palmen hängen Richtung Meer, ab und an ein Fischerboot und wieder ein paar Kinder, die mir fleißig beim Muschelsammeln helfen. Ganz am Ende des Strandes, die Fischerboote hatten wir hinter uns gelassen, ein wahres Naturparadies. Vogelschwärme fliegen durch die kleine Lagune, nur die Wellen rauschen und einfach bezaubernde Natur. Wow. Das einzig Störende wie gesagt, der Plastikmüll aus dem Meer.

Happy me!   

Was ein Glück ich auch habe. Da fahre ich tatsächlich ein paar Tage durch die Mangroven, darf Zeugin atemberaubender Natur zu sein, treffe Menschen, die mir mit Freundlichkeit und Lächeln begegnen und darf das auch noch Arbeit nennen. So gerne würde ich manchmal einfach alles filmen, um es euch zu zeigen. Der giftgrüne Riesenteddy, der auf der zerschlissenen Ledercouch liegt, während im Fernsehen eine Soap aus Nigeria läuft, die afrikanische Mama uns noch einen Abendtee anbietet, während ein paar Häuser weiter anscheinend eine Techno-Disko gerade eröffnet hat.

Nach sehr vollen drei Tagen, mit sehr vielen neuen Eindrücken und so viel neuem Wissen, ging es dann am Samstagvormittag wieder zurück nach Tombo und von dort nach Freetown. Unterwegs haben wir noch ein paar Fischerboote angefahren, um frisch gefangen Fisch zu kaufen.

Es ging zurück in den Alltag und ab aufs Thoa Festival am Cockel Point Beach. Der Elektro-Party des Jahres.

Aber einige der Begegnungen in der Yawri Bay haben noch lange nachgewirkt. Insbesondere die, die mich mit dem Frauenbild konfrontiert haben. Am Montag haben wir auch im Büro nochmal darüber gesprochen. Euch erzähle ich das nächste Mal davon. Heute ja mal wieder ein paar Bilder und nature für euch 😊

Und hier noch eines meiner Favourites. Als wir mal wieder auf einer Sandbank aufgelaufen waren, musste der Bootsmann, Woodie und Dauda aussteigen, um uns wieder zu befreien. Ich finde, es sieht eher so aus, als würde er mit seinem Boot Gassi gehen…

Rassismusgespräch am Pool

Heute geht es nicht um meine Lebensrealität in Sierra Leone, sondern um die Lebensrealität in Deutschland. Letzten Sonntag bin ich, nachdem ich den Blogartikel gepostet habe, noch zu Freunden von Maria an den Pool. Ganz unverhofft bin ich dann in ein Gespräch über Rassismus in Deutschland geraten.

Es gibt keine menschlichen Rassen

Bevor ich weiter in meinen Sonntagabend einsteige, möchte ich noch einen kleinen Exkurs in den Sprachgebrauch des Begriffs „Rasse“ machen. Der Begriff ist wissenschaftlich nicht auf die menschliche Gattung anwendbar. Ursprünglich wurden Menschen entsprechend ihres Phänotypus (ihres äußeren Erscheinungsbildes) in verschiedene „Rassen“ eingeteilt. Es gibt aber keine klaren Trennlinien. Außerdem gibt es keine genetischen Belege für unterschiedliche menschliche Rassen. Die durchschnittlichen genetischen Unterschiede zwischen den Menschen verschiedener Phänotypischer Gruppen sind geringer als die zwischen den Individuen innerhalb der einzelnen Phänotypischen Gruppen. Und dann wissen wir alle, dass es keine klar abgrenzbaren phänotypischen Gruppen gibt. Ich möchte deshalb sehr klar betonen, dass ich hier nicht von „Rassen“ spreche, sondern von Rassismus.

Im englischen Sprachgebrauch wird der Begriff „race“ dennoch verwendet. Hier hat er aber auch inhaltliche Bedeutung.

Rassismus verletzt

Rassismus ist eine Ideologie oder eine Denkweise, die Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale und negativer Fremdzuschreibungen, z.B. auf Grund von Herkunft, Aussehen und weiteren Attributen, diskriminiert. Rassismus erleben meist Menschen, die anders aussehen, als die Mehrheitsgesellschaft oder als die Gesellschaftsgruppe, die die meiste Macht hat. Menschen werden einer Gruppe zugeordnet, der negative Eigenschaften zugeschrieben werden.

Rassismus verletzt. Er verletzt nicht nur durch körperliche Gewalt, sondern auch durch Worte, Blicke und die Andersbehandlung von Menschen. Und damit kommen wir zurück zu meinem Gespräch letzte Woche.

„Ich bin froh, dass ich nicht in Deutschland aufgewachsen bin.“

Nachdem ich letzte Woche meinen Blogbeitrag fertig hatte, bin ich mit dem Keke zu Omar, einem Freund von Maria. Wir waren dort mit Judy, seiner Schwägerin und noch einer Nachbarin im Pool. Ganz entspannter Sonntagabend also. Später kamen noch zwei weitere Gäste. Mir wurde schon ein deutscher Gast angekündigt.

Sie kam dann auch, aber war anscheinend etwas genervt, dass Judy ständig meinte, wir sollen doch Deutsch reden, wir sollen doch Deutsch reden… Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater aus Sierra Leone. Später am Abend haben wir uns dann noch etwas eingehender unterhalten, wobei ich irgendwann eigentlich das Gefühl hatte, sie wollte einfach einmal loswerden, wie rassistisch sie in Deutschland behandelt wird und wie unwohl sie sich immer fühlt, wenn sie ihre Mutter besucht.

Amina (ich habe den Namen geändert, weil ich finde ihre Erlebnisse sind sehr persönlich) ist 46 Jahre. Sie ist nicht in Deutschland aufgewachsen, hat dort aber ihre Ausbildung gemacht und fliegt jedes Jahr zweimal nach Deutschland zu ihrer Mutter. Amina erzählte von ihrer Großmutter, die allen Enkelkindern immer etwas Geld gegeben hat, ihr und ihren Geschwistern aber nicht. „Das sind doch afrikanische Kinder“, hat sie wohl gesagt. Wenn das mal nicht sehr tief innen drin verletzt. Natürlich reflektiert man das nicht als Kind, aber ich frage mich:

Weshalb sind die Kinder „afrikanisch“, nur weil ein Elternteil aus Afrika stammt. Weshalb sind sie nicht „europäisch“, weil ja auch ein Elternteil aus Europa kommt? Und weshalb ist das sofort negativ konnotiert?

Amina gehört hier ganz klar zur reichen Bevölkerungsschicht. Sie hat in Hamburg im Kempinski geheiratet. Ich kenne nicht so viele Leute, die sich das leisten können. Trotzdem sagt sie, wird sie bei allen Deutschlandbesuchen immer skeptisch beäugt. Menschen aus Afrika haben arm zu sein. Sie sind nicht reich! Und wenn sie doch reich erscheinen, dann stimmt da etwas nicht. Woher haben sie das Geld und wie können sie sich das leisten? Diese ständige Konfrontation mit negativen Zuschreibungen und Stereotypen, ist nicht nur super unangenehm, sondern auch wieder verletzend und anstrengend.

Während Ebola hat Amina ihre ältere Tochter auf einer Schule in Deutschland eingeschrieben. Auch das war nicht einfach. Die Tochter war so froh, als das Schuljahr vorbei war und sie wieder zurück nach Sierra Leone konnten. Ständig die andere zu sein, die exotische, und dann noch blöde Sprüche hören zu müssen – egal ob sie als Scherz gemeint sind oder nicht. Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass es echt Menschen gibt, die Sachen sagen wie „Iss doch mal mehr weiße Schokolade, dann wir deine Haut heller.“ Erstens ist das natürlich absoluter Quatsch und zweitens, wieso sollte die Haut denn heller werden?

