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International Peace Day

Jedes Jahr am 21. September wird der Weltfriedenstag der Vereinten Nationen gefeiert- auf Englisch International Peace Day (IPD). Den IPD gibt es seit 1981. Da ich als Fachkraft des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) in Sierra Leone bin, hat dieser Tag auch für mich, meine Organisation und unser ZFD-Netzwerk hier eine große Bedeutung. Jedes Jahr um den 21. September herum, organisieren wir gemeinsam Aktionen zum Thema Frieden in der Gesellschaft. Dieses Jahr ist unser Motto:

„Action for Peace in Times of Covid-19“

Während der Meetings des ZFD-Netzwerkes zur Themenfindung und auch in den folgenden Workshops habe ich mir immer wieder gedacht, dass das Thema auch in Deutschland dieses Jahr sehr passend gewesen wäre. Die Pandemie und vor allem die Maßnahmen, die zu ihrer Eindämmung ergriffen wurden, haben in vielen Gesellschaften Konflikte hervorgerufen. In Deutschland mag es die Diskussion um Freiheitsrechte sein, hier ging es etwas substantieller zur Sache – hier ging es um das tägliche Einkommen und Auskommen der Menschen. So oder so trifft die Pandemie die Menschen weltweit und bringt in vielen Gesellschaften Konflikte oder Schieflagen zu Tage, die schon zuvor da waren. Die Pandemie zeigt auf, wie ernsthaft die Situation wirklich ist.

Mit Blick auf Deutschland rede ich jetzt nicht mehr von den Freiheitsrechten. In Deutschland geht es zum Beispiel eher um die Betreuung und Begleitung von Kindern, Kranken und Menschen in Notlagen oder die Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

In Sierra Leone hat ein scharfer Lockdown letztes Jahr die Leute drei Tage in ihre Häuser verbannt. Niemand durfte arbeiten gehen. Das wird zu einem sehr ernsthaften Problem, wenn man von der Hand in den Mund lebt und die Tageseinnahmen dringend benötigt, um das Abendessen für die Familie zu Hause zu kaufen. Kaum jemand hier hat Ersparnisse oder eine volle Speisekammer, auf die man zurückgreifen kann, wenn man mal ein paar Tage keine Einnahmen hat, geschweige denn irgendwelche Unterstützung von staatlicher Seite. Aber nun erst einmal wieder zurück zum International Peace Day.

Actions for Peace durch die Kameralinse

Im ZFD-Netzwerk vereinen sich die unterschiedlichsten Organisationen. Es gibt Organisationen, die sich wie wir für Umweltschutz und Conservation einsetzen, welche, die sich für die Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen stark machen, Partner, die ihren Hauptfokus auf die Ernährungssituation der Menschen haben, Jugendorganisationen und so weiter und so fort. Das bedeutet für den International Peace Day, dass wir viele verschiedene Inputs und Kapazitäten bündeln können für ein buntes Ergebnis.

Zum diesjährigen IPD sind Aktionen in zwei-drei Communities in Freetown geplant. Es wird ein kleines Theaterstück der Freetong Players International geben, in den Tagen vorab starteten schon Radiobeiträge hauptsächlich organisiert von Culture Radio und dann wird es bei den Hauptaktionen am 21. und am 23. auch noch eine Videopräsentation geben. Gemeinsam mit Mitgliedern aus verschiedenen Stadtteilen gab es vor zwei Wochen schon einen Workshop, um Participatory Videos zu drehen. Die Videos die dann daraus letzte Woche entstanden sind, werden nun gezeigt.

Hier erst einmal ein paar Eindrücke von den Community Engagements und den Radioauftritten und natürlich die tollen Sticker. Mal wieder beste Whatsapp-Qualität, aber immerhin…

Participartory Videos for Peace

Eines der Projekte für den Weltfriedenstag sind die Participartory Videos zum Thema. Da ich etwas neugierig war, wie das Ganze hier umgesetzt wird, haben Mariama und ich Ende August an dem dreitägigen Workshop teilgenommen. Außer uns haben Mitglieder aus verschiedenen Stadtteilen bzw. Gegenden in und um Freetown teilgenommen. Innerhalb der drei Tage haben wir uns zunächst mit den Themen Konflikt und Frieden beschäftigt. Was bedeutet Konflikt für uns in unserer direkten Umgebung? Was bedeutet Frieden? Welche Konflikte entstanden oder kamen zum Vorschein durch die Pandemie und wie waren die Lösungen?

Die Idee der Participartory Videos ist, dass nicht ein professionelles Filmteam das Script verfasst, sich die Dialoge ausdenkt und dann den Film dreht und schneidet. Die Idee ist, dass der komplette Film von den Menschen, um die es geht, selbst entworfen, gedreht und geschnitten wird. Einerseits gibt man so Menschen eine Stimme und zugleich werden noch Wissen und Fähigkeiten vermittelt.

Nachdem wir uns also mit Konflikt- und Friedensdefinitionen und deren Realitäten auseinandergesetzt hatten, ging es darum, die Kameras kennenzulernen. Worauf ist zu achten, wenn man Fotos macht, wenn man einen Film dreht. Welche verschiedenen Blickwinkel gibt es, Kameraeinstellungen, was hat das Licht mit dem Ergebnis zu tun… Der Workshop war sehr gut und vor allem war er perfekt auf die Zielgruppe zugeschnitten. Ich muss wirklich sagen, ich habe hier schon an ein paar sehr guten Workshops teilgenommen. Das war definitiv einer davon. Die Arbeit in den Kleingruppen anschließend, um die Stories zu entwickeln war auch sehr interessant und es herrschte die ganze Zeit ein sehr gute Atmosphäre. Für mich waren die Tage etwas anstrengend, da alle die ganze Zeit Krio gesprochen haben. Ich habe zwar verstanden, worum es so ging, aber ich war sehr froh, dass ich Englisch reden konnte, wenn ich mal einen Input gegeben habe.

Am letzten Tag ging es dann mit den Kameras auf die Straße zum Testlauf. In kleinen Gruppen von fünf, sechs Leuten sind wir los und haben Leute auf der Straße interviewt. Es ging erst einmal darum, zu lernen, wie spreche ich jemanden an, wo muss die Kamera stehen, damit man den besten Winkel hat und die Person auch gut erkennen kann und ähnliches. Wir waren eine kleine Filmcrew mit Kameramann, Director (der immer laut „Action“ und „Cut“ rief 🙂 ) und weiteren Crewmitgliedern.

Interviewt wurden der Besitzer des Matratzenladens, ein Okada-Fahrer, eine Schuhverkäuferin, zwei Frauen auf der Straße, der Besitzer eines Werkzeugladens und der Besitzer eines Handy-repair-shops. Somit bekommt ihr nicht nur Eindrücke von unserem Workshop, sondern auch gleich noch ein bisschen von den verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten hier.

Documentary: Fakenews provozieren Chaos in Tombo

Leider konnte ich bei den Flmaufnahmen in Tombo und Freetown nicht dabeisein. Deshalb bin ich umso mehr gespannt auf das Ergebnis. Aber zumindest habe ich schon eine Ahnung davon, worum es geht. Letztes Jahr wurde ein dreitägiger Lockdown ausgerufen. Das hieß auch, dass zum Beispiel die Fischer aus Tombo drei Tage lang nicht aufs Meer fahren durften, um zu Fischen. Nach den drei Tagen gab es Gerüchte, dass am ersten Tag nur 10 von den über 100 Booten aufs Meer fahren dürfen. Da die Fischer und die Fischverkäuferinnen schon drei Tage ohne Einkommen waren, führte diese Information oder diese Fakenachricht zu einem riesen Chaos mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fischern und den Sicherheitskräften vor Ort. Auch das Krankenhaus war betroffen und Einrichtung wurde zerstört, so dass das medizinische Personal nicht einmal in der Lage war, die Verletzten zu versorgen.

Unser Storyboard sollte eine Art Dokumentation über diese Tage und Auseinandersetzungen werden. Wir wollen Fischer, Fischverkäuferinnen, den Hafenmeister und Sicherheitskräfte interviewen, wie sie die Situation wahrgenommen haben, was aus ihrer Sicht zum Chaos führte und was man in Zukunft in ähnlichen Situationen anders machen sollte, um den Frieden zu wahren. Unsere Botschaft war: don´t believe in fakenews! Und vor allem sollten dann bei Diskussionen und in Gesprächen mit den Leuten aufgeklärt werden, woran man Fakenews erkennt und welche Quellen zuverlässige Quellen sind.

Wie gesagt, ich war selbst beim Dreh nicht dabei, aber auf der Facebook-Seite des West African Youth Networks gibt es ein paar Bilder aus Tombo vom Videodreh und zwei kurze Videos (beides auf der Facebook-Seite des WAYN).

Social Media als Nachrichtenquelle

Das Problem hier ist, dass viele Menschen – ich übrigens auch – alle wichtigen Informationen zu Benzinpreisen, Covid-Regeln, neuen Gesetzen und so weiter normalerweise über whatsapp erhalten. Erst letzte Woche kam eine Nachricht in unsere CSSL-Arbeits-Whatsapp-Gruppe mit einem ganz klar manipulierten und bearbeiteten Bild zu neuen Benzinpreisen. Der Kollege, der es gepostet hat, dachte anscheinend, es ist echt. Zum Glück hat ziemlich schnell jemand anderes darauf hingewiesen, dass es Fake ist. Aber Leute, die nicht so genau hinschauen, nehmen das ernst und dann kann Chaos ausbrechen. Ich denke, insbesondere Benzinpreise und Lockdowns haben hier eine riesen Sprengkraft. Steigen die Benzinpreise, steigen die Kosten für den Transport und gleichzeitig auch alle Lebensmittelpreise, da diese ja auch transportiert werden müssen.

In unserem Trainingsworkshop für die Participartory Videos haben wir auch ein Beispiel Video angeschaut, dass genau das Thema Fakenews und Covid behandelt hatte. Es ist echt irre, dass durch dieses Internet, weltweit die gleichen Verschwörungstheorien zu finden sind und auch diejenigen, die Corona leugnen, die gleichen unsinnigen Argumente zusammentragen – vielleicht mit einer leichten lokalen Anpassung. Wie so oft komme ich also zu dem Schluß: überall die gleichen Idioten unterwegs, überall ähnliche Freuden und Probleme 🙂 Vielleicht sind wir Menschen doch alle ein bisschen ähnlicher, als es manchmal den Anschein macht…

Hier sind jetzt tatsächlich die Videos zu sehen

Hinweis: Ich habe den Artikel schon am 21. September geschrieben und gehofft, dass die Videos bald online zur Verfügung stehen. Sie sind aber leider noch nirgends hochgeladen. Ich veröffentliche also den Artikel heute schon einmal ohne Videos. Wenn die Videos dann irgendwann einmal verfügbar sein sollten, verlinke ich sie und gebe euch Bescheid.

–> Zwei Tage später sind die Videos zwar online, aber ich kann sie leider nicht einbinden, so dass ihr auf die Links klicken müsst, um die Videos anzuschauen. Ihr gelangt nach Facebook. Dort sind die Videos hochgeladen. Viel Spaß beim Anschauen 🙂

–> nochmal einen Tag später… wenn man die richtigen Leute kennt, bekommt man eben auch den Youtube-Link und kann die Videos richtig schön einbinden 🙂

Das erste Video hat eher einen dokumentarischen Charakter, das zweite zeigt eine Geschichte. Die jungen Leute, die am Workshop teilgenommen haben, sind die Actors im Video.

Das schöne bei den Videos ist, dass sie euch ganz gute Einblicke in das normale Alltagsgeschehen hier auf der Straße geben. Und ihr könnt ein bisschen Krio lernen. Die Audioline ist meist Krio, aber es gibt englische Untertitel.

Frieden – eine Aufgabe für uns alle

Was bringt nun so ein Weltfriedenstag eigentlich? Ich denke, es ist einfach immer wieder gut, sich Gedanken zu machen, wo die Konfliktlinien in Gesellschaften verborgen sind oder offen daliegen und wie der Frieden immer wieder aufs Neue bewahrt und beschützt werden kann. In Sierra Leone sind viele Menschen noch geprägt vom Krieg in den 90ern. Auch diejenigen, die ihn nicht miterlebt haben, wissen, wie schnell aus Frieden Krieg werden kann und wie schrecklich dieser Krieg war. Frieden wahren, ist deshalb ein sehr hohes Gut hier. Auch wenn es manchmal Sachen erschwert, da damit auch Kritik und fruchtbare Konflikte nicht ausgetragen werden – aber besser, als wieder Krieg, so die Meinung der meisten hier.

Ich denke heute auch an alle, die gerade keinen Frieden mit uns feiern können. Konflikte gibt es leider noch viel zu viele auf der Welt, deshalb sollten wir – die wir in Frieden leben – diesen auch wertschätzen, wahren und genießen! Vielleicht ist es auch in Europa gut, sich ab und an Gedanken über Krieg und Frieden zu machen. Und zwar nicht nur mit Blick in die Vergangenheit, sondern auch mit einem Blick in die Zukunft.

Euch allen wünsche ich auf jeden Fall inneren und äußeren Frieden und einen happy International Peace Day.

Nichts für zarte Seelen

Heute muss ich euch auf einen Exkurs in die Geschichte mitnehmen. Einen Teil der Geschichte, der sich ins kollektive Gedächtnis vieler Menschen eingebrannt hat und ihre Gefühle und Wahrnehmungen teilweise bis heute berührt. Am Wochenende war ich auf Bunce Island, dem ehemaligen Handelsstützpunkt der Briten für Sklaven.

Der transatlantische Sklavenhandel – ein oberflächlicher, geschichtlicher Abriss

Ich bin keine Expertin auf dem Gebiet des transatlantischen Sklavenhandels, deshalb möchte ich hier nicht mit zu vielen geschichtlichen Fakten aufwarten. Viele Menschen in Europa denken irgendwie, dass Kolonialismus und Sklavenhandel eins sind. Das stimmt nicht. Der Sklavenhandel begann sehr viel früher als der Kolonialismus. Der transatlantische Sklavenhandel begann relativ zeitgleich mit der Ankunft der Europäer an den afrikanischen Küsten und der Besiedlung der Amerikas durch die Europäer.

Für alle, die sich noch nicht so oft mit dem Thema beschäftigt haben, hier nur ganz kurz und oberflächlich: europäische Handelsmächte kauften Menschen an den afrikanischen Küsten (hauptsächlich an der Westküste) und verschifften ihre menschliche Ware in die Karibik und in die Südstaaten der heutigen USA.  Es tut mir etwas weh, so etwas wie „menschliche Ware“ zu schreiben. Die Sklavenhändler hätten sogar noch das menschliche weggelassen. Für sie waren diese Männer, Frauen und Kinder nur Waren, mit denen sie möglichst viel Profit machen wollten. Wir wissen, dass viele dieser Menschen während der Überfahrt wegen Wassermangel, Nahrungsmangel und Krankheiten, die sich wegen der nicht möglichen Hygiene ausbreiteten, starben und über Bord geworfen wurden. In den Amerikas mussten die Sklaven hauptsächlich in der Landwirtschaft arbeiten. Die landwirtschaftlichen Produkte wurden dann wiederum nach Europa geschifft, dort gegen europäische Waren getauscht, diese wurden dann in Afrika wieder gegen Sklaven getauscht. Das ist das sogenannte Modell des Dreieckshandels.

Als erstes europäisches Land Verbot Dänemark im Jahr 1792 den Sklavenhandel (das Verbot trat aber dann erst im Jahr 1803 in Kraft). Erst im Jahr 1807 wurde der Sklavenhandel von Großbritannien offiziell verboten. Ab diesem Zeitpunkt bekämpfte Großbritannien den Sklavenhandel auch in internationalen Gewässern.

Die Abschaffung des Sklavenhandels hieß nicht zugleich die Abschaffung der Sklaverei. Aber so viel Platz habe ich hier leider nicht, um zu sehr in die Tiefe zu gehen. Ich bin sicher, wenn ihr Sklavenhandel in eure Suchmaschine eingebt, bekommt ihr schön aufbereitete Infos dazu.

Und hier noch ein kleiner Funfact: Während ich diesen Text schreibe, läuft meine Playlist und nun ratet mal, welches Lied gerade läuft: Keine Macht für niemand 😊 Wie passend.

Zutiefst berührt auf Bunce Island

Natürlich habe ich am Wochenende nicht das erste Mal vom Sklavenhandel gehört. Natürlich weiß ich, dass die „Black lives matter“ Bewegung nicht im luftleeren Raum entstanden ist. Natürlich weiß ich, dass die Folgen des transatlantischen Sklavenhandels bis heute Auswirkungen in den Gesellschaften haben, denen alle gesunden Männer und Frauen gestohlen wurden, in denen das handwerkliche Wissen von Generationen verloren ging, in denen ganze Generationen entwurzelt wurden und schreckliches Leid erleben mussten – dennoch: der Besuch auf Bunce Island hat mich ganz tief Innen berührt.

Vielleicht kennt ihr das Gefühl, das einen überkommt, wenn man ein KZ besucht. Wir wissen theoretisch alle, was in den KZs vorgegangen ist. Aber wenn man dort ist, spürt man auf einmal die Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und zugleich bin ich immer ganz leer und taub von dem Wissen, dass es Menschen waren, die anderen Menschen all dieses Leid angetan haben.

Can you imagine – for 140 years these things happen

Ein großes Lob sei hier nochmals unserem Guide ausgesprochen. Er hat es hervorragend geschafft, sachliches Wissen zu vermitteln ebenso wie uns sehr deutlich auf die Monstrositäten hinzuweisen, die auf dieser Insel geschehen sind. Zunächst benutzen die Portugiesen Tasso Island als Handelsstützpunkt. Die Portugiesen betrieben zu dieser Zeit noch keinen transatlantischen Sklavenhandel, sondern handelten mit „normalen“ Waren. Als die Briten die Küste Sierra Leones in ihre Gewalt gebracht hatten, startete der Sklavenhandel zunächst auch auf Tasso Island. Tasso ist jedoch etwas größer, es gibt dort drei Dörfer, die Insel ist sehr bewaldet, so dass es für die Sklaven vergleichweise einfach war, abzuhauen und sich in den Wäldern zu verstecken. Das war aus ökonomischer Sicht für die Briten natürlich gar nicht gut. Sie entschieden sich deshalb, ihren Stützpunkt nach Bunce Island zu verlagern. Das ist eine sehr kleine Insel. Die ganze Insel wurde entwaldet und das Fort darauf errichtet. Die beiden „Räume“ für die Sklaven – einer für die männlichen, einer für die weiblichen – waren ohne Dach. „If it rains or if it suns, they always were outside. Can you imagine?” Wir reden hier nicht von einem kleinen Sommerregen und einer angenehm wärmenden Sonne auf der Haut. Wir reden hier von tropischen Regenstürmen und unglaublich intensiver Sonne. „The women all half naked. Only wearing the tapa. Can you imagine? The slave traders just choose and took them to abuse them. Can you imagine. For 140 years…” Auf der Insel gibt es auch einen Friedhof. Sehr viele Europäer haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Und die Mende, Timne, Limba und anderen? Die wurden ins Meer geworfen, wenn sie auf der Insel verstarben. Keine Beerdigung. Kein „Ruhe in Frieden“. Kein Ort, an dem die Ahnen besucht werden können. Einfach mal kein Respekt vor den Toten.

Wissenschaftliche Untersuchungen aus den letzten Jahrzehnten gehen von insgesamt über 11 Millionen Menschen aus, die von Afrika nach Amerika als Sklaven verschifft wurden. Nicht mitgezählt sind hier all diejenigen, die schon zuvor an den unglaublich schlimmen Bedingungen verstorben sind.

Noch eine kurze Geschichte, die auf den Magen schlägt, und dann überlasse ich euch euren Gedanken. Unser Guide, Fortune, hat erzählt, dass ab und an auch Frauen mit Babies gefangen wurden. Diese Babies – ich schaffe es kaum, das wirklich zu schreiben – die Babies wurden an den Strand gelegt, mit dem Ziel sie an die Krokodile zu verfüttern. Die so angelockten Krokodile waren leichte Beute für die Sklavenhändler. Krokodilhaut war neben Elfenbein, Gold und Diamanten ein wertvolles Gut aus Afrika.

Nie wieder! – ein Ausruf, der leider viel zu oft nötig ist

Vielleicht versteht ihr nun, weshalb mir der Besuch auf den Magen geschlagen hat und ich auch euch nicht vor diesem Wissen verschonen möchte. Wie hieß so schön eine Aufsatzaufgabe in der Schule „Zukunft braucht Vergangenheit“. Ich kann nur hoffen, dass mit dem Wissen darüber, wie grausam wir in der Vergangenheit zueinander waren, die Zukunft rosiger und freundlicher aussieht. Das liegt in der Hand jedes und jeder einzelnen von uns.

Vor zwei Jahren habe ich in Ghana schon die Forts der Sklavenhändler an der Goldküste besichtigt. Wir haben uns auf dieser Reise schon etwas mehr mit dem Thema Sklavenhandel beschäftigt. Deshalb war noch etwas Wissen im Hinterkopf. Eindrücklicher war aber wahrscheinlich, was ich aus Büchern über das Leben und das Leid der verschleppten Menschen in Amerika weiß. Wer sich etwas mit dem Thema beschäftigen möchte, kann ja mal in „The Underground Railroad“ reinlesen.

Zum seelischen Ausgleich…

Um euch nicht vollkommen deprimiert zu verlassen ob der unglaublichen Unmenschlichkeiten, zu denen nur Menschen in der Lage sind, gibt es für den seelischen Ausgleich noch ein paar Fotos der Hoffnung von Bunce Island: das eine Foto zeigt mich mit Sarah und Hannah an der Wurzel eines Baumes. Da die Insel während des Sklavenhandels vollständig entwaldet war, ist klar, dieser Baum kann frühestens nach 1807 gewachsen sein. In „nur“ 200 Jahren ist er sehr weit gewachsen. Das macht uns Hoffnung für die Natur, wenn der Mensch nicht mehr da ist.

Das zweite Hoffnungsbild ist das mit dem Baum, dessen Wurzeln die Mauer stützen. Fortune sieht es als Bild dafür, wie die afrikanischen Nationen zusammenhalten sollten. Dann könnten sie sich gemeinsam stark gegen Amerika, China, Indien und Europa behaupten und würden endlich die Zeit der Unterdrückung hinter sich lassen. So Fortune.

… und noch ein paar „Urlaubsfotos“ von Tasso. Die 2,5 Tage auf Tasso haben sehr gut getan, um runterzukommen und Kraft zu tanken für den Endspurt bis Oktober.

Die Fotos wurden teilweise von Sarah oder Hannah aufgenommen bzw. Das eine von Fortune. All Photo Credits to them for their Photos!

Der Tanz mit dem Teufel

Vor zwei/drei Wochen war ich spontan für eine Woche in den Dörfern im Greater Gola Landscape unterwegs auf einer sogenannten Roadshow. Die Roadshows haben ihren Namen zurecht. Es ist eine Kombination aus Zeit auf der Straße und Showeinlagen. Wir nutzen diese Roadshows in verschiedenen Projekten zur Aufklärungsarbeit und Beziehungsarbeit mit den Menschen in den Dörfern rund um den Nationalpark.

Unterwegs mit Flatscreen, Verstärker und zwei goldenen Mikros

Gemeinsam mit meiner Kollegin Mariama und unserem Fahrer Sinneh sind wir zunächst am Sonntag nach Kenema gefahren. Ihr erinnert euch vielleicht – Kenema ist im Süden und ist die größte Stadt in der Nähe des Gola Rainforest Nationalparks. CSSL ist nicht direkt im Gola Nationalpark tätig, sondern in den umliegenden Kambui Hills. Die Kambui Hills waren ehemals dicht bewaldet, doch der Wald ist bedroht, da er immer weiter abgeholzt wird.

Um die Menschen in den forest edged communities über die Bedeutung des Waldes und die Folgen von Deforestation aufzuklären, sind wir eine Woche über die Dörfer getourt. Mit zwei Landcruisern, einem Team von insgesamt acht Personen und einem Flatscreen, Verstärker und zwei goldenen Mikrophonen ging es los.

Straßen, Bäche und entlegene Dörfer

In sechs Tagen haben wir sechs Dörfer besucht. Teilweise haben wir in den Dörfern übernachtet, wenn der Weg zurück in die Stadt zu weit gewesen wäre. Mal wieder hat sich bestätigt, dass es mehr als sinnig ist, mit Landcruisern unterwegs zu sein. Nicht nur, dass der Regen die „Straßen“ teilweise in Bäche verwandelt hatte, hinzu kam noch, dass die Straßen an manchen Stellen aus so tiefen Furchen bestanden, dass selbst wir manchmal stecken blieben. Da viel zu schwere LKWs die vom Regen verschlammten Straßen benutzen, ist das Vorankommen echt eine Herausforderung und ich war sehr froh, dass ich dieses Mal nicht selbst gefahren bin. Einige Dörfer erreichten wir erst nach mehreren Stunden Fahrt, am Ende führte manchmal nur noch ein schmaler Weg dorthin, der eher für Motorräder als für Autos gedacht ist. Wir fuhren also mit zwei Rädern auf dem Weg und mit den anderen beiden Rädern im Gebüsch. Auf dem letzten Bild ist natürlich keine Straße zu sehen, sondern ein Fluß, den wir überquer haben 😉

Von der teuflischen Begrüßung bis zur Naturdoku

Unser Programm war spätestens nach dem zweiten Dorf sehr eingespielt. In jedem Dorf gibt es einen „Palava-Ort“. Das ist eine überdachte Fläche für Dorfversammlungen. Nach unserer Ankunft im Dorf haben die Kollegen immer direkt angefangen aufzubauen: Verstärker raus und Musik an, damit alle mitbekommen, dass etwas geboten ist. Dann den Generator aufbauen, unser Plakat aufhängen und eine kleine Runde durchs Dorf drehen.