Ich finde es ganz furchtbar, dass Menschen solchen Situationen ausgesetzt sind. In meinem Land. In dem Land, in dem ich mich immer sicher fühle. Und dann höre ich immer wieder von Menschen, dass es Gegenden gibt, in die sie lieber nicht gehen. Dass sie sich super unwohl fühlen in Deutschland. Und oftmals ist es auch ihr Land, das Land in dem sie geboren und aufgewachsen sind.

Wir haben uns dann auch noch darüber unterhalten, dass die Situation für Amina und ihre Tochter noch eine ganz andere ist, als die für junge Männer. Einer gutgekleideten, gutaussehenden Frau mit zwei Töchtern wird nochmal anders begegnet als einem Vater mit zwei Söhnen. Zu schnell werden manche Menschen auf Grund ihres Aussehens kriminalisiert und ungerecht behandelt. Ich kenne die Erlebnisse des Sohnes einer Freundin, der öfter mal in Polizeikontrollen gerät. Hätten er und seine Freunde blonde Haare, wären ihre Abende wahrscheinlich entspannter. Eine andere Freundin, die in Deutschland geboren ist, wird manchmal für ihr gutes Deutsch gelobt. Mir ist das noch nie passiert.

Ich weiß, was es heißt, anderes auszusehen und anders behandelt zu werden. Mir passiert das hier auch jeden Tag. Aber ich werde meist nicht mit negativ-Zuschreibungen konfrontiert. Und trotzdem nervt es mich oft, dass ich nicht als Person wahrgenommen werde, sondern nur über meine Hautfarbe und dass ich gleichgesetzt werde, mit allen anderen, die ähnlich aussehen wie ich. Aber wie gesagt, der große Unterschied ist: mir wird nicht mit Abwehr, Misstrauen und Hass begegnet.

Es ist wohl naiv und utopisch von einer Gesellschaft zu träumen, in der Menschen nicht nach ihrem äußeren Erscheinungsbild bewertet werden, aber vielleicht ist es möglich, dass wir uns nicht gegenseitig abwerten. Es ist menschlich, unsere Gegenüber über Aussehen und Auftreten einzuordnen. Aber vielleicht schaffen wir es, uns mehr auf das Lächeln im Gesicht des anderen zu konzentrieren und weniger auf die Hautfarbe und das phänotypische Erscheinungsbild. Stereotype helfen uns im Alltag, Situation einzuschätzen und uns schneller zu orientieren. Aber wir sollten uns ihrer bewusst sein und wir sollten uns bewusst sein, dass es nur Stereotypen sind und keine Wahrheiten.

Ich für mich weiß in Situationen wie letzten Sonntag nie, wie ich am besten reagieren soll. Ich weiß, dass es diesen Alltagsrassismus in Deutschland gibt. Ich kenne viele Geschichten dazu. Es tut mir total leid, dass Menschen täglich Rassismus erleben. Aber was den Betroffenen wirklich helfen würde, kann ich alleine ihnen nicht geben. Dafür braucht es uns alle.

In diesem Sinne: lasst uns mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Welt wandern, verschenkt euer Lächeln an so viele Menschen wie ihr könnt und versucht die Stereotypen in euren Köpfen zu finden und konstant zu hinterfragen.

Ich muss hier jetzt abbrechen und in die Arbeit. Aber das wollte ich noch loswerden, bevor wieder so viel los ist, dass ich keine Zeit mehr dafür finde.

Climate Action, Klappe die Erste und Liberia

Das ist nun schon der dritte oder vierte Versuch, mal wieder einen Beitrag zu posten. Es war viel zu lange still hier und ich habe eigentlich so viel zu berichten. Drei angefangene Artikel liegen auf meinem Desktop, aber ich habe es nicht geschafft, sie fertig zu schreiben und online zu stellen. Ich bin in letzter Zeit super viel unterwegs und das wird bis Weihnachten noch so weitergehen.

Meinen midterm blues habe ich überwunden. Offensichtlich war es wirklich wie schon von mir vermutet. Ein weiterer Schritt in Sachen „Ankommen“ lag vor mir. Nach 1,5 Jahren ist es geschafft. Ich vermisse das deutsche Essen nicht mehr wirklich und wenn Leute fragen, was sie mir mitbringen sollen, sag ich eigentlich, dass ich alles habe, was ich brauche. Das gab´s ja auch noch nie. Es ist doch immer wieder überraschend, wie lange ich so brauche, bis ich mich an neue Sachen gewöhnt habe.

Immer schön flexibel bleiben

Ich war in den letzten Wochen trotzdem ziemlich am Limit. Einfach, weil echt sehr viel zu tun ist in der Arbeit und dann auch noch in der Wohnung wieder einmal ein paar Sachen dazugekommen sind, aber: ich war einfach nur super gestresst und nicht frustriert. Das freut mich sehr für mich! Oft hilft es ja auch, zu verstehen, was gerade so schwierig ist. Wenn ich das Problem erkannt habe, kann ich oft viel besser damit umgehen.

Eine gute Freundin, Antje in Liberia, hat mir bei einem Gespräch letzte Woche da noch einen wichtigen Hinweis gegeben und das sehr schön in Worte gefasst. Wenn alles immer im Fluss ist und nichts verlässlich ist, dann ist es manchmal schwierig, sich selbst zu verorten. Ich glaube, genau das war mein Gefühl. In den letzten Wochen wurden alle Pläne mal wieder kurzfristig verschoben, Dinge mussten angepasst werden, Besprochenes wurde dann doch wieder geändert, Dinge, die aus meiner Sicht klar kommuniziert waren, waren es offensichtlich nicht für alle und so weiter. Ich muss bei allem mitdenken, nachfassen, nochmal follow-up… Es hilft mir ein bisschen, dass ich bis zur Weihnachtspause nur noch wenige Projekte auf meinem Tisch habe. Ich hoffe, die kann ich noch umsetzen, dann habe ich einen guten Jahresabschluss mit vielen Ideen für 2023 😊

Bevor ich aber in die Zukunft schweife, hier ein kurzer Überblick, über meine letzten Wochen. Weil es zu viel zu berichten gäbe, konzentriere ich mich heute auf den Arbeitskontext und damit auf die globale Klimakrise und wie das mit uns in Sierra Leone und CSSL verknüpft ist.

High Level Climate Action Dialog

Mitte Oktober fand in Freetown der High Level Climate Action Dialog statt. Bevor ich in die Inhalte gehe, aber noch kurz ein Ausblick ins Alltagsleben hier und wie wichtig Beziehungen hier sind. Ich war zum High-Level Climate Action Dialog eingeladen, der von EU, UN und British High Commission in Zusammenarbeit mit der Regierung veranstaltet wurde. Wie kam ich zu dieser Einladung? Ganz einfach, dank meiner Nationalität.

In der ersten Oktoberwoche war ich mal wieder beim monatlichen deutsch-sprachigen Stammtisch. Eigentlich gehe ich da nicht hin. Aber beim Botschaftsempfang am dritten Oktober im Radisson Blue habe ich mit Kolleginnen von der GIZ ausgemacht, dass wir uns beim Stammtisch treffen, der im teuren italienischen Restaurant am Strand stattfindet. Ihr merkt schon, Botschaftsempfang, Radisson Blue, teurer Italiener… Ist ja alles High-Level bei mir hier. Auf jeden Fall saß neben mir Gerald, Head of Cooperation der Europäischen Union in Sierra Leone. Irgendwie habe ich belauscht, dass die EU eine Climate Action Conference veranstaltet und da habe ich gebeten, mich doch bitte einzuladen. Schließlich arbeite ich bei der Conservation Society of Sierra Leone. So einfach ist das, wenn man den richtigen Pass hat und zufällig neben den richtigen Leuten sitzt. Gerald kenne ich aber eh schon aus der Kletterhalle.