Meist ertönten dann schon die ersten Trommeln und Rasseln, die den Teufel ankündigen. In den meisten Dörfern haben uns Frauen aus der örtlichen Geheimgesellschaft mit Musik und Tanz begrüßt, unter ihnen immer eine als Teufel verkleidete Frau. In manchen Dörfern wurden wir zum Mittanzen aufgefordert. Der Teufel wurde von uns mit ein paar kleinen Geldscheinen bezahlt, um ihn zu besänftigen und damit wir dann irgendwann mit unserem Programm starten konnten.

In einem Dorf kamen zwei Teufel der Geheimgesellschaft der Männer. Der eine war wirklich furchteinflößend. Das war der „echte“ Teufel. Er wurde von vier Männern begleitet, die anscheinend dafür da waren, ihn etwas in Zaum zu halten. Kinder und Frauen sind geflüchtet und haben sich versteckt und meine eine Kollegin hat sich in den Wagen gerettet. Normalerweise kommt er nur für besondere Anlässe und dann verstecken sich alle, die nicht Teil der Geheimgesellschaft sind. Es war wirklich komisch, aber die Stimmung hatte sich auf einmal verändert und ich hatte auch ein mulmiges Gefühl. Mir wurde gesagt, ich soll auf nichts reagieren was sie sagen und machen und einfach stillsitzen bleiben. Der eine Kollege hat immer versucht sich wie eine schützende Mauer zwischen mich und diesen Teufel zu stellen. Ich habe mich auch nicht getraut ein Foto oder ein Video zu machen.

Während der Tanzsessions haben sich normalerweise immer mehr Bänke eingefunden, teilweise auf fleißigen Köpfen aus der lokalen Schule herbeigetragen oder aus verschiedenen Haushalten herbeigebracht. Klein und Groß, Jung und Alt haben sich nach und nach eingefunden, so dass mit der Begrüßung und der Vorstellung der wichtigsten Personen aus dem Dorf begonnen werden konnte. Nach diesem wichtigen Punkt, begannen unsere Reden. Ich habe nicht alles verstanden, da die Menschen in der Gegend Mende sprechen und ich außer ein paar Begrüßungsfloskeln nichts verstehe. Aber ich weiß natürlich, dass meine Kolleginnen und Kollegen in ihren Reden über die Bedeutung des Waldes gesprochen haben, über die benefits, die der Wald bietet, über die fünf Dinge, die man nicht im Naturschutzgebiet machen darf. Es wurde erklärt, welche Art von Fischerei möglich ist, wie die Pflanzen genutzt werden dürfen und was die Folgen vom Waldrückgang sein werden.

Auf dem einen Bild seht ihr die Anwesenheitsliste. Da viele Erwachsende nicht schreiben können, gilt der Daumenabdruck als Unterschrift.

Die Menschen dürfen auch im Schutzgebiet weiter mit ihren traditionellen Fischfallen arbeiten (auf den Fotos seht ihr eine frisch fertiggestellte Fischfalle). Die kleinen Fische können wieder herausschwimmen und nur die großen bleiben gefangen. Viele fischen aber auch mit Moskitonetzen und fangen damit auch ganz kleine Fische. Das ist verboten. Genauso wie das „Fischen“ mit Chemikalien.

Auch ich hatte eine feste Rolle in unserem Programm. Ich habe immer ein bisschen vom globalen Klimawandel berichtet. Hier in Sierra Leone kam der Regen viel zu spät dieses Jahr und vor allem bis jetzt auch zu wenig. In Deutschland hingegen gab es zu viel Regen mit Flut und Todesopfern. Die Menschen fanden es sehr spannend etwas aus Deutschland zu erfahren. Vor allem hätten sie nicht gedacht, dass auch wir Probleme mit dem Klimawandel haben. Nach meiner kleinen Ansprache, gab es meist noch Zeit für Fragen. Die Leute waren sehr interessiert daran, wie bei uns der Wald aussieht, welche Tiere wir haben und ob man im Wald jagen darf. Es ist gar nicht so leicht, diese Fragen so zu beantworten, dass die Antworten verstanden werden, wenn die Menschen nur ihre eigene Umgebung kennen und keine Idee davon haben, wie in Deutschland Bäume, Tiere und Nutzpflanzen aussehen. Die Leute waren auch immer sehr überrascht, wenn ich gesagt habe, bei uns wachsen weder Bananen noch Mangos noch Papaya noch Ananas. Wahrscheinlich bemitleiden sie uns jetzt sehr.

Spell Cup for me: C-U-P, Cup

Im Anschluss an die Informationsvermittlung gab es in jedem Dorf ein Quiz. Erst für die Schulkinder, die mit richtigen Antworten Hefte und Stifte gewinnen konnten. Und hier wurde dann doch sehr deutlich, wie groß die Bildungsunterschiede sind zwischen den Kindern, die in den Dörfern leben, die eine Schule in der Nähe haben und Kinder aus Dörfern, deren Schule weiter weg ist. Allgemein erkennt man an den Kindern am ehesten, wie reich oder arm ein Dorf ist. In den Dörfern, die eine bessere Straßenanbindung haben, haben eigentlich alle Kinder Klamotten in der richtigen Größe, Schuhe, die ihnen passen und haben auch saubere Sachen an. In den Dörfern, die sehr entlegen sind, hatten zwar auch die meisten Kindern Schuhe, aber viele hatten Klamotten an, die schmutzig waren oder viel zu groß. Und in diesen Dörfern war oft auch das Bildungsniveau sehr niedrig.

In einem Dorf war schon seit über einem Jahr kein Lehrer mehr. Ein Mann aus dem Dorf unterrichtet die Kinder ehrenamtlich. Selbst die Kinder in der fünften Klasse hatten Schwierigkeiten ihre Namen und die einfachsten Wörter zu buchstabieren. Es stimmt mich dann doch traurig, zu sehen, dass diese Kinder nur wenige Chancen haben, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Vor allem, wenn ich überlege, wie Kinder in Deutschland aufwachsen. Wie viel Wissen Vierjährige in Deutschland über die Welt haben. Das ist unglaublich im internationalen Vergleich. Und hier zeigt sich wirklich, dass Wissen Macht ist. Und vor allem sehr vieles ermöglicht.

Trotz allem waren die Quizze immer ein großer Erfolg und ein großer Spaß für alle. Besonders in dem einen Dorf, in dem die Kinder sich gegenseitig Wörter zum Buchstabieren vorgegeben haben. Und dann kamen Sachen wie „Spell for me: hippopotamus“ oder „Spell for me: Environment“. Nicht ganz easy, wie ich finde. Anderen Ortes hingegen, haben wir jedes Kind CUP buchstabieren lassen, damit jede und jeder ein Heft und einen Stift abbekommen konnte. Ich war etwas neidisch auf die coolen MARVEL Hefte. Ich muss mal schauen, ob ich die hier in Freetown irgendwo finde…

Nach den Kindern gab es noch ein Quiz für die Erwachsenen. Für die gab es als Preise natürlich keine Hefte und Stifte, sondern Zahncreme, Seifen und Sandalen. Teilweise ging es sehr emotional und engagiert zur Sache. Die Erwachsenen sollten das Wissen wiederholen, dass wir zuvor vermittelt hatten. Eine große Unterhaltungsshow für das ganze Dorf. Nach dem Quiz wurde der Fernseher angemacht und Naturdokumentationen und Dokumentationen zu den Themen Biodiversität und Conservation gezeigt. Das kam natürlich immer super an. Vor allem, da es in den meisten Dörfern keinen Fernseher gibt. Besonders die Reportage aus Freetown über den Landslide vor ein paar Jahren stieß immer auf großes Interesse und große emotionale Teilhabe. In der Nähe von Freetown gab es vor ein paar Jahren einen Erdrutsch an einem Hügel, an dem der Wald abgeholzt worden war und Menschen ihre Häuser gebaut haben. Viele kamen ums Leben. Einerseits haben einige wahrscheinlich das erste Mal Bilder ihrer eigenen Hauptstadt gesehen und dann ist es natürlich immer berührender, wenn ein Unglück in der direkten Umgebung passiert. Kennen wir ja alle.

Und weil wir nicht von Luft und Regenwasser leben, gab es in jedem Dorf auch etwas zu Essen. Es wurde für alle gekocht. Und zu unserer großen Freude in jedem Dorf das gleiche. Das heißt, für uns gab es eine Woche lang Reis mit Casava leave. Muss man auch mögen… Meine Kollegin hatte nach drei Tagen schon genug und hat immer versucht, Essensalternativen mitzunehmen, wenn wir zwischendrin mal in der Stadt waren 😊

Der Tanz mit dem Teufel geht weiter

Wir wurden immer mit dem Tanz des Teufels begrüßt, doch auf einer der langen Autofahrten ist mir eingefallen, wofür wir den Ausdruck „du tanzt mit dem Teufel“ noch benutzen. Für die Dorfbewohnerinnen und -bewohner ist der Schutz des Waldes genauso ein Tanz mit dem Teufel wie die Abholzung. Die Menschen leben vom Holz. In fast jedem Dorf haben sie uns gefragt, wovon sollen wir leben, wenn wir den Wald nicht weiter als Holzquelle nutzen dürfen? Wie sollen wir Geld verdienen, das wir brauchen, um Essen zu kaufen, das wir nicht selbst anbauen können; um Baumaterialien für unsere Häuser zu kaufen; um Kleidung und Schulmaterialien zu kaufen?

Die Menschen machen aus dem Holz Holzkohle, die sie verkaufen. Das ist meist die einzige Einnahmequelle. Wenn sie also kein Holz mehr schlagen, verlieren sie ihre Einnahmequelle. Zugleich wissen sie, dass – wenn der Wald schwindet – auch ihre Lebensgrundlage schwindet. Je mehr Wald, umso mehr Wasservorräte, umso mehr Pflanzen, umso bessere Böden. Sie wissen das. Aber was tun, wenn man auch irgendwie überleben muss? So oder so – eine Situation mit wenigen Perspektiven.

Abhängigkeit von internationalen Geldern

Für uns ist das etwas schwierig. Unsere Arbeit ist sehr stark von Geldern internationaler Organisationen abhängig. Im Endeffekt können wir nur das machen, was die Geldgeber uns erlauben. Wenn wir in Projektanträge sogenannten Livlihood Komponenten aufnehmen – also Elemente mit denen in den Dörfern alternative Einkommensmöglichkeiten eingeführt werden – und die Geberorganisationen diese Komponenten streichen und nicht fördern, können wir kaum etwas in dieser Richtung unternehmen. Was bringt all die Awarnessbildung und Aufklärung, wenn die Menschen zwar verstehen, dass sie den Wald schützen sollen und auch verstehen, weshalb das auch für sie gut ist, wenn sie zugleich ihr tägliches Überleben sichern müssen…

Nach einer Woche Roadshow habe ich wieder viele neue Eindrücke, war um einiges entspannter als zuvor und habe mich trotzdem sehr gefreut, als ich wieder zurück in Freetown in meiner Wohnung war.

Hier nun noch ein paar Eindrücke aus den Dörfern, mit meinem Lieblingsbild als Start, dem schönsten Moskitonetz ever und Fotos unserer einen Unterkunft sowie der Schulküche. Die Lehrkräfte waren nicht da, weil gerade Ferien sind, so dass wir in den Häusern der Lehrer übernachteten. Achso, und einen Hahn hab ich natürlich auch geschenkt bekommen, genauso wie einen superschönen Hut…

Und wer sich schon die ganze Zeit fragt, weshalb das so verdammt lange dauert, bis ich endlich mal wieder einen Post veröffentliche, denen sei gesagt: Life no easy na Salone. Ist gerade alles etwas anstrengend hier, deshalb bleibt einfach zu wenig Energie für Artikel und zu wenig Geduld mit dem langsamen Internet zum Bilderhochladen.

Aber nachdem gestern meine Wohnung vom tropischen Sturm geflutet wurde und ich die Schwierigkeiten beim Waschmaschinen- und Herdkauf sowie Anschluss der selbigen nun hinter mir habe, hoffe ich, dass sich auch die Zusammenarbeit mit meinen Counterparts bald einspielt und die anstrengende Phase bald einer entspannteren weicht. In diesem Sinne hoffe ich auf einen weiteren Post in Kürze 🙂

Good News

Mangelernährung, Geschlechter-Ungerechtigkeit, Kindersterblichkeitsraten, Klimakatastrophe, bedrohte Tierarten und viele weitere Schreckensmeldungen erreichen uns täglich über die Medien. Wieso heißt dieser Artikel also „Good News“? 

Ich habe vor ein paar Tagen ein sehr gutes Buch fertig gelesen: “Factfulness: Ten Reasons Why We`re Wrong About The World”. Ich kann es nur weiterempfehlen. Vor allem, nachdem ich herausgefunden habe, dass es vom Mitgründer von Gapminder geschrieben wurde, Hans Rosling. Und ich ein großer Fan von Gapminder bin. Gapminder will uns unsere Wissenslücken über die Welt bewusst machen und sie schließen. Nur wenn wir (und vor allem die Entscheidungsträgerinnen und -träger, die aktuellen Fakten über die Welt kennen, können sie die richtigen Entscheidungen treffen). Wer den Gründer nicht kennt, kann sich ja mal kurz das Video „The magic washing machine“ hier auf Youtube anschauen, dann seht ihr, in welche Richtung das Ganze geht. Keine Angst, es ist zwar auf Englisch, aber ich bin sicher, ihr könnt verstehen, worum es geht.

Worum geht es bei diesen Good News?

Die gute Nachricht ist: die Welt ist viel besser als wir denken. Den Menschen ging es noch nie so gut wie heute, wenn man auf einem globalen Level die Ernährungssituation, Kindersterblichkeit, Gesundheit, Einkommen, Schulbildung, Zugang zu Elektrizität und sauberem Wasser betrachtet. Das ist eine ziemlich gute Nachricht, wie ich finde. Von insgesamt sieben Milliarden Menschen auf der Welt, lebt „nur“ eine Milliarde in absoluter Armut. Das ist natürlich noch eine Milliarde zuviel. Aber alle anderen leben nicht in absoluter Armut.

Als kleiner Einschub kommen hier ein paar Zahlen von den UN, die die Erfolge der Millenium Development Goals zeigen: Im Vergleich zu 1990 leben heute eine Milliarde Menschen weniger in extremer Armut, die Kindersterblichkeitsrate wurde seit 1990 halbiert, die Anzahl der Kinder, die nicht in die Schule gehen, ist heute auch nur noch halb so groß wie noch 1990 und HIV/AIDS-Infektionen sind seit dem Jahr 2000 um 40% zurückgegangen.

Dass die Welt heute besser ist als gestern, heißt nicht, dass die Welt für alle heute die beste ist oder morgen für alle besser sein wird, als sie gestern war. Syrien ist ein Beispiel dafür. Wenn wir uns einzelne Länder anschauen, kann es sein, dass die Fortschritte aufgehalten werden, durch Krieg oder anderen Katastrophen. Gerade erleben wir in Afghanistan, wie unsicher manche Errungenschaften sein können und dass es nicht immer aufwärts geht mit Frauenrechten, Bildungsmöglichkeiten für alle und körperlicher Gesundheit. Die ganze Menschheit betrachtend, sehen wir allerdings, dass sich insbesondere seit dem ersten Weltkrieg fast überall die Lebensbedingungen verbessert haben. Die Welt ist heute eine bessere als noch vor wenigen Jahren, auch wenn noch immer vieles nicht gut ist. Diese Ambivalenz ist kein Widerspruch in sich. It is better – even though it is still bad.

Hier ein paar Sreenshots von der Entwicklung der Kindersterblichkeit. Je weiter rechts die Blasen sind, umso mehr Kinder je 1.000 sterben. Ihr seht, dass alle Blasen stetig nach links wandern. Zum besseren Verständnis: jede Blase stellt ein Land dar. Die Größe zeigt die Bevölkerungsgröße, die Farbe zeigt die Zugehörigkeit zu den Kontinenten, entnommen von der website gapminder.org:

Und auch zum „Wissen“, dass es in vielen Ländern der Welt immer noch sehr viele Kinder pro Familien gibt (kulturell bedingt), gibt es Grafiken. Auch das stimmt nicht ganz, wie die Daten zeigen. In den meisten Ländern werden von jeder Frau rund zwei Kinder geboren. Die Kinderzahl hängt stark mit dem Einkommen zusammen:

Ihr könnt selbst ein bisschen herumspielen und euch die Zusammenhänge anzeigen lassen. Die Daten starten mit dem Jahr 1800 und enden 2019. Hier ist der Link zu den Gapminder Tools.

Weg von der Definition der “Entwicklungsländer” oder “des Westens”

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus dem Buch ist, dass wir uns zu oft auf sogenannte kulturell bedingte Gewohnheiten berufen, die sich nicht ändern lassen, da eben Kultur und so. Aber der Autor, er stammt aus Schweden, blickt zurück in die Zeit seiner Großeltern und resümiert, die schwedische Kultur hat sich stark verändert in den letzten hundert Jahren. Wieso sollte sie in anderen Ländern unveränderbar sein? Egal ob es um Geschlechterrollen geht, Anzahl von Kindern, Lebensgewohnheiten oder vielem anderen.

Mir kam in den Sinn, was ich in der Uni schon gelernt habe: wir haben mehr mit den Menschen aus anderen Ländern gemeinsam, die in der gleichen Einkommensklasse leben wie wir, als mit Menschen aus unserem eigenen Land, die in vollkommen anderen Verhältnissen leben. Das scheinen auch die Untersuchungen zu ergeben. Es geht nicht um die Einteilung, zwischen westlicher Welt und dem Rest, zwischen globalem Süden und globalem Norden, es geht um unterschiedliche Einkommen, die auf allen Kontinenten in allen Ausprägungen zu finden sind. In unterschiedlicher Häufigkeit, aber sie sind überall da. Im Buch werden die Haushalte bzw. die Länder der Welt in vier Einkommenslevel aufgeteilt. Level 1 hat am wenigsten Geld (bis zu 2$ am Tag), Level 4 am meisten Geld (32$ und mehr pro Tag) zur Verfügung. Jeder Sprung in ein höheres Einkommenslevel, ist der Sprung in ein neues Leben. Und nun ratet mal, wo die meisten Menschen leben? Richtig, in der Mitte. In den mittleren Einkommensleveln. Nur eine Milliarde Menschen weltweit ist auf Level 1. Und nur eine lebt auf Level 4. Das ist übrigens unser Level. Es tut auch mal gut, daran erinnert zu werden, dass wir genauso die Ausnahme sind, wie der ärmste Teil der Menschen. Die Normalität für die meisten Menschen auf der Welt, liegt in einer Realität zwischen der unseren und der, die uns über Nachrichten von Hungersnöten und Naturkatastrophen vermittelt wird.

Hier nur kurz der Link zur Quelle und ein Screenshot von der Seite mit der Erklärung und der Einteilung der vier Level. 

Ich will hier nicht zuviel verraten, sonst ist das Buch bzw. die Internetseite gar nicht mehr spannend für euch. Nur soviel sei hierzu noch gesagt: Der Autor, sowie das Team von ihm, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter haben tausende Fotos weltweit gesammelt, von Familien aus unterschiedlichen Einkommensklassen, die Alltagsgegenstände wie Zahnbürsten, Schuhe, Töpfe, Toiletten usw. zeigen. Diese Fotos findet ihr alle auf der Dollarstreet. Auf der Dollarstreet wohnen ganz links die Menschen mit den wenigsten Dollar und ganz rechts, die mit den meisten Dollars. Die meisten leben irgendwo dazwischen. Da könnt ihr auch mal durchklicken. Einfach mal schauen, wie leben denn “reiche” Menschen und “arme” Menschen im gleichen Land. Dann sieht man deutlich, dass sich das Leben von Menschen im gleichen Einkommenslevel sehr gleicht, egal wo auf der Welt sie leben.

Factfulness – eine faktenbasierte Weltsicht

Bei internationalen Konferenzen von Regierungen, Wirtschaftkonzernen, aber auch bei Vorlesungen an Univeristäten, stellte Hans Rosling wiederholt fest, dass das Wissen über die Welt – obwohl dank dem Internet fast überall verfügbar – nicht in den Köpfen der Menschen ist. Der Autor hat mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter einen Fragebogen entwickelt und diesen bei unterschiedlichen Anlässen genutzt, um das Wissen der Leute abzufragen. Die Kontrollgruppe ist eine Gruppe von Schimpansen, die einfach raten und leider so gut wie immer besser abgeschnitten haben, als die Elite von Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Es geht dem Autorenteam mit ihrem Buch darum, Fakten bereit zustellen, auf deren Basis gute Entscheidungen für die Zukunft des Planeten und der Menschheit getroffen werden können und sie wollen uns dazu bringen, unser Wissen über die Welt zu überprüfen mit einfachen Fragen. Der Fragebogen ist deshalb online verfügbar.

Es ist wirklich spannend und ziehmlich überraschend, wie oft man falsch liegt. Probiert es selbst aus und erfahrt, wie viele Kinder weltweit mindestens eine Impfung haben; wie groß der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen ist, wenn man die Jahre betrachtet, die sie die Schule besuchen; prüft, ob ihr wisst, wie sich die Weltbevölkerung entwickeln wird. Ihr werde sehen: die Welt ist besser, als ihr denkt 😉  

Ihr könnt euer Wissen mit dem Gapminder Wordview Upgrader testen. Viel Spaß dabei!

Und was ist mit Level 1?

Nachdem ich schon über den aktuellen Welternährungsbericht und den Klimareport berichtet habe, dachte ich, es wäre einmal Zeit euch mitzuteilen, dass viele Anstrengungen, die die Weltgemeinschaft in den letzten Jahrzehnten unternommen hat, tatsächlich Früchte tragen. Es lohnt sich also, sich für eine bessere Gesundheitsversorgung, für Schulbildung von Mädchen, für internationale Katastrophenhilfe einzusetzen und diese hervorragenden Dinge zu unterstützen. Wie im Video oben angeklungen, ist die Hoffnung oder das Ziel, dass in den nächsten Jahren/ Jahrzehnten, die gesamte Weltbevölkerung Level 1 verlässt. Zugang zu Strom, geringere Kindersterblichkeit (= bessere Gesundheitsversorgung) und bessere Bildungsmöglichkeiten werden dann ganz viel weiteres ins Rollen bringen.

Heute gar keine Infos zu meinem Leben in Sierra Leone?

Heute war es mal ein “Mitmach-Beitrag” mit vielen Links zum Klicken für euch und nicht so viel Sierra Leone Bezug? Denkt ihr. Natürlich rattert meine Maschine im Kopf die ganze Zeit. Auf welchem Level ist wohl Sierra Leone? Würde ich nur Freetown kennen, würde ich sagen, viele sind auf Level 2. Nach meiner Woche in den Dörfern im Süden, bin ich allerdings wieder anderer Meinung. Gut, in den meisten Dörfern hatten alle Kinder Schuhe an und in einigen Dörfern hatten die Kinder auch Kleidung an, die ihnen passte und die nicht kaputt oder schmutzig war. Aber in anderen… Dann war da das Problem mit den nicht vorhandenen Lehrkräften, kein Strom, Wasser nur aus dem Brunnen, kaum Geld und vieles mehr.  Laut Gapminder ist Sierra Leone auf Level 1. Ich sehe hier aber viele Ansätze für Level 2!

Jetzt könnt ihr aber erst einmal euer Wissen über die Welt erweitern, während ich mir weiter Gedanken mache und euch dann bald über meine Tage auf der Roadshow in den Dörfern der forest edged communities berichte.

100 Tage Salone

Heute vor 100 Tagen bin ich in Salone gelandet. Es fühlt sich einerseits schon viel länger an, da ich schon so viel gelernt und erlebt habe, und zugleich sind es erst drei Monate. 

Meine wichtigste Erkenntnis der letzten Tage: ich stresse mich selbst zu sehr und sollte einfach mal einen Gang runterschalten. Und wie sooft hilft mir das Schicksal, eine höhere Macht oder der Zufall dabei. 

Back to Kenema – Roadshow durch die communities

Ich schreibe euch wieder aus Kenema. Am Freitagvormittag hat meine Kollegin gefragt, ob es okay sei, wenn sie nächste Woche nicht im Büro wäre, weil die Kolleginnen und Kollegen aus Kenema angefragt haben, ob sie die ganze Woche mit ihnen auf Roadshow in die communities in Kenema in den Kambui Hills kommen kann. Erst war ich nicht so begeistert. Mariama war die letzten vier Wochen nicht im Büro, weil sie krank war. Sie ist mein Counterpart, das heißt, eigentlich soll ich eng mit ihr zusammenarbeiten. Ich hatte das Gefühl, ich komme überhaupt nicht mit meinen Projekten und selbstgesetzten Zielen voran, da ich alleine gearbeitet habe und eigentlich ihre Unterstützung gebraucht hätte bzw. sie Teil meiner Aufgaben ist. Und dann habe ich gemerkt, dass ich einen vollkommen falschen Ansatz verfolge. Ich bin erst drei Monate hier. Eigentlich sollte ich noch in der Phase des Beobachtens sein, des Lernens, und des Ankommens. Es geht am Anfang noch nicht wirklich um Output. Ich soll meine Kolleginnen und Kollegen unterstützen, nicht selbst alles umsetzen. Also habe ich mich spontan entschieden mitzukommen. Ein paar Tage in den grünen Hügeln würden mir bestimmt gut tun. Und so ist es auch. Gestern sind wir angekommen. Jetzt sind die anderen gerade am Markt, um noch ein paar Sachen einzukaufen und dann geht es später los zur ersten community.