Dann war also der High-Level Climate Action Dialog. Veranstaltungsort war das Sierra Palms Hotel, natürlich auch eine sehr gute Adresse an der Beach Road. Leider war ich mal wieder dumm genug, mich sommerlich zu kleiden, wobei mir eigentlich hätte klar sein müssen, dass der Raum bei einem High-Level Dialog auf unter 20° heruntergekühlt wird. Aber was ziemlich witzig war, dass auf einmal lauter bekannte Gesichter aus der expat-community auftauchten. Natürlich Emma von der Irish High Commission und Christina, die Deutsche ist, aber für die British High Commission arbeitet und dann noch dieser eine James, der „kleine Luke“, der immer ganz wichtig auf allen Partys erscheint, aber immer alleine unterwegs ist, Irish Matthew und, und, und. Und natürlich ich. Wer von uns wäre denn bitte im eigenen Land, in Europa, bei einem High Level Climate Dialog eingeladen und wäre am Ende auch noch auf dem Podium? Nicht so viele von uns. Und wieso sind die europäisch-stämmigen auf dem Podium und stellen die Projekte vor und nicht die Sierra Leonischen Partner, die die Implementierung machen? Unser REDD+ Projekt im Gola Rainforest wurde nicht von meinem Chef vorgestellt, der anwesend war, sondern von Richard, der für den britischen Partner RSPB arbeitet und das Projekt von deren Seite unterstützt. Das geplante Baumpflanzprojekt von British High Comission, einer britischen Firma und Tacugama Chimpanzee Sanctuary, wurde nicht vom Gründer und Direktor von Tacugama vorgestellt (der neben mir saß und also auch da war), sondern von Christina von der British High Comission und James. Das geplante Projekt von Save the Children, wurde vom kleinen Luke vorgestellt. Alles muss ich nicht verstehen, aber wieso da nicht die lokalen Leute auf dem Podium sitzen, das verstehe ich wirklich nicht.

Inhaltlich ging es bei der Veranstaltung darum, die Finanzierungsmöglichkeiten für Projekte, die dem Klimawandel entgegenwirken, vorzustellen und bekannter zu machen. Selbstverständlich waren auch die Minister für Umweltschutz und Land Planning mit dabei und haben auch ihre Statements abgegeben. Wenn man denen so zuhört, könnten wir uns eigentlich entspannt zurücklehnen. Hört sich so an, als würden die alles Menschenmögliche tun, um die Umwelt zu schützen und den Klimawandel zu stoppen. Schade, dass ich vorletzte Woche wieder offensichtliche Beweise für das Gegenteil erlebt habe. Der sound der Kettensägen, der durch die protected area schallt, die deforestation in den Kambui Hills, die Verschiebung der Grenze von Naturschutzgebieten und so weiter.

Datenwahn und Hilflosigkeit

Generell war die Veranstaltung ganz gut. Ich finde auch die Idee sehr gut, Organisationen und Institutionen zu erklären, welche Fördertöpfe es gibt und wie man an die Gelder rankommt. Allerdings war eigentlich bei allen Fördertöpfen klar, dass sie für Organisationen und Institutionen aus Ländern wie Sierra Leone kaum erreichbar sind. Weltbank und Co verlangen so viele Daten, mit denen belegt werden muss, welche Klimaschäden aufgehalten werden, die Daten gibt es hier einfach nicht. Es gibt eine Wetterstation am Flughafen. Es gibt aber keine offiziellen Daten zum Niederschlag in den vergangenen Jahrzehnten im ganzen Land, zu Temperaturentwicklungen, Boden- und Wasserqualität und ähnlichem. Da viele dieser Daten aber nötig sind, scheitern einige Ländern schon an den Voraussetzungen in der Bewerbung, von bürokratischen Hindernissen ganz zu schweigen.

Da muss ich direkt wieder an meinen Chef denken, der im Dezember nach Montreal zum COP 15 zum Thema Biodiversität eingeladen ist. Angefangen hat es damit, dass er auf seinem Laptop nicht die entsprechend neue Version des Adobe Reader hat und die Formulare für den Visaantrag deshalb gar nicht auf seinem Laptop öffnen und speichern konnte. Deshalb hat er meinen benutzt. (Weshalb ich aber fast zwei Tage lang meinen Laptop nicht wirklich hatte und nicht an meinen eigenen Sachen weiterarbeiten konnte.) Dann musste er nicht nur Geburtsdaten seiner Eltern, sondern auch deren Todestage angeben. Er musste raten. Wie schon im Visumantrag für Großbritannien. Er hat also den Visumantrag von GB herausgesucht, um zu schauen, welche Daten er dort angegeben hat, damit die wenigstens einheitlich sind, wenn er schon die echten Daten nicht kennt. Woher soll er die haben? Viele Menschen – insbesondere im ländlichen Raum – wissen nicht, wann sie genau geboren wurden. All diese Anträge gehen von Gesellschaften aus, in denen alles schriftlich dokumentiert ist, bis ins kleinste Detail. Das ist aber nicht weltweit die Realität. Ist das dann jetzt eine Lüge? Vielleicht stimmen die Daten ja, die er geraten hat…

Während mein Chef also noch mit dem Visaantrag für Kanada kämpft, ist unser Programm-Manager schon unterwegs nach Scharm El-Sheikh zum COP 27. Edward ist Teil der Sierra Leonischen Delegation und ist mit den Regierungsmitgliedern angereist. Sie hatten bei uns angefragt und um Teilnahme von uns gebeten. Ich nehme an, zum COP 27 in Ägypten muss ich jetzt nicht viel erklären, da er bestimmt auch in Deutschland in den Medien ausgiebig besprochen ist.

Diese Infos nur für euch, damit ihr ein bisschen versteht, wie herausfordernd eine Teilnahme an diesen wichtigen Internationalen Treffen für Leute aus vielen Ländern der Welt ist. Für die Konferenz in England im August haben ja auch nicht alle Kolleginnen und Kollegen ihre Visa bekommen. Ganz normaler Alltag. Dabei ist es super wichtig, dass die Positionen aller Ländern vertreten sind, damit das globale Ungleichgewicht nicht noch verstärkt wird und weiterhin nur ein kleiner Prozentteil der Regierungen über globale Abkommen entscheidet, die die größten Auswirkungen für Menschen im globalen Süden haben.

Und was mache ich währendessen…

Während die Welt in Ägypten über ein neues Abkommen debattiert, das Ideen und Pläne der letzten COPs seit dem Paris-Abkommen in Aktion übersetzen soll und über die Entschädigung der ärmeren Länder diskutiert wird, die am meisten unter dem Klimawandel leiden, aber kaum einen Beitrag dazu leisten, bin ich durch den Regenwald gestiefelt.

Was kann ich auch besseres Tun, als zu versuchen, die wertvollen Wälder zu schützen und Menschen über deren Bedeutung, deren unglaubliche Schönheit und deren Fragilität aufzuklären. Yes. Und schon sind wir mittendrin in meinem Projekt für die letzten Wochen des Jahres. Ich musste mein Vorhaben natürlich mehrfach anpassen und ändern, aber ich bin guter Hoffnung, dass am Ende etwas herauskommt! Ursprünglich war eine Idee, mehrere Filme zu drehen über die verschiedenen Ökosysteme des Landes, wodurch sie bedroht sind und was wir als CSSL machen, um sie zu schützen. Aus diesen Einzelfilmen sollte dann noch eine große Dokumentation entstehen. Wir mussten jetzt aus Zeitgründen alles etwas abspecken, deshalb drehen wir jetzt dieses Jahr nur an drei Orten und ich hoffe, wir machen den Rest dann nächstes Jahr. Ein Film wird über die Natur und unsere Arbeit im Greater Gola Landscape gehen. Dafür war ich mit meiner Kollegin, meinem Kollegen und zwei Filmemachern für eine Woche im Gola und in den Kambui Hills unterwegs. Ich habe wieder einmal gemerkt, dass es mir unglaublich gut tut, durch den Wald zu stapfen und die Natur zu genießen. Die Zusammenarbeit mit den Filmemachern war echt gut und hat Spaß gemacht und ich bin jetzt schon gespannt, auf das fertige Ergebnis. Ich hoffe, die Filme werden gut!

Ich dachte, ich lass einfach mal die Bilder sprechen. Und weil ein Kamerateam dabei war, gibt es auch mal Fotos auf denen ich zu sehen bin. Die sind dann natürlich nicht von mir 😉 Und den Rest erfahrt ihr dann hoffentlich bald in unserem Filmchen.

Auf den Bildern seht ihr uns bei den Aufnahmen, die wunderschöne Natur und aber auch die Abholzung. Es war jedes Mal wieder spannend, wenn unsere Drohne gestartet ist und alle in den Himmel starrten. Am meisten Spaß hatten wir mit der Drohne in Lalehun, wo dreißig Kinder der Drohne durchs Dorf hinterherrannten und wir die Drohne und damit die Kinderscharr mehrfach durchs Dorf gejagt haben.

Heute also eine Bilderflut ohne viel Erklärungen, was wir da gefilmt haben. Ihr sollt ja noch ein bisschen neugierig sein, auf unsere Filme. Und ist ja eh sehr viel Text heute 🙂 Ich kämpfe schon den ganzen Tag mit Strom und Internet. Ich bin sehr froh, dass die Bilder nun hochgeladen sind, dafür sind die Bildbeschreibungen etwas lieblos. Ich hoffe, ihr verzeiht!

Am letzten Abend in Kenema, bevor es wieder zurück nach Freetown ging, kam auch die EU-ROM Delegation im Hotel an. Unser eines Projekt im Gola ist ja EU-finanziert und ist Teil des REDD+ Programmes, wodurch carbon credits verkauft und gekauft werden können. So schließt sich dann auch wieder der Kreis zwischen unserer lokalen Arbeit hier, den Regenwald zu schützen, den Programmen, die zum Klimaschutz auf internationalen Konferenzen wie den COPs entwickelt werden und der Veranstaltung in Freetown zur Finanzierung von climate action.

Next Stop Liberia – for peaceful elections

Nach einer Woche im Greater Gola Landscape kamen wir letzten Samstag wieder in Freetown an und am Montag ging es direkt wieder los. Dieses Mal nach Liberia zur jährlichen CPS Mano River Conference, das ist ein Treffen der Brot-für-die-Welt-Partnerorganisationen, die im Zivilen Friedensdienst Netzwerk (Civil Peace Service – CPS) sind. Letztes Jahr hat das Treffen in Sierra Leone stattgefunden, dieses Jahr wieder in Liberia. Wir wechseln uns da immer ab. Ich hatte erst geplant, noch etwas in Liberia zu bleiben, um mir das Land noch etwas anzuschauen, aber das hat leider aus Zeitgründen nicht geklappt. Ich hoffe, das schaffe ich im nächsten Jahr. Jetzt habe ich nur den Weg zwischen Grenze und Hotel gesehen, immerhin drei bis vier Stunden Fahrt inklusive kleine Einblicke ins Stadtgeschehen von Monrovia, der Hauptstadt Liberias. Auf dem Weg ging es hauptsächlich entlang an Gummiplantagen und Palmölplantagen. Viel mehr war da nicht rechts und links der Straße, außer ab und an ein paar Häuser.

Und natürlich bin ich auch in Liberia zum Bird Watching gegangen 🙂 Ich habe sogar meine Kenntnisse erweitert und kann jetzt noch drei weitere Vögel identifizieren. Leider will es einfach die Fotos von der Konferenz nicht hochladen. Ich gebe das jetzt auf…

Liberia und Sierra Leone bezeichnen sich als Schwesternstaaten, da sie in jüngerer Geschichte vieles gemeinsam erlebt und erlitten hatten. Zuerst die Bürgerkriege in beiden Ländern, dann Ebola und nun im kommenden Jahr die Wahlen. Als bei uns im August die Ausschreitungen waren, hat sich auch direkt Antje bei mir aus Liberia gemeldet. Zu schnell kann die Stimmung über die Grenze rüberschwappen. So war es im Bürgerkrieg und so wird es auch für die Wahlen im kommenden Jahr befürchtet. Deshalb wird Liberia unsere Wahlen im Juni und die Stimmung im Land in den Monaten davor und danach sehr genau beobachten, bei ihnen sind erst im Oktober Wahlen.

Zugleich ist Liberia aber auch ganz anders. In Liberia wurden befreite Sklaven und Sklavinnen aus Amerika angesiedelt, unabhängig von ihrer ursprünglichen Herkunft. Natürlich lebten auch schon zuvor Menschen in dem Gebiet des heutigen Liberia. Das wird aber kaum thematisiert in der Öffentlichkeit. Liberianisches Englisch hat – für mich witzigerweise – einen starken amerikanischen Klang. Man merkt auch, dass viele Leute Verwandtschaft in den USA haben, die Flagge ist der der USA sehr ähnlich und der US-Dollar ist normales Zahlungsmittel, neben dem liberianischen Dollar. In Liberia ist alles viel teurer als bei uns in Sierra Leone. Wenn wir für ein Bier normalerweise umgerechnet 1-2 US-Dollar zahlen, kostet ein Bier in Liberia eher zwischen 3 und 5 US-Dollar. Nur als ein Beispiel. Trotzdem sind die Herausforderungen sehr ähnlich, insbesondere in Hinblick auf die Wahlen im kommenden Jahr. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit, Drogen, Machtmissbrauch, extrem gestiegen Preise für Lebensmittel und Benzin, fehlendes Vertrauen ins System, Korruption und Vetternwirtschaft, all diese gravierenden Probleme gibt es in beiden Ländern und beschäftigen die Menschen in Liberia und Sierra Leone.

Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Preissteigerungen

Die Inflation und die Preisentwicklungen der letzten Monate sind wirklich ein supergroßes Problem hier. Der Benzinpreis wurde erst vorgestern wieder erhöht. Er ist jetzt doppelt so hoch, wie bei meiner Ankunft für 1,5 Jahren. Durch den steigenden Benzinpreis sind auch Grundlebensmittel teurer. Ich kaufe selten Reis und Casava leave, deshalb kann ich dazu nicht so genau etwas sagen, aber ich weiß von Diskussionen im Büro, dass einfach alles so teuer ist. Ich merke es, wenn ich meine Standardprodukte kaufe. Ein Liter Milch kostet jetzt mindesten 40 NLe (vor einem Jahr 20), ein Stück Butter 60 NLe (vor einem Jahr 35), Toastbrot auch 60-70 NLe (vor einem Jahr 35). Ein Ei kostet jetzt 3,5 NLe(vor einem Jahr 2 NLe), ein Liter Diesel kostet jetzt 21 NLe (vor einem Jahr 10). Als ich im Mai 2021 angekommen bin, war der Wechselkurs 1€ / 11.000 Leones. Jetzt gibt es für einen Euro 18 New Leones (drei Nullen wurden ja im Juli gestrichen).

Diese Preisentwicklungen und die Inflation in Kombination mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit auch für junge Menschen mit Ausbildung macht junge Erwachsene sehr empfänglich für Manipulation, Dorgenkonsum und Ausnutzung durch politische Parteien. Mit dem Versprechen, ihnen Jobs zu geben, wenn die Wahlen gewonnen werden, dem Verteilen von Drogen, Essen, kleinen Geldbeträgen, werden Jugendliche instrumentatlisiert und aufgewigelt.