Was es mit der Roadshow auf sich hat, werde ich auch erst erfahren, wenn wir dort sind. Wir werden in den nächsten sechs Tagen sechs communities besuchen und sie über Landnutzung und nachhaltiges Forestmanagement aufklären. Teilweise werden wir dort übernachten, teilweise abends zurück nach Kenema kommen. 

Perfekt für mich gerade – einfach mal die Zügeln aus der Hand geben und frei nach dem Motto “follow the flow” einfach mitmachen, ohne selbst zu planen. 

Warum ich trotz Strandnähe urlaubsreif bin

Was habe ich nun schon alles gelernt in meinen ersten 100 Tagen hier? Die meisten Leute zuhause, denen ich neidisch auf ihre Urlaubsfotos anworte, dass ich auch dringend Urlaub brauche, antworten meist mit: du bist doch direkt am Strand… Ja, das schon, aber es ist jeden Tag so anstrengend hier, weil alles anders ist und vieles umständlicher als in Deutschland. 

Jede Kleinigkeit hier ist zugleich eine Neuigkeit für mich, die ich aufnehmen und abspeichern muss. Das sind nicht unbedingt schwierig Sachen. 

Autokennzeichen, Stromrechnung und Küchenzeug

Zum Beispiel die Kennzeichen:

  • weißer Hintergrund mit schwarzer Schrift = privates Fahrzeug
  • weißer Hintergrund mit roter Schrift = commercial (Taxis, Busse, LKWs…)
  • weißer Hintergrund mit blauer Schrift = nationale NGO
  • blauer Hintergrund mit weißer Schrift = internationale NGO
  • weißer Hintergrund, grüne Schrift = Regierungsfahrzeug

Der Strom wird hier nicht pauschal monatlich bezahlt und dann einmal im Jahr abgerechnet. Es gibt ein Prepaid-System. Ich habe einen “Meter” vor meiner Wohnung, der abwechselnd vier Zahlen anzeigt. Ich wusste erst gar nicht, welche davon mein aktueller Stand ist. Wenn man Stromguthaben aufladen möchte, muss man ins Büro der Stromgesellschaft, bezahlt den Betrag der eigenen Wahl und bekommt dann einen Beleg mit einem Code, den man dann zuhause eingeben muss. Meist muss man bei der Stromgesellschaft eine zeitlang anstehen. Frisst also wieder etwas Zeit. 

Für meine Wohnung wollte ich noch ein paar Sachen für die Küche kaufen. Und jetzt rede ich noch gar nicht vom Herd. Es geht erst einmal um Besteck, Teller und Töpfe. Es gibt hier keine Ikea, in die man einmal hinfährt und dann alles einkauft. Also ging es von Stand zu Stand in Lumley auf der Suche nach Tellern und Besteck, die meinen Ansprüchen genügen. Es ist nicht so einfach Besteck zu finden, das nicht aus Alu ist und sich bei der ersten Benutzung verbiegt. Teller habe ich bis jetzt noch nicht in der Anzahl, wie ich sie gerne hätte, weil ich einfach noch keine gefunden habe, die gut ausschauen (also nicht zerkratzt sind und auch vom Stil her okay) und nicht 6€ das Stück kosten.

Natürlich habe ich auch in der Arbeit schon unglaublich viel gelernt. Über die Inhalte, über die Schwierigkeiten für Conservation und Biodiveristätsarbeit hier, über die Arbeitsweise in Sierra Leone. Das muss alles irgendwie und irgendwo verarbeitet werden.

Arbeit mit Hindernissen

Auch in der Arbeit erscheinen die einfachsten Sachen, die schwierigsten zu sein. Seit gefühlt zwei Monaten versuche ich, dass alle Kolleginnen und Kollegen die offizielle CSSL – Emailadresse verwenden. Heute habe ich versucht, meine Zeit hier in Kenema zu nutzen, um mit jedem und jeder einzeln das erste Login durchzuführen. Aber dann war das Internet wieder weg… Eigentlich wollte ich auch unsere neuen Templates für Briefe, Listen usw. zeigen, damit alle künftig die neuen Designs verwenden, aber ich glaube mittlerweile, dass wir dafür heute keine Zeit mehr haben werden. Ich bin ganz offensichtlich noch viel zu ambitioniert.

Dankbar und angekommen

Das hört sich jetzt alles wenig erbaulich an. Aber das liegt wohl daran, dass ich in den letzten Tagen etwas gestresst war. Wenn ich es mit etwas Abstand betrachtet, sehe ich, dass ich dafür, dass ich erst 100 Tage hier bin, erstens schon sehr viel erreicht habe und zweitens eigentlich noch gar nichts hätte erreichen müssen.

Aber: ich finde ich cruise schon sehr selbstsicher durch die City, habe schon einen Schreiner, einen Schneider und eine Küchenzeug-Verkäuferin meines Vertrauens, mindestens einen Freund und eine Freundin und humorvolle Kollegen.

Ich habe in den letzten 100 Tagen so viel Positives erlebt und bin sehr, sehr dankbar dafür. Ich treffe jeden Tag so viele Menschen, die mir mit unglaublicher Freundlichkeit begegnen. Ich habe meine Wohnung, die wirklich meine Wohnung ist. Wenn ich dieses Mal nach Freetown zurückkomme, komme ich nach hause zurück. Das ist ein sehr gutes Gefühl. Und ich freue mich jetzt schon darauf, wenn ich von meiner ersten Reise nach Deutschland zurückkomme und beim Warten auf die Fähre ein Star-Bier kaufen werde und froh bin, wieder hier zu sein.

Wenn ich in Freetown unterwegs bin oder auch gestern auf der Fahrt nach Kenema – ich sehe die Welt um mich herum nicht mehr als “spannend” oder “anders” an. Es ist wie es ist. Normale Normalität. Ich denke, mein Blick auf die Menschen hier und ihre Lebensumstände haben sich in den letzten Monaten schon stark verändert. Ich weiß, dass ich von ein paar Leuten vermisst werde, wenn ich eine Woche nicht in Freetown bin. All das ist schon einiges für nur wenige Wochen in einem neuen Land.

Nach 100 Tagen heißt es für mich also: Geduld lernen, treiben lassen und einfach da sein. Wie sich mein Blick auf die Welt um mich herum geändert hat, das kommt dann in dem Artikel, den ich letztes Mal schon angekündigt habe. Den Artikel mit den guten Nachrichten.

Das „Seegrasproblem“ und der Weltklimabericht

Ich glaube, ich brauche gerade kaum jemandem in Deutschland oder Südeuropa ein Lied von den Folgen des Klimawandels singen. Starkregen, Überflutungen, unbeherrschbare Brände, Wetterextreme in sämtlichen Ausprägungen… All das sind laut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die den aktuellen Weltklimabericht verfasst haben, die Folgen des menschengemachten Klimawandels.

Nicht nur in Deutschland, auch hier in Sierra Leone sind die Folgen des Klimawandels zu spüren. Der Regen in dieser Regenzeit lässt auf sich warten. Wir hatten ein schönes sonniges Wochenende und das im Monat August, in dem es eigentlich stundenweise wie aus Eimern schütten sollte. Aber leider wird einem selbst der sonnige Sonntagnachmittag am Strand vermiest, da alle Strände voller Seegras sind. 

Das Bild stammt vom Lakka Beach. Am Lumley Beach in der Stadt ist teilweise der ganze Strand mit Seegras bedeckt, teilweise einen Meter hoch.

Seegras statt Sandkorn

Vor drei Wochen beim Sonntagsjoggen entlang des Lumley Beaches war ich überrascht, bestürzt, irritiert. Ich kann gar nicht mehr so genau sagen, was da in mir vor sich ging. Der ganze Strand war voller Seegras. Wortwörtlich war der Strand vor lauter grün-braunem Zeug nicht mehr zu sehen. Naja, dachte ich mir. Ist halt Regenzeit und in der Regenzeit wird mehr Seegras angeschwemmt. Das hat bestimmt irgendwas mit den globalen Wasserströmungen zu tun, die sich ja im Laufe des Jahres ein bisschen verändern. 

“It only started some years ago that it is like this”, erklärte mir dann aber Asan. Früher gab es auch in der Regenzeit keine von Seegras überschwemmten Strände. Da ich allgemein bekannt bin als conservation- und environmentexpert, wurde ich von meinen Mitläufern gefragt, weshalb in der Regenzeit seit einigen Jahren immer so viel Seegras angeschwemmt werde.

Um keine Antwort verlegen, habe ich natürlich sofort in den “Kompetenz-vortäuschen-Modus” geschalten und ein paar Überlegungen angestellt. Zum Beispiel, habe ich laut vor mich hinphilosophiert, könnte es etwas mit der Überfischung der Meere zu tun haben. Vielleicht gibt es nicht mehr genug Fische, die das Seegras fressen. Oder vielleicht hat es auch mit der steigenden Temperatur des Meerwassers zu tun. Ich weiß ja, dass zum Beispiel Korallen schon auf 0,5° Temperaturunterschiede reagieren und teilweise schon bei 1° erhöhter Temperatur unwiederbringlich absterben.  Wieso sollte nicht auch das Seegras empflindlich auf Temperatur reagieren? Leider mehr Fragen als Antworten in meinem Kopf zu diesem Thema. Deshalb habe ich zuhause umgehend meine Recherchemaschine angeworfen und mich etwas schlau gemacht.

Temperaturanstieg und Düngemittel verschmutzen unsere Strände

Es war sehr interessant und zugleich sehr traurig, was das Internet mir zu meiner Nachfrage verraten hat. Das “Seegrasproblem” besteht nicht nur an unseren schönen Stränden in Salone und wahrscheinlich an den anderen Küsten Westafrikas, sondern auch an der Ostküste Brasiliens und der USA. Wie so oft kommen mehrere Faktoren zusammen und den Schaden haben am Ende nicht unbedingt die, die für die Ursachen verantwortlich sind. 

Ich muss zugeben, dass ich hauptsächlich Informationen zum Seegrasaufkommen in den Amerikas gefunden habe, aber ich denke, die Ursachen lassen sich auf Westafrika übertragen. 

Ein Grund, weshalb es in den letzten Jahren zur Seegras-Expansion gekommen ist, ist tatsächlich die erhöhte Meerestemperatur. (Diese Annahme von mir war also richtig!) Schon eine leichte Erhöhung der Temperatur sorgt dafür, dass das Seegras schneller und besser wachsen kann und sich mehr ausbreitet.

Für alle, die am menschengemachten Klimawandel zweifeln und die nicht sicher sind, ob die erhöhte Temperatur tatsächlich unsere Schuld ist, sei hier nun noch ein weiterer Grund für das viele Seegras an den Stränden aufgeführt, der sehr klar menschengemacht ist: Durch die fortschreitende Abholzung der Wälder – in Südamerika namentlich des Amazonas – und die damit verbundene Umwandlung von Waldgebieten in Ackerland wird das Wachstum multipliziert. Wie das geschieht? Ganz einfach: Auf dem Ackerland werden Düngemittel eingesetzt, diese gelangen über Bäche und Flüsse ins Meer und werden mit den globalen Meeresströmungen verteilt. So gelangen Düngemittel in die Weltmeere. Offensichtlich machen diese Dünger ihren Job sehr gut. Das Seegras springt auf jeden Fall darauf an. Wir düngen also das Seegras im Meer und die Ergebnisse werden uns dann an die Strände geschwemmt. 

Warum ist zuviel Seegras schlecht?

Seegras ist wichtig und gut für den Lebenskreislauf in den Weltmeeren. Allerdings kann zuviel Seegras zum Kollaps von Ökosystemen führen. Schildkröten finden am Strand keinen Sand mehr, wo sie ihre Eier ablegen können; falls sie es dennoch schaffen, erschwert es das Seegras den Babyschildkröten, den Weg ins Meer zu schaffen; Seegras entzieht dem Wasser zu viel Sauerstoff, so dass Fische und andere Wasserlebewesen nicht überleben können; totes Seegras sinkt zum Boden und bedeckt wertvolle Korallen und so weiter und so fort. Meine Infos hierzu habe ich von ein paar Internetartikeln, hauptsächlich von der Seite phys.org (Falls jemand diese Seite kennt und weiß, dass es keine gute Quelle ist, bitte gerne Bescheid geben.).

Wie gesagt, die meisten Quellen konzentrieren sich auf die Amerikas und nicht auf die westafrikanische Küste. Schaut man sich aber die Meeresströmungen an, sieht man, dass es hier durchaus Zusammenhänge geben kann und es sogar sein kann, dass der Dünger aus dem Amazonas durch die Meeresströmungen bis zu uns kommt. Das ist aber wieder nur eine meiner Annahmen. Das müsste mal noch jemand wissenschaftlich verifizieren.

Das Bild ist von Wikipedia entnommen. Ich denke, mit dem Equatorial Counter, könnten sogar Düngemittel aus Lateinamerika nach Westafrika gelangen. Aber vielleicht stelle ich mir das auch alles zu einfach vor. Vll kennt sich jemand damit aus und kann dazu mehr Infos geben. Ich bin gespannt…

Ihr seht schon. Ich komme irgendwie immer wieder an den Punkt, an dem alles mit allem zusammenhängt. Egal ob das nun der norwegische Lachs ist, das Winterquartier der Störche oder eben das Seegras an den Stränden. Unser Klima ist ein weltweites Klima. Und zugleich betrifft es uns alle in unserem Alltag, egal wo auf der Erde wir leben. Für mich ist es der Beweis, dass ich hier nicht im luftleeren Raum arbeite, sondern conservation und Umweltschutz wirklich Themen sind, die wir weltweit gemeinsam angehen müssen.

Weltklimabericht: 2° Ziel wird immer unwahrscheinlicher

Und welch glücklicher Zufall, dass ausgerechnet heute der sechste umfassende Bericht des Weltklimarates veröffentlicht wurde. Die Daten aus dem Bericht belegen, was wir gerade weltweit erleben: Brände, Starkregen, Hitzewellen, schmelzende Eisschilde und Folgen der steigenden Meerestemperatur sind alles Folgen des menschengemachten Klimawandels. Und somit unterstützt der Weltklimabericht auch meine Annahmen zum Seegras an Salones Stränden. Die Zukunftsaussichten des Berichtes sehen leider nicht soooo positiv aus.

Kurz zusammengefasst: Das Ziel von 1,5° erhöhte Temperatur im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter ist so gut wie unerreichbar geworden. Dieses Ziel wäre wichtig gewesen, um Ökosysteme und das Weltklima so zu erhalten, wie wir es kennen. Die Working Group hat fünf Szenarien ausgearbeitet, die die klimatischen Folgen für fünf verschiedene Temperaturanstiege zeigen. Extreme Wetterlagen, wie wir sie gerade erleben, werden uns bleiben, unabhängig vom Anstieg. Diese Entwicklung ist jetzt schon irreversibel. Stoppen oder verlangsamen können wir die aktuelle Entwicklung nur, wenn sehr, sehr schnell die Staaten weltweit gemeinsam ihr Vorgehen anpassen. Vielleicht schaffen wir es doch endlich – gemeinsam als Menschheit – den rasanten weiteren Anstieg abzubremsen und zu stoppen. Es geht hier nicht nur um ein bisschen weniger Regen hier und ein bisschen höhere Temperaturen dort, es geht darum ganze Ökosysteme zu erhalten und mit ihnen Tier- und Pflanzenwelt oder sie aufzugeben bzw. in den sicheren Untergang zu schicken. Und mit diesen Ökosystemen verschwinden auch Teile unserer Lebensgrundlage.

Wer zu faul ist, den ganzen Bericht zu lesen (was wahrscheinlich kaum jemand wirklich macht bei 1.300 Seiten Wissenschafts-blabla), kann sich einfach mal die regionalen Factsheets anschauen. Man muss auch kein Englisch verstehen, um die Grafiken auf der ersten Seite zu verstehen. Hier ist der direkte Link zu Europa: IPCC Regional Factsheet – Europa. Unten auf der ersten Seite sind die Entwicklungen von Temperaturen (temperature) und Niederschlag (percipitation) dargestellt. Direkt darüber die Hauptergebnisse.

Natürlich gibt es alle wichtigen Infos auch auf sämtlichen Nachrichten- und Medienseiten schön verständlich auf deutsch zusammengefasst. Da kann ja jede und jeder mal den Nachrichtenkanal der eigenen Wahl befragen.

Es gibt auf der Seite des IPCC auch einen interaktiven Atlas. Ich finde, der ist nicht ganz selbsterklärend, aber wer sich ein bißchen mit Daten auskennt bzw. Lust auf Daten hat und gerne herumklickt, kommt eigentlich auch damit gut zurecht: Interaktiver Klimaatlas

Die wichtigste Botschaft der Workinggroup – zusammengefasst von mir: 

It is late – but not too late. We have to start some action now!

Ich habe mir heute morgen, bevor ich in die Arbeit gefahren bin, den Livestream der Präsentation der Ergebnisse ein bisschen angeschaut. Ich habe großen Respekt vor Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die es tatsächlich schaffen, diese hochkomplexen Daten so aufzubereiten, dass ich in der Lage bin, ihren Ausführungen zu folgen, während ich noch meinen ersten Kaffee des Tages trinke. Was ich besonders eindrücklich fand, war die eine Präsentatorin, die wiederholt unser aller Pflicht als Bürgerinnen und Bürger angesprochen hat. Es ist nicht nur “die Politik”, “die Wirtschaft” oder „die Industrie“, die verantwortlich sind, dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. Es ist jede und jeder einzelne von uns.

Deshalb rate ich auch denjenigen, die sich eigentlich keine Infos auf irgendwelchen weiterführenden Links anschauen wollen, klickt wenigstens kurz das Factsheet Europa an und schaut euch an, wie sich die Temperaturen verändern werden. Ich bin mir sicher, ihr werdet ins Schwitzen kommen!

Und wer jetzt genervt ist, von zu viel Klimadrama, denen kann ich schon mal sagen, sorry, das ist leider unsere Realität und: bald kommen ein paar motivierende und positiv stimmende News. Sie sind schon in der Pipeline.

Bye bye Pangolin

Nach über zwei Monaten war es am Samstag soweit: es hieß wieder einmal Sachen packen und Abschied nehmen. Meine Zeit im Guesthouse Pangolin war zu Ende und ich bin in meine eigene Wohnung umgezogen. Ich war richtig traurig, das Pangolin zu verlassen, weil ich dort mittlerweile Freundschaften geschlossen hatte. Immer war jemand da, wir haben gemeinsam gekocht, gegessen und haben die Abende gemeinsam auf der Veranda verbracht. Was werde ich alles vermissen? Es sind viele kleine Augenblicke. Leider habe ich gar keine Fotos von James Lächeln, wenn er um die Ecke kommt oder halb verschlafen aus seinem „Häuschen“ kommt, um das Tor aufzumachen; das morgendliche Good morning von Kadi; das viel zu schnelle Krio von Jack; die Movie nights und das gemeinsame Kochen mit Abdul oder gute Fotos von unseren Abenden auf der Veranda mit Abdul und Betty.

Auch im Guesthouse habe ich meinen Auftrag ernst genommen: Wissensaustausch auf allen Ebenen. Ich habe Abdul nicht nur beigebracht, Flaschen mit dem Feuerzeug zu öffnen, nein, ich habe ihnen die Welt der Spezi gezeigt. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen, weshalb es nur in Deutschland Spezi gibt. Diese unglaubliche Geschmacksexplosion, wenn man Cola mit Orangenlimo mischt, kommt immer gut an und sollte weltweit bekannt sein.

Und so sah das dann aus, wenn ich im Homeoffice war und wir gemeinsam Mittaggegesssen haben.

Und dann war ja noch die Hochzeit bei den Nachbarn… Das hätte ich ja fast vergessen. Vor knapp zwei Wochen hieß es am Samstagabend als ich heimkam, das die Tochter der Nachbarin am nächsten Tag heiraten würde und wir eingeladen sind. Das ist die Nachbarin, bei der ich immer mein Brot und meine Eier kaufe im Compound gegenüber. Der Compound ist auf den Fotos oben zu sehen. Am Samstagaben war „Junggesellinnenabschied“. Also einfach sehr laute Musik, aber eigentlich keine Leute da. Am Sonntag ging es dann vormittags weiter mit lauter Musik, so dass wir ganz froh waren, als es um vier Uhr nachmittags losging und wir rüber gehen konnten. Die Feier war bei anderen Nachbarn, die ein größeres Haus haben. Alles war schön mit Plastikblumen und Glitzertüchern dekoriert. Das für mich seltsame an dieser Hochzeit: Der Bräutigam ist gerade in Gambia. Er ist für die Hochzeit gar nicht hergekommen, es waren „nur“ Stellvertreter aus seiner Familie da für die Trauung. Letzte Woche ist dann auch die Braut nach Gambia gereist. Ich schätze mal, sie kann nicht zu ihrem Mann nach Gambia reisen, ohne verheiratet zu sein. Deshalb diese Hochzeit in Abwesenheit. Anscheinend ist das kein Problem. Dank Whatsapp kann man auch ganz einfach Videohochzeiten machen…

Nach dem Essen wurden dann einzeln die verschiedenen Gästegruppen nach vorne gebeten, um mit der Braut zu tanzen. Erst die Familie, dann die Leute aus dem office und irgendwann natürlich auch Venessa (sie wohnt gerade auch im Pangolin) und ich. Der Tanz mit der Braut. Hier habt ihr mal was zum Lachen. Das Video ist leider von schlechter Qualität. Aber das wichtigste ist eh die Tonspur. Betty hat sich vor Lachen kaum mehr eingekriegt…

Das Gute bei dem Abschied vom Pangolin war, dass ich ja in der gleichen Stadt bleibe und wir uns weiterhin easy treffen können. Abdul und Betty haben mir beim Umzug geholfen. Am Freitag sind wir schon einmal in meine neue Wohnung (die zuvor Jonas Wohnung war) und haben die Küche sauber gemacht, den Herd eingeweiht und angefangen die Möbel umzustellen. Am Samstag war dann der „große“ Umzug. Komischerweise hatte ich zusätzlich zu meinen Rucksäcken und Koffern auf einmal noch einen ganzen Schwung Tüten und Beutel mit Zeug. Dabei habe ich doch gar nichts gekauft hier???

Meine neue Wohnung ist mir etwas unangenehm groß. Aber: endlich habe ich genug Platz für große Partys! Hier wird es kein Gedränge geben, wie in meiner Nürnberger Wohnung und auch Balkone gibt es ausreichend für alle, die die Party lieber auf den Balkon verlagern. Noch bin ich mit der Einrichtung nicht ganz fertig. Ich will mir noch einen Herd mit Ofen kaufen, für die Küche noch ein Sideboard und auch noch ein Regal oder Sideboard für das „dritte Zimmer“, damit ich etwas Stauraum habe. Außerdem fände ich es super, wenn ich auf einem Balkon auch einen Tischchen hätte, damit ich dort essen und arbeiten kann. Ihr merkt schon: auf „dem einen“ Balkon – ja, ich habe insgesamt drei Balkone. Kann ich leider auch nicht ändern. Der Plan ist: erst einmal ein paar Tage hier wohnen und dann schaue ich, was ich noch alles bestelle oder versuche zu kaufen.

Zurück zum Umzugstag. Nachdem Abdul und ich die Betten ein bisschen sinnfrei ab- und wieder aufgebaut hatten, ging es dann noch auf den Markt. Ich brauchte und brauche immernoch ein paar Küchenutensilien, Handtücher, Bettlacken und ähnliches. Was man eben so braucht.

Jonas hat mir zum Glück einiges dagelassen. So dass ich zumindest schon mal eine Grundausstattung hatte. Nur Geschirr und Besteck musste ich noch besorgen. Wenn ich gewusst hätte, wie schwierig es hier ist, gutes Geschirr und Besteck zu bekommen, dann hätte ich einfach mehr aus Deutschland mitgebracht. Außer meine Küchenmesser, meinen Rührbesen, meinen Gemüseschäler, meinen Stabmixer und meine Espressokannen hatte ich nichts eingepackt… Und jetzt kommt das Schlimmste: meine Espressokannen passen nicht auf den Gaskocher von Jonas! Es muss also ganz schnell ein anderer Herd her.

Jonas hatte einen eher kleinen Tisch (sorry Jonas…). Deshalb hatte ich schon vor ein paar Wochen beim Schreiner einen Tisch, zwei Bänke und vier Stühle bestellt. Gestern kam dann die Nachricht, dass alles fertig ist. Ein perfekter Start in die Woche! Ich bin also abends nach der Arbeit noch zwei Fuhren gefahren, da nicht alles auf einmal in mein Auto gepasst hat. Jetzt sitze ich hier auf einem meiner neuen Stühle an meinem neuen Tisch und blicke durch die offene Wohnungstüre aufs Wasser. Meine Wohnung ist im vierten Stock, so dass ich nach vorne wunderschöne Aussicht aufs Meer habe (also eher auf den sehr breiten Zulauf ins Meer). Dank Jonas grünem Daumen ist der Balkon sehr grün und ich habe ihn nur mit meiner Lichterkette und noch etwas aufgepimpt. Ein paar Eindrücke von meiner Wohnung gibt es schon mal, wie gesagt, ein paar Veränderungen kommen in den nächsten Wochen noch. Was ich besonders schätze, sind meine sehr dezenten Küchenfliesen. 🙂

Bevor ich nun kurz mal auf meinen Balkon hinaustrete, löse ich noch die große Frage vom letzten Mal. Habe ich denn nun auch mein letztes „Juli-Ziel“ erreicht und den Krio-Lehrer angerufen? Ja, habe ich. In einer halben Stunde ist meine erste Kriostunde.

Klettern, Autofahren und Krio lessons

Der Juli neigt sich dem Ende zu und es ist Zeit für mich, zu schauen, ob ich meine selbst gesetzten Ziele für den Monat erreicht habe oder nochmal richtig powern muss bis zum Wochenende. 