Das Netzwerktreffen stand unter dem Thema „Peaceful Elections. My Elections, My Peace, My Nation.” Ziel war es, im Austausch und mit verschiedenen Inputs und Methoden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszustellen und eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, wie wir im kommenden Jahr in beiden Ländern als CPS-Netzwerk dazu beitragen können, dass die Wahlen, die Zeit vor den Wahlen und die Zeit nach den Wahlen friedlich werden. Wir haben viele Ideen gesammelt, einige action points notiert. Nun ist die Frage, was weiter mit dem Erarbeiteten passiert und ob das Netzwerk es schafft, die Ideen auch wirklich umzusetzen und aktiv zu friedlichen Wahlen beizutragen.

Meine kleinen und großen Freuden in Mitten all der Anstrengungen

Für mich war es spannend, endlich eines der Nachbarländer kennenzulernen und ich fand es auch super die Leute aus den Partnerorganisationen mal wieder länger zusehen und sich austauschen zu können. Besonders habe ich mich auf Antje gefreut, die ich schon aus der Vorbereitung in Deutschland kenne, die witzigerweise auch aus Nürnberg kommt und in Liberia beim YMCA arbeitet. Wir tauschen uns sonst über Sprachnachrichten und Telefonate aus, so war es super, dass wir uns jetzt nach einem Jahr wieder mal mit einer Falsche Wein an einen Tisch setzen konnten und richtig miteinander reden konnten.

Gestern ging es dann in einer 12-stündigen Fahrt zurück nach Freetown. Die Fahrt war lang, aber ich fand sie echt super. Ich war super gestresst in den letzten Wochen, weil so super viel zu organisieren und zu planen war und alles immer so flexibel ist. Ich merke, dass mit jeder Reise Anspannung von mir abfällt und ich mehr und mehr runterkommen. Ich habe nun endlich herausgefunden, auf welche Musik meine colleagues stehen 😊 Nachdem ich auf den Fahrten durch den Gola eine Einführung in deutschen HipHop gegeben habe, gibt es jetzt mindestens einen neuen Fan der Beginner in Sierra Leone und das ganze Auto singt jetzt immer lauthals mit bei „Solala, solala“. Auf der Fahrt nach Liberia kam nun heraus, dass meine Kollegen Abdul und Sinneh, auf 80er/90er Jahre Trash Disco stehen. Nichts leichter als das. Bei Sinneh habe ich das schon vermutet. Wir singen ja beide auch immer fleißig mit, wenn wir unsere einzige CD mit den besten Hits der 50er hören. Als dann aber Abdul auf einmal von der Rücksitzbank mit eingestimmt hat, habe ich mich sehr gefreut. Jetzt gibt es – solange es Internet gibt – immer beste Musik und damit auch beste Stimmung bei uns im Auto.

Wie gesagt, gestern Abend bin ich nach 12 Stunden Fahrt endlich wieder zuhause angekommen. Dann ging es natürlich nach einer Dusche erstmal zum Sundowner Bier an den Strand. Ich habe mich dann doch langsam sehr daran gewöhnt, direkt am Meer zu leben… Und am Mittwoch starten wir den nächsten field trip. Dieses Mal in die Yawri Bay, wo wir für drei bis vier Tage mit dem Boot durch die Mangroven und die Bucht schippern, um die communities dort für unseren nächsten Film zu besuchen. Ich bin gespannt, wo und wie wir dort übernachten. Ich nehme sicherheitshalber mal mein Zelt mit 😉

Achso, und damit ihr jetzt nicht denkt, das Leben hier wäre auf einmal ganz einfach: seit sechs Wochen versuche ich, den Hausverwalter dazu zu bewegen, meine hintere Türe zu reparieren. Die lässt sich nämlich seit ein paar Wochen nicht mehr öffnen und ich wollte dahinten meinen Gemüsegarten anlegen, außerdem wäre es einfach ganz gut, an die Sachen zu kommen, die da hinter der Türe sind. Meine Ambitionen, ein Sofa zu kaufen, habe ich nun ins neue Jahr verlegt, nachdem ich seit Mitte August mit dem Typen in Kontakt war, der das Sofa machen soll/will. Ich habe einfach keine Energie mehr dafür. Das Sofa muss nun warten. Dann ist gerade meine komplette Wäsche in der Waschmaschine, leider ist der Strom jetzt seit vier Stunden weg, so dass meine Wäsche nass in der Maschine feststeckt und schön nachmüffelt. Ich hoffe, der Strom kommt heute noch zurück, so dass ich die Wäsche fertig waschen kann, sonst habe ich morgen keine frische Unterhose. Vielleicht ist dann auch mein Magen wieder okay. Der meldet sich nämlich seit ich in Liberia ankam wiederholt bei mir und will mir irgendetwas mitteilen. Ich weiß noch nicht so genau was und hoffe, dass ich das in den Griff bekomme, bevor es am Mittwoch in die fishing communities geht. Dort gibt es wahrscheinlich ganz andere Toilettenoptionen als hier zuhause 😉

Wie dem auch sei: Euch wünsche ich einen wunderschönen Winterstart. Ich bin etwas neidisch und versuche Sonne, Meer und Regenwald umso mehr zu genießen.

Drei Stunden später, hat die Waschmaschine endlich geschleudert und die Fotos wurden teilweise hochgeladen. Nun habe ich meinen ganzen Sonntag damit verbracht, hier etwas zu posten. Vielleicht schaffe ich es jetzt noch raus, bevor die Sonne untergeht. Für euch in den Winter hier noch ein bisschen Sonnenschein, für die, die jetzt schon Sehnsucht nach dem Sommer haben:

I made it! Ich springe jetzt gleich in diesen Pool!

Life-balance und Midterm Blues

Mein letzter Eintrag liegt schon eine ganze Weile zurück. Wie immer ein Zeichen, dass ich entweder sehr busy bin oder dass es mir nicht so gut geht. Dieses Mal traf beides zu. Wie immer in den letzten Monaten des Jahres heißt es in der Arbeit, dass noch möglichst viele Projekte umgesetzt werden müssen. Dann musste ich meinen Plan fürs kommende Jahr machen, meinen Halbzeitbericht schreiben und dann gibt es ja auch noch Leben neben der Arbeit. Ich habe ein paar schöne Wanderungen gemacht und war gestern endlich, endlich auch mal wieder im Meer schwimmen.

Midterm Blues oder doch ernste Zweifel?

Nach England hatte ich das Gefühl, ich komme hier gar nicht mehr rein. Irgendwie habe ich meinen Platz nicht mehr gefunden und war gar nicht mehr bei mir. Weil es so lange gedauert hat, bis dieses unangenehme Gefühl weg war, hatte ich viel Zeit zum Reflektieren, was es wohl sein könnte, das mich innerlich so unruhig macht. Das Ergebnis vieler Gespräche und Gedankenwälzungen: es sind wohl viele Gründe und nicht nur einer. Vielleicht spielt es eine Rolle, dass ich jetzt quasi die Hälfte meines Vertrages hinter mir habe und ich mich frage, was ich eigentlich bisher hier gemacht und erreicht habe. Schaffe ich es, meine Aufgaben zu erfüllen, für die ich gekommen bin? Dieses Jahr schaffe ich wahrscheinlich 50% von dem, was ich mir letztes Jahr vorgenommen habe. Da war ich noch ein bisschen blauäugig. Mittlerweile weiß ich schon besser einzuschätzen, wie lange alles dauert und wie viele Unwägbarkeiten ich mit einberechnen muss. Aber nächstes Jahr ist dann eh wieder alles anders. Im Juni sind Wahlen. Deshalb ist das komplette erste Halbjahr unklar, was und wie wir arbeiten können. Also Fokus eher auf Advocacyarbeit vor den Wahlen, mit dem Versuch, die Parteien dazu zu bringen echte Versprechen abzugeben, wie sie Umweltschutz in der nächsten Legislaturperiode umsetzen wollen. Außerdem soll ich noch eine longterm Strategie für Kommunikation und eine für Ökotourismus erstellen. Und dann ist das Jahr wahrscheinlich auch schon wieder vorbei. Es stimmt wirklich, was alle immer sagen: im ersten halben Jahr schaust du nur zu, versuchst anzukommen und machst ein paar kleine Projekte, dann fängst du ein bisschen an zu arbeiten. Nach einem Jahr verstehst du einigermaßen, wie die Dinge laufen und funktionieren. Und dann bist du aber mit dem Kopf bald schon wieder am Ende deines Einsatzes, weil du dann immer schon auf das Ende hin planst.