Endlich mal den Hintern hoch bekommen

Ende Juni oder Anfang Juli – ich kann es gar nicht mehr so genau benennen, da die Zeit nach wie vor so schlecht greifbar für mich ist – auf jeden Fall vor ein paar Wochen, hatte ich mein erstes seelisches Tief erreicht, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nicht vorwärts komme. Ich kenne mich ja und weiß, dass das an meiner großen Aufschiebe-Kompetenz liegt. Deshalb habe ich mir für den Juli einige Ziele gesetzt und rückblickend muss ich sagen: Well, done Kathrin!

Ziel #1: regelmäßige Sportaktivitäten starten

Ihr könnt es wahrscheinlich schon nicht mehr hören, aber es gibt hier donnerstags eine Laufgruppe am Strand und leider ebenfalls am Donnerstag open boulder night (offene Kletterrunde in der Boulderhalle). Da ich mich wochenlang nicht entscheiden konnte, ob ich lieber zum Joggen oder lieber zum Bouldern gehe, hatte ich es lange nicht geschafft, eines der beiden Angebote wahrzunehmen. Dann erleichtern es mir natürlich der Regen, die Müdigkeit, der anstrengende Weg und noch vieles mehr, immer wieder eine Ausrede zu finden. Aber jetzt war Schluß damit! Letzte Woche war es endlich so weit. Ich war tatsächlich bouldern. Es hat mega gut getan, endlich wieder an der Wand zu sein. Ich hatte mich mit Sarah verabredet und auch Abdul aus dem Guesthouse war dabei. Abdul war das erste Mal klettern. Er fand es richtig gut und kommt jetzt hoffentlich immer mit. Die Klettergemeinschaft ist gewohnt offen, so dass ich schnell mit verschiedenen Leuten im Gespräch war. 

Die Halle ist eher klein und es gibt sie erst seit zwei Jahren oder so. Der eine Freund von Sarah, Hugh, der auch seinen kleinen Hund dabei hatte, hat sie mit ein paar anderen Leuten aufgebaut und versucht sie irgendwie zum Laufen zu bringen. Aktuell wird sie von privaten Geldern finanziert und hauptsächlich durch Expats, die dort klettern. Wir hatten letzte Woche bei einem Bierchen auf Sarahs Balkon ein langes Gespräch, wie man mehr Saloner und Salonerinnen für den Klettersport begeistern könnte. Das Ziel ist es einerseits, dass die Halle sich selbst finanziert, was aktuell noch nicht der Fall ist. Zugleich wäre es natürlich super, wenn nicht nur Expats dort klettern, sondern wir auch als Botschafterinnen und Botschafter für den Klettersport Leute hier im Land für unseren Sport begeistern können.

 

Ihr seht schon, ich bin schon ins “wir” gewechselt. Ich habe mich entschieden, aktiv mitzuhelfen, Klettern bekannter zu machen und die Halle zu unterstützen. Wer von euch also Lust hat, uns zu unterstützen, kann sich gerne bei mir melden! Die Halle hat eine Facebook-Seite, es wurde ein kleines Video gedreht (in dem natürlich auch ich zusehen bin) und es wurde auch ein Radiospot in Krio aufgenommen. Ich persönlich finde das Logo und den Namen „Climb Salone“ ja schon einmal sehr gut!

Hinweis: Das Video und das Foto von dem Hund sind nicht von mir, sondern aus der Kletterrunde.

Das mit dem Klettern habe ich erst letzte Woche angefangen. Joggen gehe ich schon seit fünf Wochen mit meiner Crew aus dem Guesthouse am Lumley Strand entlang. Jeden Sonntagmorgen um 7 Uhr treffen wir uns unten am Gate. Am ersten Sonntag bin ich nur mit Abdul und Jack sowie Asan, einem Kumpel von Jack, losgelaufen. Wir gehen immer erst schön gemütlich zum Lumley Kreisverkehr (was ich ganz gut finde, weil ich Sonntagmorgen um 7 Uhr natürlich noch etwas schlaftrunken bin). Nach dem Kreisverkehr geht es dann los. Am ersten Sonntag war es noch trocken, da war unglaublich viel los. Der absolute Irrsinn. Man hat das Gefühl, dass alle männlichen Bewohner der westlichen Stadtteile am Sonntagmorgen zum Strand stürmen, um dort zu joggen. Viele rennen auch direkt. Sie halten nur an, um eben mal kurz ein paar Push-Ups, Kniebeugen oder sonst irgendetwas zu machen, dann wird weiter gerannt. Ich hingegen: schön in meinem gemütlichen Tempo. Unsere Strecke ist so 4-5 km lang. Am ersten Tag hat sich meine Crew ziemliche Sorgen um mich gemacht, da mein Kopf knallrot angelaufen ist und dem Explodieren nahe schien, während alle um mich herum ihre ganz normale Gesichtsfarbe behalten haben. Kein Anzeichen von Anstrengung – außer der Schweiß. Mittlerweile wissen sie, dass es ganz normal ist, dass ich wie eine Leuchtboje am Strand entlang laufe und seit zwei Wochen sogar diejenige bin, die darauf besteht, dass wir auch die halbe Strecke zurück joggen, bis zum Popcorn-Stand.

Aber nochmal kurz zurück zum Sportwahnsinn der Leute hier. Ich habe schon beim ersten Mal beschlossen, dass der Sonntagmorgen am Lumleybeach ein Must-do für jeden Besuch hier wird. Am Gehweg wird in alle Richtungen gerannt, gejoggt, gewalkt. Am Strand wird wie irre Fußball gespielt. Auf den Parkplätzen finden sich Gruppen von jeweils 20-30 Leuten ein, die gemeinsam Aerobic machen unter den Schreien von Drill-Instructors. Und wenn man das Etappenziel Family Kingdom Roundabout erreicht hat, fängt der ganze Spaß erst richtig an. Es ist ein ziemlich großer Roundabout (Kreisverkehr) dessen Insel ein outdoor- Fitness ist. Ähnlich wie in Nürnberg jetzt am Wöhrder See, aber um einiges größer, gibt es hier ich weiß nicht wie viele Geräte, mit denen alle Muskeln der Welt trainiert werden können. Es fühlt sich an, wie im Trainingscamp der Olympiamannschaft. Und ich leuchte schön mittendrin rot in alle Richtungen, bis mein Kopf nach einer Stunde dann endlich mal wieder seine normale Farbe annimmt.

Unsere Laufgruppe hat sich seit dem ersten Mal schon ziemlich vergrößert. Letzten Sonntag waren auch James, Venessa, Tamba und Betty mit dabei. Unser Ziel ist es beim Freetown Marathon im November mitzumachen. Allerdings in unterschiedlichen Distanzen. Nach dem Joggen geht es sehr gemütlich wieder zurück Richtung Guesthouse. Unterwegs gibt es immer Popcorn und so ist dann meist der Sonntagvormittag auch schon fast vorbei, wenn wir wieder zuhause sind.

Ziel #2: Autofahren

Ja, das mit dem Autofahren hier ist auch so ein Sache. Die einen sagen: Fahr doch einfach. Die anderen sagen: OMG! Du kannst hier niemals fahren. Ich habe von Anfang an gesagt, ich lasse mir Zeit und wenn mir danach ist, dann fange ich an zu fahren. 

Weshalb das so ein Ding ist hier? Erstens ist mein Auto ziemlich groß, hat einen riesigen Wendekreis, bei zugleich engen sehr bevölkerten Straßen mit für mich unberechenbaren Verkehrsteilnehmern. Aber da ja klar war, dass ich irgendwann fahren werde, dachte ich mir, es wird nicht besser, also einfach machen. Mein Ziel zum Autofahren ist nach wie vor, dass ich mich ab August traue, selbstständig zu fahren. Frohen Mutes habe ich dann auch vor zwei Wochen oder so am Montag direkt damit begonnen und bin morgens immer selbst in die Arbeit gefahren (mit meinem Fahrer an meiner Seite). Nach der Arbeit war ich oft so müde, dass ich lieber ihn habe fahren lassen. Dann letzte Woche war ja das Ding mit dem Klettern gehen abends. Ich habe noch überlegt, ob ich mit dem Keke fahren soll, aber dann dachte ich mir, das ist auch lächerlich, dass ich mich nicht traue, selbst zu fahren. Erst war ich ein bisschen nervös, aber dann hieß es, Pobacken zusammenkneifen und los geht das. War dann gar nicht so schlimm. Und ich war ja nicht alleine im Auto. Das schwierige bei Nachtfahrten ist, dass es quasi keine Straßenbeleuchtung gibt, einige Fahrzeuge ohne Licht fahren und man nicht immer sieht, ob da gerade ein Mensch versucht, über die Straße zu gehen. Umso stolzer war ich, dass ich letzten Donnerstag nicht nur mein Ziel endlich Klettern zu gehen erreicht hatte, sondern auch meine erste Nachtfahrt absolviert hatte und beim ersten Versuch und ohne hin-und-her-rangieren in unsere Einfahrt reingekommen bin. Dafür muss man einen etwas steilen Berg rückwärts hochfahren und in die Einfahrt treffen, wobei die Straße etwas eng ist und links und rechts Wasserkanäle entlang führen, in die die Reifen im besten Fall nicht abrutschen sollten.

Am Samstag ging es dann gleich weiter. Da bin ich zum ersten Mal ganz alleine gefahren und habe Jonas und Sarah abgeholt. Wir waren erst in der Stadt und dann noch am Strand. Unterwegs mussten wir durch eine unerwartet tiefe Stelle fahren. Das Wasser ging auf einmal bis zur Motorhaube. Zum Glück habe ich so ein tolles Auto! Auf dem Foto seht ihr mich mit Jonas Auto, das Foto wurde an meinem ersten Tag hier aufgenommen. Aber mein Auto ist quasi das gleiche, nur dass ich elektrische Fensterheber habe 😉 Und dann noch ein paar Eindrücke vom Verkehr hier.

Wird also langsam. Ich mache das alles ja auch nicht für mich, sondern für euch. Wenn die erste Besucherin kommt, will ich sicher hinterm Steuer sitzen 😉 

Ziel #3: Freundschaften knüpfen

Leute kennenlernen – das ist das schwierigste Vorhaben. Vor allem mit diesem Corona… Aber auch hier habe ich sehr gute Fortschritte gemacht. Dank Sarah muss ich an dieser Stelle sagen. Sarah ist eine Freundin von Jonas, die sich meiner angenommen hat und mich ein paar Leuten vorstellt. Sie hat zweimal Leute zu sich nach Hause eingeladen, damit ich ein bisschen Anschluss finde, da auch Sarah ab September nicht mehr in Freetown ist. Einige ihrer Freunde gehen auch Klettern, das heißt, da haben wir direkt ein gemeinsames Hobby. 

Und dann habe ich ja noch meine Guesthouse Crew. Ich bin jetzt schon ganz traurig, wenn ich daran denke, dass ich am Wochenende hier ausziehe. Wir sind wirklich wie eine kleine Familie hier. Hängen zusammen ab, teilen unsere Sorgen und Nöte, schauen zusammen Netflix und kochen zusammen. Jetzt wo ich angstfrei alleine Auto fahre, kann ich aber ja jederzeit herkommen und sie besuchen.

Ziel #4: Jahresplan für die Arbeit

Euch ist wahrscheinlich schon ganz schwindelig und ihr wundert euch, was ich so alles in nur einem Monat erreicht habe. Dabei habe ich noch gar nicht erzählt, dass ich schon meinen ersten Workshop in der Arbeit gehalten habe und gestern den ersten Schwung der neuen Corporate Design Linie für CSSL fertig gemacht habe. Wir haben neue Designs für Briefe, interne Protokolle, Visitenkarten, Email-Signatur, Powerpoint und Roll-Ups entwickelt. Zumindest den ersten Aufschlag. Ich habe das alles fertig gemacht und nun warte ich auf Feedback von meinem Team. Dann geht es an die Finalisierung und Einführung der neuen Designs.

Dafür kommen wir mit der Website nicht so wirklich voran, weil meine Kollegin schon seit vier Wochen krank ist. Sie kam nur letzte Woche für den Workshop in die Arbeit. Aber: ich habe meinen Jahresplan fertig gemacht und mein Budget bis Ende 2021. Natürlich kommt es ständig zu Anpassungen. Flexibilität in der Planung ist alles 😉 Ich habe aber zumindest für mich und mein kleines Team eine Idee, was wir dieses Jahr noch erreichen wollen. Jetzt bin ich gespannt, ob das auch alles klappt.

Ziel #5: Krio Unterricht

Das wohl am einfachsten zu erreichende Ziel habe ich mir noch aufgehoben. Ich habe schon seit Wochen die Telefonnummer eines guten Krio-Lehrers, ich muss ihn einfach nur anrufen. Aber irgendwas war immer. Bisher ist dieses Ziel also noch nicht erreicht. Aber der Juli ist ja noch nicht vorbei. Es bleibt also noch etwas spannend: schafft sie oder schafft sie es nicht, alle fünf Ziele zu erreichen? Vielleicht scheitere ich noch knapp vor der Zielgeraden oder ich greife gleich, wenn dieser Artikel online gegangen ist, zum Telefon und rufe den Lehrer an? Noch steht die Antwort auf diese Fragen in den Sternen. Aber bald schon werde zumindest ich die Antwort darauf kennen.

Eigentlich gäbe es gerade noch einiges mehr zu berichten. Aber ich will euch nicht überstrapazieren. Ich hoffe, ich schaffe es im Laufe der nächsten Tage über meinen Tanz mit der Braut, dem Krokodil am Strand und der großen Autowäsche zu berichten.

PS: Leider kann ich heute die Fotos nicht anders einstellen. Sonst gibt es dafür verschiedene Optionen, die sind gerade weg…

Was tun, zum Thema Welternährung?

Wer Fleisch liebt und seine Gewohnheiten nicht umstellen möchte, für die Personen ist dieser Eintrag wahrscheinlich nicht so schön zu lesen. Ich wollte eigentlich schon letzte Woche auf den einen Kommentar zu „Mangelernährung vs. Pizzaabend“ antworten, aber irgendwie war dann so viel los hier bzw. ich war oft sehr müde und konnte mich nicht aufraffen.

Wird die Situation besser nach der Pandemie oder kann man auch von Deutschland aus etwas tun, um zu helfen?

Ob es nach der Pandemie „besser“ wird? Ich denke eher nicht. Es war ja auch vor der Pandemie nicht wirklich gut. Vielleicht pendeln sich die Preise wieder auf einem anderen Level ein, vielleicht kommen wieder mehr Touristen und Touristinnen und vielleicht sinken die Preise auf dem Weltmarkt wieder. Wie viel davon aber bei Menschen ankommt, kann ich nicht abschätzen.

Die Herausforderungen der Welternährung liegen auf einem globalen Level. Wir wissen, dass weltweit mehr Essen produziert wird, als die Menschen auf dem Planeten essen können. Trotzdem leben so viele Menschen in Hunger oder mit Mangelernährung. Es ist nicht die Essensmenge, sondern die Verteilung. Bevor ich nun zu weit aushole, in dem Versuch euch die globalen Zusammenhänge zu erklären, besinne ich mich lieber auf den Wissensschatz von Brot für die Welt. Ich bin ja als Fachkraft von Brot für die Welt vermittelt, da liegt es natürlich nahe, dass ich deren Informationen verwende, um euch das Thema der globalen Verkettung in der Nahrungsmittelproduktion näher zu bringen. Auf deren Internetseite gibt es einen sehr guten Artikel zum Thema Ernährung. Außerdem findet ihr dort auch dieses kurze Video, das das Ganze nochmal schön zusammenfasst:

Was also tun, gegen den Hunger in der Welt? Agrarsubventionen stoppen, Einfuhrzölle anpassen, auf Fleisch verzichten und dafür auf gerechte Löhne in der Wertschöpfungskette achten. Leichter gesagt als getan. Veränderung fängt bei jedem einzelnen an. Aber wir wissen alle, Veränderung tut weh und ist oft schmerzhaft. Manchmal scheint es da einfacher, nicht die eigenen Gewohnheiten zu ändern, sondern einfach am anderen Ende der Kette etwas zu tun.

Wie schwierig es sein kann, die Situation in anderen Ländern zu verändern und was alles schiefgehen kann, zeigt ein Beitrag, der bei Panorama 2016 ausgestrahlt wurde sehr eindrücklich:

Nach all diesen Infos bleiben bei euch bestimmt auch mehr Fragen als Antworten. Das geht mir auch immer so, wenn ich mich mit diesen Themen beschäftige. Es gibt keine einfachen Antworten, sonst gäbe es das Problem ja nicht mehr. Ich denke, wer wirklich etwas verändern will, kann damit anfangen sich zu informieren und dann überlegen, wo jede und jeder im eigenen Leben etwas verändern kann, so dass möglichst wenig Schaden für andere entsteht.

Nun überlasse ich euch euren Gedanken und bin gespannt, ob ihr Antworten für euch findet.

In den letzten Tagen ist viel passiert, es gibt eigentlich viel zu berichten, aber in der Arbeit ist tatsächlich einiges zu tun, ich hatte meinen ersten Workshop gestern, drei Tage Peer-Choaching und versuche meine selbstgesetzten Ziele für den Juli zu erreichen: Sport machen, Autofahren, Freundschaften knüpfen. Wie das alles klappt, erfahrt ihr hoffentlich bald.

Mangelernährung vs. Pizzaabend

Diese Woche wurde der aktuelle Welternährungsbericht der Vereinten Nationen veröffentlicht. Was viele befürchtet haben, ist nun bestätigt. In vielen Ländern der Welt hat zusätzlich zu Klimawandel und gewalttätigen Konflikten auch die Covid-Pandemie zur dramatischen Verschlechterung der Ernährungssituation beigetragen.

Das Ziel der Weltgemeinschaft “zero hunger bis 2030″ rückt in weite Ferne. 811 Millionen Menschen litten letztes Jahr an Unterernährung oder Mangelernährung. Jedes fünfte Kind weltweit ist wegen Magelernährung oder Hunger in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung negativ beeinflusst. Diese Hemmnisse in der Entwicklungsphase des Körpers können in späteren Jahren kaum mehr aufgeholt werden.

Wegen der Pandemie blieben in vielen Ländern die Schulen geschlossen. Anders als in Deutschland, heißt das für die meisten Kinder, dass sie die einzige sichere Mahlzeit am Tag einbüßen. Oftmals gibt es von Regierungen oder Hilfsorganisationen finanzierte Schulspeisungen. Sind die Schulen zu, bleiben auch die Schulküchen kalt. 370 Millionen Kinder haben so im letzten Jahr ihre wichtige tägliche Schulspeisung nicht erhalten.

Inflation und höhere Lebensmittelpreise in Salone

Auch in Sierra Leone ist diese Entwicklung zu spüren. Durch die globale Pandemie kam es auch hier zu einer Preissteigerung in den letzten Monaten. Reis, Benzin, Fisch, alle Preise stiegen. Die Löhne stiegen jedoch nicht. 

Das Youtube-Video des World Food Programme der UN zeigt ein paar O-Töne aus Sierra Leone.

Noch ein kleiner Hinweis: der Bikedriver hat erwähnt, dass die Benzinpreise gestiegen sind. Erst vor zwei Wochen wurde der Preis nochmals erhoeht. Jetzt kostet ein Liter 9.500 LE (95 US-Cent).

Die Lebensmittelpreise steigen, wobei einige Lebensmittel ohnehin schon irrsinnig teuer sind. Auch ich habe meine Ernährung umgestellt. Nicht so sehr, weil ich mir das Stück Gauda für umgerechnet 10€ oder den Mozzarella für 7€ nicht ab und an leisten kann, ganz zu schweigen von einem Riegel Marseis (auch über 6€), sondern weil ich einfach zu geizig bin, soviel Geld für ein bisschen Käse oder Schoki auszugeben. Aber ich habe die Wahl. Ich kann entscheiden, kaufe ich es oder kaufe ich es nicht. Fuer viele stellt sich diese Frage gar nicht.

Auch “normales” Gemüse ist vergleichsweise teuer. Vier kleine Tomaten, mehr gelb als rot kosten knapp einen Euro, ein Bündel Frühlingszwiebeln 50 Cent, ein paar Karotten ebenfalls ein Euro, zwei dünne Auberginen: einen Euro, ein bisschen grüner Salat auch ein Euro. Paprika gibt es ganz selten schöne. Und wenn, dann kostet ein Paprika 1,50€. Rote Beete habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Gurken, Tomaten, Karotten gibt es eigentlich immer. Beim Rest muss man immer etwas schauen, was es gerade gibt und wie es aussieht.

Selbst das Obst ist nicht unbedingt günstig. Eine Ananas oder eine Papaya kosten so knapp 1,50€, 4-5 Bananen 80 Cent.

Wenn ich mich also ein bisschen so wie zuhause mit viel Gemüse ernähren möchte, dann ist das eher teuer hier. Deshalb ernähren sich die meisten Menschen hier von Reis (ein halber Sack – 25kg – kostet so 15-20€) und “grüner Soße” wie ich es mal nenne. Weit entfernt von grüner Soße aus Frankfurt. Es ist Casava leave, potatoe leave oder Krinkrin. Die Blätter werden ähnlich wie Spinat gekocht und mit Zwiebel, Peperoni, Maggi und Fisch oder Fleisch gekocht. Manchmal wird auch Erdnusspaste dazugegeben. Selbst im Restaurant kostet das manchmal knapp über einem Euro.

Ein Monatsgehalt oder ein Pizza-Abend?

Letzte Woche hatte ich auch nochmal ein Gespräch zum Thema Mindestlohn mit Abdul aus meinem Guesthouse. In einem früheren Artikel habe ich anscheinend geschrieben, dass das Durchschnittseinkommen bei 250-300€ im Monat liegt. Das Mindesteinkommen ist um einiges geringer. Es liegt bei rund 40-50€ im Monat. Wer davon noch ein bisschen Gemüse kaufen möchte, hat am Ende nichts mehr übrig für Transport, um in die Arbeit zu kommen, Schulgeld, Miete oder andere anfallende Kosten. 

Security Guards verdienen normalerweise so viel bzw. so wenig. Ich denke, auch bei vielen anderen Jobs für ungelernte Kräfte gibt es nicht mehr Geld. 

Mietkosten können hier sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem, wie man wohnt. Im Compound gegenüber von unserem Guesthouse zum Beispiel wohnen die Leute in Wellblechhäusern, die sind nur semipermanent. Das gibt es öfter hier. Leute kaufen sich ein Grundstück, aber haben kein Geld, um direkt zu bauen oder wollen noch nicht bauen. Dann vermieten sie das Grundstück zu geringen Preisen. Das können dann 1-5 € im Monat sein für einen Teil des Grundstücks. Manchmal auch etwas mehr.  Wenn die Landbesitzer dann ihr Grundstück bebauen wollen, müssen sie es irgendwie schaffen, dass die Leute, die da mittlerweile wohnen, wo anders hingehen.

Und jetzt kommt das Verrückte an meiner Situation hier. Letzte Woche hatte ich mit Abdul über Gehälter, Mieten, Preise und so gesprochen und dann am Wochenende kam die Idee auf, wir könnten uns mal Pizza gönnen. Im Moment sind Jenna und ich die einzigen Gäste im Guesthouse und irgendwie haben wir beide noch nicht so ganz gecheckt, wie das hier mit der Bezahlung der Angestellten läuft. Ich habe es so verstanden, dass es auch ein bisschen abhängig davon ist, wie viele Gäste da sind. Wir wissen beide nicht so genau, ob immer alle genug Geld für Essen haben oder nicht. Deshalb kochen wir normaler Weise immer ein bisschen mehr, wenn wir kochen, ich lass morgens immer mein halbes Tapalapa (ähnlich wie ein Baguette) da und wir bringen auch immer Cola und Fanta mit, wenn wir uns Bier oben im kleinen Laden kaufen. Abdul hatte letzte Woche irgendwie nicht viel Appetit und als ich ihn am Samstag gefragt habe, worauf er Lust hat, meinte er Pizza. Also haben wir beschlossen, wir gönnen uns am Samstag mal Pizza. Die beste Pizza hier gibt es bei Gigibonta. Echte Steinofenpizza. Vier Pizzen kosten allerdings fast soviel wie ein Monatsgehalt mit Mindestlohn. Ist etwas verständlich, wenn man die Käsepreise in den Läden kennt… Jenna hatte noch eine Flasche Rotwein für gute 6€ beigesteuert, da kamen wir insgesamt bestimmt auf über 40€ für ein Abendessen mit einem Gläschen Wein. Abdul war ziemlich geschockt, als ich ihm gesagt habe, wie viel die Pizzen kosten. Er meinte, das nächste Mal holen wir nur eine.

So sieht das aus, wenn man einfach mal ein Monatsgehalt verfuttert:

So schnell kann es gehen und schon ist ein Monatsgehalt weg. Einfach mal vier Pizzen geholt. Irre. Darf ich eigentlich gar nicht drüber nachdenken – muss ich aber.

Also doch wieder armes, hungriges Afrika?

Eigentlich schreibe ich nicht so gerne über solche Themen hier. Über Hunger, zu hohe Preise, “Armut”. Eigentlich möchte ich euer Bild von Afrika – diesem großen Land südlich des Mittelmeeres – ja erweitern und nicht weiter schon vorhandene Bilder in euren Köpfen bestätigen. Aber der Hunger und die Armut gehören irgendwie trotzdem dazu, wenn man möglichst das ganze Bild betrachten möchte.

Mit meinem Schreiner hatte ich heute ein ziemlich langes und gutes Gespräch darüber. Häh? Wie mit “ihrem Schreiner” und wieso spricht sie mit ihrem Schreiner über den Hunger in der Welt? Das ist eine andere Geschichte. Die kommt dann ein anderes Mal. 

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