Wo bin ich zuhause?

Dann ist da das ewig und immerwährend Thema der unglaublichen Ungerechtigkeiten und Privilegien. Und dieses Gefühl, nirgends ganz zuhause zu sein. Ich merke, das hier ist nicht meine Welt. Ich gehöre hier nicht wirklich dazu und werde das auch nie tun. Aber ich kann mir gerade auch nicht vorstellen, morgen in den Flieger zu steigen und wieder in Schoppershof zu wohnen. Irgendwie ist das gerade auch nicht meine Welt. Wo ist also meine Welt gerade? Wahrscheinlich mache ich mir auch zuviele Gedanken und sollte einfach mehr im Hier und Jetzt sein. Den Strand genießen, durch den Regenwald stapfen und mich abends über meinen frisch gegrillten Fisch oder African Dish freuen. Und genau das mache ich auch ab und zu. Und es tut jedes Mal sehr, sehr gut.

In der Arbeit läuft es gerade auch ganz gut. Ich komme mit meinem Team gut klar. Wir hatten sehr gute offene Gespräche und ich habe wirklich das Gefühl, meine Arbeit hier bringt Veränderung. Das ist ja ein Ziel meines ganzen Aufenthaltes. Wie ihr euch denken könnt, bin ich sozial auch sehr gut eingebunden und merke immer wieder, dass ich hier mittlerweile so viele Menschen kenne, bei denen ich mich ehrlich freue, wenn ich sie sehe. Also gab es eigentlich keine äußeren Gründe für meine innere Unausgeglichenheit. Ich versuche mit einer Mischung aus mich zurückziehen, Wohnung verschönern und Party-on meine innere Balance wieder zu finden. Manchmal klappt es besser, manchmal nicht so gut. Das endgültige Rezept scheine ich dieses Mal nicht so einfach zu finden.

Wann platzt der Knoten endlich?

Ich habe mich schon gefühlt wie ein Kleinkind, das vor einer neuen Entwicklungsstufe steht und deshalb erst einmal mit sich und seiner Umwelt kämpfen muss und sich selbst nicht mehr findet, bis es endlich die nächste Stufe erreicht hat und der Knoten geplatzt ist. Vielleicht ist nach eineinhalb Jahren wieder einmal so ein Knoten dran. Man weiß es nicht. Ich merke nur, dass ich anfangs gedacht habe, es wird irgendwann leichter, hier zu sein, weit weg von zuhause, in dieser oft herausfordernden Umgebung – und ich merke, es wird irgendwie nicht leichter. Vieles ist Routine, vieles Alltag, aber das heißt irgendwie nicht, dass es leichter wird. Wie auch. Für meine Kolleginnen und Kollegen ist das Leben hier ja auch nicht leicht.

Zugleich gibt es nach wie vor ganz viele kleinere und größere Highlights. Zum Beispiel unsere Wanderung in Kabala, wo ich übers lange Wochenende mit Hannah, Max und einem Besucher aus Deutschland war; oder Carbonara Night mit den Italians, Mittwochabend Salsa Night mit Margharitas und Tanzen unter der Woche, Field Trip mit den Kolleginnen und Kollegen zum Wasserfall oder wie gestern einmal wieder von den Wellen des Ozeans tragen lassen mit Blick auf die Mangroven und die bewaldeten Hügel der Peninsula. Der Wechsel aber, zwischen all diesen Welten, zwischen Deutschland und Sierra Leone, zwischen Expat-Leben und Büro, ist auch nach eineinhalb Jahren noch anstrengend für mich und wird es wohl auch bleiben. Der Kopf und das Herz kommen nie so wirklich zur Ruhe.

Ich habe ja das große Glück, dass ich hier wirklich gute Freunde gefunden habe. Zwei von ihnen sind leider letzte Woche ausgereist. Ramith ist zurück nach Indien und mein einer John ist nach Äthiopien. Das hatte bestimmt auch ein bisschen Auswirkungen auf meine Stimmung. John haben wir mit einem gebührenden Abendessen und einem spontanen Pool-Besuch im Anschluss verabschiedet. Wieder einmal die verrückt reiche Seite des Landes. Wäre John noch hier, würde ich jetzt allerdings keinen Artikel für euch schreiben, sondern mit ihm den Sonntagnachmittag verbringen. So hat alles seine guten und seine schlechten Seiten 😉

Jetzt muss ich mich mal losreißen. Ich sitze gerade an meinem Eßtisch, die Wohnungstüre ist offen, so dass immer ein frisches Lüftchen hereinweht, vor mir meine Balkonpflanzen und hinter ihnen das Meer. Aber das soll es heute nicht gewesen sein. Ich werde mich jetzt dann mal fertig machen und noch rausgehen. An den Strand, ans Meer, oder zur Lifemusik heute Abend in die Strandbar. Auf der Suche nach meiner Life-balance.

Ich hoffe, ich schaffe es bald noch von all den anderen Dingen berichten, die ich in den letzten Wochen erlebt habe. Zum Beispiel den ersten Teil des Wanderführers Salone, die Climate Action Conference, Teamausflug zum Mambo Waterfall und natürlich was sonst noch so tagein, tagaus passiert.

Euch einen guten Sonntag und eine gesunde Balance in eurem Alltag 🙂

Und manchmal hilft einfach auch der tiefe Blick ins Glas, damit die Welt ein bisschen bunter aussieht 😉

The Power of Many – will it be enough?

Ich habe sie gespürt, diese Power of Many beim BirdLife International Congress, der Mitte September in Cambridge stattfand. BirdLife International ist das größte globale Netzwerk von Umweltschutzorganisationen. Insgesamt gibt es 118 Partner weltweit. Meine Organisation in Sierra Leone ist der nationale Partner. Wie der Name schon sagt, war der Fokus ursprünglich auf Vögel gerichtet, aber da Vögel wichtige Indikatoren für die Gesundheit von Ökosystemen sind, und Vogelschutz immer auch Umweltschutz ist, sind nicht nur Vogelschutz-Organisationen im Netzwerk, sondern auch klassische Umweltschutzorganisationen. Der deutsche Partner zum Beispiel ist der NaBu.

Cambridge, wir kommen

Ein bisschen zum Hintergrund für euch: BirdLife International und der Partner aus UK, die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), sind unsere größten Geldgeber und wichtigsten Partner. Sie unterstützen uns bei unserer Arbeit im Gola Rainforest und bieten sehr viel Capacity Building und Unterstützung bei der Organisationsentwicklung für Partnerorganisationen an. Für uns war es deshalb sehr wichtig persönlich bei der Tagung dabei zu sein, um zu netzwerken, bestehende Beziehungen zu vertiefen und neue Partnerschaften zu knüpfen.

Da ich noch nie in England war, war ich natürlich etwas aufgeregt. Ich war sehr gespannt, wie Cambridge und London wohl so sind. Für meine Kollegin Mariama war es noch aufregender. Sie war noch nie in Europa gewesen, beziehungsweise war sie noch nie außerhalb Westafrikas. Da wir erst im Juli erfahren hatten, dass wir das Budget haben, um an der Tagung teilzunehmen, konnten wir erst im Juli mit der Visa-Beantragung starten. Ich habe auch sicherheitshalber nochmal nachgeschaut, ob ich vielleicht mittlerweile auch ein Visum für England brauche – aber nein. Trotz Brexit können EU-Passport-Holder weiterhin ohne Visum einreisen. Für meine Kollegin war es etwas nervenaufreibender. Am Donnerstag bekam sie ihr Visum, am Freitagnachmittag mussten wir auf der Fähre sein, um zum Flughafen zu fahren. Also mal wieder super kurzfristig.

Einige andere Partner, die zur Tagung kommen wollten, hatten nicht so viel Glück. Sie haben einfach gar kein Visum bekommen und konnten nur digital teilnehmen. Einmal mehr ein Zeichen der globalen Ungerechtigkeit in Hinblick auf Reisefreiheit.

Es geht ja nicht nur um die Reise an sich als Vergnügung. Reisen bildet und verbindet. Ich konnte zum Beispiel meiner Kollegin zeigen, aus welcher Welt ich komme. Natürlich ist England nicht Deutschland, aber es ist um einiges näher an Deutschland als an Sierra Leone. Ich konnte ihr zeigen, welches Obst und Gemüse es bei uns gibt, was ich eigentlich Brot nenne und wie bei uns Verkehr funktioniert. Sie war total geflasht von der Ordnung und der Sauberkeit und der guten Organisation und Pünktlichkeit von allem.  Sie war auch überrascht von den vielen verschiedenen Salat- und Tomatensorten. Und dann war da natürlich auch Vergnügen mit dabei: Ich habe es sehr genossen durch die kleinen Gassen in Cambridge zu schlendern und die unglaublich vielen beeindruckend Gebäude zu bestaunen.

Die größte Herausforderung: das Essen

Schon vor der Reise wurde offen über die größte Herausforderung für die Kollegin und meinen Chef diskutiert: das Essen. Dazu muss man wissen, Sierra Leonians essen am liebsten nur ihr eigenes Essen. Was Bauer nicht kennt, frisst er nicht, passt hier eins zu eins. Hier stießen Welten aufeinander. Während ich überglücklich war, über die große Essensauswahl und die internationalen Gerichte, verzweifelte der Rest meiner Reisegruppe täglich am Buffet. Und dabei gab es wirklich sehr gutes Essen. Aber keinen Reis mit Casava Leave. Sehr schwierig also. Ich habe versucht, mir die gute Laune nicht zerstören zu lassen und habe das Essensangebot ausgekostet. Mariama und Sheku waren erst glücklich, als wir einmal zum Essen eingeladen wurden und sie Fisch mit Pommes essen konnten. Nicht Fish and Chips, sondern normalen Fisch. Selbst Hamburger und Wraps waren schwierig, da sie im Geschmack natürlich etwas anders waren, als die bekannten Gerichte aus Salone.

Vogelfreaks aus aller Welt

Cambridge ist ja eine Kleinstadt. Und für ein paar Tage war sie übervölkert von Vogelfreaks. Man konnte keine 5 Meter gehen, ohne wieder eine Kongressteilnehmerin oder einen Kollegen aus einem anderen Land zu treffen. Erkennen konnte man uns an unseren BirdLife Taschen und den Kongress-Namensschildern. Ich fand die Atmosphäre unglaublich toll. Es war super spannend und gut mit so vielen Menschen zusammen zu sein, die alle ähnliche Ziele verfolgen und sich für die gleiche Sache einsetzen: Umweltschutz und climate change mitigation. Und natürlich war es super interessant, an einem Tisch zu sitzen mit Leuten aus Palau, den Cook Islands, Bulgarien, Kanada und Kolumbien und gemeinsam über die Herausforderungen in den einzelnen Ländern zu sprechen. Ich habe jetzt auf jeden Fall Kontakte in sehr viele Länder geknüpft, die ich irgendwann einmal besuchen möchte. Ich möchte auf jeden Fall unbedingt eine Balkantour machen, um meine Geierfreunde zu besuchen und natürlich auch in Lateinamerika die Partner bei ihrer Arbeit im Regenwald einmal begleiten. Außerdem habe ich versucht, mit den kleinen Inselstaaten in Kontakt zu kommen.

Hier also einfach mal ein paar Eindrücke (die ganzen guten Fotos sind offizielle Kongressfotos vom professionellen Fotografen, die schlechteren sind von mir 😉 ) . Das Motto der Tagung: BirdLife 100, It’s time bezieht sich auf das 100-jährige Bestehen, das wir in Cambridge gefeiert haben. Bei dem KBA Projekt sind wir auch dabei. Da geht es darum Key Biodiversity Areas zu identifizieren und sie dann unter globalen Schutz zu stellen. Wir hatten dazu im März den ersten Workshop hier mit Vertreterinnen und Vertretern von anderen NGOs und Regierungsbehörden und haben im August das Nationale Komittee gebildet. Nun geht es darum, Daten zu erfassen für mögliche KBAs und diese dann offiziell als solche anzuerkennen, damit der Schutz der Areas gewährleistet werden kann. Das ist ein Beispiel für die globale Zusammenarbeit nach dem lokal-global-Ansatz.

An dem einen Tag gab es einen Markt der Partnerorganisationen. Alle Partner konnten sich und ihre Arbeit an kleinen Ständen vorstellen. Irgendwie ist es echt witzig, wie schön dabei kulturelle Gepflogenheiten zu Tage kommen: Am Stand der Partner aus Bolivien gabe es einen Matebecher mit Mate-Tee, am Stand von NaBu eine Stofftasche und einen Flaschenöffner, bei den indonesischen Partnern eine Vorlage für einen Papierflieger, am Stand von Montenegro gab es Schnaps und bei Cook Islands Produkte aus Ocean Plastic.

Ancient Oaks im Sherwood Forest

Es wäre kein BirdLife Kongress, wenn es kein Bird-Watching geben würde. Am ersten Tag vor dem Kongress und am Tag nach dem Kongress wurden deshalb Exkursionen angeboten. Ich bin natürlich in den Shwerwood Forest, um auf den Spuren Robin Hoods zu wandeln. Und dann bin ich noch einmal in ein Vogelschutzgebiet am Meer. Vom Sherwood selbst war ich etwas enttäuscht, muss ich zugeben. Der Wald ist relativ klein und mutet eher wie ein Park und Ausflugsziel an mit breiten Wegen, Eiswagen und riesigem Besucherzentrum. Aber  was RSPB dort macht, ist ziemlich irre und spannend. Der Sherwood ist bekannt für seine Ancient Oaks. Diese Eichen sind sehr alt und haben eine spezielle Rinde und sind durch Wetter und Umwelteinflüsse ganz mystisch verformt. Diese Eichen sind super wichtig, für die Biodiversität im Wald. Nur auf ihnen gibt es spezielle Insekten, die wiederum wichtig sind für die gesamte Nahrungskette. Es gibt aber immer weniger dieser alten Eichen. RSPB versucht nun, die Lücke zu schließen, zwischen den jungen Bäumen und den ganz alten. Damit das Ökosystem erhalten bleibt, bevor die alten Eichen alle sterben. Es ist wirklich ziemlich verrückt. Zum Beispiel imitieren sie Blitzeinschläge an jungen Bäumen, oder verletzten die Bäumen, wie es Tiere machen würden. An diesen verletzten Stellen sammeln sich Insekten und Bakterien, die es auf den anderen Bäumen nicht gibt oder nur in geringerer Anzahl. So soll der Lebensraum, den die alten Eichen bieten, von jüngeren Eichen imitiert werden. Es ist ziemlich viel Aufwand, um die Biodiversität zu erhalten. Aber auch spannend zu sehen, was möglich ist.

Noch ein verrückter Fact: Auf dem ersten Foto seht ihr die Mayor Oak. In der hat angeblich Robin Hood gelebt. Außerdem haben einmal vier feine Herren im inneren (der Stamm ist hohl) ein Bankett gefeiert. Aber am crassesten: Diese Eiche ist schon seit Zeiten von Queen Victoria und vorher ein beliebtes Ausflugsziel. Es gibt viele alte Fotos und Postkarten. Die Menschen kamen in Massen, um unter den Zweigen zu Picknicken. Der Boden um die Eiche herum ist deshalb so verdichtet, dass er fest wie Beton ist und kein Regenwasser mehr durchlässt. Die Eiche ist deshalb umzäunt, damit der Boden sich erhohlen und wieder lockerer werden kann, damit die Wurzeln der Eiche wieder mit Regenwasser versorgt sind. Vollkommen verrückt, wie ich finde.

Vögel als Indikatoren für die Klimakrise

Auf dem Kongress gab es viel Austausch, best practices und Planung von gemeinsamen Projekten. Vogelschutz bedeutet vor allem, Habitate zu schützen. Und davon profitieren natürlich alle Tiere. Die Partner in Lateinamerika haben ein großes Projekt mit Farmern, um die Graslands zu schützen. Auf den Cape Verden geht es um den Schutz der Strände für Meeresschildkröten und Meeresvögel. Die Partner in Bulgarien und Ägypten arbeiten gemeinsam, zum Schutz von Geiern und Zugvögeln. Die Organisationen in der Sahel sind Teil des Green Belt Projektes. Partnerorganisation sind weltweit in zentralen Projekten zum Klimawandel aktiv.

BirdLife International war mir vorher nicht bekannt, aber wie das immer so ist, kaum komme ich vom Kongress zurück, sehe ich Berichte über die Arbeit von BirdLife von der Süddeutschen, bei GMX und in vielen weiteren Online-Medien. Auf dem Kongress wurde der aktuelle Bericht zu „State of the World´s Birds“ vorgestellt. Alleine das Coverbild ist es schon Wert, sich den Bericht mal anzuschauen! Dieser Bericht ist eines der Dokumente, auf deren Basis im Dezember in Montreal auf dem COP 15 der Vereinten Nationen ein neues internationales Framework zum Schutz der Biodiversität weltweit verabschiedet werden soll. Wow, dachte ich mir. Offensichtlich hat unsere Arbeit tatsächlich Auswirkungen auf weltweite Abkommen zum Artenschutz. Warum ist ein Bericht über Vögel so wichtig für ein globales Artenschutzabkommen? Vögel sind wichtige Indikatoren für die Gesundheit von Ökosystemen. In Deutschland wird jedes Jahr die Bevölkerung aufgerufen, die Vögel im Garten zu zählen und zu dokumentieren. Daten dieser Art werden weltweit gesammelt und über die Jahre verglichen. Am kommenden Wochenende ist zum Beispiel Global Birding Weekend. Menschen weltweit sind dazu aufgerufen, Vögel zu zählen und die Sichtungen digital zu erfassen. Es gibt dafür Apps (birdlaser oder ebird), die Daten werden zentral gespeichert und für Reports zur Entwicklung von Vogelbeständen verwendet. Wenn Vogelarten verschwinden oder Bestände stark abnehmen, ist das ein Zeichen für ein gestörtes Ökosystem. Verschwinden Vögel, verschwinden in der Folge normalerweise auch andere Tiere. Vögel bieten sehr viele sogenannte Services für Ökosysteme an. Sie verteilen Samen und befruchten Pflanzen, sie halten Schädlinge in Zaum, Aasfresser sind eine natürliche Müllabfuhr und sie sind Beute für andere Tiere. Wie das so ist bei Ökosystemen: alles hängt miteinander zusammen. Alle Teile der Kette sind wichtig und nötig, damit das ganze System funktioniert.

Das sechste globale Massensterben ist in vollem Gange

Die Ergebnisse des aktuellen Reports bestätigen die erschreckende Realität: jede achte Vogelart ist vom Aussterben bedroht. Die Vogelzahl weltweit hat in den letzten Jahrzehnten extrem abgenommen.

Die wissenschaftlichen Daten zeigen, dass wir uns – nicht nur in Bezug auf Vögel, sondern in Bezug auf Arten allgemein – mitten im sechsten Massenaussterben auf unserem Planten befinden. Das berühmteste Massensterben ist das, der Dinosaurier. Doch es gab noch vier weitere, die durch sich verändernde Temperaturen hervorgerufen wurden. Wir wissen, dass ein Großteil der Lebewesen auf der Erde sich nicht schnellgenug an die steigenden Temperaturen anpassen kann. Landtiere haben die Möglichkeit, in Regionen zu wandern, deren Klima gut für sie ist. Aber Tiere und Pflanzen leben in Symbiose. Wenn die Pflanzen nicht schnell genug „mitwandern“, dann haben auch die Tiere keine Chance. Ganz zu schweigen von allen Lebewesen, die im Wasser leben. Wenn die Meerestemperatur steigt, wo sollen sie hin? Korallen zum Beispiel sind sehr Temperatur-sensibel. Zugleich sind sie sehr wichtig für viele Fische. Sterben die Korallen, sterben auch die Fische, was wiederum andere Lebewesen beeinflusst. Das System gerät aus dem Gleichgewicht.

Globales Artenschutzabkommen – mehr als nur heiße Luft?

Im Dezember treffen sich Vertreter und Vertreterinnen von Staaten aus der ganzen Welt zum zweiten Teil des COP 15, der UN Biodiversity Conference, um hoffentlich das neue Framework zum Artenschutz anzunehmen. Einige Ziele des Artenschutzabkommen sind der Schutz von mindesten 30% der weltweiten Land- und Seefläche, Wiederherstellung von mindestens 20% von zerstörten Ökosystemen, 50% Reduktion von invasiven Arten. Wie immer bei globalen Abkommen ist die Frage, wie ernst nehmen die unterzeichnenden Staaten die Umsetzung und wer finanziert das Ganze. Durch die Energiekrise in Europa, den Krieg in der Ukraine und weitere Krisenherde weltweit scheint der Erhalt der Biodiversität wieder einmal in den Hintergrund zu geraten. Ich frage mich wirklich ab und an, wann die Staaten verstehen, dass es nicht darum geht, künftige Generationen zu schützen, es ist keine Zukunftsmusik mehr. Der Klimawandel ist da und das Artensterben hat schon längst begonnen. Wir können nur versuchen es noch aufzuhalten, um den Planeten möglichst lange gut bewohnbar für uns Menschen zu erhalten. Wie sagte der eine Vortragende so schön: Nature doesn´t need us. But we need nature.

Ich weiß, heute ist es ziemlich lange geworden mit vielen Infos und dabei hätte ich noch so viel zu berichten, von tollen Begegnungen, von so vielen Sachen, die ich gelernt habe, von so viel Enthusiasmus und Motivation. Ich wollte noch berichten vom Schlange stehen in London und historischer Spurensuche in Cambridge. Und auch all die Infos zum Klimawandel kommen immer viel zu kurz. Aber ich schließe für heute und rate allen, die ein bisschen Englisch können, einmal in den Bericht zu schauen. Er ist nicht nur für wissenschaftliches Publikum, er ist super aufbereitet für Menschen wie euch und mich, die nicht wirklich viel Ahnung von den Sachen haben. Es gibt viele Bilder und Grafiken und wirklich gut und leicht verständlich formulierte Erklärungen.

Hier noch zwei schlaue Sprüche zum Ende.

Und wenn ihr am Wochenende nicht wisst, was ihr machen sollt: Global Birding Weekend 😉

Ach ja, und dann wollte ich ja noch ein bisschen eure Aufmerksamkeit auf den deutschen BirdLife Partner lenken: den NaBu. Ich hatte den Eindruck, die machen echt gute Sachen und vor allem, was neu für mich war: der NaBu arbeitet nicht nur in Deutschland, sondern ist auch in internationalen Umweltschutzprojekten aktiv. Durchaus unterstützenswert, wie ich finde: https://www.nabu.de

By the way: Ich habe nun auch den Beweis, dass mein Handy offensichtlich Ohren hat: seit neuestem werden mir immer Vogel-Witze und Vogel-Videos bei Insta vorgeschlagen. Das ist wirklich beängstigend. Also Obacht, worüber ihr so sprecht…

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